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Lesedauer: 4 Minuten

Alles nur Gender-Gaga?

Die Rede ist vom Gendern in Texten oder beim Sprechen. Also davon, nicht nur «Liebe Gäste» an einem Anlass willkommen zu heissen oder «Liebe Nachbarn» zu schreiben, wenn man eine Geburtstagsparty im Haus veranstaltet. Sondern Menschen mit «Liebe Anwesende» oder «Liebe Nachbar:innen» anzusprechen. Der Stern wird übrigens mit einer kurzen Pause an der Stelle des Sterns ausgesprochen. Doch ist das Rechtschreibe-Konform? Und ist Gendern wirklich so wichtig?

Zwei Bücher zu gegenderter Sprache

Im heutigen Buchvlog «Alles nur Gender-Gaga?» diskutieren Rhea von @river_rambling und Fabienne anhand von zwei Publikationen, «Genderleicht. Wie Sprache für alle elegant gelingt» (Christine Olderdissen, Duden Verlag) und «It’s raining demm. 15 Seiten Gender-Gaga» (Missy Magazine) über gegenderte Sprache. Sowohl Rhea als auch Fabienne sprechen sich stark fürs Gendern aus. Denn Rhea identifiziert sich als nonbinär und fühlt sich überhaupt nicht angesprochen, wenn «Sehr geehrte Damen und Herren» in einem Brief steht. Fabienne identifiziert sich zwar als Frau, findet aber, dass das «generische Maskulinum» aus feministischer Perspektive überhaupt nicht neutral ist.

Studien belegen zudem, dass mehrheitlich Männer das generische Maskulinum als neutral empfinden (genauer nachzulesen bei Christine Olderdissen). Auch eine Beidnennung mit Binnen-I oder Schrägstrich greift beiden zu kurz: Wenn man geschlechtliche oder eben queere Vielfalt miteinbeziehen will, kommen binäre Ausdrucksformen an ihre Grenzen. Wenn es nur zwei Varianten gibt, also Mitarbeiter/innen oder LehrerInnen, geht man davon aus, dass es auch nur zwei Geschlechter gibt: Mann und Frau.

Verschiedene Möglichkeiten zu gendern

Eine erweiterte Variante stellt daher der Gendergap dar: Ein Unterstrich, der für geschlechtliche Vielfalt steht. Rhea findet das semi-gelungen: Ein leerer Unterstrich fühlt sich für them halt, na eben, leer an. Nicht gerade eine positive Assoziation. Besser ist da der Doppelpunkt, der eine leicht lesbare Variante des Gendersterns darstellen soll. Auch das RefLab verwendet ihn aktuell in den meisten Texten. Für Menschen mit Leseschwächen oder Sehbehinderungen, die auf eine Lesehilfeprogramm angewiesen sind, soll der Doppelpunkt den Lesefluss vereinfachen.

Doch das wird mittlerweile hinterfragt. Anscheinend sollen sowohl Doppelpunkt als auch Genderstern gleichwertig in Lesehilfeprogrammen funktionieren. Der Genderstern ist es denn auch, der mit seinen vielen Lichtstrahlen die verschiedenen Geschlechter aktiv abbildet und ein positives Bild von Geschlechtervielfalt weckt. Eben nicht nur männlich, weiblich und «Leerstelle», sondern intergeschlechtliche Menschen (Menschen, die mit Variationen körperlicher Geschlechtsmerkmale geboren werden), nonbinäre oder trans Menschen. Rhea betont, dass they sich damit vertreten und wertgeschätzt fühlen – und dass Texte mit Sterne wie Sternenhimmel seien.

Rechtskonformes Gendern

Die Befürchtung von Gender-Gegner:innen ist allerdings eher düster denn lichthell: Sprache werde damit sexualisiert, Geschlecht erst recht betont – und: Dann könne man sich ja auch als Einhorn identifizieren und müsse alles gendern, von der Blumentöpfin auf dem Balkon über die literarische Klassikerin im Bücherregal bis hin zur Pinguinin im Zoo. Doch ganz so läuft es nicht: Sprache wird damit weder übersexualisiert noch ist alles sinnvoll. Wer gendern will, sollte sich bei aller Kreativität an die Regeln der deutschen Rechtschreibung halten. Gemäss dieser können nur Menschen gegendert werden. Tiere und Gegenstände gehören nicht dazu.

Der Genderstern, auch Asterisk genannt, ist übrigens rechtlich noch nicht anerkannt. Wer also rechtskonform gendern will und sich unsicher über die geschlechtliche Identifikation einer Person ist, kann ganz leicht «Guten Tag Andrea Meier» schreiben oder Eingeladene mit «Liebe Alle» anreden. Da braucht es keine Partizipien und für alle, die ihm noch skeptisch gegenüber stehen, auch keinen Genderstern.

Sprache als Spielfeld

Das Paradigma von Christine Olderdissens Duden-Ratgeber fürs Gendern lautet: Hauptsache, es wird gegendert, egal wie. Für Olderdissen reichen auch binäre Varianten. Rhea und Fabienne bevorzugen zwar beide den Genderstern, doch Rhea betont, wie wichtig es ist, es einfach mit dem Gendern zu probieren. Sei es, indem man selbst in Texten gendert oder beim Gegenüber nachfragt, wie es gegendert werden möchte. Es sei besser, man probiere es und mache Fehler –  für die man sich übrigens nicht lautstark entschuldigen muss, sondern sich einfach unaufgeregt korrigieren und weitersprechen kann – als dass man es gar nicht probiert.

Das Missy Magazine geht allerdings noch einen Schritt weiter. Im Dossier zu Gender-Gaga erfahren Leser:innen aus der Perspektive von trans und nonbinären Menschen, weshalb verschiedene Pronomen wie «they/them», «hen/hem», «Iel» oder «Elle» so wichtig sind. Das Dossier zeigt, wie vielfältig und wandelbar Sprache ist und dass wir eben nichts verlieren, wenn wir Neues ausprobieren, sondern nur gewinnen können.

Wer das als Gender-Gaga abtun möchte: Bitte. Leichte Verrücktheit hat (meine Meinung) Menschen bislang nur sympathischer gemacht.

 

«Genderleicht. Wie Sprache für alle elegant gelingt» Christine Olderdissen, Duden Verlag

«It’s raining demm. 15 Seiten Gender-Gaga» Dossier von Missy Magazine

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4 Kommentare zu „Alles nur Gender-Gaga?“

  1. Hey ihr beiden,
    Danke für das Interview!
    Ich würde gerne wissen: Woran merkt man, dass man cis oder trans ist? Ist das eher ein körperliches Gefühl (also: ich fühle mich so, dass ich denke, meine körperlichen Geschlechtsmerkmale gehören eigentlich nicht zu mir) oder eher ein: Ich finde mich in den Eigenschaften/Verhaltensweisen, die mir in meiner Kultur aufgrund meiner körperlichen Merkmale/ meiner Chromosomenkombination zugeschrieben werden, nicht wieder?

    1. Liebe Katharina,

      vielen Dank für deine Frage. Wir werden sie im nächsten Buchvlog aufgreifen =).

      Herzlich
      Fabienne

  2. Ich hätte da noch eine Sprachfrage: Der Artikel…
    Im Standard-Deutsch kann ich ja sagen: „Martin macht, Christine geht, Millie fragt“. Wie macht man das in Mundart? Da ist der Artikel ja (fast?) Vorschrift: „Dr Martin macht, d’Chrischtine goht, d’Millie frogt“. Gibt es da schon etwas machbares?

    Danke im Voraus!

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