Bibelworte wider Naziparolen
Die Jahreslosungen sind keine Orakelsprüche und haben auch nichts mit den Tageslosungen der Herrnhuter Brüdergemeine zu tun. Diese werden zwar tatsächlich ausgelost, sind aber auch nicht als Omen oder Schicksalssprüche gedacht.
Die Jahreslosungen (und Monatssprüche) werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) mehrere Jahre im Voraus festgelegt. Erfunden hat sie im Jahr 1930 der württembergische Pfarrer Otto Riethmüller (1889-1938).
Hatte er anfangs noch mit der nationalsozialistischen Bewegung sympathisiert, so wollte er Ende der zwanziger Jahre die Jugend in Deutschland durch Bibellesepläne, neue geistliche Lieder, Monatssprüche und Jahreslosungen verbinden.
Den Schlagworten der Nazis stellte er Bibelworte entgegen. Widerworte.
Tröstend, trotzig und hoffnungsfroh dagegenhalten
Die Lage heute ist anders, und vor Nazivergleichen schrecke ich eh zurück.
Aber Widerworte brauchen wir immer noch. Oft können wir sie uns selbst nicht sagen.
Trostworte, weil Trauer und Schmerz über das, was wir persönlich, gesellschaftlich und auch planetarisch sterben sehen, zu stark sind. Trotzworte gegen jene Kulturdynamiken, die anscheinend unwiderstehlich über uns rollen.
Hoffnungsworte wider alle, die Gewinn machen, wenn sich nichts ändert; und für alle, deren Zukunft davon abhängt, dass sich was ändert.
Gemeinsam verstehen, ausprobieren und reflektieren
Die biblischen Worte der Jahreslosung funktionieren nicht wie populistische Parolen.
Sie entfalten spirituelle Kraft, wenn wir sie gemeinsam – in aller Vielfalt und ökumenischen Weite – bedenken und zu verstehen suchen. Und das nicht nur einmal, sondern über ein Jahr hinweg und immer wieder.
Wiederholung, Einprägung, Meditation und gemeinsame Ausrichtung waren schon immer stärkende geistliche Übungen.
Kann die Jahreslosung für uns eine Begleiterin, ein Coach werden in den vielen Fragen und Herausforderungen, die das Leben an uns richtet? Wie und wo können wir diese Widerworte ausprobieren und unsere Erfahrungen dann gemeinsam reflektieren?
Im Folgenden dazu ein paar Angebote, damit aus alten Worten der Bibel eine «Jahreslosung to go» wird.
Weder Anbetung des Neuen …
Gott – nicht ein Mensch – spricht: «Siehe ich mache alles neu.»
Damit sind die grossen Worte jener relativiert, die uns das radikal und endgültig Neue versprechen.
In der Johannes-Apokalypse, dem Buch der «Offenbarung», aus der die Jahreslosung stammt, war es der Kaiser in Rom. Er liess sich als göttlicher Wohltäter und Friedensbringer anbeten.
Die Jahreslosung kann uns gelassen machen, ja wappnen, gegen die Phantasmen eines absoluten Neuanfangs und eines neuen Zeitalters.
So verständlich das «Alles muss anders werden» in einer Situation auch mal sein mag, so schädlich ist doch die Verachtung des Alten. Ein guter Umgang mit dem, was war, sieht anders aus.
Dazu gleich ein wenig mehr.
… noch Verherrlichung des Alten
Schier unüberwindlich scheinen die Beharrungskräfte bei etlichen, die vielfältig davon profitieren, dass alles so bleibt oder wieder so wird, wie es einmal war. Kulturpessimistisch malen sie die Gegenwart und ihre Zukunft schwarz.
Ihre Sehnsucht nach dem Früheren ist nicht nur nostalgisch, sondern reaktionär.
Dem hält die Jahreslosung den Geist Gottes entgegen, der die Welt schon immer mit Neuem überrascht hat. Es blitzte auf im Auszug des Volkes Gottes aus Ägypten, in der Rückkehr aus dem Exil, im revolutionären Glauben an einen Gott, im Kommen des Messias, in der Auferweckung Jesu von den Toten.
Die Johannes-Offenbarung führt ihre Leser:innen nicht zurück ins vermeintliche Paradies Eden, sondern nach vorne in die ankommende Stadt Gottes.
… sondern schöpferische Liebe
«Siehe, ich mache alles neu» sind auch Worte gegen den derzeit grassierenden Erneuerungsfuror vieler Despoten, in dem erst mal alles Bestehende zerstört werden muss.
Tabula rasa für einen Neuanfang?
Der Regenbogen (1. Mose 9,12-17) ist das ewige Zeichen, dass Gott seiner Erde die Treue hält (Offenbarung 4,3) Sein schöpferisches Handeln ist durch und durch geprägt von Liebe. Die Schöpfung ist deshalb im Übergang vom Alten zum Neuen gut aufgehoben.
Jahrescoach zwischen Alt und Neu
Lassen wir uns das Miteinander von Hoffnung und Liebe durch die Jahreslosung gesagt sein, so ergeben sich konkrete Möglichkeiten, die Zwischenzeit des Übergangs zu gestalten.
Denn die Liebe öffnet unseren Blick für das Gewesene, die Hoffnung öffnet unseren Blick für das Kommende.
Die Möglichkeit, dass unser Leben anders und erneuert weitergeht, löst uns von falschen Fixierungen auf das Alte. Wir müssen es weder glorifizieren noch schlecht reden. Wir dürfen es liebbehalten.
Staunen und danken – bedauern und bereuen
Staunen darüber, was geworden ist im letzten Jahr oder gar aus meinem Leben. Sich wundern, dass es auch alles ganz anders hätte laufen können. Das ist liebevoll gegenüber dem Alten.
So vieles war richtig gut, das nehmen wir dankbar mit in die Zukunft. Oder aber geben es frei, damit es sich nicht staut, sondern mit der Zeit abfliessen darf.
Denn nichts kommt in diese Welt, um ewig zu bleiben.
Manches ist gescheitert. Wir haben falsche Möglichkeiten ergriffen, richtige verpasst, Fehler gemacht und sind einander Dinge schuldig geblieben. Wo wir andere verletzt haben, dürfen wir bereuen und es vielleicht wieder gut machen. Das meiste unseres bisherigen Lebens aber bedauern wir seufzend.
Getröstet werden
Im unmittelbaren Kontext der Jahreslosung ist von den Tränen der Opfer die Rede (Offenbarung 21,4 und auch 5,4; 7,17;) und von Gott als Tröster, als demjenigen, der die Tränen abwischt, die Getöteten hört und ihr Leiden nicht vergisst (6,9).
In unserer Trauer um Menschen, die nicht mehr da sind, um den ungelebten Teil unseres Lebens, der nicht mehr zurückkommt, hoffen wir auf eine Gegenwart Gottes, die uns aushalten lässt und vielleicht sogar tröstet. Oft wird sie uns vermittelt durch Menschen, die einfach bei uns sind.
Klar und hellwach
«Siehe, ich mache alles neu.» Das sind schliesslich Worte gegen jede Vernebelung. Sie stehen für eine non-triumphale Klarheit, mit der wir – durchaus zitternd und zagend – das anschauen, was in dieser Welt dem Untergang geweiht ist.
Da wird nicht schöngeredet, da sind die Hoffnungen erst mal gestorben, und wir wissen: Da müssen wir jetzt durch – persönlich oder kollektiv.
Aber genauso hellwach und geradezu neugierig sehen wir neben den Zeichen des Untergangs auch die Zeichen des Aufgangs.
Wo kommt die neue Schöpfung mit ihren neuen Möglichkeiten gerade bei uns an, um uns zu ergreifen und mitzureissen?
Die Jahreslosung hilft uns nicht nur zu Widerworten gegen falsche und destruktive Hoffnungen. Sie bietet uns für 2026 viele Trainingsmöglichkeiten, das gute Hoffen neu zu lernen.
Mehr zur Jahreslosung und Hoffnung
Andi Loos und Thorsten Dietz haben auf fokustheologie.ch ein ganzes Dossier zur Jahreslosung 2026 erstellt. Du findest darin auch ausführliche, theologisch-erwachsenbildnerische Arbeitshilfen, um selber was mit der Jahreslosung zu machen.
Ebenfalls empfehlenswert:
Von den Beiträgen des RefLab Podcast-Festivals 2025 sind die hier thematisch passend: Hoffnung lernen; Hoffnung auf Standby; Alles wird gut? Nein!; Welchen Weltuntergang hätten Sie denn gerne?
Weitere, vertiefende und ergänzende Blogbeiträge finden sich unter dem RefLab-Stichwort «Hoffnung»
Foto von Daniel Ramos auf Unsplash







