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Lesedauer: 6 Minuten

Vampirblüten konservativer Romantik

Twi-Was?

Wer Nachholbedarf in populärkultureller Literatur hat: «Twilight» ist eine mehrbändige Buchreihe über die Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau, Isabella «Bella» Swan und einem Vampir, Edward Cullen. In verschiedenen psychischen wie physischen Kämpfen, die sich durch die Bücher ziehen, müssen die beiden ihre Vampir-Mensch-Liebe gegenüber anderen behaupten. Am Ende heiraten Bella und Edward, bekommen ein Vampirbaby und Edward verwandelt Bella durch einen Liebesbiss in einen Vampir.

Kitschige Sehnsüchte für Heranwachsende

Ich selbst habe die Bücher als 15-Jährige gelesen. Ich habe sie gehasst und gleichzeitig geliebt. Einerseits wusste ich, dass «Twilight» nur eine Variante eines uralten Klischees beschreibt: Ein Mann verliebt sich unsterblich in das unscheinbare, aber schöne Mauerblümchen. Diese Liebe wird durch seine persönlichen Bad-Boy-Probleme dermassen belastet, dass es diverse Komplikationen gibt, er ihr weh tut, sie leidet, aber, noch viel wichtiger, auch er leidet. Am Ende ist die Liebe der beiden zueinander grösser als alles andere, «larger than life», sodass ihre Liebe ihn heilt, nichts die beiden zerstören kann und sie heiraten.

Kein Mann in meinem Umfeld war damals (und ist auch heute nicht) so, also war ich genervt davon, dass jemand schon wieder so eine Geschichte erzählte. Genervt, weil sich andererseits mein 15-jähriges Ich, das damals gerade die Pubertät durchmachte und erst eine Beziehung zu sich selbst und ihrem Körper finden musste, nach jemandem sehnte, der sagte «Es ist alles okay mit dir» und darüber hinaus sogar «Du bist die tollste und schönste Frau auf dieser Welt» und «Ich will dich, für immer».

Spätestens an dieser Stelle müsste doch eine Warnlampe aufblinken. Woher kommt der Wunsch eines Teenagers, sich so früh und so definitiv an jemanden zu binden? Damals liebte ich die Geschichte dafür, dass sie mich davon träumen liess, dass es eine solche Liebesgeschichte womöglich geben könnte. Doch gerade diese Sehnsucht nach einem Gegenüber, das die eigenen Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühle ausbügelt, erscheint mir mittlerweile gefährlich.

Definiert durch Männer

In allen Büchern wird Bella durch Männer definiert. Die Handlung gerät nur ins Rollen, wenn Männer in ihr Leben und mit Bella in Beziehung treten. Dass Bella ein eigenständiges Leben lebt, Zeit alleine geniesst, Dinge mit Freund*innen unternimmt oder Hobbies hat, kommt nicht vor – oder wenn, dann als unliebsamen Notnagel oder in selbstzerstörerischer Form, um Liebeskummer zu bewältigen. Bella handelt nicht, sie lässt sich behandeln.

Edward bildet die Lebensmitte, um die alles andere angeordnet wird.

Natürlich ist mir das als Teenagerin aufgefallen. Ich fand den zweiten Band furchtbar, in dem Bellas Welt unterging, weil Edward sie verliess. Sie versank in einer monatelangen Apathie, die mich damals wie heute abschreckte. Und man könnte meinen, dass es heute, mit Ende 20, Sonnenbrille, Ironie und Flatwhite leichter wäre, sich zu fragen, «wie man nur so sein kann». Aber es ist nicht so einfach.

Obwohl ich äusserlich stark, feministisch und unabhängig bin, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich innerlich eine heterosexuelle Beziehung zu einem Mann als ultimative Lebenserfüllung definiere. Woher kommt das?

Das Bella vs. Feministin Dilemma

Ich habe keine empirisch belegte These. Aber wenn ich subjektive Faktoren aufzählen müsste, wären es die folgenden: Als Teenagerin konnte ich zwar erkennen, dass ich solche Beziehungsformen krank finde – und auch, wie Edward über Bellas ganzes Leben verfügt und bestimmt. Doch ich besass weder die Persönlichkeit noch das Umfeld (wie beispielsweise Stephans Tochter), um diese Beziehungsmuster auseinanderzunehmen. Ich wuchs in einer bürgerlich-traditionellen Welt auf, die von Büchern und Filmen (Disney-Prinzessinnen!) nach dem Twilight-Muster geprägt waren.

Und freikirchlichen Gemeinschaften, denen ich 20 Jahre lang freiwillig angehörte, idealisierten weibliche Rollenbilder einer sanften, passiven, «hörigen» Frau nach Bella Swan.

In beiden Fällen wurden «sozialen Skripte», in denen sich das Leben einer Frau um den Mann dreht, nicht kritisch hinterfragt, sondern im Gegenteil gefördert oder gar erwartet. Die Geschichte jeder Disneyprinzessin vor «Rapunzel» und «Frozen» endet mit dem Hochzeitskuss. Wie oft habe ich gehört, dass Beziehungen nur funktionieren, wenn der Mann sie initiiert? Dass Frauen sich – wenn nicht physisch, dann geistlich – unterordnen sollen, weil Frauen das zartere, zerbrechlichere Geschlechtergefäss sind?

Wie oft habe ich mitbekommen, sei es durch Predigten oder Fotos, dass man am besten in seinen frühen 20ern eine heterosexuelle Ehe eingeht, wenn man angeblich am schönsten ist und die Fotos am besten werden? Dabei spielt es keine Rolle, ob eine Person oder ein Paar reif genug für diese grosse Lebensentscheidung ist. Es gehört so sehr zum sozialen Skript, dass man mehr Gegenwind erfährt, wenn man es nicht befolgt. Je nach Gemeinschaft, in der man sich bewegt – und ich habe mich sehr lange in solchen aufgehalten – gilt dieser Lebensweg als «ideal» für alle Menschen und als «moralisch richtig».

Bella und Edward schlafen beispielsweise erst miteinander, als sie verheiratet sind. Vorher gibt es in den Filmen nur zartes Geknutsche, das Edward selbstbeherrscht nach einem Kuss abbricht, wenn es zu intensiv wird.

Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder

Zwei Bücher, die in diesem Bereich besonders federführend waren in meinem Umfeld, waren die Männlichkeits- und Weiblichkeitsbücher von John und Staci Eldredge. In «Der ungezähmte Mann» bzw. in «Weisst du nicht, wie schön du bist?» werden die Rollenbilder vom wilden Helden und der zarten Prinzessin eindrücklich genährt. Die Beschreibung zum Weiblichkeitsbuch lautet auf «Goodreads»:

«Jede Frau war einmal ein kleines Mädchen. Und jedes kleine Mädchen trägt ihre kostbarsten Träume in ihrem Herzen. Sie sehnt sich danach, in eine Liebesgeschichte hineingezogen zu werden, eine unersetzliche Rolle in einem grossen Abenteuer zu spielen, ‘die Schönheit’ der Geschichte zu sein.»

Für Männer gibt es natürlich ein entsprechendes Heldenskript.

Kein Happy End

Für mich schildert das die Haltung, wie sie in Büchern wie Twilight geschildert wird. Religiös begründete Geschlechterrollen spiegeln sich in Teenie-Romanzen und umgekehrt. Zu keinem Zeitpunkt geht es darum, sich selbst zu fragen, ob man eine*n Partner*in möchte und wie diese Beziehung aussehen soll. Es gilt von Anfang an als bestimmt, dass es in jedem Fall besser ist, eine*n Partner*in zu haben als allein zu sein. Menschen, die allein sein wollen, die keine Kinder wollen, oder Menschen, die Interesse am falschen Geschlecht zeigen, bieten diese Narrative keinen Platz.

Bücher wie «Twilight» leisten für mich einen entscheidenden Beitrag, dass sich genügend Frauen mit ihrem eigenen Einverständnis von einem Mann bestimmen lassen, ihr ganzes Leben auf einen Mann ausrichten und das als romantische und fürsorgliche Liebe begreifen.

Frauen begeben sich in eine sehr verletzliche Position, wenn sie wichtige Entscheidungen ihres Lebens einfach anderen überlassen.

Und natürlich hat es für Männer Konsequenzen, wenn sie kein wirkliches Gegenüber vor sich haben und ständig alles im Griff haben sollen, weil das Gegenüber schwach und nicht belastbar ist.

Bitte, versteht mich richtig: Mir geht es nicht darum, Romanautor*innen, Disney-Filmen oder Freikirchen die Schuld an verkorksten bis hin zu sehr problematischen Beziehungen zu geben. Am Ende entscheiden wir Menschen uns, auf welche Beziehungen wir uns einlassen. Aber es wird Zeit, dass wir uns vertieft damit auseinandersetzen, mit welchen Einflüssen, verinnerlichten sozialen Skripts und Selbstbildern wir romantische Beziehungen eingehen. Ich hoffe, ich habe mehr als deutlich gemacht, dass ich kein Rezept dafür habe, wie es «richtig» funktioniert. Aber ich wünsche mir, dass wir ein Gespräch darüber beginnen können.

 

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1 Kommentar zu „Vampirblüten konservativer Romantik“

  1. Ja, auch in Büchern kommen Frauen seltener zu Wort, werden oft von Männern „gerettet“ , sind eher passiv… Dies prägt uns und trägt dazu bei, zu glauben, ohne Mann sei man hilflos und inkomplett. Das evangelikale Frauenbild schlägt auch in diese Kerbe, sei es durch Beziehungensbücher, bei denen der Mann der Intitiator sein sollte, der Frau vor allem den reagierenden, passiven Part zugeteilt wird. Auch durch das oft vermittelte hierarchische Rollenbild mit klar definierten Rollen, bei dem die Frau vor allem die Unterstützung und Hilfe für die Träume/Karriere/Wünsche des Mannes ist, wird die ungesunde Abhängigkeit noch verstärkt. Ich hoffe, dass die Mädchen von heute nicht auf den Prinzen warten, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Doch dazu müssen neue Geschichten geschrieben und andere Rollen vorgelebt werden.

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