Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 5 Minuten

wutlos glücklich?!

Der Wurstwurf

Ich habe mal eine Wurst auf jemanden geworfen. Eine Bratwurst. Weil ich so unglaublich sauer und wütend war und mich nicht mehr unter Kontrolle hatte. Wir sassen beim Mittagessen, ich war bestimmt schon laut geworden.

Es gab kleine Nürnberger Rostbratwürstchen mit Kartoffelpüree. In mir brodelte es, ich hatte keinen Hunger mehr und Kartoffelpüree wollte ich auch nicht essen und generell wollte ich zu diesem Zeitpunkt ganz bestimmt nicht mehr mit diesem Menschen am Küchentisch sitzen und über etwas diskutieren, was für mich nicht zielführend war.

Nichts lag mir näher, als diese Wurst zu nehmen und meinem Gegenüber geradewegs gegen die Brust zu werfen. Vielleicht lächeln Sie gerade, aber witzig war diese Situation ganz bestimmt nicht. Sie war für mich ein Moment, in dem ich mir nicht zu helfen wusste und das fühlt sich überhaupt nicht gut an.

Der Mensch als Wüterich

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig wütend? Oder noch radikaler gefragt: Wann haben Sie das letzte Mal aus einer Wut heraus eine Grenze überschritten? Ich vermute, sie können sich noch gut daran erinnern.

Wut ist etwas Unsachliches. Sie ist emotional, übertrieben. Wut ist laut und unangenehm.

So zumindest die gemeinhin bekannten Zuschreibungen. Wut führt zu Rachefantasien der schlimmsten Sorte und Menschen, die sich «abreagieren» müssen. Ja, Wut kann unverhältnismässig sein. Raserei, Hysterie, Zorn, Rage, viele Worte für die verschiedenen Nuancen des menschlichen Ausnahmezustands, nahe am Kontrollverlust.

Apropos Kontrollverlust. Ich würde mich durchaus als kontrollierten Menschen bezeichnen, Würste werfe ich selten. Wut ist ein Gefühl, das ich gut domestiziert habe, besonders als Frau. Mir steht es nicht zu, mich zu empören. Zumindest habe ich das lange angenommen.

Frauen haben gelernt, dass Wut eine emotional unverhältnismässige Reaktion ist, und mit emotionalen Reaktionen lassen sich keine Kriege gewinnen.

Wenn ich wütend bin, werde ich weniger ernst genommen. Mich aus derlei Gedankenkonstrukten zu emanzipieren, ist ein andauernder Prozess.

Aber zurück zur Wut.

Wie weiter mit der Wut?

In sogenannten Rage Rooms können Mikrowellen mit Baseballschlägern zertrümmert oder auch nur Teller gegen Wände geschmettert werden. Ob dies eine vernünftige Verarbeitung überbordender Emotionen ist, bleibt zumindest zweifelhaft.

Mit den mir unangenehmen Gefühlen habe ich gelernt, besser hinter dem Berg zu halten, als sie zu verbalisieren. Bevor ich meine Wut auf jemanden projiziere, frage ich mich eher, ob ich meiner Wut gerade trauen kann.

Wut ist häufig zweifelhaft. Es fühlt sich falsch an, wütend zu sein, denn Wut ist immer adressiert. An eine nicht zufriedenstellende Situation oder an ein Gegenüber. Wenn die Wut anklopft, ist die Schuldzuweisung nicht weit.

«Wütend auf den Richtigen zu sein, im richtigen Mass, zum richtigen Zweck und auf die richtige Art, das ist schwer.» (Aristoteles)

Übertreib mal nicht so!

Trotz der vielen Negativkonnotationen, hat die Wut einen sinnvollen Zweck. Nicht immer ist es kontraproduktive Raserei und situativer Kontrollverlust.

Das Gefühl ist wie eine kleine Lampe, die rot zu blinken beginnt, weil irgendetwas nicht stimmt. Eine Schieflage ist entstanden, eine Grenze wurde überschritten. Die emotionale Alarmanlage schlägt aus.

Dabei kann Wut akut und situativ begründet sein, oder sie ist eine Reaktion auf andauernde Unzufriedenheit und empfundene Ungerechtigkeit.

Es eskaliert eh

Ein Paradebeispiel für wutgebtriebene Eskalation ist die aktuelle Netflix-Serie «Beef». Oberflächlich entbrennt ein Kleinkrieg, ausgelöst durch einen Parkplatzstreit und einen Mittelfinger. Unter der Oberfläche lernen wir die Protagonisten als Menschen kennen, die an den Erwartungen der Familie und Gesellschaft zu zerbrechen drohen.

Die Freiheit, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, richtet sich in dem Aggressionsmoment jedoch nicht auf das unfreie Leben und die nicht wahrgenommene Eigenverantwortung, sondern auf das Gegenüber als Projektionsfläche für die vermutlich jahrelang erlittenen Ungerechtigkeiten. Der Kontrollverlust ist vorprogrammiert.

Ohne Wut kein Wandel?

Wenn die eigenen Grenzen immer wieder überschritten werden und der produktive und lösungsorientierte Umgang mit Wut verlernt wird, bleibt ein Gefühl der Machtlosigkeit zurück. Dies bezieht sich auf persönliche wie auch auf gesellschaftliche Ungerechtigkeiten. Dann können schon mal Würste fliegen.

«Überhaupt ist Empörung […] keineswegs eine automatische Reaktion auf Not und Leiden; niemand reagiert mit Wut auf eine Krankheit, der die Medizin machtlos gegenübersteht […]. Nur wo der begründete Verdacht besteht, dass Bedingungen geändert werden könnten und dennoch nichts geschieht, stellt Wut sich ein. Erst wenn unser Gerechtigkeitssinn verletzt wird, reagieren wir mit Empörung.» (Hannah Arendt)

Aber produktive Wut zielt nicht auf den Abbau von Spannungen, sondern auf Veränderung.1

Diese führt auf persönlicher Ebene zu mehr Selbstwirksamkeit und Reflexionsvermögen. Durch Wut werde ich mir meiner Handlungsfähigkeit bewusst, ich kann etwas verändern und Verantwortung für meine Gefühle und Handlungen übernehmen. Wut macht mich mächtig.

Wenn auf gesellschaftpolitisches Unrecht mit produktiver Wut reagiert wird, liegt hierin ein grosses Aktionspotential für politische Veränderungen. Sowohl die als auch die Black-Lives-Matter Bewegung dienen als positive Beispiele dafür.

Alles hat ein Ende…

Wie alle Emotionen geht auch die Wut irgendwann vorbei. Neben all diesen Erkenntnissen gibt es so viel mehr zu weiblicher Wut zu schreiben, über andere Philosophen zu diskutieren, die sich mit diesem Gefühl beschäftigt haben und popkulturelle Referenzen zu erwähnen.

Ich stehe vor einem wütenden Haufen Mensch und einem Gefühl, das in Worte zu fassen schier unmöglich ist.

Ich bin noch nicht durch mit der Wut. Wir sind noch nicht fertig miteinander. Theoretisch habe ich durch diesen Artikel sehr viel über produktive Wut gelernt, darüber, wie sinnvoll Wut als Alarmsignal sein kann.

Überfordert bin ich mit dem Gefühl meistens trotzdem. Vor einiger Zeit habe ich aus Wut einen Schal zerschnitten, das war dann wohl die zweite irrationale Wut-Aktion in meinem Leben. Dabei darf es nun auch gerne bleiben.

Mit der Person, der ich die Wurst an die Brust geworfen habe, pflege ich übrigens noch guten Kontakt. Vielleicht liest sie diesen Artikel sogar.

 

Foto: Yasin Aribuga @unsplash

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main 2005, S.93.

Dreussi, Anna: Wut ist Weiblich, Republik, abgerufen am 25.04.23.

Hoeder, Ciani-Sophie: Wut und Böse, München 2021.

1 Knopf, Vivian: Seid wütend, aber richtig!, philosophie Magazin Nr. 5/22, S.30.

1 Kommentar zu „wutlos glücklich?!“

  1. Nadia Biondini Jörg

    Danke für den Wut-Artikel! Ich habe mich auch lange mit „Wut“ beschäftigt und habe viel Spannendes darüber gelernt: Wut als gesellschaftlicher Antreiber, Wut bei Männern/Frauen/POC und wie sie unterschiedlich bewertet wird, der Unterschied zwischen der Emotion und dem Gefühl der Wut, das „Nicht-Zusammenspiel“ von Wut und Blutdrucksenkern, usw usw. Es lohnt sich, der Wut (und anderen „schwierigen“ Emotionen) nachzugehen!

    Nadia Biondini Jörg

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox

RefLab-Newsletter
Podcasts, Blogs und Videos, alle 2 Wochen
Blog-Updates
nur Blogartikel, alle 2 bis 3 Tage