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Lesedauer: 4 Minuten

Bellizistische Männlichkeit

Ich habe mir die knapp einstündige Rede von Wladimir Putin in voller Länge angesehen und in deutscher Übersetzung angehört. Daraus habe ich die Einsicht gewonnen:

Der Mann, der in der westlichen Medienberichterstattung vielfach als gefährlicher und irrationaler Macho gezeichnet wird, ist in Wirklichkeit ein gefährlicher und irrationaler Macho.

Das bedeutet nicht, dass er einfach unterbelichtet wäre und nicht in zusammenhängenden Sätzen reden könnte. Im Gegenteil erweckt die Rede gerade in ihrer Überzeugtheit und Entschlossenheit den Eindruck von Klartext, was sich vom üblichen verklausulierten Politiker:innensprech mit Aussagen nahe dem Nullpunkt («Wir werden zur gegebenen Zeit alles  Notwendige in die Wege leiten») vorteilhaft abhebt. Zudem ist die Rede auch historisch interessant, sowohl was das Zustandekommen des riesigen kommunistischen Vielvölkerstaates Sowjetunion angeht als auch seinen Zerfallsprozess.

Das sind aber nur rhetorische Effekte. Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass die Rede von Putin auf eklatanten Selbstwidersprüchen basiert: Er hebt die Anerkennung der Unabhängigkeit des Nachbarstaats Ukraine als lobenswerte Leistung Russlands hervor und stellt zugleich genau diese Unabhängigkeit in Frage. Er ist, was die separatistischen ostukrainischen «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk angeht, Verfechter eines Selbstbestimmungsrechts, das er der Ukraine verweigert. Er beharrt gegenüber dem Westen auf eine Souveränität Russlands, aber eben eine solche spricht er seinen Nachbarstaaten, nicht nur der Ukraine, ab.

Reproduktion von Stereotypen

Es gibt viele Zugangsweisen, diese Widersprüche aufzulösen, besonders politikwissenschaftliche und geschichtliche. Man könnte hier die Probleme eines nur halb zerfallenen Imperiums analysieren, zwischen Vielvölkerreich und Nationalstaat. Ich möchte mich stattdessen auf eine genderpolitische Beobachtung beschränken: Kann es sein, dass altmännliche Typen wie Trump diese in sich widersprüchliche Rede als «genial» empfinden, weil sie an irrationale gegenderte Schichten rührt, auf internationaler Ebene uralte Genderstereotype reproduziert?

Ein Sprechakt fiel mir in Putins Rede besonders auf, nämlich das der letztendlich «untreuen» Schwesternation, mit der man doch eng verwandt sei, aber auf die kein Verlass wäre. Interessanterweise kennen wir ein ähnliches Motiv auch aus der Bibel. Ein herausragendes Dokument für gendergefärbtes politisches Reden in krisenhaften Horizonten sind jene Stellen bei Ezechiel, wo von der «Stadtfrau Jerusalem» gesprochen wird: v.a. die Kapitel 16 und 23.

Ezechiel, der ins babylonische Exil verbannten Priestersohn, reizt Metaphern der Weiblichkeit exzessiv aus. Das politische Gebilde Jerusalem, das als Frau gezeichnet wird, wird als hilflos und aus eigener Kraft nicht lebensfähig beschrieben: als Sturzgeburt und schmutziges, in der Wüste ausgesetztes und von sich aus nicht lebensfähiges Wesen.

Dann aber lässt «Gott» sich zu ihr herab, erhebt sie, hilft ihr, heiratet sie, schmückt sie. Sie aber vergilt es nicht mit Dankbarkeit und Liebe. Sie ist keine treue Ehefrau, sondern geht eigene Wege, verfolgt eigene Interessen, sucht sich ihre Bündnispartner selbst aus und begeht in den Augen des Gemahls schändliche Hurerei. Die Frau verwirkt in seinen Augen ihr Lebens- und Daseinsrecht. «Gott» nimmt sich bei Ezechiel wie ein despotischer Ehemann das Recht heraus, seine untreue Ehefrau zu töten. Dass er es schlussendlich nicht ausführt, wird als eine Art Gnadenakt gewertet. Dafür aber ist die Frau fortan zu Schweigen verdonnert.

«Sie haben uns betrogen!»

Schauen wir vor diesem biblischen Hintergrund noch einmal einige Kernaussagen von Putins Rede an: Der Kremlchef bezeichnet die Ukraine als einen durch Russland unter dem kommunistischen Revolutionsführer Lenin geschaffenen Staat. Nach dem Erzielen der Unabhängigkeit sei der UdSSR-Nachfolgestaat auf russische «Hilfe» angewiesen geblieben und habe diese auch grosszügig erhalten. «Die heutige Ukraine ist ganz und gar von Russland erschaffen worden.» «Die Ukraine ist für uns nicht nur ein Nachbarland. Sie ist ein unabdingbarer Teil unserer eigenen Geschichte und Kultur (…). Das sind unsere Kameraden, unsere Nächsten.»

Obwohl also Putin die Nähe und Abhängigkeit der Ukraine von Russland betont, wird der Ukraine zugleich die Abhängigkeit von anderen Staaten und Mächten vorgehalten: «Die Ukraine ist (…) bis auf das Niveau einer Kolonie mit einem Marionetten-Regime gebracht worden.» «Die Amerikaner haben sie einfach benutzt, um eine eindeutig antirussische Politik zu betreiben.» Die eigenen Versuche der Einflussnahme werden als generösen Hilfen dargestellt, die gleichen Versuche der westlichen Verhandlungspartner als hinterhältig und illegitim: «Sie haben uns betrogen.»

Das klingt nach der Irrationalität eines Mannes, der sich mit der Scheidung einverstanden erklärte und sich gleichwohl mit der daraus folgenden Unabhängigkeit der Frau nicht abfinden kann. Der es sich einerseits als sein Verdienst anrechnet, dass die Frau ohne ihn leben kann und eben diese Unabhängigkeit nicht akzeptieren kann, sobald sich die Frau einem anderen zuwendet.

Man spricht seit einigen Jahren viel von toxischer Männlichkeit. Im russisch-ukrainischen Streit aber geht es um Krieg und Frieden und man muss wohl von bellizistischer Männlichkeit reden.

Um sexualisierte Gewaltmetaphorik in politischer Rede geht es auch in der Folge des Podcast TheoLounge mit Milena Heussler zur Metaphorik der untreuen Stadtfrau Jerusalem («War deine Hurerei noch zu wenig?») bei Ezechiel.  

Foto: Wladimir Putin, Wikimedia Commons

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