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 Lesedauer: 6 Minuten

What the hell (3): Hölle lenkt Politik

Zukunftsfantasien sind nie harmlos. Sie formen Erwartungen, legitimieren Macht und prägen politische Entscheidungen. Was du hoffst, bestimmt, wie du lebst. Das zeigt sich durch die ganze Geschichte hindurch – von der Spätantike bis zur Neuzeit.

1. Zukunft als Herrschaftslegitimation

Als Kaiser Konstantin 312 seinen Sieg über Maxentius dem Kreuz Christi zuschrieb, wurde ein religiöses Symbol politisch umcodiert.

Das Kreuz Jesu wurde in sein radikales Gegenteil verkehrt: Das Zeichen von Feindesliebe und Ohnmacht verwandelte sich in ein militärisches Siegesbanner.

Die Monarchie verstand sich fortan als Spiegel des Göttlichen: Ein Gott, ein Kaiser, ein Reich. Die Vision eines göttlich legitimierten Weltreichs stabilisierte die realpolitische Macht.

Der Sieg Konstantins konnte so als Schritt auf dem Weg zu einer kommenden göttlichen Ordnung gelesen werden. Die politische Herrschaft erhielt einen Zukunftsauftrag: das Reich Gottes vorwegzunehmen, zu gestalten und zu sichern.

Theologisch wurde diese Idee explizit im sogenannten Postmilleniarismus: der Vorstellung, dass Christus erst dann wiederkehrt und mit ihm das Ende, wenn die Welt zuvor durch menschliche, gesellschaftliche und politische Mittel in einen Zustand gebracht wurde, der seinem Reich entspricht. Zukunft wird zur Aufgabe, Geschichte zur Baustelle des Heils.

2. Kreuzzüge: Die Zukunft im Gepäck

Die mittelalterlichen Kreuzzüge folgten derselben Logik: die Wiederkunft Christi vorzubereiten. Jerusalem sollte nicht nur aus politischen oder strategischen Gründen zurückerobert werden, sondern weil man dort die Wiederkunft Christi erwartete. Die Stadt war der symbolische Mittelpunkt der Endzeit: der Ort, an dem sich die Geschichte vollenden sollte.

Wer Jerusalem kontrollierte, schien damit auch ein Stück der Zukunft zu kontrollieren.

Auch heute ist für manche politisch einflussreiche Akteure Jerusalem nicht nur eine Stadt, sondern ein Schlüssel für die Zukunft. Territoriale Fragen verschmelzen mit der Frage nach Identität und Erlösung. Diese symbolische Überladung erschwert politische Kompromisse. Wenn ein Ort als Bühne der Endzeit verstanden wird, verliert er seine Verhandelbarkeit.

3. Mission und Kolonialismus

Auch die gewaltsame Missionsgeschichte war von Zukunftsphantasien durchzogen. Die Unterwerfung der Völker wurde nicht nur politisch, sondern endzeitlich begründet: Man missionierte, um das kommende Friedensreich Christi vorzubereiten. Gewalt erhielt einen göttlichen Sinn – als Beitrag zur Vollendung der Geschichte.

Die Eroberung Nordamerikas wurde als Einnahme des «gelobten Landes» gedeutet. Die Ureinwohner galten – wie in den biblischen Landnahmeerzählungen – als zu vertreibende Kanaanäer. Die Zukunftsphantasie eines neuen Israel legitimierte Gewalt, Vertreibung und koloniale Expansion.

Der Gott, der sich eigentlich durch seine Solidarität mit den Schwachen auszeichnet, wurde zum Vollstrecker kolonialer Gewalt.

Auch heute gibt es noch die Vorstellung, dass die weltweite Ausbreitung des Evangeliums ein notwendiger Schritt vor der Wiederkunft Christi sei. Mission wird so zu einem göttlichen Projekt: Je mehr Menschen bekehrt würden, desto näher rücke das Ende. Diese Mission wird gegenwärtig in der Regel gewaltlos als spirituelle Überzeugungsarbeit durchgeführt, auch wenn einzelne Strömungen zeigen, dass religiöse Zukunftsfantasien auch heute noch politisch aufgeladen und in militärischen Konflikten instrumentalisiert werden.

4. Nationalismus als säkulare Endzeitfantasie

Der religiös überhöhte Nationalismus der Moderne griff die Idee eines endzeitlichen Reiches auf und säkularisierte sie. Die Vorstellung eines kommenden göttlichen Weltreiches wurde in politische Zukunftsbilder übersetzt:

Nicht mehr Christus sollte herrschen, sondern die eigene Nation. Die Erlösung wurde nationalisiert.

Der Nationalismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war deshalb nicht nur ein politisches Projekt, sondern eine Ersatzreligion. Er versprach eine Zukunft, in der die eigene Nation zu ihrer Bestimmung gelangt, zu Größe aufsteigt, triumphiert. Die Sprache der Erlösung wanderte aus der Theologie in die Politik. Die Zukunft wurde zur ideologischen Waffe, das Reich zur Erlösungsfantasie.

Der politische Messianismus Hitlers und seines – wie er es selbst nannte – «tausendjährigen Reiches» war eine monströse, aber folgerichtige Verzerrung dieser Vorstellung. Die Idee eines kommenden göttlichen Reiches wurde in eine rassistische und totalitäre Zukunftsfantasie überführt. Der Nationalsozialismus war damit eine radikale Säkularisierung endzeitlicher Motive.

5. Christlicher Nationalismus in den USA

Auch die USA inszenierten sich im 20. Jahrhundert als Träger einer weltgeschichtlichen Mission. Präsidenten von Wilson bis Clinton sprachen davon, dass Amerika eine besondere Bestimmung habe: die Welt zu retten, Freiheit zu bringen, Demokratie zu verbreiten. Amerika erscheint so als endzeitlicher Akteur, der sich selbst eine heilsgeschichtliche Rolle zuschreibt.

Der christliche Nationalismus in den USA zeigt, wie mächtig Zukunftsphantasien für politische Bewegungen werden können. Die dualistische Erwartung einer kommenden Scheidung zwischen «Gut» und «Böse» sowie die Vorstellung einer satanischen Verführung dienen als Deutungsrahmen für die Gegenwart.

Ereignisse werden nicht als politische Prozesse verstanden, sondern als Zeichen eines kosmischen Kampfes.

Man sieht die Welt mit einem «geistlichen Auge», das hinter jedem Konflikt göttliche oder dämonische Kräfte vermutet. Geschichte wird zu einer Abfolge von «Geburtswehen der Endzeit ».

Das Problem dieser Sichtweise liegt auf der Hand: Sie arbeitet mit einem festen Schema, das die Welt in starre Kategorien presst. Alles, was nicht in dieses Raster passt, wird ausgeblendet oder abgewertet. Die Zukunftsfantasie ersetzt die Realität – und erschwert die politische Verständigung. Denn der politische Gegner erscheint nun nicht mehr als Mensch mit einer anderen Position, sondern als jemand, der vom Bösen verführt wurde und dem Gericht entgegengeht.

Das Vakuum kohärenter Alternativhoffnungen

Nimmt man diese unheilvolle Verquickung von politischer Macht und (schein)christlichen Zukunftsphantasien in den Blick, stellt sich die Frage, wie ein konstruktiver Ausweg aussehen kann. Denn eines bestätigt die Geschichte mit brutaler Deutlichkeit:

Was wir hoffen, bestimmt, wie wir leben.

Zukunftsbilder sind nie neutral. Sie formen unsere Entscheidungen, unsere Moral und unsere Politik.

Damit stellt sich nicht nur die Frage, welche Zukunftsvorstellungen wir verwerfen müssen, sondern auch, welche Hoffnung wir an ihre Stelle setzen. Denn dieser Platz bleibt nie leer. Wo eine alte Zukunftsfantasie verschwindet, entsteht sofort Raum für eine neue. Vielleicht ist der gegenwärtige Boom apokalyptischer Deutungen genau dafür ein Symptom: ein Ausdruck eines theologischen Vakuums, das entsteht, wenn kohärente Alternativhoffnungen fehlen.

Wenn keine tragfähige Vision von Zukunft bereitsteht, greifen Menschen zu den Bildern, die am lautesten sind – und das sind oft die apokalyptischen. Sie bieten einfache Erklärungen, klare Feindbilder und eindeutige Dramaturgien.

Die eigentliche Aufgabe lautet daher: eine Hoffnung zu formulieren, die weder naiv noch destruktiv ist, die weder vertröstet noch verängstigt. Auch wenn aus dem Christentum immer wieder problematische und gewaltträchtige Endzeitfantasien hervorgegangen sind, birgt es zugleich faszinierende Zukunftsbilder und Hoffnungen. In den nächsten beiden Blogbeiträgen wird es darum gehen.

Martin Thoms ist Theologe und Autor aus Bochum. In seinem neuen Buch «Zur Hölle mit der Hölle!» setzt er sich mit den großen Hoffnungsbildern des christlichen Glaubens auseinander – von Gericht und Fegefeuer über Himmel und Hölle bis hin zur Frage, ob Gottes Liebe wirklich grenzenlos ist. Dieser Blogbeitrag greift Gedanken aus dem Buch auf. Darüber hinaus bietet Martin regelmäßig Onlinekurse zu Glaubens- und Lebensthemen an.

Im RefLab:

Aakash Malik für Unsplash

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