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Lesedauer: 7 Minuten

Liebe Lehrpersonen

Zuerst: Wir leben noch

Nach acht Wochen des Ausnahmezustandes, während dessen der Schulweg der Kinder auf die wenigen Schritte vom Bett bis zum Pult zusammengeschrumpft ist, nach diversen Versuchen, einen funktionierenden Rhythmus inmitten von Homeschooling, Homeoffice, Auswärtsverpflichtungen und Familienzeit zu finden, nach zahlreichen familieninternen Abgrenzungsgefechten – aber auch nach vielen gemeinsamen Unternehmungen im Garten und im Wald, nach spontanen Tanzeinlagen, Lachanfällen, Versöhnungsszenen und Kreativitätsschüben dürfen wir festhalten:

We‘re still standing!

Und jetzt geht’s wieder Richtung Normalität. Die Kinder haben ihren Stundenplan erhalten und ihren Schulrucksack gepackt. Und alle freuen sich: Wir Eltern, die wir wieder mehr Ruhe und Konzentration ins Haus bekommen. Die Kinder, die ihre Schulfreunde doch sehr vermisst haben. Und nach allem was ich weiss auch Sie, die Lehrpersonen, die ihre Schützlinge endlich wieder live und in Farbe zu sehen bekommen.

Im Rückblick auf diese intensive Zeit Zuhause mit den Kindern möchte ich mal folgende Überlegungen festhalten – im Sinne der kritisch-konstruktiven Anregung…;-)

Ein Hoch auf die Digitalisierung!

1 Million Mal wurden die Sendungen auf »Schlaumeier.Online« in den letzten 8 Wochen aufgerufen. Die freiwilligen Macher dieses digitalen Bildungsangebotes für Primarschüler wurden von der Nachfrage förmlich überwältigt und mussten ständig ihre Zoom-Lizenzen erweitern, um Zehntausenden von interessierten Schweizer Kindern Zugang zu ihrem Format zu verschaffen.

Sie haben damit zweifellos ein akutes Bedürfnis der Eltern getroffen, die ihre Kinder jetzt plötzlich nonstop Zuhause beschäftigen mussten.

Zugleich haben sie aber gezeigt, wie Bildung im 21. Jahrhundert auch unabhängig von einer Pandemie-Krise aussehen könnte.

Ähnliches liesse sich von den Education-Apps und YouTube-Kanälen sagen, deren Download- und Streaming-Zahlen während des Corona-Lockdowns explodierten.

Sicher kann man Sie als Lehrpersonen nicht durch Zoom-Moderatoren und iPad-Programme ersetzen, das will auch keiner. Im Falle unserer Tochter wurde auch bald klar: Sie lernt am besten und fröhlichsten, wenn sie sich mit einer Schulfreundin zusammensetzen und den Stoff im Gespräch erarbeiten kann. Unser Sohn dagegen ist mit Online-Angeboten und Einzelaufgaben wesentlich effektiver weitergekommen als im Präsenzunterricht oder in Gruppenarbeiten. Er konnte sein eigenes Tempo fahren, und die Spielminuten, die man etwa auf »Anton« (das wohl populärste Schulbildungs-App) zur Belohnung erhielt, haben ihn unheimlich motiviert.

Mir ist klar, dass die Integration digitaler Lernformen und die entsprechende Flexibilisierung des Unterrichts letztlich von der Regierung bzw. von den Bildungsdirektionen ausgehen muss – mein Anliegen wäre also eigentlich an diese Adresse weiterzuleiten – aber solange sich dort nichts tut, bitte ich Sie doch inständig, den Digitalisierungsschub aus dieser Krisenzeit mitzunehmen und die vorhandenen Spielräume zu diesem Zwecke unverschämt zu nutzen. Ausgeschöpft sind die Möglichkeiten hier auf jeden Fall noch lange nicht.

Hausaufgaben sind Quatsch

Und dann das mit den Hausaufgaben. In gewisser Weise ist ja in den vergangenen beiden Monaten der gesamte Schulunterricht zur »Hausaufgabe« geworden. Anhand einer wöchentlichen Auftragsliste konnte das Pensum in den verschiedenen Fächern abgearbeitet werden. In der Regel haben unsere Kinder das am Morgen bewältigt, zumindest wenn sie früh genug in den Tag starteten.

Am Rest des Tages zeigte sich dann das enorme Bedürfnis nach körperlicher Betätigung und Gemeinschaft. Aus ansteckungs-prophylaktischen Gründen haben wir ihre Kontakte auf zwei Familien aus der Nachbarschaft beschränkt. Mit deren Kindern sind sie jeden Tag um die Häuser gezogen, haben Nerf-Schlachten geschlagen, das Trampolin bearbeitet, Räuber-und-Bulle gespielt oder anderweitig die Gegend unsicher gemacht.

Obwohl Zeiten der profunden Langeweile natürlich auch dazu gehörten, so waren wir von der hier aufbrechenden spielerischen Kreativität und dem Bewegungsdrang doch überrascht. Zeit, die sonst in der Nachmittagsschule oder beim Hausaufgabenmachen abgesessen wurde, raste beim gemeinsamen Spiel nur so vorbei. Und so subjektiv meine Wahrnehmung der Lernfortschritte auch sicher ist – ich hatte jedenfalls den Eindruck, als seien unsere Kinder nicht weniger vorangekommen als im Normalbetrieb auch.

Die Sinnhaftigkeit klassischer Hausaufgaben steht für mich nach diesem aufgezwungenen »Feldversuch« darum mehr in Frage als je zuvor. Es will mir nicht einleuchten, warum man Kindern nach der umfangreichen Präsenzzeit in der Schule noch mehrmals wöchentlich zusätzliche Aufgaben nach Hause geben muss, um doch nur zu wiederholen, was sie im Unterricht schon gelernt haben.

Je nachdem, mit welcher Selbständigkeit und Leichtigkeit ein Kind seine Hausaufgaben macht, können diese zu einer grossen Belastung für die ganze Familie werden – und selbst anerkannte Pädagoginnen und Kinderärzte bestreiten den Nutzen von Hausaufgaben grundsätzlich.

Wenn aber die Kinder schon alleine arbeiten sollen, dann geben Sie ihnen doch konstruktive Aufgaben, am besten eben in Verbindung mit digitalen Lernhilfen. Ansonsten seien Sie versichert: Neben Musikschule, Turnverein, Hip-Hop-Tanz und Tennisstunde tut den Kindern ein wenig Freizeit auch gut…

Locker bleiben!

Es ist fünf Jahre her, als unser Sohn in den Kindergarten eingetreten ist. Schon nach wenigen Monaten wartete das erste Evaluationsgespräch auf ihn und seine naiven Eltern. Ein mehrseitiger Bewertungsbogen führte uns eine ganze Reihe von Qualitäten vor Augen, an denen unser Sprössling nun gemessen werden sollte. Wie es denn um seine Problemlösungskompetenzen stehe, wollte man wissen, und wie ausgeprägt seine Sozialkompetenz und seine Empathiefähigkeit wäre. Unser Sohn schaute uns mit grossen, unverdorbenen Augen an, und mir war schlagartig klar, dass wir hier gerade dem Initiationsritus zum Eintritt in die moderne Leistungsgesellschaft beiwohnten.

Von jetzt an wird das Leben unseres Sohnes auf einer Skala von 1 bis 6 stattfinden, verbunden mit einem Commitment, hart an den festgestellten Schwächen zu arbeiten…

Ganz so schlimm ist es dann aber nicht gekommen. Eigentlich eher im Gegenteil: Im Kindergarten wurde munter gespielt, es wurden bunte Bilder gemalt, fröhliche Lieder gesungen und berührende Theatervorführungen auf die Beine gestellt. Augenzwinkernd haben die Lehrpersonen in darauffolgenden Evaluationsgesprächen gemeint, die Sache würde natürlich nicht halb so heiß gegessen, wie sie gekocht wurde. Oft war das Unbehagen der Pädagog*innen im Blick auf die detaillierten Bewertungsbogen deutlich zu spüren. Auch wenn es durchaus interessant und hilfreich sein kann, eine Einschätzung des Kindes aus einem außerfamiliären Zusammenhang zu erhalten, waren wir doch froh, bisher keiner Lehrperson begegnet zu sein, welche allzu viel für die Punktezählerei übrig hatte.

In den letzten Wochen wurde zumal in den Primaschulklassen weitgehend auf die Notenvergabe verzichtet. Zwar haben wir die Aufgaben unserer Kinder regelmäßig auf Fehler korrigiert, aber das Abgleichen mit einer Skala und der Vergleich mit anderen Schülern ist ausgeblieben. Und siehe da: Unseren Kindern geht es noch immer prächtig.

Es wäre wohl zu viel verlangt, gleich die Abschaffung der Noten in den ersten Schulklassen zu fordern (auch wenn kein geringerer als Remo Largo, der Doyen der Schweizer Kinderärzte, genau das nachdrücklich vorschlägt…) – und natürlich steht das auch gar nicht in der Kompetenz der Lehrer*innen.

Ich will Sie aber nach dem aufgezwungenen Corona-Lockdown doch ermutigen, im Blick auf den numerischen Leistungsausweis der Schüler so locker wie möglich zu bleiben. Wagen Sie es lieber, übereifrigen Eltern (»Mein Kind muss hochbegabt sein!«) auch mal etwas Wind aus den Segeln zu nehmen, als den Kampf um die besten Plätze in der schulischen Hackordnung zu befördern…

Und schliesslich…

Danke!

Bei allen obigen Anmerkungen und bei allem online-pädagogischen Wildwuchs der letzten Wochen muss ich doch ausdrücklich festhalten:

Was ich in den letzten Wochen an ausserordentlichem Einsatz, Ideenreichtum und Flexibilität bei den Lehrpersonen in unserem Umfeld beobachtet habe, ringt mir grossen Respekt ab. Hier sind auf weiten Strecken ganz grossartige Leute am Start, mit denen die Bildungsdirektionen und Schulleitungen eigentlich beherzt zu neuen Ufern aufbrechen können. Ich hoffe, dass die Krise hier neuen Mut für Alternativen hervorbringt – und wünsche Ihnen von Herzen einen guten Wiedereinstieg mit unseren Kindern!

Herzlich – Ihr Manuel Schmid

 

Photo by Rachel on Unsplash
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1 Kommentar zu „Liebe Lehrpersonen“

  1. Christian Lampart

    Hi Manu,
    Sympathischer Bericht!
    Vor aller pädagogischen Debatten möchte ich allen Eltern einen Dank und meinen Respekt ausdrücken. Fernunterricht auf der Volksschule ist ein sehr anspruchsvolles Experiment für Familien. Von den Kindern wurde ein hohes Mass an Eigenständigkeit, von den Eltern ein hohes Mass an Organisationstalent, Geduld und Flexibilität gefordert.

    Als Lehrer wünschte ich ziemlich genau deine Sicht auf die Volksschule. Insbesondere in der Fragwürdigkeit der Hausaufgaben bin ich eins mit dir (und eigentlich auch der Forschung). Paradoxerweise wünschen sich vor allem Eltern Hausaufgaben und Noten. Wir im Kanton Zürich verzichten bis zu den Sommerferien auf Noten im herkömmlichen Sinn. Hoffentlich stellt die PH ein kleines Feldforschungsprojekt diesbezüglich auf die Beine.

    In wenigen Minuten beginnt der Unterricht. Bei mir wie bei den Schülern liegt Freude, auch etwas Unsicherheit und vielleicht etwas Nostalgie in Echtzeit in der Luft. Diese Zeit ist noch nicht vorüber, aber der erste Schritt zur vermeintlichen Normalität haben alle ersehnt. Schlagen wir dem Coroni ein weiteres Schnippchen!

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