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Lesedauer: 3 Minuten

Keusch leben

Spürbare Nackenhaare

Wer „Keuschheit“ in den Mund nimmt, bürstet gegen den Strich jener Nackenhaare, die sich beim Hören des Wortes häufig aufstellen.

Man sollte doch meinen, wir hätten das Verklemmte endlich hinter uns! War wohl nötig, um sich an den Gaben der Leiblichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität zu erfreuen. Und kam die Forderung, keusch zu leben, nicht oft genug von Männern an die Frauen? Zur heuchlerischen Sicherung der eigenen Ehre, während Mann sich woanders durchaus die Hörner abstossen konnte? Womit ich beim berüchtigten Keuschheitsgürtel wäre. Ob der je so eingesetzt wurde, wie uns die Mythen über das „dunkle Mittelalter“ erzählen, wird heute aus medizinhistorischer Sicht bezweifelt. Noch heisser läuft die Diskussion um gegenwärtige Keuschheitsbewegungen und deren Gelübde (etwa „True Love Waits“). Das zeigt die spektakuläre Aktion der US-amerikanischen Pastorin Nadia Bolz-Weber: Vergangenes Jahr sammelte sie etwa 170 ausrangierte Reinheitsringe, die junge Frauen bei Ihrem Gelübde angesteckt bekommen hatten, und liess sie zu einer Vagina-Skulptur umschmelzen.

Wann verschwand der Zauber meines Lebens?

Ich würde diese sexuelle Aufladung gerne neutralisieren, indem ich frisch und weitgefasster nach Keuschheit frage: Ist mir eigentlich noch etwas heilig? Und wenn ja, wie nähere ich mich dem und gehe damit um? Wahrscheinlich bin ich darauf gekommen, als ich merkte, wie leicht der heilige Zauber des Lebens verdunsten kann. Nämlich dann, wenn ich mir das Leben zu irgendwelchen Zwecken verfügbar machen will.

Die Art, wie ich die Welt um mich herum betrete, kontrolliere und nutze, tastet ihre kostbare und heilige Geheimnishaftigkeit an.

Diese grosse Entzauberung des Lebens gehört mittlerweile zum kollektiven Bewusstsein unserer Zeit. Was aber, wenn wir auf diese Weise sogar uns selbst entzaubern? Etwa indem ich mass- und lieblos, vielleicht ganz subtil, mit unaufrichtigen Motiven in das heilige Zentrum leib-seelischer Personen eindringe. Oder mich etwa in narzisstischen Anflügen den anderen aufdränge, nichts mehr von mir bei mir selbst behalte, sondern um der Aufmerksamkeit und des Gefallens willen noch nicht mal mehr mir selber heilig bin. Alles geschickt getarnt unter dem Netz der Authentizität. Ohne das Heilige, Geheimnisvolle, Kostbare und Unangetastete wird selbst aus dem Zauber der Liebe allzu schnell ein übler Spuk.

Lust auf den keuschen Geist Gottes

In letzter Zeit wurde mir immer bewusster, dass der Heilige Geist es selbst vormacht, keusch zu leben. Wie zurückhaltend und unaufdringlich muss er sein, wenn ich ihn betrüben und auslöschen kann (Eph 4,30; 1Thess 5,19)? Er latscht nicht einfach in mein Heiliges, sondern möchte gebeten und erbeten sein, möchte entfacht werden (Luk 11,13; 2Tim 1,6.7). Und meine Freiheit scheint ihm geradezu kostbar (Röm 8,21; 2Kor 3,17). Deshalb hängt er mir auch nicht ständig auf der Pelle, mischt sich nicht überall ein. Und jene übersteigerte Gottesintimität, die mich in manch zeitgenössischen Gottesdiensten fast erdrückt, verlangt er von mir auch nicht. Statt mich mit göttlicher Überdosis vollzudröhnen, halten seine Gegenwart und Gaben Mass mit dem, was ich bin (1Kor 12,11; Eph 4,7).

Mehr von diesem Geist, um seine Gabe der Keuschheit (Gal 5,23) unter spätmodernen Lebensbedingungen neu zu entdecken und zu leben.

Spiritualität als Kunst, geistbestimmt zu leben, meint dann im Sinne des Kirchenvaters Augustinus eine „Liebe, die in der rechten Ordnung steht“ (amor ordinatus). Ein lauterer, zärtlicher, respekt- und liebevoller Umgang mit dem Leben, den Mitmenschen und mir selbst.

Sensibel werden für das göttliche und irdische Heilige, enthaltsam seine Grenzen achten und sein wie auch mein Geheimnis hüten. Und wenn es sich dann für mich öffnet und sich mir schenkt, will ich mich vom Zauber des Lebens ergreifen lassen. Vielleicht ist so eine keusche Art zu leben viel angesagter als wir denken: „Heiliger Geist, wir sehnen uns nach Deiner Keuschheit.“

 

Photo by Miguel Bruna on Unsplash

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