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Lesedauer: 6 Minuten

Missionierung? Nein, danke!

Vor ein paar Jahren hat mich das Goethe-Institut zu einem Workshop nach Ghana eingeladen. Am letzten Abend sass ich mit den Teilnehmer*innen – Kulturjournalist*innen vom staatlichen Radio und Freischaffende, darunter ein BBC-Korrespondent – unter freiem Himmel zusammen und wünschte, wir müssten uns nie mehr trennen. Nach nur einer Woche des Zusammenseins hatte ich das Gefühl, Freunde gewonnen zu haben.

“Du arbeitest zu viel”, sagten die Kollegen aus Accra und bemitleideten mich dafür, dass ich kinderlos geblieben bin. Sie betrachteten dies als Folge einer einseitigen Lebensausrichtung auf den Job. Mit Blick nach Norden sagten sie:

“Die Europäer glauben an nichts mehr.”

Es klang aufrichtig menschlich bedauernd. Fast feierlich fügten sie am Abendmahlstisch hinzu: “Wir hüten jetzt das christliche Erbe.” Nach meiner Wahrnehmung haben sie über ihrem Leben einen robusten christlichen Schirm aufgespannt. Darunter findet Anderes Platz.

Zum hitzigen Diskussionsthema in dem Workshop, in dem es eigentlich um Kunstkritik gehen sollte, entwickelte sich das Verhältnis zu vorchristlichen lokalen Kulten wie Voodoo. Unbehagen löst bei meinen afrikanischen Kolleg*innen aus, dass vielfach noch der Blick der westlichen Ethnologie auf ihre Kultur dominiert. Bauchschmerzen bereiten ihnen aber auch Aspekte lokaler Kulte, wie das Fortbestehen der Tempelprostitution an manchen Orten.

Pas de deux: Kolonialismus und Kirche

Bei meinem Aufenthalt in Ghana hat mich zweierlei beeindruckt: die Innigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Christentum dort heute in allen Gesellschaftsschichten gelebt und bezeugt wird, und die historischen Forts an der ehemaligen Goldküste. Elmina oder Cape Coast Castle sind steinerne Zeugen einer unheiligen Verquickung von Kolonialismus und Kirche. Im ersten Stock befanden sich die Kolonialverwaltung und die Kapelle, zu ebener Erde waren Sklaven eingesperrt, die durch den ‘Point of no Return’ nach Amerika verladen wurden.

Solange eine gründliche Aufarbeitung des Verhältnisses von Kolonial- und Missionsgeschichte aussteht, sind Revitalisierungsversuche des Missionsbegriffs mit grösster Skepsis zu betrachten. Das gilt selbst für softe, sympathisch klingende ‘Missionierung zweiter Ordnung’. Bernd Berger: “Es wäre eine Mission, die sich ihrer eigenen Gebundenheit und Relativität bewusst ist und auf Absolutheitsansprüche konsequent verzichtet, die Freiheit lässt und niemand bekehren muss. Aber es wäre eine Mission, die eigene Leidenschaftlichkeit spüren lässt, Engagement zeigt, sich greifbar und angreifbar macht, mit dem, was uns absolut wichtig ist.”

Aufarbeitung ist überfällig

Engagement brachten auch Missionsschwestern und -brüder vor hundert Jahren mit. Und sie waren überdies bereit, für ihre Leidenschaft zu sterben. Missionsfriedhöfe zeugen von dramatisch kurzen Lebensspannen junger Europäer*innen, oft dahingerafft von Tropenkrankheiten.

Leidenschaft ist kein Gradmesser für die Richtigkeit einer Mission, und der ‘Ruf Gottes’ kann auch eine Illusion sein.

Die kritische Erforschung der Missionsgeschichte steckt noch in den Anfängen. Erst vor wenigen Monaten kommunizierte die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) ihre Absicht, die Rolle der Kirche im Kolonialismus aufzuarbeiten und Verstrickungen offenzulegen.

Den Hintergrund bildet die Debatte um das Berliner Humboldt Forum, das auch Objekte enthält, die Missionare seinerzeit als vermeintliches ‘Teufelszeug’ konfisziert haben. Gegenstände stammen unter anderem von Herrnhuter Missionaren, die in der ‘Neuen Welt’ entlaufene Sklaven von synkretistischen Religionsformen abbringen und zum Christentum bekehren wollten und gleichzeitig auf Plantagen Sklaven gehalten haben. [1]

Missionare stellten sich vielfach in den Dienst fragwürdiger ‘Zivilisierungs’-Missionen, sie übernahmen unkritisch Fortschrittsideen und Rassismen und profitierten von kolonialen Infrastrukturen.

Es gab aber auch Missionare, die auf der Seite indigener Widerstandskämpfer gegen koloniale Besatzungen aufstanden. Verstärkte Forschung kann auch verzerrte Perspektiven korrigieren.

Was kommt nach der Missionierung?

Es ist allerdings zu bezweifeln, ob nach der Aufarbeitung der Geschichte und auf der Grundlage einer postkolonialen Revision das Wort ‘Mission’ noch als positive Bezeichnung tragfähig ist. Man kann aber fragen: Was könnte von der Sache her an die Stelle der Missionsarbeit treten?

Der methodistische Theologe Joerg Rieger hat sich 2004 in einem lesenswerten Essay mit dem Titel “Theology and Mission. Between Neocolonialism and Postcolonialism” Gedanken darüber gemacht. Zwei Schlüsselbegriffen aus dem Missionsdiskurs räumt er weiterhin Potenziale ein: ‘Bekehrung’ und ‘Umkehr’.

“Wenn wir diese Begriffe nicht in erster Linie in Bezug auf diejenigen betrachten, die missioniert werden sollen, sondern in Bezug auf diejenigen, die auf Mission sind, die ‘Missionare’, findet eine grosse Umkehrung statt, die eine radikale Umkehrung der neokolonialen Macht und Autorität einschliesst”, schreibt Rieger.

Der Postkolonialismusexperte rät Missionaren, nicht nur offen für interkulturelles Lernen zu sein, sondern vor allem “[…] die Kontrolle aufzugeben, die Dinge Gott zu übertragen und (infolgedessen) die Dinge denjenigen zu überlassen, an die sich die Mission richtet. Dieser letzte Teil ist natürlich der schwierigste. Hier zeigt sich jedoch, ob wir wirklich auf Gottes Gnade vertrauen.” [2]

Mission-in-Reverse

Wir brauchen uns nicht zu täuschen. ‘Heilige Experimente’ des Westens laufen unter neokolonialen und neoliberalen Bedingungen weiter, nur heisst es heute anders: ‘Outreach’, ‘Relationship’, ‘Entwicklungskooperation’ oder ‘Soft Power’. Neokolonialismus wirkt subtiler als Kolonialismus. Der südafrikanische methodistische Bischof und Politiker Mvume Dandala hat darauf hingewiesen, dass Missionare der sogenannten ‘Ersten Welt’ auch nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus Afrikanern ihre eigenen Lebensweisen aufzwingen. Viele Afrikaner hätten das Gefühl, dass ihnen in dieser Situation nichts anderes übrigbleibt, als im ‘Outreach’-Spiel mitzuspielen und auf eigene Vorteile zu hoffen.

Das Wachstum des globalen Christentums verläuft bekanntlich asymmetrisch. In Regionen ausserhalb der sogenannten ‘Ersten Welt’ wächst das Christentum exponentiell, während es hierzulande schrumpft. Die Zahlen sind beeindruckend: Um 1900 herum waren zirka sechs Prozent der Afrikaner Christen, heute bekennt sich rund die Hälfte zum Christentum – und die Zahl steigt. Tausende Missionare aus Afrika und Asien sind mittlerweile in Europa aktiv. Missionierung verläuft also mehr und mehr anders herum. In den Mission Studies ist von ‘Mission-in-Reverse’ die Rede.

Persistente neokoloniale Machtstrukturen

Aussereuropäische Priester und Missionare werden häufig in romantisierender Weise als ‘im Glauben tiefer verankert’ und ‘spiritueller’ angesehen. Mission-in-Reverse darf nicht über fortbestehende missionarische Ambitionen des Westens hinwegtäuschen. Selbst die Ansicht, der Westen sei schuld an allem Übel, zeugt von tiefer Verankerung des Bewusstseins eigener kultureller Überlegenheit gegenüber vermeintlich passiven oder handlungsunfähigen fremden Kulturen.

Wer weiterhin meint, er könne oder müsse anderen ‘etwas schenken’ oder diese auch nur mit seiner Anwesenheit ‘beglücken’, kann sich über das implizite Wirken kolonialer oder neokolonialer Einstellungen täuschen. Die Herausforderung besteht darin, die Anderen tatsächlich anders sein zu lassen und nicht nach dem eigenen Bild formen zu wollen: als weniger vollkommene Versionen von uns selbst.

 

[1] Siehe Andrea Scholz, “Missionare als Sammler in Surinam”, in: Kunst und Kirche. Magazin für Kritik, Ästhetik und Religion, 2019/2, Hefttitel: Das Humboldt Forum. Konfrontation mit dem Kolonialen Erbe, Hgg. Johanna und Luca Di Blasi, S. 28-33.

[2] Joerg Rieger, Theology and Mission Between Neocolonialism and Postcolonialism, in: Mission Studies 2004, Bd. 21/2, S. 201-227.

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3 Kommentare zu „Missionierung? Nein, danke!“

  1. Oliver Jaschke

    Das ist keine Replik auf den Beitrag von Bernd Berger. Ein rotes Tuch hat offenbar vom Lesen seines Textes abgehalten.

  2. Danke, Johanna di Blasi, für den Beitrag. Ob er wirklich eine Replik auf meinen Beitrag ist?
    Missionierung und missionarisch sind Begriffe, die ich konsequent vermeide – weil ich sie ebenfalls für hochproblematisch halte.
    Wenn aus meiner “Mission zweiter Ordnung” eine Missionierung zweiter Ordnung wird, verkehrt dies mein Anliegen ins Gegenteil. Ich verweise nur auf zwei Aussagen aus meinem Beitrag:
    “Mission heisst: zeigen wofür wir stehen und anderen die Freiheit lassen, sich dazu zu verhalten. Und anderen zuzuhören, weil ihre Mission mich berühren und verändern könnte.”

    “Ich zögere allerdings von einer missionarischen Kirche zu reden, denn diese ist in Gefahr, zu sehr die Wirkung auf andere, Bekehrung oder Mitgliedergewinnung im Blick zu haben.”

    Worüber wir diskutieren müssten: ob der Begriff “Mission” von “Missionierung” zu unterscheiden ist oder ob er definitiv kontaminiert ist. Das Anliegen, dass religiöse Kommunikation persönliche Überzeugungen voraussetzt, die leidenschaftlich und diskursiv zur Sprache gebracht werden sollen, möchte ich nicht aufgeben.

  3. Johanna Di Blasi

    Vielen Dank für die Antwort! Ich denke, dass der Konflikt weniger im Begriff der Mission liegt, sondern in der Frage, ob die Kirche am Wort ‘Mission’ festhalten kann. Die Frage ist, ob bestimmte Worte (in bestimmten Kontexten!) durch historische Erfahrungen so belastet sind, dass sie auch durch begriffliche Operationen (‘Mission zweiter Ordnung’, ‘Mission-in-Reverse’) nicht mehr zu ‘retten’ sind. Es geht auch um die Frage, ob bestimmte Worte so mit Gewalt- und Unterdrückungsgeschichten vollgesogen sind, dass ‘wir’ merken, dass uns die ‘Deutungshoheit’ über sie entgleitet, dass die Verwendung dieser Worte Gegenreaktionen erzeugt, die durch keine begrifflichen Operationen beschwichtigt werden können. Und wenn (wenn!) das der Fall ist: Warum sollte man dann noch an ihnen festhalten?

    Ein Wort noch zur Frage, ob es sich um eine Replik handelt. Die Frage ist berechtigt, aber vielleicht lässt sich das Wort mit Blick auf der Verwendung dieses Begriffs im Recht rechtfertigen. Dort bedeutet Replik nicht unbedingt ein Eingehen auf die Argumente der anderen Partei, sondern kann auch nur bedeuten: neue Tatsachen vorbringen, die die Wirkung der vom Anderen vorgebrachten Tatsachen möglicherweise entkräften.

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