Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 4 Minuten

Kann Trauer angeordnet werden?

Was ist passiert? Wurden Vorschriften missachtet? Weiss man inzwischen Neues? – An den Neujahrstagen habe ich nicht wie sonst Spiele oder Sport gemacht, sondern vor allem ständig den News-Ticker aktualisiert.

Jetzt, eine gute Woche später, trauert die Schweiz. Noch nie zuvor wurde ein solcher nationaler Trauertag ausgerufen. Er fühlt sich für mich fremd und bekannt gleichzeitig an.

Einerseits scheint man intuitiv zu wissen, was zu einem solchen Tag gehört: Schweigeminute, Kirchenglocken, Gedenkfeier, Blumen niederlegen. Es fühlt sich bekannt an.

Tatsächlich: Das Konzept der kollektiven Trauer ist uralt, und vermutlich existieren in den meisten Kulturen der Welt Rituale dafür.

Hierzulande wissen etwa die Kirchen jetzt ihre Kernkompetenzen gefragt; sie bieten Raum für die individuelle und gemeinsame Anteilnahme.

Was ist heute zu tun?

Andererseits ist es eine ungewohnte Situation: Bei einem schrecklichen Ereignis bleibt es diesmal nicht bei Newsmeldungen in sicherer Distanz, sondern die ganze Bevölkerung wird mit einbezogen.

Unzählige Menschen in der Schweiz und Nachbarländern sind emotional sehr berührt vom Geschehen. Auch ich verspüre Empathie für die Betroffenen, für Hinterbliebene und vor allem für die jungen Menschen, deren Leben nie mehr sein wird wie zuvor.

Aber bin ich traurig? Das würde sich anders anfühlen. Näher.

Und vermutlich geht es auch anderen vor dem nationalen Trauertag so, dass einen heimlich die Frage umtreibt:

«Müsste ich trauriger sein?»

Ist schon die Frage egoistisch? Denn um uns – all die Nicht-direkt-Betroffenen, Nicht-Crans-Montana-Einwohner:innen, Nicht-Hinterbliebenen –, um uns geht es heute ja schliesslich gerade nicht. Oder doch?

Welche Bedeutung hat ein solcher Tag? Kann man Trauer anordnen?

Trauer ist nicht gleich Traurigkeit

Als Theologin fallen mir kollektive Trauertage aus der Bibel ein. Eine Unterscheidung ist dabei interessant:

«Im Alten Testament begegnen Trauer als Ritual, mit dem man auf ein Unglück reagiert, und Traurigkeit als Stimmung in vielfältigen Zusammenhängen, doch überschneiden sie sich nur gelegentlich.» Das schreibt die Theologin Melanie Köhlmoos im Wissenschaftlichen Bibellexikon WiBiLex zum Stichwort «Trauer (AT)». «Für beide kann ein persönliches oder kollektives Unglück der Anlass sein.»

Traurigkeit als Stimmung ist nicht dasselbe wie Trauer als Ritual.

Das ergibt Sinn und hilft, den heutigen Tag und die eigene Haltung dazu einzuordnen.

Gesellschaftliche Anteilnahme ist bedeutsam

Um Anteilnahme zu zeigen und empathisch zu sein mit Menschen, die einen Verlust erlitten haben, muss man die Gefühle nicht selber fühlen. Man zieht vielleicht Parallelen zu eigenen Trauererfahrungen oder weiss von anderen, was in einer solchen Situation hilft und was nicht. Wie mit Trauernden umgehen? 5 Tipps

Die gesellschaftliche Anteilnahme sei für die Betroffenen wichtig, sagt die Trauerbegleiterin Zakia Curmally im SRF News Plus. Sie fühlten sich dadurch gesehen, in ihrem Leid ernst genommen und vielleicht sogar getragen.

Und noch etwas: Für die Bevölkerung sei dieser Trauertag auch ein erster Abschluss. Hier liegt ein fundamentaler Unterschied zwischen direkt und nicht direkt Betroffenen:

Für die meisten geschah das Unglück in sicherer Distanz – in wenigen Wochen wird es aus dem Alltag verschwunden sein.

Ähnlich wie nach der Beerdigung einer Person, die man kannte, der man aber nicht besonders nahe stand.

Der Weg zurück kann lange dauern

Wer hingegen ein Familienmitglied oder ein:e Freund:in verloren hat, trauert lange. Auch für die Schwerverletzten und ihre Zugehörigen ist der Weg noch lang. Manche werden für den Rest ihres Lebens psychisch und körperlich beeinträchtigt sein. Sie werden weit über den nationalen Trauertag hinaus auch individuelle Formen finden müssen, um mit dem Erlebten und dem Verlorenen umzugehen.

Ein Unglück wie die Silvesternacht in Crans-Montana zieht deswegen auch gerade diejenigen in Halbdistanz in die Verantwortung.

Arbeitskolleg:innen, Bekannte, Nachbar:innen. Das Netz, das im besten Fall die direkt Betroffenen trägt.

Wie nach jedem Todesfall, nach jedem Unglück ist die Solidarität auf lange Sicht wichtig. Diejenige, die sich zeigt, nachdem die breite Aufmerksamkeit verschwunden ist. Die nachfragt, aushält und anerkennt, dass ein Trauerprozess lange dauern kann. Die nicht mit dem Posten einer Kerze im Social-Media-Status erledigt ist.

Anteilnahme bringt auch Verantwortung

Noch ein Detail: Biblische Trauer-Riten enthielten oft ein Element der gesellschaftlichen Umkehr, der sogenannten «Busse». Dabei geht es um die Klärung von Verantwortung und Schuld. Auch das findet eine Parallele in der Aufarbeitung des Brandes in Crans-Montana.

Und dies weit über den juristischen Prozess hinaus: Aktuell ist eine Sensibilität dafür spürbar, im Alltag stärker Sicherheitsfragen mitbedenken zu wollen, auch wenn das mehr Aufwand bedeutet.

Das Bewusstsein, nicht nur für sich, sondern auch für andere Verantwortung und Fürsorge zu tragen: Dazu kann ein nationaler Trauertag möglicherweise Anstoss geben.

 

Stammtisch Podcast: Crans-Montana: Trauer, Schock und die Frage nach der Verantwortung

Beitragsserie: Auf Tuchfühlung mit dem Tod

Klagelieder: Warum Wut und Trauer auch im Glauben Raum haben dürfen

Wie mit Trauernden umgehen? 5 Tipps

Foto von Jonathan Borba auf Unsplash

2 Gedanken zu „Kann Trauer angeordnet werden?“

  1. Ja, auch meine Gedanken ziehen immer wieder zu den Betroffenen, jedoch auch zu den ev. Schuldigen. Sie alle leiden. Für sie alle hat sich in ihrem Leben etwas ganz verändert. Wir alle können uns Gedanken machen:
    Wie gehe ich mit meiner eigenen Trauer um bei Verlusten?
    Gibt es in meinem Leben etwas womit ich andere gefährde?
    Kann ich jemandem in Trauer beistehen?
    Mit diesen Gedanken gehe ich durch den Tag.
    Ich hoffe, dass die Gedanken mich zum Handeln führen.

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