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Ich folgte dem Rauschen und fand den Geist Gottes 

Theologie kann berauschend schön sein

Die Ahnung, dass in den kommenden Tagen eine Erfahrung des Geistes Gottes auf mich warten könnte, kam nicht einfach aus dem Rauschen an sich. Impulsgebend war ein Buch, das ich las: «Der Heilige Geist. Eine Biographie». Die eröffnenden Sätze von Jörg Lauster sind derart schön, dass ich sie einfach wiederhole:

«Das menschliche Dasein zeichnet aus, dass es sich in einer Welt ereignet, die nicht stumm ist. Aus der Welt steigt ein Rauschen auf, das Menschen anspricht, fordert, schreckt und beruhigt. Das Rauschen kann in einer klaren Melodie hervorströmen, es kann ruhig dahinfließen, es kann in einem plötzlichen Brausen hereinbrechen oder als ein dunkles Grollen das menschliche Welterleben fluten. Für dieses Rauschen hat das Christentum aus tiefer Vergangenheit eine Erklärung: Das Rauschen der Welt ist die Gegenwart des göttlichen Geistes. Denn Gott ist in der Welt präsent als Geist.»

Damit war ich an das grosse Reservoir jüdisch-christlicher Geisterkenntnis erinnert. An Einsichten, die nicht als doktrinäre Verordnung daherkommen und zeitlos vorschreiben, was wir vom Heiligen Geist zu glauben haben. Vielmehr fliessen sie uns zu als Erfahrungswissen anderer, das uns eigene Begegnungen mit dem Geist Gottes eröffnet und sich gerade so bewahrheitet.

Wohl nirgends ist Theologie schöner als dort, wo sie uns ermächtigt, selbst die Erfahrungen zu machen, aus denen sie einst entsprang.

Ich konnte die strömenden Wasser nicht einfach an mir vorbeirauschen lassen. Denn seit biblischen Urzeiten beschreiben Menschen die Gegenwart Gottes in der Welt mit dem Wort «Geist» (ruach) und spüren sein Wirken als Hauch, Atem, Wind und Sturm. Wo der Geist Gottes sich durch die Welt bewegt und sie samt Menschen in Bewegung setzt, da strömt und rauscht es von sanft bis ungestüm, und neben Luft und Wind denken die Gläubigen dabei auch an Wasser.

Sich hinreissen lassen und eintauchen

Geplant war eine gemeinsame Wanderung, und ich freute mich arg drauf. Und doch fragte ich das befreundete Ehepaar, ob es in Ordnung sei, wenn ich stattdessen ganz allein dem Rauschen ihres Anwesens folgen würde. Freudig entliessen mich die beiden in die Einsamkeit der kommenden Stunden – und ich kann bis heute nicht wirklich sagen, wie viele es waren. Denn ich tauchte förmlich ein. Bachaufwärts fand ich eine kleine Grotte, verweilte, schaute, atmete und suchte im Bachbett nach Steinen für ein Kreuz. Als wollte ich diesem Ort noch ein wenig gegenwärtig bleiben, nachdem ich weitergezogen wäre. Die Sehnsucht flutete mich, zu einem Menschen zu werden, der sich an andere verströmt und dabei nie austrocknet. Betend fragte ich, wie die Grotte wohl aussähe bei Sonnenschein. Ein paar Momente später blinzelte es durch ein kleines blaues Loch über mir. Ich war entzückt von den glitzernden Wasserspielen an den Felswänden.

Das Rauschen kam nun nicht mehr von irgendwoher – ich war mittendrin.

Bachabwärts drängten Felsen das Wasser zur Eile. Das Sausen der Stromschnellen wurde zu einem lauten Sprudeln aus der Tiefe der Wasserfälle. «Was, wenn ein Gewitter das alles hier in einen tosenden Fluss verwandelt, der mich wegreisst?» Ich legte mich auf den umspülten Felsen und schlief ein.

Wir leben im Geist – göttliche Medienkunde I

Wenn ich dieser Immersionserfahrung theologisch nachspüre, fällt mir zunächst die Medialität des Heiligen Geistes auf. Er begegnet mir nicht unmittelbar, sondern in materialen, leiblichen, sinnlichen Medien. Deswegen ist er auch alles andere als ein Gespenst.

Die rauschende Szenerie aus Luft, Wasser, Bachlauf, Felsen, Bäumen und Himmel kommt mir vor wie ein Raum, wie eine Atmosphäre, die er für mich zur passenden Zeit aufgespannt und ausgebreitet hat.

Ist das nicht die grundlegende Weise, in der wir im Geist leben? Wie in einer Weite? Dann dürfen wir damit rechnen, ihn dort zu finden, wo er wehen, es strömen und rauschen lassen will. Und zwar auch in den banalen Geräuschen des Alltags. Im Rauschen der Stadt etwa. Oder wenn Ereignisse, Menschen zusammenrauschen, als wäre es ein Unfall. Seine Gegenwart bleibt da wohl zunächst anonym. Ich fühle mich plötzlich aufgehoben, und der Lauf der Dinge spielt mir Lebendigkeit zu.

Die Gewissheit packt mich, dass ich jetzt am richtigen Ort bin, sinnvoll ins Leben passe und die Welt auch gut zur mir passt.

Der Geist Gottes ist in solchen Momenten von der Webstruktur, welche alle Geschöpfe miteinander verbindet, kaum zu unterscheiden: «In ihm leben, weben und sind wir», erinnerte der Apostel Paulus die Athener (Apostelgeschichte 17,28).

Der Geist lebt in uns – göttliche Medienkunde II

Pfingstliche Geisterfahrung aber ist noch mehr. Damals, so erzählt die Apostelgeschichte, sassen Männer und Frauen in einem Jerusalemer Haus, das stürmisch erfüllt wurde von einem himmlischen Brausen. Und dann brauste der Geist Gottes in sie hinein und durch sie in die Stadt. Nicht ganz so spektakulär wurde das Rauschen, in dem ich mich vor einem Jahr wiederfand, zu einem Rauschen in mir. Wie in einem kristallklaren Strom war mein Bewusstsein ergriffen von einer tiefen Liebe zum Leben und den Menschen, einer hohen Hoffnung für die Welt. Ich fühlte mich nicht nur unheimlich ausgeruht, sondern vitalisiert, ja, energetisiert. Und ich ahnte, dass ich hier in Bewegung versetzt worden war.

Wir Menschen im Raum des Geistes und zugleich Wohnraum des Geistes in dieser Welt? Wir in den Medien des Geistes und zugleich Medien seiner selbst, von ihm erfüllt, inspiriert, begabt und ermächtigt?

Das fühlt sich wohlig und beunruhigend zugleich an. Wer es erlebt, spürt einen heiligen Respekt und bebt ein wenig. Wo reisst mich dieser Strom denn hin? Ja, wie anders, unfassbar und unkontrollierbar ist dieser Geist Gottes wohl noch?

«Stoffwechsel des Geistes»

Pfingsten enthüllt den erstaunlich anderen Geist, der es liebt, sich zu konkretisieren, Form anzunehmen und dann auch einzunehmen. Jörg Lauster nennt das den «Stoffwechsel des Geistes». Wenn er sich verleiblichen und vereindeutigen will, wer wollte ihm das auch verwehren? So wie er das unüberbietbar im Leben Jesu Christi getan hat, in Menschen, deren Leben die leckersten Geistesfrüchte hervorbringt.

Wie schön ist es, wenn die soziale Formkraft des Geistes gerinnt zur Gemeinschaft des Volkes Gottes oder auch der Kirche. Salopp gesagt sind die Bibel, die Taufe, das Abendmahl, Gottesdienst und Liturgie ursprüngliche Stoffwechselprodukte des Heiligen Geistes.

Diese Materialisierungen versorgen uns mit einer wohltuenden Verlässlichkeit und Stetigkeit hinsichtlich der Gegenwart Gottes. Was aber, wenn wir in diesen Formen nichts mehr von Lebendigkeit, Freiheit, Friede, Liebe und Hoffnung des göttlichen Geistes spüren? Wenn wir selber darin nicht mehr stattfinden können? Vielleicht gerade deshalb, weil wir Geistpräsenz – durchaus verständlich – konservieren und sichern wollten.

Ist es denkbar, dass der Geist aus seinen traditionellen Behausungen abrauscht?

Egal, was die Gründe sein mögen, ich verdanke meinen Glauben den gesteigerten Stoffwechselfähigkeiten des Heiligen Geistes. Er wechselt seine Elemente zu meinen Gunsten. Bis dahin, dass ein angenehmes Rauschen zu einem heilsamen und kraftvollen Medium wird, in das er mich hineinholt, um sich mir neu zu schenken. Und weil die Gemeinschaft derer, die ähnliche Geisterfahrungen machen, wächst, kann ich mir vorstellen: Diejenigen, die dem Rauschen des göttlichen Geistes ausserhalb der Kirche zu folgen wagen, sehen bald die zukünftige Kirche heranrauschen.

Also: Komm, Heiliger Geist!

 

Jörg Lauster: Der Heilige Geist. Eine Biographie

(Foto von cottonbro auf pexels.com)

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5 Kommentare zu „Ich folgte dem Rauschen und fand den Geist Gottes “

  1. Hallo Andreas, ein wunderbarer Text liegt hier vor mir. Ich muss ihn, wie alle Texte aus deiner Feder, mehrmals lesen. Er ist so überraschend wie die Ardècheschlucht nach jeder Kurve. Vielen Dank!

    1. Wie freut mich das! Danke für Dein ermutigendes Kommentieren. Was wohl hinter den nächsten Biegungen auf uns warten mag?

      1. Andreas Loos

        Danke für den Hinweis und das aufmerksame Mitdenken. Vielleicht führst Du mit „Vision Quest“ eine Dimension ein, die mir so noch gar nicht bewusst ist. Wenn ich Zeit finde, gehe ich dem mal nach. Mich würde das Verhältnis zwischen aktivem Suchen und passivem gelockt/gezogen werden interessieren. Dass die Welt mich mit ihrem Rauschen wie in sich hineinzieht, das finde ich immer wieder bemerkenswert.

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