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Lesedauer: 4 Minuten

Schlussstück

Der Junge war sechs Jahre alt und wollte seinen Ball holen, der auf die Hauptstrasse gerollt war. Das Auto hatte keine Chance zu bremsen. Ich habe ihn nicht gekannt. Er war ein Bruder einer Mitschülerin.

Als mein Grossvater fünf Jahre zuvor an Krebs gestorben ist, haben mir die Erwachsenen erklärt, dass Menschen eine Art Uhr hätten, die irgendwann abläuft. Ich habe dabei an eine Küchenuhr gedacht.

In meinen Kinderaugen war mein Grossvater uralt. Das war irgendwie plausibel. Aber der Junge? Das wollte mir nicht einleuchten. Und es war bedrohlich. Wieviele Jahre habe ich? Ist vielleicht schon morgen mein Verfallsdatum erreicht? Klingelt die Küchenuhr meiner Schwester vielleicht schon bald?

Wie viele Jahre?

In den letzten Tagen sind zwei Menschen verstorben, die mir viel bedeuten. Beide – verglichen mit der durchschnittlichen Lebenserwartung – früh. Sie nach jahrelanger Krankheit. Er ganz plötzlich. Und ich musste an die elende Küchenuhr denken. Sie bietet mir keinen Trost. Vielmehr ist sie sinnbildlich für die ungerechte Verteilung von Lebenszeit und ihr Ticken steht für den Skandal der Endlichkeit aller, die mir lieb sind. Wir haben uns daran gewöhnt und hören es gar nicht mehr.

Aber wenn der schrille Ton das rhythmische Ticken unterbricht, mischen sich unter die Bestürzung und Trauer auch die Fragen: Wie viele Jahre? Was wird bleiben? Wozu?

Religion

Viele meinen ja, dass die Religion ein Tool sei, um solche Zeiten zu überstehen. Wir fürchten uns vor dem Tod und erfinden einen Gott, der unser Leben über den Tod hinaus rettet und bewahrt.

Wir wollen die schlecht verteilte Lebenszeit nicht einfach hinnehmen und können mit dem Skandal der eigenen Endlichkeit nicht leben und erfinden einen Gott, der alles im Griff hat und es in einer höheren Ordnung, einem guten Plan auflösen wird.

Ach, wie wünschte ich mir das! Aber die Wahrheit ist: Gerade angesichts des Todes finde ich in diesen Bildern kein Zutrauen. Zu gross ist meine Angst, dass ich mich vertröste. Aber an einen Gott, der meine Lernbiografie plant und mich zurück holt, wenn ich die Lernziele erreicht habe, kann ich nicht glauben: Es sterben auch sture Menschen. Und solche, die noch viel hätten lernen können. Und solche, von denen wir noch viel hätten lernen können. Und an einen Gott, der uns wie ein Uhrwerk eingestellt hat und unser letztes Ticken terminiert hat, kann ich auch nicht glauben. Das Leben folgt keinem Plan. Es wird zu einem Leben, so wie und indem es gelebt wird. Nicht einmal Gott weiss, ob das Ende wirklich passen wird. Wie viele Jahre? Was wird bleiben? Wozu?

Schlussstück

Rilke formuliert in seinem Gedicht “Schlußstück”:

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns
mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Man kann dieses Gedicht als Mahnung gegen die eigene Vergesslichkeit verstehen: “Du wirst sterben. Du kannst es nicht weglächeln.” Es passt dann in die memento mori-Tradition und erinnert an den berühmten Vers aus Psalm 90: “Lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.” Mich selbst tröstet das Gedicht. Ich verstehe es nicht belehrend.

Ja, wir sterben.

Ich lese: Ja, am Schluss sterben wir alle. Aber bis dahin leben wir, lächeln wir, freuen wir uns des Lebens! Niemand hat eine Uhr gestellt. Jeder Moment könnte der letzte sein. Aber das soll uns das Leben nicht schwer machen.

Nicht jede Entscheidung muss vom Ende her gedacht werden. Wir laufen nicht auf unseren Tod zu. Sondern von ihm weg. Mitten ins Leben und lächeln.

Religion – auch die Christliche – muss nicht todesfixiert sein. Christlicher Glaube kann auch eine Übung sein, den Tod, der unter uns ist, auszuhalten. Mir kommt darum ein anderer Bibelvers in den Sinn: “Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.” (Mt 6,25)

Das ist kein In-fünf-Schritten-zu-deinem-Higher-Self-Programm. Es ist ein Lebensprojekt: “Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben.” Das Leben soll der Suche nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit gewidmet werden.

Das ist etwas ganz anderes, als den Tod zu verdrängen oder sich mit einem Leben nach dem Tod zu vertrösten. Es ist ein Fokus auf das was bleiben wird, auf die Gerechtigkeit. Sie hat kein Ablaufdatum.

Wer das hofft, lächelt. Nicht weil jemand die Uhr gestellt hat. Sondern weil bleibt, was zählt. Arya Stark hatte in Game of Thrones eine kurze und gute Antwort an den Gott des Todes: “Nicht heute.”

 

Photo by Brett Sayles on Pexels

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