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Lesedauer: 5 Minuten

Wissen wollen

Praxis provoziert Theorie

Was ich am Christentum schon immer genial fand, ist die Wissbegier, die es antreibt.

«Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.»

Mit dieser Grussformel endet der zweite Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Die ersten Christen haben diesen liturgischen Gruss in ihren Gottesdiensten gebraucht. Ganz selbstverständlich, weil sie es immer so taten. Ich stelle mir vor, dass sie irgendwann sich dabei selbst zuhörten und fragten: Was meinen wir eigentlich, wenn wir das sagen? Wie genau verhält sich das mit Jesus Christus, Gott Vater und dem Heiligen Geist?

Aus dem Moment der Bewusstwerdung entwickelte sich ein Prozess, in dem die christliche Lehre entfaltet wurde.

Die Christen wollten nicht nur glauben, sie wollten auch wissen, was sie glauben. Ihr Wissensdurst führte von der Praxis in die Theorie.

Theorie unter Verdacht

Schon die Entwicklung der christlichen Lehre übte eine grosse Faszination aus und führte zu einem Involvement, von dem wir heute nur träumen können. Sogar auf der Strasse sollen normale Leute – ohne kirchliche Funktionen oder theologische Ausbildung – über feinste Lehrunterschiede diskutiert und miteinander gestritten haben.

Erst recht gestritten haben die geistlichen und politischen Würdenträger. Nämlich auf und zwischen den Konzilen, an denen entschieden wurde, welche Lehre richtig war und welche als falsch verdammt wurde. Es wurde mit scharfen Argumenten und unlauteren Mitteln gekämpft, um der eigenen Position zum Sieg zu verhelfen; Gewalttätigkeit inklusive.

Genau wegen dieses Aggressionspotentials stehen Lehren unter Generalverdacht; gerade heute. Ich möchte die christliche Lehre trotzdem nicht abschaffen. Aber es kommt darauf an, als was man sie betrachtet und wie man mit ihr umgeht.

Vermischte Motivationen

Am Anfang steht die Einsicht, dass Motivationen für Denken und Handeln immer vermischt sind. Das sieht man am besten bei sich selbst: Ich möchte für eine Position einstehen + Ich möchte Anerkennung bekommen + Ich möchte mich für eine Funktion ins Spiel bringen + Ich möchte mehr Geld verdienen, etc.

Aber darum schmeissen wir uns ja nicht weg. Sondern wir nehmen – wenn wir ehrlich sind – diesen Mix wahr und fokussieren uns auf die lauteren Motive, die weiterführen.

Theorie erweitert die Praxis

Die Lehre oder Theorie – wie schön und schillernd sie auch immer sein mag – ist kein Selbstzweck. Sie ist auch kein Gerüst, an dem man die eigene Identität festmachen kann.

Die Theorie dient dem, woher sie kommt und wofür sie gemacht ist: nämlich der Praxis. Sie fliesst zurück in die Praxis, um diese zu bereichern und zu erweitern.

Ich komme aus einem schwäbischen Pfarrhaus und wollte es genauer wissen. Also studierte ich Theologie, ohne zu wissen, was das ist. Aus der Praxis einer kirchlichen Geborgenheit und moralischen Enge trat ich in die Weite des theologischen Denkraums. Eine Welt ging auf, die mich beflügelt hat. Bis heute. Kirchenlieder und liturgische Texte bekamen einen neuen Sinn. Die Moral wurde entgrenzt. Die Praxis nahm zu an Dynamik und Beweglichkeit. Auch meine kindlichen Vorstellungen von Gott wurden ihrer Kuschelecke entrissen.

Trinitatis / Dreifaltigkeit, heisst der Name des morgigen Sonntags.

Es soll der Trinität gedacht werden, die Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist in Dreiheit vereint. Gott der Schöpfer, der Mensch geworden Sohn Jesus Christus und der Gegenwart stiftende Heilige Geist gehören zusammen, ohne ineinander aufzugehen.

Das junge Christentum hätte den strengen Monotheismus oder den Polytheismus wählen können, um eine stringente Gottes- oder Göttervorstellung zu entwickeln. Stattdessen hat es sich für eine monotheistische Gottesvorstellung entschieden, die sich dreifach entfaltet.

Die Trinität als Denkanweisung

Um das auszudrücken, was nicht logisch ist, hat es sich des philosophischen Bestecks bedient, das damals verfügbar war. Es hat sich damit unsägliche Probleme aufgehalst, aber auch einen ungeheuren Denkstrom entfacht hat, der bis heute reicht.

Ein Problem nicht zu lösen, sondern sich seiner anzunehmen, kann ziemlich produktiv sein.

Ich habe begriffen, dass die Trinität nicht etwas ist, an das ich glauben soll, sondern dass es sich dabei um eine Denkanweisung handelt, die mein Nachdenken über Gott, Welt und Mensch in Gang hält.

Das wissen, was man nicht weiss?

Als ich zum ersten Mal von der «innergöttlichen Perichorese» gehört habe – aus dem Munde eines Professors, der uns erklärt hat, wie diese Dreiheit untereinander funktioniert – dachte ich: Der ist übergeschnappt oder grössenwahnsinnig. Woher will der über das Innenleben Gottes Bescheid wissen? Ich wollte ihn fragen, ob er seine Erkenntnisse Gott schon mitgeteilt habe, damit der auch Bescheid weiss. Aber ich habe mich nicht getraut.

Wie kommunizieren?

Erst später habe ich verstanden, worum es sich bei der «innergöttlichen Perichorese» handelt: nämlich um ein Kommunikationsgeschehen. Die Drei im Einen teilen sich einander mit, ohne ineinander aufzugehen. Und die heilsame Message für die Menschen besteht darin, dass ein in sich kommunizierendes Wesen auch nach aussen kommunikativ ist, sprich sich den Menschen mitteilt, wie es ist. (Das wäre im Übrigen auch eine Anleitung, nämlich für die Frage, wie ich zu einer lauteren Motivation komme.)

Das Geheimnis entfalten

Ich denke an die Renaissance-Malerei und an die Kleider der abgebildeten Menschen, die sich in kunstvollen Falten werfen. Ein Spiel von Licht und Schatten. Von verbergen und enthüllen. Falten lassen sich lüften, um einen Blick ins Innere zu werfen, um ein Geheimnis zu lüften. Dann lässt man die Falten wieder fallen, um das Geheimnis zu wahren, das auch Geheimnis bleibt, wenn es gelüftet wird.

Es ist dieses Faltenspiel von Geheimnis lüften und bewahren, zu dem das Christentum in seiner Wissbegier gefunden hat.

Zu wissen, was man nicht wissen kann, etwas durchdringen und doch nicht darin aufgehen, führt in die Weite eines Lebens, in dem Viele und Vieles Platz haben.

 

Foto von Andrea Piacquadio von Pexels

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