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Adventsgeschichten [3]: Meine Kinderbibel oder: Der verschluckte Held

Ich weiss nicht, wo sie geblieben ist: meine Kinderbibel. Schade, sie ist verflattert, wie viele andere Lieblinge aus der Kindheit. An eine kinderreiche Familie verschenkt, als ich ins Internat kam, und nie mehr wiedergesehen wurde mein Nymphensittich; der hübsche Vogel hatte es bei der fremden Familie wahrscheinlich besser als bei mir, dem Einzelkind. Wahrscheinlich zwischen Kehricht vergammelt: mein Teddybär (sicher vergammelt, denn ich habe das abgeliebte Stofftier als Studentin eigenhändig in eine Mülltonne in einem Wiener Hinterhof gestopft und bis heute deswegen ein schlechtes Gewissen). Und die Kinderbibel? Ich weiss nicht, wo sie geblieben ist.

Feengabe

Ich weiss auch nicht mehr, wie sie zu mir gekommen ist. Ein Geschenk der Mutter (die Mutter meint, es war von ihr) oder einer Tante.

Tanten sind idealerweise wie die Feen im Märchen oder umgekehrt. Feen sind nach dem Muster der Tanten gestrickt. Sie überbringen ihren Schützlingen zur rechten Zeit genau die richtigen Dinge. So haben es die Tantenfeen jedenfalls bei mir gehalten.

Die Kinderbibel war das erste dicke Buch, das ich selbständig und vollständig gelesen habe. Von vorne bis hinten. Von A bis Z. Und das nicht nur einmal, sondern zweimal! Meine Kinderbibel war ein wirklich dickes, schweres Buch. Als Sieben- oder Achtjährige war es für mich ein Ding, das ich förmlich herumschleppen musste: von der Wohnküche in den Garten, von der Gartenliege zum Korbsessel und für die Bettlektüre ins Kinderzimmer.

Die Fabelsammlung und das Buch mit den Geschichten aus 1001 Nacht mit blassen und wenig aussagekräftigen Aquarellen waren auch dick, aber ich habe sie nie komplett durchgelesen. Bei der Kinderbibel war das anders.

Mitzittern

Mir war freilich klar, dass der Inhalt kindgerecht vereinfacht und gekürzt war. Die Buchstaben der Kinderbibel waren gross, das Buch reich bebildert. Die «echte» Bibel meiner Mutter, zum Vergleich, war doch erheblich dicker, ein fast uferloses Meer aus Buchstaben auf hauchdünnem Papier und beinahe trostlos bilderlos: für mich damals ein aussichtsloses Unterfangen.

Aber der Kern der Geschichten, darauf vertraute ich, steckte zwischen den Buchdeckeln meiner Kinderbibel.

Dass wir keinen Fernseher hatten – und brauchten – konnten meine Eltern gut begründen: die Natur ringsum böte genug Inspiration etc. Ich aber begriff es nicht und empfand die Fernsehlosigkeit schlicht als auferlegten Mangel. Mangels Abelenkung konnte sich Lesestoff meiner Kinderseele freilich umso wirksamer einprägen. In der Schule, wenn die anderen Kinder ihre Fernseheindrücke besprachen, konnte ich aber zu meinem Verdruss nie mitreden.

Nachdem ich die Kinderbibel zweimal hintereinander gelesen hatte, studierte ich immer wieder intensiv die Abbildungen: der Kampf des zierlichen David gegen den groben Klotz Goliath oder der bedauernswerte Daniel in der Löwengrube. Wie schaffte er es, die Löwen zahm zu halten? Ich identifizierte mich mit dem Mann und den Tieren, wegen meines  Sternzeichens: Löwe. Beim Betrachten der Abbildungen war da immer wieder ein Mitzittern mit den Helden und Heldinnen, so als ob sich die Figuren plötzlich bewegen und die Geschichten vielleicht doch anders ausgehen könnten.

Alles wahr!

Die Geschichten der Bibel empfand ich als herausgehoben und studierte sie mit heiligem Ernst: weil ich zutiefst davon überzeugt war, dass es alles wahre und für das Leben äusserst relevante Geschichten sind; anders als die erfundenen oder halberfundenden Fabeln von sprechenden Katern, Geistern aus Lampen und Goldeseln, die Spass machten, aber weniger gewichtig erschienen.

Die Interventionen Gottes und das Agieren seiner Engel liessen sich in meine kindliche Vorstellungswelt problemlos einfügen. Dass ein Dornbusch brennt, ohne zu verbrennen, und zudem spricht: kein Problem. Eine grosse Herausforderung in Bezug auf den Realitätsgehalt der biblischen Überlieferungen aber war für mich die Geschichte von Jona und dem Wal. An ihr kaute ich herum wie eine Katze an einer widerspenstigen Gräte.

Wie konnte der verschluckte Gottesfreund aus einer derart verzwickten Lage, einem Walbauch, lebendig herauskommen? Wo konnte er sich im Maul und dann im Fischmagen hinsetzen und wie sich gegen Magensäure und Verdauungstätigkeit wehren, bevor Gott ihn retten kann. Wie konnte er die Dunkelheit, das Grausen und die sehr fühlbare Todesnähe aushalten?

Was bedeutet es, derart verschluckt zu werden, mit Haut und Haar? Oft wurde auch ich verschluckt: von der Landschaft meiner Kindheit oder von Lektüre, von meinem Zoo aus Plastiktieren oder vom Lego-Spiel, vom Glück wie auch dem Unglücklichsein der Kinderzeit. Wohl für die meisten ist es eine sonderbar gedehnte, fast unendlich lange Zeit. Als meine Mutter ausgerechnet die innig geliebte Kinderbibel aussortierte und verschenken wollte, im Zuge unseres scheidungsbedingten Wegzugs, soll ich gezetert haben.

Über-, Unter- und Dahinterwelt

Ausser den biblischen Geschichten hat sich noch ein zweiter Erzählschatz tief bei mir eingenistet: Homers Odyssee. Diese Geschichten aber waren anders aufwühlend: die abenteuerlichen Fahrten des antiken Helden, der Rindern des Sonnengottes Helios begegnet, delirierenden Lotophagen, becircenden Nymphen, um am Ende doch heimzukehren, erschliesst und verknüpft merkwürdige Mittelmeerwelten. Ich habe diese Geschichten der Odyssee als Pubertierende, Jahre nach meiner Bibellektüre kennengelernt. Die Geschichten der Odysee habe ich aufgesaugt.

Aber nur die Kinderbibel ist für mich mit einem tiefen Triumphgefühl verbunden: dem Freudestolz, endlich den Schlüssel zum Bücherwissen in Händen zu halten, den Zugang zum reichen Geschichtenschatz der Welt und auch der Über-, Unter- und Dahinterwelt.

So jedenfalls schien es mir. Und jedenfalls nicht mehr das kleine Kind zu sein, das auf erwachsene Vorleser angewiesen ist. Dass ich die biblischen Geschichten selbständig entdecken durfte, ohne Vorgaben und ohne jeglichen Erwartungsdruck der Erwachsenen, erachte ich als Glücksfall.

 

Im vergangenen Jahr veröffentlichte ich bei RefLab die biografische Weihnachtsgeschichte «Als meine Puppe im Schuhkarton in den Himmel fuhr». Der Autor und Mindful Empowerment Coach Jan von Wille griff sie auf und liest sie in diesem Youtube-Video vor.

 

Abbildung: Pieter Lastman, Jonah and the Whale, Public Domain, Google Art Project

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1 Kommentar zu „Adventsgeschichten [3]: Meine Kinderbibel oder: Der verschluckte Held“

  1. „Eine Liebeserklärung“ – in der Tat, liebe Johanna Di Blasi, der Beitrag ist eine ungemein schöne und inspirierende Liebeserklärung. Sie ist so gut!!
    Die Geschichte von Absalom, wie er auf der Flucht vor den Soldaten seines Vaters mit seinem langen Haupthaar im Baum hängen blieb … (+ die Abbildung dazu), hat mich tief beeindruckt. Und die vom König Salomo und seinem Urteil im Streit zwischen zwei Frauen, die beide behaupteten, die Mutter einunddesselben Neugeborenen zu sein. (Das Erzählmotiv der wahren Mutter mag mich gut und gerne bis zum Lebensende beschäftigen.) Es muss eine Kinderbibel von Anne de Vries gewesen sein, die ich mir ‚teilte‘ mit einem 2 Jahre älteren Bruder.
    Jona & der Wal: Ich hab dich zum Fressen lieb, aber ich würde Dir nie Weh tun, sprach der Wal, ehe er Jona verschlang

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