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Kommunion fürs Ohr

Fast fünf Jahre hatte Beethoven manisch an der Missa solemnis gearbeitet, bis in die Zeit seines Ertaubens hinein – er hielt es für sein wichtigstes Werk. Der Komponist versuchte »sowohl bey den Singenden als bey den Zuhörenden Religiöse Gefühle zu erwecken und dauernd zu machen.« Die Erstaufführung der ursprünglich für die Bischofsweihe des kunstsinnigen Habsburger-Erzherzogs Rudolph gedachten Komposition fand 1824 in der Philharmonischen Gesellschaft in Sankt Petersburg stand; weil es im Österreich der Metternich-Zeit verboten war, liturgische Musik in weltlichem Rahmen aufzuführen.

Erste reine Konzertmesse

Dieser ersten reinen Konzertmesse der Musikgeschichte widmet der prominente deutsche Ägyptologe Jan Assmann nun – 15 Jahre nach seinem Close Reading von Mozarts »Zauberflöte« – eine eingehende Untersuchung. Der Titel lautet »Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst«. Wie schon bei Mozarts ›Kinderoper‹ interessiert sich der inzwischen über 80-jährigen Kulturwissenschaftler und Erinnerungsforscher auch hier wieder für die Doppelgesichtigkeit: Kunstgenuss für die einen, Mysterienweihespiel für die anderen. Und wieder geht es um die verwandelnde ›Zauberkraft der Musik‹. Diesmal aber stehen nicht die orphisch-hermetischen, sondern die christlichen ›Mysterien‹ im Mittelpunkt.

Assmann betrachtet Beethovens romantische Konzertmesse als Höhe- und Endpunkt einer seit der Antike beobachtbaren kulturellen Purifizierung, Sublimierung und Vergeistigungslinie. Diese sei nicht auf das Christentum beschränkt gewesen. Die Idee des ›geistigen Opfers‹ durch Gebet und Hymnus habe auch im kaiserzeitlichen Heidentum existiert, als ›thysia logike‹ (24). Aber nur im Christentum sei die geistige Opferidee zentral geworden und nur hier habe sie zu einem »ästhetischen Sonderweg« geführt. (121)

Bei der Eucharistie geht es laut Assmann, genau wie beim jüdischen Seder, nicht nur um Erinnern, sondern um buchstäbliches Erleben, um Verwandlung.

Und was, so der Erinnerungsforscher, »könnte besser die Intensität dieses Nacherlebens steigern und seine verwandelnde Kraft freisetzen, als die Musik?«. In der Missa Solemnis und insbesondere zwischen dem Sanctus und dem Benedictus steigere sich das »Gegenwärtigwerden des Unsichtbaren« bis zu einem Grad, wo jeglicher Rahmen, selbst ein gottesdienstlicher, gesprengt werde. (84)

»Fast möchte man bei diesem geheimnisvollen Geschehen an Theurgie denken«, schreibt Assmann. (108) Als ›Theurgie› bezeichnete der Neuplatoniker Jamblichos, ein indirekter Schüler des Plotin, das Verfahren des ägyptischen Kults, die Gegenwart einer Gottheit durch Beschwörung und Anbetung liturgisch zu erzeugen; das griechische Wort ›theourgia‹ bedeutet wörtlich ›Gott-Bewirken‹.

Dem ausziehenden Volk Israel hinterherwinken

Den eigenen Zugang charakterisiert der Autor als der Theologie entgegengesetzt: Theologen blicken durch die Brille des Neuen Testaments zurück, während der Ägyptologe gewissermaßen im alten Ägypten dem ausziehenden Volk Israel hinterherwinkt und beobachtet, welche Kultformen dieses im Reisegepäck mit sich führt und welche Appropriationen und Verschiebungen Jesus später vornimmt.

Über den gekreuzigten Glaubensstifter schreibt der Kulturforscher: »Normale Menschen leben im Fluss der Zeit, in Erinnerung und Erwartung, Erfahrung und Imagination, und entsprechend verdünnt ist für sie der Augenblick, der immer schon von vorher und nachher überschattet ist. Ganz anders bei Jesus, wie er in den Quellen erscheint. Er ist immer ganz da, ganz fokussiert, und entsprechend intensiv ist seine Ausstrahlung.« (64)

Eine Pointe des Buches liegt darin, dass die Essenz des Jesusmysteriums und der tausend Jahre alten kanonisch-lateinischen Messe im geniezeitlichen Kunstwerk nicht etwa sublimiert und zur ›Kunstreligion‹ verwässert, sondern in ihrer Wucht sogar gesteigert wird: »Diese Musik hat den Rahmen verinnerlicht, in sich hineingenommen, so dass sie nun selbst auf ihre unabhängige Weise Gottesdienst ist.« (127)

Die Kommunion wird im Konzertsaal sozusagen unmittelbar ans Ohr des Zuhörers verabreicht: pur, perfekt und gleichzeitig hochemotional und sinnlich.

Assmann spricht auch von »Gottesdienst im Kopf«. (219) En passant würden Einseitigkeiten des aufgeklärten Protestantismus ausgeglichen. Im Verzicht nicht nur auf sichtbare Symbolik (wie etwa im reformierten Gottesdienst), sondern auf jegliche Vermittlungs- und Machtinstanz vollzieht sich im Hörerleben ein aufklärerisches Freiheits- und Emanzipationsprogramm.

Gereinigte Geistigkeit vermählt sich kongenial mit sinnlichem Spiel

Spätestens hier stellt sich beim Lesen die Frage nach Beethovens – und offenbar auch Jan Assmanns – Religion. Über den Komponisten weiß der Kulturforscher, dass dieser in der Zeit der Arbeit an der Missa ein Credo abgeschrieben, gerahmt und auf seinen Schreibtisch gestellt hat:

»Ich bin, was da ist«

»Ich bin alles, was ist,
was war, und was seyn wird, kein sterblicher Mensch
hat meinen Schleyer aufgehoben«

»Er ist einzig von ihm selbst, und diesem Einzigen sind
alle Dinge ihr Daseyn schuldig«

 

In der Forschung wurden die Zeilen lange für altägyptische Weisheit gehalten. Es sind aber Zitate aus Schillers Essay »Die Sendung Moses«, der wiederum auf einem freimaurerischen Traktat von Schillers Freund Carl Leonhard Reinhold beruht. Aus den zitierten Zeilen spricht eine Gleichsetzung von Gott und Welt, wie sie den Spinozismus von Johann Gottfried Herder oder auch Johann Wolfgang von Goethe kennzeichnet. Goethes Freund Schiller zeichnete bekanntlich das Theater als Ort der Versöhnung von Intellekt und Sinnlichkeit im Spiel. In Beethovens Missa geschieht, folgt man Assmann, Analoges: Gereinigte Geistigkeit vermählt sich kongenial mit sinnlichem Spiel.

Aber wieso sollte das Kultische ausgerechnet im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts und in Assmanns eigener Kultur einen einsamen Höhepunkt erreicht haben? Und ist mit der zunehmenden Professionalisierung der Kirchenmusik nicht sogar eine spirituelle Verarmung einhergegangen? Assmann selbst verweist darauf, dass der im Urchristentum gepflegte gemeinschaftliche Gesang mehr und mehr zurückgedrängt wurde.

Der Schlüssel zum Verständnis von Assmanns Stoßrichtung ist nicht im Buch selbst zu finden, sondern in den viel diskutierten Werken »Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur« (1998) und »Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus« (2003), deren Kenntnis vorausgesetzt wird. Darin zeichnete der Ägyptologe, Sigmund Freud folgend, eine Linie von Echnaton zur europäischen Aufklärung. Im Beethoven-Buch verfolgt er nun eine Linie vom Letzten Abendmahl in Jerusalem in die Aufklärungszeit. Er selbst spricht von einer Tunnelbohrung durch einen »großen Berg«. (14)

Jan Assmann sieht in Beethovens Missa nicht weniger als die Verwirklichung eines höheren humanisierenden Hörprogramms.

Hinter den musik- und liturgiegeschichtlichen Ausführungen schimmert Skepsis gegen Dogmatismus und religiösen Fanatismus durch. Das Ideal der Reinigung des Gottesdienstes erscheint als Mittel der Relativierung von Versuchungen, Gott politisch-theologisch zur Stärkung von Gesetzen zu göttlichen Geboten heranzuziehen und Freiheiten des Einzelnen zu beschneiden. Der Preis für Assmanns aufgeklärten Monotheismus ist, dass sich die Unterscheidung von christlichen und hermetisch-masonistischen Mysterien auflöst.

 

Jan Assmann, Kult und Kunst. Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst, Verlag C.H. Beck, München 2020, 272 Seiten.

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1 Kommentar zu „Kommunion fürs Ohr“

  1. Jürgen Friedrich

    “Kommunion fürs Ohr” setzt eine gehörige Portion Glaube + Wissen voraus.
    Zu GLAUBE gefällt mir ein Zitat von Martin Buber: GLAUBE HEISST, IM TEMPO GOTTES ZU GEHEN.
    Zu WISSEN gefällt mir :
    MUSIK SPIEGELT LEBEN. MAN MUSS NUR ZUHÖREN. NICHT, UM ANTWORTEN ZU ERHALTEN, SONDERN FÜR DAS ERKENNEN, WAS WEISHEIT VEREINT – GANZ OHNE DEN MÜHEVOLLEN AKT VON STUDIUM UND LERNEN – ZUM LOBE DER VIELFALT IN EINHEIT.

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