Sie könne mit Freundinnen problemlos über Sex sprechen, erzählte mir eine junge Frau einmal. Aber Glaube – Glaube sei ein Tabuthema.
Glaube ist ein gesellschaftliches Tabu. Auch andere nehmen das so wahr: Der Journalist Tobias Haberl hat kürzlich mit seinem Buch «Unter Heiden» einen Nerv getroffen; er spricht von schwierigen «Outings» als katholischer Christ.
Ich würde niemals soweit gehen, zu sagen, dass Christ:innen in Westeuropa diskriminiert werden, wie das manche behaupten, auch bei Haberl schwingt diese Note mit. Doch über das, was man persönlich glaubt, mit anderen Menschen zu sprechen, das ist im Alltag tatsächlich schwierig.
Es gibt bei vielen ein grosses Unbehagen, ein Gefühl der Verletzlichkeit, das Risiko, missverstanden oder kritisiert zu werden.
Die Frau aus dem eben geschilderten Gespräch war getauft und konfirmiert, bezeichnete sich aber als «nicht besonders gläubig». Sie nutzte die Zufallsbegegnung mit mir, damals Theologiestudentin, um Fragen zu stellen.
Ist Kirche kein Ort für den Glauben?
Eine Religionsbefragung kam dazu im Frühjahr zu einem überraschenden Schluss: Kirchgemeinden werden nicht primär als Orte wahrgenommen, an denen der eigene Glaube praktiziert werden kann.
Viel stärker fällt etwa ins Gewicht, dass sich die Kirche für «Bedürftige» einsetzt oder dass durch die eigene Kirchenmitgliedschaft eine gewisse Tradition erhalten bleibt.
Die Umfrage, die das Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag der katholischen Kirche des Kantons Zürich durchgeführt hat, haben wir bei RefLab damals auch diskutiert (Artikel von Stephan Jütte, Podcastfolge «Stammtisch»).

Kirche wird nur von wenigen vornehmlich als «Ort, um den Glauben auszuleben» gesehen. Unter den Gründen, Mitglied der reformierten Kirche zu bleiben, ist diese Funktion der Kirche für viele unwichtig.
Dies legt verschiedene mögliche Schlüsse nahe:
- Kirchliche Rituale und Angebote werden nicht als Gelegenheiten zum «Ausleben des Glaubens» wahrgenommen. Sei es, weil sie fremd geworden sind, sei es, weil sie im Alltag selten vorkommen (oder wie oft waren Sie in den letzten Monaten an einer kirchlichen Trauung, Taufe oder Trauerfeier?).
- Das «Ausleben des Glaubens» wird nicht als gemeinschaftliche, sondern als individuelle, intime Praxis betrachtet. Oder aber – weniger wahrscheinlich – vor allem im Alltagsleben lokalisiert.
- Es fehlen Angebote, die sich so persönlich anfühlen, dass darin der eigene Glaube Platz hat.
- Menschen stellen sich Glaubensfragen durchaus, das Vertrauen in die Kirche fehlt aber, sich in diesem Umfeld zu äussern.
- Oder es wird schlicht nicht mehr erwartet, dass die Kirche etwas zur eigenen Spiritualität beizutragen hat.
Was davon zutrifft, unterscheidet sich vermutlich von Person zu Person, sowie von Kirchgemeinde zu Kirchgemeinde.
Kirchgemeinden als Möglichkeitsräume
Dieses Resultat der Umfrage zeigte allerdings ein Potenzial, das zu wenig genutzt wird. Denn, zurück zum Anfang: In den meisten gesellschaftlichen Settings ist es heikles Terrain, über Gott und den Glauben zu sprechen. In der Kirche nicht.
Das macht Kirche einzigartig.
Kirche bietet – böte? – im Zeitalter der Säkularisierung Orte, an denen der Boden für solche Gespräche gegeben ist. Der als kirchlich deklarierte Raum ist ein Möglichkeitsraum:
In Kirchgemeinden sind Menschen zu finden, mit denen man über Fragen nach Gott oder Religion sprechen kann, über das Heilige oder über Sinn und Unsinn von Gebet. Wichtig: Solche Gesprächspartner:innen sind nicht nur die theologisch ausgebildeten Ansprechpersonen, sondern alle, die sich in den kirchlichen Räumen bewegen.
Hier ist Glaube kein Tabu
Man darf davon ausgehen, dass die Menschen, die man in kirchlichen Settings antrifft, einen gewissen Bezug zum Christentum haben – oder zumindest keine Abneigung dagegen.
Indem man den persönlichen Glauben teilt (und zwar nicht nur Überzeugungen, sondern auch damit zusammenhängende Zweifel und Fragen), macht man sich verletzlich.
Im Alltag besteht oft das Risiko, dafür Missverständnis und Ablehnung zu ernten – auch bei Menschen, die einem nahestehen. Die Kirche bietet einen gewissen Schutzraum: Hier dürfte Glaube kein Tabu sein.
Dies stellt für Kirchgemeinden auch eine hohe Verantwortung dar: Es gilt, Angebote für Offenheit und Persönliches zu machen, ohne dies einzufordern. Und es muss so gut wie möglich dafür gesorgt werden, dass die entstehende Intimität nicht missbraucht werden kann.
Die Bekenntnisfreiheit wird gewahrt
Im Zuge des steigenden Drucks auf die Kirche, ihr Profil zu schärfen (im «Stammtisch» sprach Stephan Jütte davon, dass Kirchen nicht einfach das Gleiche wie Hilfsorganisationen machen sollten), könnte dies ein Fokus sein:
Orte pflegen, an denen Glaube ausgelebt und darüber gesprochen werden kann. Es gilt, Räume dafür anzubieten und das Glaubens-Tabu, wo es auch in Kirchgemeinden besteht, aktiv zu brechen, ohne übergriffig zu sein.
Über Glauben zu sprechen, ist weder anachronistisch noch frömmlerisch. Denn es erfordert von denen, die zu den aktiveren Mitgliedern oder sogar Mitarbeitenden gehören, Mut: In vielen Kirchgemeinden wird sogar unter Pfarrpersonen über die persönliche Spiritualität nicht gesprochen.
Mit diesem Möglichkeitsraum ist auch keine spezifische Position verbunden:
Ein Ort zu sein, an dem über Glaube offen gesprochen werden kann, bedeutet eben gerade nicht, einseitige Antworten bereit zu halten.
Unterschiedliche Erfahrungen und Positionen werden ausgehalten und als Bereicherung gesehen. Wenn wir alle Gläubige unter anderen manchmal mehr, manchmal weniger Gläubigen sind, wird auf Augenhöhe diskutiert.
Wirksam gegen Einsamkeit
Auch als Theologin vertrete ich nur meine eigene Haltung und nicht eine offiziell kirchliche. Das bedeutet, dass auch ich mit meinen Fragen andocken kann, wo andere mehr Lebenserfahrung und andere Perspektiven an den Tisch bringen.
Etwa beim Kirchenkaffee, wo nach dem Gottesdienst Gedanken zur Predigt diskutiert werden.
Genau hingeschaut, ist dies etwas vom Wenigen, was Kirche von anderen sozialen Räumen unterscheidet: Glaube ist hier kein Tabu.
Auch im digitalen Raum bieten sich solche Möglichkeiten, wie wir im RefLab fast täglich erleben und in persönlichen Rückmeldungen hören. Womöglich ist die Schwelle, sich online und aus einer gewissen Distanz mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen, niedriger. Man fühlt sich sicherer, kann ein Stück weit anonym bleiben und sich gerade dadurch ehrlicher zeigen.
So kann zwischen den Menschen, die sich in kirchlichen Räumen – ob nun online oder offline – treffen, etwas Tieferes entstehen. Gespräche, die Leben prägen und Einsamkeit vorbeugen. Weil hier etwas, was viele von uns zutiefst beschäftigt, wenn wir ehrlich sind, ohne Angst vor Ablehnung thematisiert werden kann.
Foto: Kirche Zürich Enge an der «Langen Nacht der Kirchen» 2021, Foto: Gion Pfander.
«Gott zwischen Pixeln: Spiritualität im digitalen Raum» von Johanna Di Blasi
Artikelserie zum Netzkloster («gemeinsam online meditieren»), ebenfalls von Johanna Di Blasi






6 Gedanken zu „Glaube braucht Räume – Kirche bietet sie (eigentlich)“
TABU – Vor einiger Zeit, in meiner Funktion als Taxifahrer, habe ich mich mit einem “Oberen” der ev. Kirche über die Philosophie der Bibel unterhalten. Am Ende der Fahrt sagte er dann: Ach, sie haben ja recht, aber was soll ich machen, wenn ich die Wahrheit von der Kanzel predige, bin ich meinen Job schnell los.
Der nette Mensch ist nun wieder Pastor einer Dorfkirche (vielleicht wegen mir???), wo er höchstwahrscheinlich auch nur einen Job ausfüllen kann, aber sicher seine Freundlichkeit nicht verloren hat (viele “Geistliche” haben aufgrund des Dogmas dieser Welt- und “Werteordnung” ihre Freundlichkeit verloren oder verlagert).
Ich nehme auch wahr, dass über den Glauben zu reden irgendwie mit einem Tabu belegt ist. In manchen Situationen habe ich auch erlebt, dass man fast peinlich berührt ist, wenn ich mich als gläubige Christin offenbare. Deshalb spreche ich das höchst selten offen aus- am ehesten, wenn sich das Gegenüber auf irgendeine Weise gläubig zeigt. Ich habe fast das Gefühl als irgendwie rückständig zu gelten. Ausser mit einer Kollegin (aus einer fundamentalistischen Freikirche) – aber da gehts dann eher in die entgegengesetzte Richtung: ich werde mit Wahrheiten und Gewissheiten konfrontiert. Fragen und Zweifel haben da eher keinen Platz….
So bin ich da auf mich selbst angewiesen: höre Podcasts und lese Bücher. Aber da diskutiere ich halt mit mir alleine.
Ich habe tatsächlich eine große Sehnsucht nach einer Gruppe, wo Platz für Fragen, Gedanken und Austausch ist. Eher nicht in meiner Ortskirche….(wobei ich ehrlicherweise es gar nicht weiß- vielleicht sind die ja super nett. Aber es gibt eine gewisse Scheu hinzugehen und mich vorzustellen- so nach dem Motto: ich will mir das mal anschauen, um dann eventuell vielleicht sagen zu müssen: das ist hier doch nix für mich….)
Liebe Gudrun, danke für den Kommentar zum Artikel! Ich kenne die Scheu gut, einfach mal so in eine Kirchgemeinde zu gehen… Ich bin jeweils in letzter Minute zum Gottesdienst und sofort wieder gegangen. Erst, als ich jemanden von dort kennengelernt habe, habe ich mich zum Kirchenkaffee getraut, mittlerweile fühle ich mich aber sehr wohl dort. Ich mache dir Mut, es zu versuchen – viele Gemeinden haben auch niederschwellige Veranstaltungen, die explizit für Neue offen sind. Alles Liebe!
Hi, ich find mich nah bei Gudrun. Es sind oft die richtigen Worte, die mir fehlen und eigentlich denke ich, ich würde soo gern, wenigstens als Angebot, erzählen, wie viel mir der Glaube in all dem Leid und den Kathastrophen bedeutet. Manchmal denke ich, die Leute sind gar nicht so ablehnend, wenn sie nicht reagieren müssen, sondern unsere Position einfach nur zur Kenntnis nehmen können. . Als ich noch etwas evangelikaler drauf war, war es einfacher, worte zu finden, die aber jetzt nicht mehr so funktionieren, und neue habe ich noch nicht gefunden. Gute.Worte, die nicht wischiwaschiwahrheiten daherschwurbeln, und gleichzeitig nicht im schwarz weiss denken hängen bleiben, oder bibeldeutsch daherkommen oder Antworten geben auf Fragen die keiner mehr in sich trägt… . Ich glaube auch, dass es gut ist, das Tabu zu überwinden, und das irgendwie wieder zu üben- manchmal überträgt sich auch, ob ein Thema peinlich ist, oder man darüber austauschen kann.
Wenn leute aber selbst innerhalb von christlichen Gruppen und Gemeinden ein Tabu spüren, ist schon was komisch und es ist, dann gut, zu schauen, was los ist. Bei mir gehen die Rollläden eigentlich nur runter, wenn ich mich belehrt und missioniert fühle. Und vermutlich ist das bei den meisten Leuten so. Zwischen dem und gar nichts sagen, gibt es bestimmt noch vieles, was wir ausprobieren sollten.
Sehr spannender Gedankennanstoss, liebe Evelyn!
Hallo Eli, danke für den Kommentar! Ich kann diese Hürde gut nachvollziehen, dass es schwer ist, im Alltag was zu sagen, und weiss auch gar nicht, was ich darauf antworten soll… (Für mich ist es so viel einfacher, seit es mein Beruf ist, und die Leute, mit denen ich in Kontakt komme, danach fragen.) Ich wünsche dir alles Gute! Liebe Grüsse!
Liebe Evelyn, danke für den Raum zu diesem wichtigen Thema. Ich war diesen Sonntag wiedermal in der Kirche (familiärer Grund) und es war für mich tief und doch distanziert. Weil ich mich, mein Glauben und die Glaubensätze, mittlerweile gut kenne, kann ich die Trauer surfen, die über die Themen Vergeben (sich selbst und anderen) – vor allem auch körperlich, nicht nur geistig – innerlich anklingt. Die Kirche (in diesem Fall röm-katholisch) und ihre ritualisierten Abläufe bieten wenig bis null Rahmen für den seelsorgerischen Anteil in den Willkommensräumen. Ja, viele Kirchen sind auf Distanz, wenn es um die Gestaltung von Treffen geht. Meine These: Das Personal zu finden, welches das ganze Spektrum menschlicher Seelenzuständen halten kann, ist in einem angezählten Zustand als Struktur sehr schwer. Denn Mut beginnt, wenn Angst lernt zu gehen. Alles andere hält an Bekanntem fest, weil Verletzungen im Glauben sehr tief als Misch-Emotion Scham materialisiert werden. Das ist weit von Leere und Leichtigkeit weg. Da schwingt leicht Heuchlerei statt Freude in Menschen. Die Kirchen haben in der Tat eine größere Aufgabe angetreten. Gut gibt es auch das Reflab.
Auf bald. Lieber Gruss
Remo