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Lesedauer: 5 Minuten

Liebe Seniorinnen und Grossväter, liebe Omas und Pensionierte

Manche zucken mit den Schultern, man müsse ja an etwas sterben im Alter. Als über 65-Jährige. Als so genannte Hochrisikogruppe. Und das stimmt natürlich. Auch wenn es sicher kein Zufall ist, dass das Hochrisiko ganz genau dort anfängt, wo das Erwerbsleben aufhört. Für die Wirtschaft spielt es keine Rolle, wenn die Pensionierten einige Monate zu Hause isoliert bleiben, denkt man. Auf den Schultern der Krankenpfleger und Ärztinnen lastet jetzt die ganze Arbeit. Sie sind systemrelevant. Wir brauchen sie. Verkäuferinnen, Chauffeure und den Bundesrat auch. Wir brauchen sie. Die Alten aber, die seien nicht mehr so wichtig. Welch’ gewaltiger Irrtum. Wir brauchen euch.

Renitente Rentner?

Ihr habt ein Leben lang gearbeitet. Im Haus, im Büro, in der Fabrik oder draussen. Ihr fühlt euch vielleicht noch topfit und möchtet gerne helfen. Oder ihr seid ohnehin allein und die Isolation macht aus dem Alleinsein Einsamkeit. Macht aus Vorsicht Panik. Aufs Abstellgleis wolle man euch schieben. Isolieren. Einsperren. Da steht ihr mit hängenden Schultern und Corona-Angst im Nacken. Und wenn ihr doch rausgeht, einkaufen, spazieren, was man eben so macht, grad wenn man niemanden hat, dann weist man euch zurecht wie kleine Kinder. Renitente Rentner! Todessehnsüchtige Senioren, welche nun aussuchen können zwischen Exit, Dignitas oder Wandergruppe. Den Rucksack geschultert ins Verderben. Denn ja, wir machen uns Sorgen. Nicht nur um die systemrelevanten Spitäler, sondern tatsächlich auch um euch. Wir brauchen euch.

Wie viele Eltern sind komplett überfordert mit Home-Schooling und Home-Office und merken gerade jetzt, warum Lehrkräfte 12 Wochen Ferien brauchen. Sie merken, dass man Geduld nicht im Online-Shop bestellen kann. Geduld, welche die meisten Grosseltern haben. Sie merken, wie wichtig die Grosseltern sind, welche nun die Kinder nicht mehr hüten dürfen. All’ die unbezahlten und ungezählten Stunden, die Kinder in der Obhut ihrer Grosis und Nonnis verbringen, fehlen jetzt. Und treiben die Eltern der kleinen Rita-Linas und oder die von Justin-Timeus an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Oder in die Arme des Alkoholismus (Selbst Queen Elisabeth hatte die Nase voll vom Home-Schooling. Aber ihr Sohn hat das Virus vor ihr erwischt. Wahrscheinlich die einzige Corona, die er je kriegen wird.) Die liebevollste Bezeichnung, welche sich die jungen Leute geben, ist «Hey, Alte!». Alter Wein und alte Pfannen haben ihren Reiz. Eure Enkel brauchen euch. Eure Kinder brauchen euch.

Liebe rostet nicht

Als Baumschneider und Gärtnerin, als Bäcker und Köchin, als Pfleger und Steuerberaterin, als Trost und Stütze. Als Schultern zum Anlehnen und Ausweinen. Wer denkt, Berset hätte statt als Pandemie-Bezwinger auch als derjenige Bundesrat in die Geschichte eingehen können, der das AHV-Problem löst, irrt sich. Corona ist kein Boomer-Doomer, ist nicht die der Rost für das Alte Eisen. Da ist kein Rost, denn die älteste Liebe rostet nicht, die zu Eltern und Grosseltern, zu Tanten und Onkeln. Arterien können verkalken, Hüftgelenke sich abnutzen, aber die Liebe hält.

Die meisten von euch sind ohnehin nicht gefährdet. Zum Glück. Denn ihr seid noch immer Chefinnen oder Patrons, ihr seid als Produzenten oder Konsumenten ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, ihr seid unersetzliche Arbeitskräfte in Familienbetrieben. Und nicht zuletzt seid ihr die allerwichtigste Gruppe der Pflegenden. Wie viele Senioren werden zuhause von ihren Partnerinnen oder Partnern, von ihren Geschwistern oder ebenfalls schon pensionierten Kindern gepflegt? Wir brauchen euch, damit das Gesundheitssystem nicht ganz zusammenbricht. Wir brauchen eure Gelassenheit und Weisheit, eure Altersmilde, eure Geduld und vielleicht sogar eure Sturheit. Ihr habt eine Welt aufgebaut, in der nicht alles perfekt ist, wir werden vieles ändern müssen, aber momentan brauchen wir euch noch.

Abstand halten

Selbst wenn ihr keine Kinder oder Partner habt, seid ihr wichtig. Gerade jetzt. Viele Menschen brauchen jemanden zum Reden, für sie könnt ihr da sein. Am Telefon. Im Internet. Wir brauchen eure Fantasie und eure Lebenserfahrung. Und sogar eure Altherren-Witze, über die wir uns dann aufregen können, Gschähch nüt Schlimmers! Hey, Alte! Helft uns, indem ihr euch nicht gefährdet, indem ihr Abstand haltet und ein paar Wochen möglichst zu Hause bleibt.

Lasst euch helfen, damit ihr später uns wieder helfen könnt. Und das Schöne daran: Mit 70 kann man sich viel mehr Rock’n’Roll zu Hause erlauben als mit 35. Wenn ihr Bilder von euch in Unterwäsche ins Internet stellt, wenn ihr Filme von euch im Drogenrausch ins Netz lädt, dann verliert ihr nicht euren Job. Im Gegenteil: Ihr werdet zu Internet-Stars. Eure Beiträge gehen viraler als Corona. Versucht’s doch mal.

Die Welt hat langsam genug von arbeitslosen Kabarettistinnen und Comedians, die das Netz mit pseudo-lustigen Videos oder Briefen an die Menschheit fluten. Beiträge von euch in fragwürdigen Posen oder Stützstrumpfhosen wären mindestens so relevant.

Oder bleibt einfach bei eurem Kerngeschäft: Da sein. Für euch selbst und für die Jüngeren. Denn ihr seid die Giganten, auf deren Schultern wir nun stehen. Wenn ihr nicht mitmacht und nur mit den Schultern zuckt, kommt das ganze System ins Wanken. Wir wollen euch nicht an Corona verlieren, uns reichen eure ungekrönten Häupter. Eure starken Schultern. Und eure liebenden Herzen.

Wir brauchen euch. Ihr seid systemrelevant.

Es grüsst die verhältnismässig irrelevante Patti Basler (die hofft einmal so alt zu werden, dass sie zu einer Hochrisikogruppe gehört.)

 

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4 Kommentare zu „Liebe Seniorinnen und Grossväter, liebe Omas und Pensionierte“

  1. Meyer Kunz Susanna

    Herzlichen Dank für den tollen Blog liebe Patty Basler. Die Alten sind eine wichtuge Stütze unserer Gemeinschaften.

    Wir setzen nicht erst seit Corona in den Ethikkommitees der grossen Spitäler alles daran, dass inbezug auf Therapieänderungsentscheide die Gerechtigkeit, Gutes tun, nicht schaden und die Autinomie ein wichtiges Gut bleibt.

    Wir Mittelaltetliche und ganz Junge können jetzt etwas tun in den Homeofficezeiten und langweiligen Wochenenden. Wir können uns folgende Fragen überlegen und am besten aufschreiben und mit unseren Lieben besprechen:
    1. Lebe ich noch gerne?
    2. Wenn ja, wäre ich bereit dafür auch medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen?
    3. Wie weit soll diese medizinische Hilfe gehen?
    4. Möchte ich erst dann sterben wenn alle invasiv medizinischen Massnahmen ausgeschöpft sind?
    5. Oder bin ich bereit der Endlichkeit meines Lebens ins Auge zu blicken und bei einer schlechten Prognose lindernde medizinische Massnahmen in Anspruch zu nehmen?

    Diese Fragen gehen uns alle an und betreffen nicht nur die Alten.
    Jetzt ist ein guter Moment sich vertieft damit zu befassen.

    1. Ein wirklich guter Blog!
      Aber wir Jungen sollten uns nicht in falscher Sicherheit wiegen!
      Denn auch wir könnten durch das Virus sterben und zwar mit oder ohne Vorerkrankung!
      Deshalb: wer von den jüngeren Leuten nicht muss, soll gefälligst auch zu Hause bleiben!!

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