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Lesedauer: 5 Minuten

Was man Liebe nennt

In Memoriam

Gleich zwei deutsche evangelische Theologen, die mich beeindruckt und deren Werk mich geprägt hat, sind im vergangenen Monat gestorben.

Eberhard Jüngel, Systematischer Theologe in Tübingen, starb mit 86 Jahren am 28. September. Christoph Schwöbel, sein Nachfolger am selben Lehrstuhl (wie auch als Direktor des Tübinger Instituts für Hermeneutik) fand am 18. September mit nur 66 Jahren unerwartet früh den Tod.

Verschiedene gediegene Nachrufe sind in den letzten Tagen besonders zu Jüngel, dem bekannteren und wirkmächtigeren unter den beiden, erschienen. In der NZZ erinnert der ehemalige Fraumünsterpfarrer Niklaus Peter an Jüngels Leben und geistiges Erbe, in der FAZ hat Ingolf Dalferth seinem Lehrer die Ehre erwiesen, und auf reformiert.info findet sich ein persönlicher Nachruf der Zürcher Systematikerin Christiane Tietz.

Ich will hier keine weitere Würdigung des Gesamtwerkes von Jüngel oder Schwöbel anhängen – und ich könnte es auch gar nicht. Der Tod dieser beiden theologischen Schwergewichte bringt mich aber dazu, wenigstens über eine zentrale Einsicht nachzudenken, die sie mir nähergebracht haben.

Gott als Liebe denken

In seinem Hauptwerk «Gott als Geheimnis der Welt» wagt Jüngel eine denkbar knappe und prägnante Funktionsbestimmung der Theologie:

«Gott als Liebe zu denken, ist Aufgabe der Theologie.» (Gott als Geheimnis der Welt, 430).

Unter diesem Anspruch – oder im Zeichen dieser Mission – lässt sich Jüngels eigenes Werk lesen. Er hat Theologie betrieben, indem er den Spuren der Liebe Gottes nachdachte und Gott selbst als denjenigen zu erkennen und einsichtig zu machen versuchte, der Liebe ist.

Was «Liebe» an dieser Stelle bedeutet, ist für Jüngel dabei keineswegs beliebig. Nicht alles, was Menschen «Liebe» nennen, verdient diese Identifikation dem, was Gott selbst zutiefst ausmacht.

Wie viel Eigensüchtiges und Zweckrationales, wieviel Doppelbödiges und Verlogenes, wieviel Oberflächliches und Dummes wird von uns allzu leichtfertig mit dem Prädikat «Liebe» versehen.

Nein, nicht überall wo «Liebe» draufsteht, ist auch Liebe drin.

Über Gott nicht schweigen

Und doch muss man auch das andere sagen – dass nämlich die Liebe, welche das Neue Testament mit Gott selbst identifiziert (1. Johannes 4,8: «Gott ist Liebe»), nicht etwas ganz anderes ist als das, was sich Menschen unter Liebe vorstellen.

Das war Jüngel entscheidend wichtig: Theologie hat seiner Überzeugung nach «dem Wesen der Liebe zu genügen, die auch als Prädikat Gottes dem nicht widersprechen darf, was Menschen als Liebe erfahren» (Gott als Geheimnis der Welt, 430).

Denn wenn Gottes Liebe auch das Gegenteil dessen bedeuten mag, was Menschen unter Liebe verstehen, könnte der «liebe Gott» auch ein sadistischer Teufel sein.

Sicher: Theologische Rede von Gott kann Gottes Sein nie einfangen, nie auf den Begriff bringen – sie kann sein Geheimnis niemals lüften –, aber sie darf auch das Vertrauen nicht aufgeben, mit ihren Worten etwas von der Wirklichkeit Gottes zu «treffen».

Andernfalls wären Theolog:innen schlicht zum Schweigen verpflichtet.

Bodenständige Wahrheit

Als philosophisch geschulter Zeitgenosse hat Jüngel diese Überzeugung durch ausgiebige Studien zum Analogiebegriff verteidigt. Die Berechtigung der Zuversicht, angemessen vom Geheimnis Gottes zu sprechen, liegt für ihn aber in der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus:

Die Begriffe, mit denen Christ:innen über Gott reden können, werden uns von jenem Gott gegeben, der mitten unter uns gekommen ist, unsere menschliche Lebenswelt, unsere Kontexte und unsere Sprache geteilt hat.

Im Neuen Testament wird das daran deutlich, dass die berühmte Aussage «Gott ist Liebe» nicht im luftleeren Raum gemacht und der Deutungswut der Leser:innen anheim gegeben wird, sondern dass sie ganz konkret und buchstäblich «geerdet» wird:

Was die Liebe ist, die Gottes Wesen auszeichnet, wird in dem «eingeborenen Sohn» greifbar, der in die Welt gesandt wurde, «damit wir durch ihn leben» (1. Johannes 4,9).

Die Liebe, die Gott ist, hat eine Geschichte auf dem Boden der Tatsachen, sie hat ein Gesicht, das sich in Jesus Christus zeigt.

Gott ist Beziehung

Christoph Schwöbel vollzieht einen vergleichbaren Denkweg, dreht den Gedanken der Identifikation Gottes mit der Liebe aber noch eine Umdrehung weiter.

Sein bekanntestes Werk – der Aufsatzband «Gott in Beziehung» – gibt seine zentrale theologische Überzeugung bereits im Titel wieder: Der christliche Gott kann mit Recht Liebe genannt werden, weil er an und für sich schon Beziehung ist. Genauer: Weil er immer schon in der liebenden Gemeinschaft dreier Personen existiert.

Ausgerechnet die Lehre von der Dreieinigkeit, die in unserer Zeit (und wahrscheinlich in jeder anderen auch) nun wirklich nicht leicht zu vermitteln ist, wird für Schwöbel zum Schlüssel für die Aufgabe, Gott als Liebe zu denken:

Gott ist selbst ein Beziehungsgeschehen – das Ereignis der lebendigen, freien, hingebungsvollen Liebe zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Am Familientisch Gottes

Was das jetzt mit uns zu tun hat?

Ganz alltagsprachlich ausgedrückt verschafft uns Gott einen Platz am Familientisch. Er nimmt uns in die Gemeinschaft auf, die Gott immer schon auszeichnet.

Wenn etwas im Leben von Jesus Christus deutlich wird, dann ist es seine Bereitschaft, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und sie zu Verbündeten zu machen; ihnen an seiner Beziehung zum Vater Anteil zu geben. Der Wanderprediger von Nazareth ist die Einladung Gottes, nicht nur etwas von ihm zu empfangen, sondern sich hineinziehen zu lassen in eine Realität, es verdient, Liebe genannt zu werden.

Das nehme ich aus dem Werk der beiden verstorbenen Systematiker für mein Denken und meinen Glauben mit. Es kann natürlich sein, dass ich sie damit missverstanden habe. Dann werden sie darüber aber milde lächeln können – weil auch ihr eigenes Denken über Gott, ihre eigene Theologie von der Wirklichkeit der Gegenwart Gottes übertroffen wird…

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3 Kommentare zu „Was man Liebe nennt“

  1. Jürgen Friedrich

    Lieber himmlischer Vater auf Erden, ja du bist hier, teilst dich mit in menschenwort, du teilst dich aus durch die Hand von Menschen, verteilst Dich in unsere Hände und Herzen. Ich staune und danke. Öffne mich mehr und mehr für die Vielfalt deiner Einheit. Amen

  2. Danke Manu! So schön!
    Übrigens ist einer meiner Lehrer, der Sozialethiker Hans Ruh am gleichen Tag gestorben wie Eberhard Jüngel. Ich glaub‘ die wollen auf höherer Ebene miteinander weitertheologisieren 😉

  3. Angela Wäffler-Boveland

    Alle Gedanken kann ich von Herzen unterschreiben – dazu noch eine Ergänzung: Der Satz „Gott ist Liebe“ lässt sich nicht umkehren wie eine mathematische Gleichung; dann gerät beides in eine fatale Schieflage: „Liebe ist Gott“ würde zum einen menschliche Liebe zu einer Forderung verunstalten und andererseits transzendieren. Beides haben weder Schwöbel noch Jüngel gemeint, wenn sie „Gott ist Liebe“ als Beziehungsgeschehen beschreiben.
    Vielleicht hat jemand Lust, am 28.10. über Mittag gemeinsam weiterzudenken?
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