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Adventsgeschichten [2]: Von Keksen, Lackschuhen und vom heil werden

Ein Abend im Advent. Der Regen nieselt absichtlich seit Stunden vor sich hin. Als wüsste er von der Sehnsucht der Menschen und meiner dünnen Haut. Ich friere. Die Hauptstrasse hat sich die Dunkelheit angezogen, nur die Reklame leuchtet und hier und dort ein Fenster. Hinter den Mauern flüstern leise Stimmen. Ich blicke an den dunklen Häuserfassaden hoch.

Oben im zweiten Stock Hausnummer 17 ist Licht.

Ich stelle mir vor, wie sie Kekse backen. Die Nachbarn aus der Ukraine sind auch rübergekommen. Sie haben selbstgemachte Marmelade dabei. Zuckerguss tropft auf die Tischplatte, bunte Streusel kleben darauf fest. Aus dem Radio singt Cris Rea: „Driving home for Christmas“. Durch das offene Fenster zieht ein Duft von Zimt und Besinnlichkeit. Zuckerguss und Vanillegebäck finden in kleinen Plastiktüten zusammen. Die Nachbarn wollen ein Päckchen in die Heimat schicken. Irgendwas muss man ja tun.

Vor dem Haus, in der Unterführung, hocken drei Gestalten, die die Gute alte Zeit nie erlebt haben. Schlafsäcke schützen vor dem Ostwind in den sternenklaren Nächten. In den Bechern ist warmes Gold, flüssige Hoffnung, zumindest für den Rest des Abends.

Sie warten auf eine frohe Botschaft.

Auf einen König oder zumindest etwas Geld in der Tasche. Nützt ja nix. Auf einem Teller, der über ihren Köpfen in dem Durchgang angeklebt wurde, steht in schwarzen Lettern: Mach heil was dich kaputt macht.

An den drei Heiligen vorbei klackern schwarze Lackschuhe über das regennasse Kopfsteinpflaster. Die Schuhe sind auf dem Weg nach Hause.

Alle sind auf dem Weg irgendwohin. In der Hoffnung auf eine heile Welt.

Oder zumindest etwas Liebe. Die heiligen drei Könige nach Bethlehem, Kinder zu ihren Eltern, ein Päckchen mit Keksen in die Ukraine, Lachse zum Sterben den Fluss hinauf und die Lackschuhe in eine Zweizimmerwohnung.

Die Leuchtreklame eines grossen Getränkekonzerns leuchtet den Lackschuhen von der anderen Seite der Strasse entgegen:

Weihnachten hat ein Zuhause

steht auf dem Plakat. Die Frau mit dem Rentierpullover lächelt. Sie sieht dabei zu, wie ihr Sohn ein Geschenk öffnet, eine Colaflasche in der Hand. Die Lackschuhe auf dem Pflaster haben kein wirkliches Zuhause mehr. Zumindest nicht mit Kind und Partner. Nur noch zwei Zimmer, Küche, Bad, mit einer kleinen Palme an der drei Christbaumkugeln hängen.

Aus dem Fenster an der Ecke, Erdgeschoss Hausnummer 9, leuchtet ein Rentierschlitten unaufhörlich gegen jedes Trübsal und jede Trostlosigkeit an diesem Abend. Als würden die Lichter mir entgegen schreien, dass doch noch Weihnachten werden wird und die Welt ein bisschen heiler. Und wenn nicht heute, dann zumindest bald. Ich wills ihm glauben. Ich muss es ihm glauben.

Kekse backen gegen die Ohnmacht. Die Steine im Magen mit Plunderteig umhüllen, bis sie weich werden.

Und heisse Schoki für den Kloss im Hals, flüssiges Gold, das wärmt und nach Hoffnung schmeckt. Und eine Zweizimmerwohnung mit einer Weihnachtspalme. Die Leuchtreklame erhellt die Dunkelheit.

Ich ziehe meine Jacke enger zusammen und setze meine Kopfhörer auf. Der Regen nieselt nach wie vor. Und Coldplay singt zu den Heiligen drei Königen, den Ohnmächtigen und Lackschuhträgern und zu mir:

«Lights will guide you home, and ignite your bones and i will try to fix you.»

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