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Superthemen und innere Freiheit

Eigentlich stimmt das aber gar nicht. Nicht, dass es nicht viele Informationen wären, die in Zeitungen und Nachrichtensendungen aufbereitet werden. Aber sie prasseln überhaupt nicht auf uns ein. Sie liefern eher das Hintergrundrauschen für das jeweils eine grosse Thema. Und diese Superthemen erklären mir wenig, sondern belasten mich vor allem.

Ab Mitte 2017 war das die Klimakrise. Ab 2020 die Corona-Pandemie und seit Februar 2022 die Zeitenwende und der Ukraine-Krieg. Diese Themen sind «Superthemen», weil sie so mächtig sind, dass sie die Wahrnehmung aller anderen News, Entwicklungen und Schlagzeilen steuern. Sie strukturieren, wie wir über Digitalisierung, Demokratie, Gerechtigkeit, Wirtschaft und Gesellschaft denken und lenken unsere Erwartungen an Politik, Bildung oder mediale Berichterstattung.

Airlines sind ein anderes Thema angesichts der Klimakrise als mitten in einer Pandemie. Sicherheit ist ein anderes Bedürfnis, wenn Extinction Rebellion protestiert, als zum Zeitpunkt in dem Putin die Ukraine überfällt. Und während der starke Mann für die Fridays for Future-Bewegung anachronistisch wirken muss, wird er gegenwärtig zum Vorbild.

Immer noch Klimakrise, immer noch Pandemie

Eigentlich wäre immer noch Klimakrise und eigentlich ist immer noch Pandemie. Aber diese Krisen sind zu Themen unter anderen Themen degradiert. Sie lenken die Diskurse nicht mehr, sie sind nur noch Gegenstand.

Für Religionsgemeinschaften, die aufgrund von Mitgliederverlust und Bedeutungsschwund darum ringen, am Puls der Zeit zu sein, stellt das eine regelrechte Überforderung dar. Kaum haben sie die «Bewahrung der Schöpfung» in eine der Klimajugend entsprechendere Sprache übersetzt, mussten sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit angesichts der Pandemie bearbeiten. Nur, um kurz darauf ihre selbstverständlich gewordene und stillschweigend breit akzeptierte, aber kaum reflektierte antimilitärisch-pazifistische Haltung zu überdenken.

Religiöse Wahrheiten verglühen

Dabei sind die religiösen Wahrheiten Themen unter anderen Themen: Dinge, Aussagen oder Symbole, die im Licht der jeweiligen Superthemen kurz aufleuchten und dann verglühen. Ihre echte Kraft bestünde darin, einen Zufluchtsort, eine verborgene Perspektive, einen neuen Blick auf diese Welt anzubieten. Die Kraft religiöser Rede besteht nicht darin, die Welt und die Einsichten der Menschen in einer religiösen Sprache zu verdoppeln. Man gewinnt nichts, wenn man den Phänomenen, die uns jetzt beschäftigen, einfach religiöse Namen gibt.

Gute Religion gibt den Dingen nicht einfach neue Namen, sondern entdramatisiert sie, weist auf ihre Bedingtheit, Vorläufigkeit und Überwindbarkeit hin. Selbst das apokalyptische Reden, das angesichts der Klimakrise ein Grundsound religiöser und säkularer Stimmen geworden ist, war in seinem Ursprung keine Schreckensrede. Die Apokalypsen begrenzen die Unruhe und das Leiden zeitlich und richten es auf eine grosse Vision aus, instrumentalisieren es.

In ihren starken Momenten gelingt es religiöser Rede, Freiheitsräume zu öffnen.

Dann ist immer noch Klimakrise, immer noch Pandemie und immer noch Krieg. Aber die Rede vermag uns aufzuheben an einem Ort, an dem uns das betrifft, ohne uns zu verängstigen, motiviert, ohne zu überfordern, verpflichtet, indem es uns frei macht.

Meistens neigen Religionen dazu, Dinge zu beurteilen. Sie wollen damit «Orientierung stiften». Aber das können sie nicht wirklich gut. Dass der Papst Impfungen empfiehlt und Krieg schlecht und Umweltschutz wichtig findet, ist sicherlich begrüssenswert. Aber auch kraftlos. Er verdoppelt nur in religiöser Sprache, was ich selbst auch schon weiss.

Freiheit und Hingabe

Ich erwarte von Religion nicht, dass sie mir die Welt erklärt. Das können Naturwissenschaften und Romane, Netflix-Serien und Markus Lanz besser. Ich sehne mich danach, dass sie mir ein anderes Verhältnis gegenüber der Welt anbietet.

Sie muss mir nicht erklären, wie in der Ukraine Frieden werden kann. Ich will Frieden finden angesichts einer Welt, in der Krieg herrscht. Ich brauche keinen religiös aufgeladenen moralischen Appell, um CO2 zu sparen, sondern eine Spiritualität, in der Verzicht kein Verlust, sondern Wachstum ist.

Ich möchte beten können. Im Gebet bleibt der Krieg, die Pandemie und die Klimakrise. Aber ich bin nicht davon eingenommen, nicht paralysiert.

In einer Welt, in dem Superthemen meine ganze Aufmerksamkeit verlangen, bekommen Stille, Gebet und Meditation einen fast revolutionären Charakter.

Sie sind Orte eines inneren Widerstands, Momente gelebter Freiheit, Gelegenheiten echter Hingabe.

Und wir entscheiden jeden Tag neu, wie viel Aufmerksamkeit wir dem neuen Superthema widmen und wie viel Zeit wir uns nehmen für die Stille, die uns hilft, die Welt nicht nur durch die Katastrophenbrille zu sehen. Betet, freie Schweizer:innen! Und dann könnt ihr immer noch Zeitung lesen 😉

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