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Lesedauer: 7 Minuten

Warum ich Mark Driscoll liebte

Kuriose Typen

Er war der Wunderknabe und das enfant terrible des amerikanischen Evangelikalismus zugleich.

Mit knapp 25 Jahren gründete er in seinem Wohnzimmer mitten in der Millionenstadt Seattle die Mars Hill Church: Eine eigenartige Versammlung aus bärtigen Indie-Rockern, bierbrauenden Hipstern und Informatikstudenten (und ja, auch einige Frauen waren mit dabei…), die von der ungeschminkten Art ihres «Pastors» fasziniert waren.

Don Miller, Autor des furiosen Bestsellers Blue Like Jazz, hat den jungen Mark Driscoll als den «cussin‘ pastor» bekannt gemacht, den fluchenden Pfarrer also. Und tatsächlich durfte man für seinen Predigtstil nicht allzu zart besaitet sein. Driscoll war nicht der Typ für verbale Nettigkeiten und Streicheleinheiten.

Die kürzeste Zusammenfassung der christlichen Botschaft aus seinem Munde lautete «You suck, Jesus saves» (Du bist ätzend, fürchterlich… aber Jesus rettet). Das hängt sich keiner an den Kühlschrank.

Beispielloser Erfolg

Trotzdem – oder gerade deswegen? – wurde die Mars Hill Church zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Innerhalb von nur 15 Jahren wuchs die Gemeinde auf eine Versammlungsgröße von über 12‘000 Besuchern an und wurde zum internationalen Medienphänomen.

Ausgerechnet in der kirchendistanziertesten Stadt Amerikas, in welcher – wie Driscoll gerne betonte – mehr Hunde als Christen lebten, strömten besonders junge Menschen in Strömen in die Gottesdienste. Mars Hill expandierte an 15 in der Stadt (und darüber hinaus) verstreuten Standorte und setzte in der Nutzung der aufstrebenden Sozialen Medien neue Maßstäbe.

Als hierzulande noch kaum einer wusste, was um Himmels Willen ein «Podcast» sein soll, zählte Mars Hill schon Zehntausende von Podcast-Abonnenten.

In den goldenen Zeiten der Kirche wurde jede Predigt von Mark Driscoll über 250‘000 Mal auf YouTube und iTunes (Apple Podcast) gestreamt. Driscoll wurde zur großen Hoffnung der neuen Reformierten auf einen erneuten religiösen Aufbruch in den USA.

Rasanter Niedergang

Und dann brach alles zusammen. Praktisch über Nacht.

Im Herbst 2014 kommunizierte Mark Driscoll seinen Rücktritt als Senior Pastor der Mars Hill Church. Die Ältesten und Pastoren der Kirche versuchten noch, die einzelnen Standorte in eine selbständige Existenz als Ortsgemeinden zu führen. Ohne ihr charismatisches Bühnenwunder als Markenkern und USP der Organisation waren diese Satelliten aber augenscheinlich nicht überlebensfähig.

Der Cäsar riss sein eigenes Imperium mit in den Untergang.

Und im Unterschied zum Schicksal anderer amerikanischen Megachurch-Pastoren scheint hier für einmal kein Skandal um Prostituiertenbesuche, Steuerbetrug oder Häresieverbreitung den Ausschlag gegeben zu haben.

Die grösste evangelikale Zeitschrift Christianity Today arbeitet in einem erfolgreichen Podcast unter dem Titel «The Rise and Fall of Mars Hill» die dramatische Geschichte dieser Kirche und ihres charismatischen Leiters nach.

Ein Interviewpartner gibt dort zu Protokoll, es würden ja viele Pastoren ihren Job verlieren – Mark Driscoll aber sei gefeuert worden, «weil er einfach ein A****loch war».

Eigenartige Faszination

Zum Glück brauche ich das nicht selbst zu beurteilen. Ich weiß nur, dass dieser umstrittene Mann eine Zeitlang eine ganz unheimliche Faszination auf mich ausübte.

Kennen gelernt hatte ich Mark Driscoll zu Beginn meines eigenen pastoralen Dienstes vor gut 17 Jahren. Natürlich nicht persönlich, sondern über seine populären Predigten, die ich fortan regelmäßig als Podcast hörte.

Oberflächlich betrachtet waren es wohl vor allem Driscolls rhetorische Fähigkeiten, die mich beeindruckten:

Er schaffte es, eine Versammlung mehrerer Tausend junger Menschen (die meisten von ihnen Student:innen) jeden Sonntag über eine Stunde lang in seinen Bann zu ziehen – und zwar mit durchaus anspruchsvollen Textpredigten zu biblischen Büchern, welche man in privater Lektüre eher überspringen würde.

Natürlich waren seine Predigten gleichzeitig ausgesprochen unterhaltsam, gespickt mit frechen Sprüchen, humoristischen Einlagen und popkulturellen Referenzen. Anspielungen auf hippe Indiebands, kultige Filme und Comichelden gehörten zur rhetorischen Klaviatur Driscolls.

Unerschütterliche Überzeugung

Aber da war noch mehr. Mark Driscoll war in vielerlei Hinsicht der Gegenabdruck meiner Persönlichkeit.

Als junger Pastor habe ich mit jeder einzelnen Predigt zig Stunden gerungen. Alle Samstage durchlief ich eine zutiefst einschüchternde Phase, die meine Frau liebevoll-augenzwinkernd die «Prä-Predigt-Depression» nannte (zuweilen gab‘s dann auch die Post-Predigt-Manie…).

Darf man das so sagen, wie ich es sagen möchte? Was bilde ich mir ein, anderen Predigten halten zu wollen? Habe ich überhaupt irgendjemandem irgendetwas zu sagen?

Nicht selten fühlte sich die Fahrt in den Gottesdienst für mich an wie eine Führung an die Schlachtbank. Ich wollte zurück ins Bett, Netflix schauen, Tee trinken, auf jeden Fall nicht vor hunderte von Menschen treten, die von mir ein richtungsweisendes, tröstendes, lebensspendendes Wort erwarteten…

Und da kommt dann dieser Mark Driscoll daher. Pure Überzeugung vom Scheitel bis zur Sohle. Nach kurzer Vorbereitung weiß er schon genau, was er seinen Zuhörern zu sagen hat. Keine Sekunde scheint er an sich zu zweifeln, mit seiner Berufung zu hadern.

Was habe ich ihn dafür bewundert. Und beneidet!

Kratzbürstiges Christentum

Dabei erweckte Driscoll nie den Anschein, als ob er jemandem etwas verkaufen wollte. Im Gegenteil kokettierte er gerne mit Sätzen wie: «Ich weiß, dass wir wieder ein paar hundert Mitglieder verlieren werden, wenn ich das jetzt sage – aber ich sag’s trotzdem, weil es wahr ist…».

Für die weichgespülten evangelikalen Wohlstands- und Wohlfühlprediger hatte er nur Spott übrig. Joel Osteen (Amerikas sogenannter «smiling preacher») und seine zelebrierte Harmlosigkeit waren ihm ein besonderer Dorn im Auge (vgl. seine legendäre Kritik an Osteens Prosperity Gospel, greifbar auf Youtube).

Für viele war Mark Driscoll zweifellos ein wohltuend kratzbürstiger Kontrast und vielleicht auch ein notwendiges Gegengift zu den aalglatten amerikanischen TV-Predigern mit ihren Designeranzügen und ihrer Verkäuferattitüde.

Dass auch Driscolls öffentliches Rebellentum wiederum zum geschickten Sales Pitch verkommen könnte, ist mir damals nicht in den Sinn gekommen.

Ich habe einfach über seine Bereitschaft gestaunt, für das einzustehen, was er als wahrhaftig und notwendig erkannt hatte, ohne sich um den Applaus der Öffentlichkeit zu scheren.

Wie gerne hätte ich diese Kompromisslosigkeit auch besessen…

Rückblickende Einsicht

Sicher: Im Rückblick ist man immer schlauer. Nach dem dramatischen Niedergang der Mars Hill Church und diversen Enthüllungen zum tyrannischen Verhalten ihres Leiters wurde jedem klar, dass das Mark-Driscoll-Karussell frei gedreht hatte. Selbstbewusstsein und Unerschütterlichkeit zeugen eben nicht nur von Mut und Eigenständigkeit, sondern zählen zugleich zu den Synonymen für Narzissmus und Sturheit.

Außerdem wäre ich nach meiner theologischen und persönlichen Entwicklung der letzten Jahre heute wohl deutlich weniger anfällig für Typen vom Schlag Mark Driscolls.

Noch immer beschäftigt mich aber die Frage, was es denn bedeutet, feste Überzeugungen zu hegen und sie auch leidenschaftlich zu vertreten, ohne dabei ein unbelehrbares A****loch zu werden.

Geht das überhaupt zusammen: Klare Kante, profilierte Positionen – und Bescheidenheit, Lernbereitschaft? Und spezifischer: Kann man die christliche Botschaft ernsthaft und überzeugt vertreten, ohne gleichzeitig deren Werte durch die eigene Härte und Borniertheit zu verraten?

Bescheidene Gewissheit

Um es kurz zu machen: Ja, das geht.

Zumindest wenn es uns gelingt, uns von falschen Gegensätzen wie Gewissheit und Bescheidenheit, Überzeugung und Lernbereitschaft zu verabschieden.

Mir hat hier die Unterscheidung zwischen dem, was man glaubt, und dem, wie man es glaubt, sehr geholfen. Es ist eine Frage, was wir für richtig und wichtig halten – es ist eine andere Frage, wie wir diese eigenen Richtigkeiten und Wichtigkeiten nach außen vertreten und wie wir mit Menschen umgehen, die sie nicht teilen.

Wir können durch eigene Überlegungen und Einsichten, durch spirituelle Erfahrungen und Offenbarungsmomente, durch Gespräche und Lektüre ganz bestimmte Überzeugungen ausbilden. Das verpflichtet uns aber noch nicht auf eine arrogante und ignorante Haltung.

Um einem anderen enfant terrible des amerikanischen Christentums das letzte Wort zu geben:

«Man kann etwas mit so großer Überzeugung vertreten, dass man für diesen Glauben sterben würde, und doch kann man im gleichen Moment sagen:

‹Ich könnte mich auch irren…›

Das ist möglich, weil Überzeugung und Demut so wie Glaube und Zweifel keine Gegensätze sind; sie sind Tanzpartner.»

(Rob Bell: Mit dir. Für dich. Vor dir., 102.)

 

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1 Kommentar zu „Warum ich Mark Driscoll liebte“

  1. Die ersten Folgen von „The Rise and Fall of Mars Hill“ fand ich fantastisch, vor allem die zum Umgang mit Geschlechterrollen. Aber zunehmend kam bei mir das Gefühl auf, dass viele der „allgemeinen“ Probleme US-evangelikaler (oder neo-reformierter) Theologie und Kirchlichkeit „subjektiviert“ werden – Schuld am ganzen Schlamassel sei der schlimme Charakter von Mark Driscoll.
    Seine Aussagen über die Rolle der Frau, zur Sexualität (oder auch über andere Religionsgemeinschaften) spiegeln ja eigentlich nur pointiert – und teilweise vulgär wieder – was seit Jahren propagiert und publiziert wurde. (Das Konzept von „Biblical Womanhood“ geht z.B. auf John Piper zurück; das Gleichsetzen von Kirchenwachstum mit Relevanz fand sich genauso auch bei Bill Hybels und Rick Warren…).
    Von daher wirkt der Podcast auf mich auf Dauer eher apologetisch: Das Problem sind einzelne Pastoren wie Mark Driscoll – und nicht die Theologie, die sie verkörpern oder das kirchliche System, in dem sie agieren.

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