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Lesedauer: 5 Minuten

Angst als Begabung – »GOTT OUT OF THE BOX« Teil 4

Mir hat das zu denken gegeben. Ich bin selbst eine Extremistin der Angst, aber eine solche diffus bleibende Angst kenne ich nicht. Meine innere Angstdynamik sucht und findet Auslöser. Ich weiss, was bei mir Angst ›triggert‹, und auch, dass das Seelendrama selbst generiert ist. Zuverlässige Auslöser sind vermeintlicher Liebesverlust oder Verlust der körperlichen Gesundheit. In der Angst geht es bei mir immer gleich ums Ganze. Die Existenz. Ich gehe in Angstphasen – vollkommen gnadenlos – zu den extremsten Schmerzpunkten, und das seit meiner Kindheit.

Zähneklappern im Angstkino

Es ist, als ob sich immer wieder ein unerbittliches inneres Neonlicht anknipsen würde und panische Suchscheinwerfer nicht ruhen, bis das Seelenlabyrinth durchleuchtet und etwaige Verstecke zweifelhafter Tröstungen vollständig ausgebrannt sind. Am Schluss der Operation hat es bislang jedes Mal ein grosses Aufatmen gegeben, eine unendliche Dankbarkeit und Daseinstrunkenheit.

Bei meiner Bekannten scheint das anders zu sein. Die ärztliche Attestierung einer ›Angststörung‹ hat sie scheinbar beruhigt. Nun hat das Problem ein Etikett und sie kann sich seit geraumer Zeit wieder ihrer Arbeit und ihren Freizeitaktivitäten widmen. Das ist erfreulich. Solange ihr Leben in ›ruhigen Bahnen‹ verläuft, dürfte es gut gehen. Was aber, wenn die Angstmaschine doch wieder startet?

»Du hängst zitternd, mit allem was du hast, über dem Abgrund«, notierte Ludwig Wittgenstein in seinem Tagebuch. Ich habe jahrelang versucht, mir das Angstkino abzugewöhnen wie eine schlechte Gewohnheit, oder abzutrainieren wie einen psychischen Defekt, bis ich Søren Kierkegaard gelesen habe, den grossen Ängstlichen der Philosophie. Seither denke ich, dass ich eine Angstbegabung habe.

Das Curriculum der Angst

Dreierlei finde ich an Kierkegaards Ausführungen in »Der Begriff Angst« (1844) für alle Angstbegabten Augen öffnend:

Erstens: Angst ist nicht per se ein Defizit und Unglück, sondern eine Schulung, genauer: ein »Lehrgang der Möglichkeit im Unglück«. Die Schulung lässt erfahren, dass die »Schrecknisse des Lebens schwach sind […] im Vergleich mit denen der Möglichkeit« (S. 163). (Das habe ich schon oft erfahren, trotzdem mag ich keine Horrorfilme, ich finde Homemade-Horror besser.) »Wer durch die Angst gebildet wird, er wird durch die Möglichkeit gebildet, und erst wer durch die Möglichkeit gebildet wird, wird gebildet nach seiner Unendlichkeit. Die Möglichkeit ist daher die schwerste aller Kategorien.« (S. 162) (Man kann Angst also wie eine schwierige, aber notwendige Operation betrachten.)

Zweitens: Die Angst ist nicht bloss Lehrmeisterin, sondern ich kann sie auch zu meiner Dienerin machen. »Er versank schlechthin, aber darin tauchte er wieder auf aus des Abgrunds Tiefe, leichter denn alles das Drückende und Entsetzende im Leben. So wird der Angst Anfall zuletzt, obschon entsetzlich, doch nicht derart, dass er sie flieht. Die Angst wird ihm ein dienender Geist, der wider Willen ihn führt, wohin er, der Geängstigte, will.« (S. 165)

Drittens: Das ›Nichts‹ ist nach Kierkegaard der Ursprung der Angst. (Kein Thema für jedermann; meine Nachbarin will offenbar nichts davon wissen.) Der ›Schüler der Möglichkeit‹ wird durch die Angst an den Abgrund des ›Nichts‹ und die eigene Nichtigkeit herangeführt, die vollkommene Schwäche, man kann in Angst ›untergehen‹ und ›sich verlieren‹. Indem uns das ›Nichts‹ aufgeht, erkennen wir zugleich – unsere Unendlichkeit und Freiheit. Eine berühmte Definition aus dem Angst-Traktat lautet, die Angst ist »die Wirklichkeit der Freiheit als Möglichkeit für die Möglichkeit.« (S. 40)

Als ich vor Jahren zum ersten Mal eine vereinfachte Variante des Gedankengangs kennengelernt habe (in etwa: »In der Angst begegnest du deiner Freiheit«), fand ich das im ersten Moment kontraintuitiv, im zweiten aber bedenkenswert. Ich denke, damals wurde bei mir der Keim der Bereitschaft einer fundamentalen Umwertung der Angst gelegt.

Inzwischen empfinde ich Angstphasen als Herausforderung. Ich versuche mit Angst umzugehen wie jemand, der in der Johannisnacht übers Feuer springt – d.h. ich versuche der Angst mit Mut zu begegnen. Die Parole »Volle Angst voraus!« des früh an Krebs verstorbenen Regisseurs, Künstlers und Gründers der »Kirche der Angst«, Christoph Schlingensief, ist auch mein Lebensmotto.

Volle Angst voraus!

Ich will hier keinesfalls in Abrede stellen, dass es behandlungsbedürftige Angststörungen gibt, individuellen Leidensdruck und Therapieerfolge. Eine generalisierende Pathologisierung der Angst – ich meine hier nicht die zielgerichtete ›Furcht‹ (vor Arbeitslosigkeit, einem Unfall, Spinnen mit haarigen Beinen etc.), sondern abgründige existenzielle Angst – betrachte ich aber als etwas Fatales. Mit der Deklaration von tiefer Angst als ›Dysfunktionalität‹ und ›Störung‹ geht die Suggestion einher, dass ein ›gesundes‹ und ›normales‹ Leben herstellbar sei durch Beseitigung störender (›übertriebener‹, ›exzessiver‹) Angstsymptomatik.

Weil Angst der „Schwindel der Freiheit“ (Kierkegaard, S. 60) ist, sucht sie sich ein Objekt, an dem sie sich festhält. Ich denke, dass die Pathologisierung der Angst ebenfalls so verstanden werden kann. Indem wir die Angst zu einer Krankheit konkretisieren, versuchen wir sie bestimmbar und beherrschbar zu machen. Wir brauchen uns dann eigentlich nicht mehr mit ihr auseinanderzusetzen, sich ihr nicht mehr auszusetzen. Damit aber werden wir umso leichter Opfer jener, die die Angst der Menschen instrumentalisieren, sie auf bestimmte Objekte lenken oder allgemein dazu beitragen, dass unser „Sicherheitsbedürfnis“ immer weiter steigt.

Mit der Ruhigstellung des Wissens um den Abgrund des Daseins, um das ›Nichts‹, wird nicht nur auszuschalten versucht, was uns Menschen eint, sondern was uns ausmacht. Mit der ›Entstörung‹ und Ruhigstellung der Angst wird letztendlich ein wichtiger Zugang zum religiösen Erleben blockiert; das abschliessende Kapitel in »Der Begriff Angst« trägt die bezeichnende Überschrift: »Angst als das kraft des Glaubens Erlösende«. Wir sollten nicht vor der Angst Angst haben, sondern vor jenen, die sie uns nehmen wollen.

 

Die Zitate stammen aus: Sören Kierkegaard, Gesammelte Werke, 11. und 12. Abteilung, Der Begriff Angst, Übers. Emanuel Hirsch, Düsseldorf 1952.

Photo by Katii Bishop from Pexels

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5 Kommentare zu „Angst als Begabung – »GOTT OUT OF THE BOX« Teil 4“

  1. Hmm, verstehe ich das richtig, dass am Schluss die Angst als Erlösung dargestellt wird? Finde ich schwer nachzuvollziehen. Wie ist das gemeint?

    Ich kenne solche Angstzustände zwar wenig, aber das Gefühl, vor einer Lebenssituation zu stehen, die einem bewusst macht, wie unkontrollierbar das eigene Leben in vielen Aspekten doch ist, kenne ich sehr wohl und ich finde den Gedanken spannend: Wie würden wir Menschen, unsere Gesellschaft wohl sein, wenn wir diesen Gedanken öfter zulassen würden – weniger Allmachtsgefühle haben würden.
    Aber ich glaube das wäre unglaublich viel verlangt, sich diesem Gefühl zu stellen und dem nicht auszuweichen – ich kann ihre Nachbarin schon verstehen 🙂 – ist sehr nachvollziehbar.
    Finde es einen spannenden Artikel, habe jetzt nicht alle aus der Reihe gelesen, was mich noch interessieren würde: Welche Rolle spielt der Glaube an Gott im Umgang mit der Angst?

    1. Ich denke, dass der Glaube an Gott den selben Effekt erzeugt, wie die Ettiketierung der Angst als “Angststörung” durch die Medizin. Man legt die eigenen Gedanken und Gefühle in die Hand Gottes bzw. von Psychologen und Pharmazeutika, auch um Verantwortung abzugeben, die große Anstrengung und Mühe bedeutet. Allerdings hilft der Glaube vielen Menschen, die ich kenne, und selbst wenn es nur ein “Placeboeffekt” ist, kann das ja nur gut sein, wenn man sich dadurch sicherer fühlt.
      Ich verstehe zwar, was der Autor des Artikels sagt, aber ich glaube, es liegt in der menschlichen Natur, den einfacheren und bequemeren Weg zu wählen. Das bedeutet ja auch nicht, dass man Begabung, Fähigkeiten, Inspiration, usw. nicht woanders her beziehen kann.

  2. Manfred Reichelt

    Angst ist ja die Grundbefindlichkeit eines jeden Menschen, weil er sich mit seinem vergänglichen Körper identifiziert. Ich habe gelernt, und lerne es immer noch, die Angst zu überwinden durch die Identifikation mit meinem ewigen Wesen. Das Ewige hat keinen Grund zur Angst.
    Hier habe ich einen entsprechenden Beitrag geschrieben:
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2016/01/25/angst/

  3. Johanna Di Blasi

    Vielen Dank für Ihre Fragen und interessanten Anmerkungen.

    Für Kierkegaard spielt die Angst eine Schlüsselrolle auf dem Weg zum Glauben. In dem erwähnten Schlusskapitel behandelt der Philosoph das Verhältnis von Angst und Schuld. »Indem also das Individuum durch die Angst gebildet wird zum Glauben, wird die Angst eben das ausroden, was von ihr selbst erzeugt wird.« Und der Schlusssatz: »Wer, im Verhältnis zur Schuld, durch die Angst erzogen wird, er wird daher erst ausruhen in der Versöhnung.«

  4. Ein Kleinkind scheint zunächst keine Angst zu kennen. Wenn es Hunger hat, schreit es, wenn nicht mehr, lächelt es entspannt und genießt dieses Gefühl.

    Angst wird erlernt durch unangenehmen körperlichen oder später seelischen Schmerz.
    Schmerzerfahrung und ihr Umstand werden verknüpft als Situation mit Folgen gespeichert.
    Beispiel: Der Schmerz hat sich als Folge eines ersten Sturzes vom Radl eingestellt. Passiert das öfter, wird “bewusst”, dass Radfahren auch gefährlich sein kann. Eine gesunde Angst stellt sich ein. Angst ist zunächst ein positives in die Zukunft weisendes Alarmsignal, eine Vorhersage einer Schmerzwahrscheinlichkeit pro anstehender Situation . Die Psyche re-agiert mit Schutzmaßnamen: Vorsicht, Vermeidung, alternatives Handeln.

    Verdichten sich mehrfach Angst/Sorgeerfahrungen potenzierend, entsteht panische, ja unerträgliche Angst. Schutzmaßnahmen der Psyche/Seele werden weiter hochgefahren: Panik, Weglaufen ohne Ziel, Herumirren, Schreien….Kontrollverlust, Nervenzusammenbruch, Angstpsychose, multiple Persönlichkeit.. Die Seele verschafft sich graduell Linderung durch Bewusstseinssperrzonen 1 bis X in betroffenen Hirnregionen.

    Für mich persönlich war es ein probates Mittel, frühzeitig Angst als Freund und Helfer zu betrachten, sie zuzulassen bei noch vorhandener Reflexionsmöglichkeit.

    Laborbericht:
    In einer spät am Abend extrem kumulierenden Situation nach einem versauten Tag habe ich mein Hemd von der Brust gerissen und gerufen: “Angst, komm her, hier bin ich, ich warte auf dich”…konnte über die komische Situation lachen…..und bin entspannt eingeschlafen……

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