Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 4 Minuten

Nemos Feinde

«Satanismus beim Eurovision Song Contest» titelt «PRO. Das christliche Medienmagazin». «Queer, tolerant, weltoffen? Mit Israel-Hass verrät ESC-Community die eigenen Ideale», kommentiert «Focus Online». Und die «NZZ»: «Der ESC verkommt zur antiisraelischen Kundgebung.»

Unterdessen häufen sich in Social-Media-Kanälen ätzend-polemische Postings von Leuten, denen nonbinäre Personen wie Nemo aus der Schweiz, in Malmö mit der ESC-Siegestrophäe ausgezeichnet, grundsätzlich ein Dorn im Auge sind. Und mehr noch Bambie Thug, eine Nonbinary-Person, die Nemo in der Wettbewerbsnacht eine Dornenkrone aufsetzte – und die sich propalästinensisch äussert.

Bambie Thug, 31-jährig, spielt vieldeutig mit Zeichen aus der Welt der Hexen und Druiden.

Doomsday

Der Doomsday-Song des irischen Popstars, schrill und voller überraschender Brüche, spiegelt das abgründige Lebensgefühl einer Jugend, die sich um ihre Zukunft betrogen sieht.

Die Wettbewerbsteilnehmende aus Irland bezeichnet sich selbst als «goth gremlin goblin witch», vielleicht übersetzbar mit «düstere Hexe». Für die geschlechtsneutralen Pronomen von Bambie Thug they/them/fae haben sich im Deutschen noch keine einheitlichen Äquivalente durchgesetzt.

Bambie Thug trug, passend zum Doomsday-Song, ein Outfit wie aus dem Gruselkabinett: Fantasy-Dress und dazu bockige Hörnchen.

Darker Look, das weiss ich von mir selbst aus Studententagen, ist wunderbar geeignet, um Verletzlichkeit zu verbergen. Die Leute schauen aufs Outfit, regen sich vielleicht darüber auf, und du bist gleichzeitig unsichtbar und geschützt.

Dornenkrone

Bambie Thug freute sich sichtlich über Nemos Punkte-Zuwächse. Die beiden nonbinären Popstars herzten sich berührend.

Als der Sieg der Schweiz in Malmö feststeht, überreicht das zierliche irische Fabelwesen, noch umflort von ihrem/seinem Weltuntergangssong, Nemo die schwarze Dornenkrone wie ein Siegeszeichen.

Der magere Rücken des irischen Elfenwesens huscht ins Blickfeld der Kamera, dann im Profil das blass geschminkte Gesicht mit Katzenaugen. Innige Zärtlichkeit überschwemmt die beiden zerbrechlich wirkenden Personen und überschwängliche Teilnahme von Bambie Thug am Glück des Gegenübers wird fühlbar.

Man spürt: Es geht hier um mehr als einen individuellen Sieg, es geht um eine gemeinsame, grössere Sache.

In dem Krönungsmoment konnte man Bambie Thug sogar für eine keltische Priesterin halten. Nemo, gerührt, fasste sich mit beiden Händen ins Gesicht und umarmte Bambie Thug dankbar und überwältigt.

Nemo behielt die Krone den restlichen Abend lang am Kopf.

Der Sieg einer nonbinären Person beim ESC kommt dem «Brechen eines Codes» gleich; genau darum dreht sich der Song Nemos. Der Name des Stars lässt an den Clownfisch aus dem Disney-Film denken. Clownfische können ihr Geschlecht wechseln.

Solidarität

Die Geste der Dornenkrönung durch Bambie Thug lässt sich vielleicht so lesen: Nonbinarität ist aufgrund gesellschaftlicher Ausgrenzungen und Anfeindungen bis heute ein dorniger Weg.

Im Alltag sind jene, die nicht ins übliche Schema passen, weiterhin Abwertung und Aggressionen ausgeliefert.

Beim ESC 2024 aber gelingt den jungen nonbinären Künstler*innen ein Hack: Sie stürmen den breitenwirksamen Popmusikwettbewerb, in dem seltene künstlerische Perlen in einem Meer aus Mittelmässigkeit und musikalischer Banalität glänzen. Und wo lange Zeit Heteronormativiätet den Ton angab.

Genau zehn Jahre ist es übrigens her, als die Dragqueen Conchita Wurst («Rise like a Phoenix») den ESC-Sieg errang.

Manche indes wollen in dem zärtlichen, liebevollen, bezaubernden Krönungsakt der diesjährigen Ausgabe den Charakter der Blasphemie durch die «heidnisch»-naturreligiöse Elfe Bambie Thug sehen; eine Verhöhnung des leidenden Jesu sogar, durch Appropriation seines Marterwerkzeugs in einem quasi-satanistischen Ritual.

Ressentiment

Man wird den Eindruck nicht los, dass der ESC und die queeren Sänger*innen gerade recht kamen als Ventil für ohnedies angestaute Genervtheit: gegenüber Wokeness, queerem Lifestyle, Regelabweichungen jedweder Art und einer Jugend, die der Klimanotstand und die Ausweitung von Kriegen in Panik versetzt.

Für konservative Kritiker*innen sind queere Figuren wie Bambie Thug, die vom Weltende singt, selbst Ausdruck und Zeichen der Degeneration und des angebrochenen Doomsday.

«Freaks» mit uneindeutiger Geschlechtsidentiät kämen in Hamas-Gaza nicht weit, wird gehöhnt, fast als wünschte man Nicht-Normierten Verfolgung.

Die ESC-Leitung hat die Integration politischer Zeichen auf der Bühne strikt untersagt. Dem musste sich auch der impulsive Star aus Irland fügen. Im ESC-Vorfeld hatte sich Bambie Thug mit Palästinenser:innen solidarisiert.

Ceasefire

Auch damit bot die irische Kampf-Elfe Kritiker*innen eine Breitseite, wie auch die schwedische Umweltaktivistin Greta Thunberg; und wie demonstrierende Studierende derzeit auch an Unis der Schweiz, dem Land, das den nächsten ESC ausrichten wird.

Ausgerechnet die politische Rechte hat mit entfesselten Antisemitismus-Vorwürfen ein Instrument der Legitimierung ihrer Ressentiments gefunden.

Sie führt es immer unverhohlener gegen alles ins Feld, was sie ohnehin bekämpft: «Linke», postkoloniale Positionen, Queere, Woke, Klimaaktivist*innen.

Bambie Thug war schlussendlich mit einem verklausulierten Gesichtstattoo aufgetreten: Auf der rechten Gesichtshälfte stand in Ogham-Runen «Ceasefire», Waffenstillstand. Ein Waffenstillstand oder zumindest ein wenig verbale Abrüstung würde auch unseren Culture Wars guttun.

Foto: ESC/Videostill Youtube

2 Kommentare zu „Nemos Feinde“

  1. Nun ja, das irische Elfenwesen hat sich halt nicht in erster Linie pro-palästinensisch, sondern doch vor allem mMn. ziemlich anti-semitisch gegeben und versucht, der israelischen Sängerin mit Verhalten und Aussagen vor und während der Show das Leben in einer emotional hoch aufgeladenen Stimmung möglichst schwer zu machen. Und das in einem ziemlich selbstgerecht-unsympathischen Habitus. Das hat mit Ventil wenig zu tun. Für den berechtigten Gegenwind des oben angeführten Feuilleton ist die Priesterin doch wohl allein selbst verantwortlich.

  2. Bei allem Verständnis für die Kunst und die (-figur?) Bambie Thug sollte man sich doch nicht wundern, wenn man als das Böse in Person auftritt, man auch als dieses gesehen und adressiert wird. Ich habe vom Esc nicht mehr als den Schnelldurchlauf beim Voting gesehen und dachte mir nur, es ist alles darauf angelegt, immer krasser zu erscheinen und große Emotionen zu provozieren. Wenn es dann funktioniert, sollte das kein Grund für Beschwerden sein. Wer Verständnis und Zustimmung für sich und seine Community sucht, sollte vielleicht nicht bewusst das Gegenteil triggern.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

RefLab regelmässig in deiner Mailbox

RefLab-Newsletter
Podcasts, Blogs und Videos, alle 2 Wochen
Blog-Updates
nur Blogartikel, alle 2 bis 3 Tage