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Lesedauer: 5 Minuten

Jesus ist ein Corona-Opfer

Im Elsass, mitten im Epizentrum der Corona-Epidemie in Frankreich, blickt uns der Jesus des Isenheimer Altars an. Die berühmte Darstellung des Gekreuzigten von Matthias Grünewald verzichtet auf Verniedlichungen und Verklärungen. Dafür erbringt der Künstler eine eindrückliche Kontextualisierungsleistung.

Der abgemagerte, geschundene Körper Jesu zeigt nämlich zahlreiche Symptome einer damals verbreiteten Erkrankung. Krampfartig angespannte Finger, blaue Lippen und eingezogener Brustkorb, gelbliche Haut mit rot umrandeten Wunden:

So wurden die Kennzeichen der Mutterkornvergiftung beschrieben, welche im 16. Jahrhundert viele Opfer forderte. Besonders gefürchtet waren die brennenden Schmerzen, welche dieser Pilz beim Menschen auslöste (auch »Antoniusfeuer« genannt), und natürlich der meist unausweichliche Erstickungstod.

Der heute weltbekannte Elsässer Wandelaltar stand damals im Isenheimer Antoniterkloster, das als Spital funktionierte und viele an Mutterkornvergiftung Leidenden aufnahm. Jeden Tag schauten die Patienten so auf den sterbenden Christus; jeden Tag wurde ihnen vor Augen geführt, dass sie auch und gerade in ihrem Leiden von diesem Gott nicht alleine gelassen werden.

Der Gottessohn ist ihnen in ihren Schmerzen nahe. Er erliegt dem sengenden Antoniusfeuer in seinen Gliedern. Er stirbt als Mutterkornvergifteter.

Jesus als Teilhaber menschlicher Leiden

Und heute? Die Zeit der bemalten und ausklappbaren Altarbilder ist lange vorbei. Die Zeit der Leidenden aber gewiss nicht.

In der Universitätsklinik Strassburg, nicht weit vom früheren Isenheimer Klosterspital entfernt, herrschen gegenwärtig prekäre Zustände. An Covid-19 Erkrankte in kritischem Zustand werden nicht mehr beatmet, sondern nur noch mit Hilfe von Opiaten und Schlafmitteln im Sterben begleitet. Bereits 1’300 Todesopfer hat das Corona-Virus in der Region Strassburg gefordert (Stand 26.03.). Damit der Betrieb nicht zusammenbricht, arbeiten auch längst infizierte Ärzte weiter.

Und das sind erst die Schicksale der primär Betroffenen. Wie vielen Menschen die aktuelle Krise ihre Arbeit und Existenzgrundlage kosten wird, wie viele Alleinstehende an Einsamkeit verzweifeln, oder auch: wie viele Geflüchtete, Hungernde, Unterdrückte in der allgemeinen Notlage nun erst recht vergessen werden: all das lässt sich kaum ermessen.

Wo ist Gott in diesen himmelschreienden Zuständen? Nicht nur im Geiste Matthias Grünewalds, sondern überhaupt im Geiste des Evangeliums müsste man sagen: Gott ist mittendrin. Sie identifiziert sich mit den Leidenden, kommt ihnen gerade jetzt nah.

Der Gott des Christentums erweist sich in Jesus Christus als Corona-Opfer.

Und was kann ich mir davon kaufen?

Es gibt natürlich Leute, die halten davon nicht viel. Vor einigen Jahrzehnten hat der Theologe Jürgen Moltmann, selbst geprägt von einschneidenden Leiderfahrungen, das Bild des in Christus mitleidenden Gottes neu in Zentrum gestellt – und er hat prompte Kritik erfahren.

«Was nützt es mir in meiner Verzweiflung, wenn ich weiss, dass es Gott genauso dreckig geht?», hat ihm der katholische Theologe Karl Rahner entgegengehalten. Die implizierte Antwort war selbstverständlich: es nützt mir nichts.

Mindestens im zwischenmenschlichen Bereich leuchtet das aber schon mal gar nicht ein. Wer im Spital etwa schon erlebt hat, wieviel Trost ein Mitleidender durch seine Gegenwart und seinen Zuspruch zu spenden vermag, oder wer in einer Ehekrise einen Freund zur Seite hatte, der selbst den Zerbruch einer Beziehung durchgemacht hat, oder wer in seiner Trauer Menschen um sich wusste, die den Schmerz des Verlustes auch kennen, der (oder die) wird solchen Beistand nicht so schnell als nutzlos abtun. Nicht umsonst schöpfen sogenannte „Selbsthilfegruppen“ seit Jahrzehnten aus der Kraft geteilter Leidenserfahrung.

Und seit bald zwei Jahrtausenden finden Menschen Trost im Anblick eines Gottes, der sich im Leiden nicht von ihnen abwendet, sondern ihnen im Gegenteil unmittelbar nahekommt – auch in Gestalt derer, die von der Menschenliebe dieses Gottes ergriffen sind.

In dieser Ergriffenheit geht der Glaube an Gott aber nicht auf. Im Glauben erwarten wir, dass das Kreuz nicht das Ende der Geschichte bleibt. Sein Leid vor Gott bringen, heisst immer auch: Die Türe für Ostern offen halten.

Gott vs. Virus?

Jesus Christus ist auferstanden! Hier liegt die Kraft und das Geheimnis dessen, was als »Evangelium« um die Welt ging: Das Leiden, die Angst und Verlassenheit, die Trauer und der Schmerz haben nicht das letzte Wort.

In einer Zeit, in der auf Netflix und in den Medien die Weltuntergangsszenarien Hochkonjunktur haben, in der manche frommen Spinner die Apokalypse herbeisehnen und andere (oder dieselben?) sich vorsorglich einen eigenen Bunker bauen, tun wir gut daran, die »Apokalypse« des Neuen Testamentes zu Wort kommen zu lassen:

Hier gibt der Auferstandene den Blick frei auf einen Gott, der den Trauernden die Tränen abwischt, der die Angstschreie verstummen lässt und die Verlassenen und Vergessenen in seine Gemeinschaft aufnimmt.

Ja, gewiss ist es gerade für Theolog*innen ratsam, angesichts einer Krise wie der jetzigen nicht eilfertig das Maul aufzusperren und die Lösung des Theodizeeproblems zu verkünden. Darauf hat Andreas Kessler in einem früheren Blogbeitrag hingewiesen. Und sicher schickt es sich auch nicht, Gott in ein wasserdichtes System zu packen, sich von ihr ein Bild zu zimmern, wie Stephan Jütte in einem anderen Beitrag sagt.

Aber dort, wo Gott selbst gegen sein Bilderverbot verstößt, indem er sich in Jesus Christus sichtbar, verletzlich, menschennah und leidensfähig zeigt, da ist es den Christ*innen nicht nur erlaubt, sondern gerade um der Leidenden Willen vielmehr geboten, nicht zu schweigen.

Und dieses Nicht-Schweigen bedeutet natürlich nicht nur reden von jenem Gott, der in Christus den Tod überwunden hat, sondern auch handeln an den Leidenden in genau dieser Hoffnung. So kommt der Auferstandene Menschen in dieser Welt bereits nahe und wird ihnen zum Besucher, Helfer und Freund.

Denn Jesus Christus hat Corona. Und er ist auferstanden.

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7 Kommentare zu „Jesus ist ein Corona-Opfer“

  1. Hans Ulrich Jäger-Werth

    Mir aus dem Herzen gesprochen! Danke. Keine Lösung des Thedizeeproblems. Aber Gott nimmt in Christus unser Leiden ernst, leidet mit und begleitet uns im Dunkel zum Licht. Dazu Ps 23, 4.

    1. Manuel Schmid

      Danke für die Rückmeldung! Ein Bekannter von mir ist auch überzeugt, mit einem Reinkarnationsglauben das Theodizee-Problem lösen zu können. Ich respektiere diesen Versuch, auch wenn ich die Ansicht nicht teile. Die grösste Gefahr einer reinkarnationstheoretischen Lösung ist m.E., dass sie der Konsequenz schwer entgeht, das Leiden zu verharmlosen und die Leidenden auf sich selbst zurückzuwerfen. Wer leidet, bezahlt dann die Rechnung aus Übertaten eines früheren Lebens – d.h. es ist richtig und gerechtfertigt, dass er leidet, in gewissem Sinne hat er sein Leiden sogar selbst verschuldet. Es gibt zahlreiche Beispiele aus dem Hinduismus, die zeigen, dass auf diesem Hintergrund sogar die Hilfe für Leidende als ungebührlicher Eingriff in den Lauf des Lebens gewertet werden kann. Das muss vielleicht nicht so sein, aber die Tendenz liegt m.E. nahe…

      1. Ich selbst war ab meinem 14. Lebensjahr mit einem Schicksalsschlag konfrontiert, der mich in die völlige Verzweiflung trieb. Natürlich klagte ich deshalb Gott an, wie er es fertigbringen könnte, einem unschuldigen “Noch-Kind” dergleichen zuzumuten. Wirklich versöhnt mit Gott wurde ich erst, nachdem ich erkannte, dass die Ursache dafür in einem früheren Erdenleben lag. Ich habe dergleichen auch von anderen gehört. Es ist entlastend. Denn es zeigt, wie leben nicht in einer Welt, die durch die Willkür eines launenhaften Gottes bestimmt wird.

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