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Lesedauer: 3 Minuten

«Verstehst Du, was Du liest?»

Anmerkung: Dieser Blogbeitrag lehnt sich an einen Workshop an, welchen die Autorin an der Digitalen Kirchentagung 2021 gehalten hat.

Wir Protestantinnen und Protestanten berufen uns auf die Bibel. Nur auf die Bibel. Und das in je unserer Interpretation.

Für die einen ist die Bibel ein Rezeptbuch, in dem sie bei Problemen Rat holen. Für die anderen ist sie dasjenige, woraus am Sonntag gepredigt wird, aber sonst nicht weiter vorkommt.

Eine ganz und gar unrepräsentative Umfrage aus dem Workshop der Kirchentagung sagt aus, dass ungefähr die Hälfte der Teilnehmenden die Bibel «gelegentlich» liest, die andere Hälfte «praktisch nie». Eine kleine Minderheit dafür «täglich».

Lesen ist das eine, verstehen das andere. Was erhoffen wir uns denn von der Bibellektüre? Inspiration vor allem, sagen die Teilnehmenden. Impulse, Sinn und Hoffnung, aber auch Antworten und Bestätigungen. «Niemand glaubt, dass die Bibel meint, was sie sagt. Jeder ist stets davon überzeugt, dass sie sagt, was er meint», sagt der alte Zyniker George Bernard Shaw.

Hören und verstehen wir aus den biblischen Texten immer nur uns selber? Was und wie verstehen wir denn, was wir lesen?

Schon die Kirchenväter haben unterschiedliche Weisen des Hinhörens identifiziert. Neben dem wörtlichen Verständnis als historische Gegebenheiten gab es da die moralische (was will Gott, dass ich tun soll?), die heilsgeschichtliche (was hat Gott mit der Kirche vor?) und die eschatologische (wie wird es im Reich Gottes sein?) Lesart. Die Reformatoren haben das verworfen und gesagt, es gäbe nur eine einzige Brille, durch die man das Alte und das Neue Testament lesen dürfe: Jesus Christus.

Die Geschichte hat gezeigt, dass uns beides nicht vor schrecklichen Fehlinterpretationen schützt. Ketzerverfolgungen, Zwangsmissionierungen, Religionskriege, Antisemitismus … die Liste ist lang.

Neben der «Lectio Divina», dem meditierenden und betenden Lesen des Bibeltextes im stillen Kämmerlein sind auch andere Formen des Lesens und Verstehens entstanden. Solche, in der das Verstehen nicht einen schon feststehenden Inhalt sucht und findet, sondern in der es in einer Gemeinschaft allererst entsteht.

Der Bibliolog, in der sich die Teilnehmerinnen immer wieder in die biblischen Personen hineinversetzen. Das Bibliodrama, bei dem die biblischen Geschichten wirklich gespielt werden. Und das Bibelteilen, bei dem die Teilnehmer ihre persönlichen Erfahrungen mit den Texten austauschen und so ein vielfältiges Puzzle entsteht.
Verstehen wird so mehrdimensional. Und es rutscht vom Kopf in den Körper, in Hand und Beine, mit Haut und Haar und Herz.

Verstehst Du, was Du liest? Nein, noch nicht – aber wenn wir mit Leib und Seele in den Text eintauchen, dann schmecken und sehen wir gemeinsam, wie sich die Welt in Gottes Licht verändert.

Das bewahrt wahrscheinlich auch nicht davor, dass ich die Texte gerne so lese, dass sie mich bestätigen. Aber da sind ja noch die anderen. Und die lesen und erzählen es anders. Dann muss ich buchstäblich noch einmal über die Bücher. Und das ist gut so.

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