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Lesedauer: 14 Minuten

Hoffnung auf Widerstand (oder: Warum das Christentum gute Kritiker braucht)

[Die Ausgeglaubt-Diskussion zu Dawkins Buch «Der Gotteswahn» findet sich hier.]

«Der Gott des Alten Testaments ist – das kann man mit Fug und Recht behaupten – die unangenehmste Gestalt in der gesamten Literatur: Er ist eifersüchtig und auch noch stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker; ein rachsüchtiger, blutrünstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann. […]

Ein so leichtes Ziel anzugreifen ist unfair. Die Gotteshypothese sollte weder mit Jahwe, ihrer abstoßendsten Verkörperung, stehen und fallen noch mit ihrem fade-entgegengesetzten christlichen Gesicht, dem »sanften Jesus, lieb und mild«. […]

Mein Angriff gilt nicht den besonderen Eigenschaften von Jahwe, Jesus oder Allah und auch keinem anderen einzelnen Gott wie Baal, Zeus oder Wotan. Ich möchte die Gotteshypothese, damit sie besser zu verteidigen ist, wie folgt definieren: ‹Es gibt eine übermenschliche, übernatürliche Intelligenz, die das Universum und alles, was darin ist, einschließlich unserer selbst, absichtlich gestaltet und erschaffen hat.›»

(Richard Dawkins: Der Gotteswahn, 53f.)

Der Siegeszug des «neuen Atheismus»

In schneller Folge erschienen in den ersten Jahren des neuen Millenniums leidenschaftliche bis ätzende literarische Abgesänge auf jede Art religiösen Glaubens: «Der Gotteswahn»(Richard Dawkins); «Das Ende des Glaubens» (Sam Harris); «Den Bann brechen» (Daniel Dennett); «Der Herr ist kein Hirte: Wie Religion die Welt vergiftet» (Christopher Hitchens) – schon die Titel dieser Bücher geben Aufschluss über die Entschlossenheit, mit der hier jede Weltsicht, die den Bereich des naturwissenschaftlich Erforschbaren übersteigt, als ebenso dumm wie böse verurteilt wird.

Mit Abstand am lautesten gerufen und am nachhaltigsten gewirkt hat dabei zweifellos der britische Evolutionsbiologe und Populärwissenschaftler Richard Dawkins. Seine wuchtige Streitschrift «Der Gotteswahn» (im Englischen «The God Delusion», erschienen im Jahr 2006) schlug alle Rekorde und machte den Autor zum Shooting Star der Freidenker und Religionsverächter.

Aus der wachsenden, aber bislang meist unauffälligen Schar jener Zeitgenossen, die mit Religion nichts anfangen können und den Gedanken an Gott verabschiedet haben, geht im Zuge der genannten Veröffentlichungen eine geradezu missionarische Bewegung hervor, die unter dem Namen «neuer Atheismus» firmiert und entschlossen ist, so viele Konvertiten wie möglich zu machen.

«Der Gotteswahn»

Dabei ist «Der Gotteswahn» ein Buch, das zu kritisieren irgendwie schwerfällt. Dies aber nicht, weil Dawkins Argumente so stichhaltig und die Evidenz für seine Sicht so überwältigend wären, dass es einen als überzeugter Christ und Theologe einfach die Sprache verschlägt. Eher das Gegenteil ist der Fall:

Dieses Buch, das in 31 Sprachen übersetzt und mehrere Millionen Mal verkauft wurde, ist ein so zorniges und verbittertes Pamphlet, eine derart schnaubende Aneinanderreihung von «worst practice»-Beispielen und persönlichen Animositäten, dass ich den Impuls verspüre, dem geplagten Verfasser die Adresse eines guten Psychotherapeuten herauszusuchen.

Mit anderen Worten (und weniger zynisch) ausgedrückt: Ich habe grösste Mühe, Dawkins als Kritiker des Gottesglaubens ernst zu nehmen. Und ich bin damit nicht allein: Erstaunlich wenige Religionsphilosophinnen und Theologen haben sich mit dem «Gotteswahn» (oder anderen populären Veröffentlichungen der Vordenker des «neuen Atheismus») eingehend auseinandergesetzt und zu den Anschuldigungen Dawkins’ Stellung genommen – eben weil das Buch kaum als qualifizierter Beitrag zum geisteswissenschaftlichen Diskurs wahrgenommen wurde. (Inzwischen gibt es jedoch eine Reihe hervorragender Reaktionen auf das Buch, auf die ich zum Schluss hinweise.)

Kein Wald vor lauter Bäumen

Es wird noch deutlich werden, warum ich das ganz ohne Häme und Triumphgefühle, sondern vielmehr mit einem gewissen Bedauern festhalte – ich möchte aber doch zuerst versuchen, Dawkins Frontalangriff auf alles Religiöse zu begegnen.

Das über 600 Seiten dicke Werk nimmt die Leser:innen mit auf einen wilden Ritt durch die schlimmsten Auswüchse des religiösen Fanatismus, die abstrusesten Behauptungen geistlicher Würdenträger, die haarsträubendsten Verbrechen der Kirche und die dümmsten Gründe für den Glauben – mit dem erklärten Ziel, jegliches Festhalten an etwas «Übernatürlichem» als irrational und schädlich auszuweisen und schlüssig darzulegen, dass es «mit ziemlicher Sicherheit» keinen Gott gibt (Richard Dawkins: Der Gotteswahn, 3. Auflage 2007, 185).

Obwohl der beissende Stil Dawkins’ durchaus unterhaltsam ist, zieht sich die Lektüre doch in die Länge, und man droht den Wald vor lauter Bäumen, oder genauer: das Argument vor lauter Anekdoten aus den Augen zu verlieren.

Versucht man, zwischen polemischen Ausfällen und Erzählungen aus dem Gruselkabinett der Religionsgeschichte die grossen Linien auszumachen, wird man v.a. zwei Ebenen der Kritik unterscheiden können:

Irrationalitätskritik: Religion ist dumm

Die erste: Religion ist (oder macht) dumm.

Für Dawkins ist glasklar, dass kein Mensch mit zwei synchronen Hirnzellen angesichts der wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit noch an die Existenz Gottes glauben kann.

Die Evolutionsbiologie und andere naturwissenschaftliche Disziplinen hätten in den vergangenen 150 Jahren die Entstehung des Universums und die Ursprünge des organischen Lebens erklärt, ganz ohne sich irgendwelcher religiöser Annahmen zu bedienen. Wer dahinter oder darüber noch einen Schöpfergott vermutet, befindet sich geistig auf derselben Ebene wie jemand, der an unsichtbare fliegende Teekannen oder an das Evangelium des «Spaghettimonsters» glaubt (90 u.ö.).

Niemand scheint Dawkins erklärt zu haben, dass kaum ein religiöser Mensch an einen Gott glauben wollte, der sich naturwissenschaftlich beweisen oder unter dem Seziermesser untersuchen liesse.

Auch die zahlreichen theologiegeschichtlichen «Gottesbeweise», welche der streitbare Religionskritiker zu «widerlegen» sucht, wollen gar keine zwingenden Argumente für den Glauben bieten, wohl aber die Konsistenz und Kohärenz des Theismus aufweisen. Umgekehrt allerdings zieht Dawkins genauso wenig in Betracht, dass es naturwissenschaftlich unabgegoltene menschliche Erfahrungen gibt (wie z.B. Bewusstsein, Liebe, Schönheit, Glück, Moral), die über sich hinaus auf eine transzendente Wirklichkeit weisen (man vergleiche hierzu das grossartige Buch von David Bentley Hart: The Experience of God: Being, Consciousness, Bliss; aber auch der inspirierende Impuls von Ronald Dworkin: Religion Without God).

Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Es ist ein erstaunlich platter Szientismus und Naturalismus, der uns hier entgegentritt – und erst noch einer, der entgegen allen wissenschaftlichen Grundsätzen sämtliche Indizien für das Gegenteil beharrlich ignoriert oder gewaltsam wegerklärt.

Dass gerade die monotheistische Verhältnisbestimmung von Gott und (nicht-göttlicher) Schöpfung die wissenschaftliche Erforschung unserer Welt entscheidend angeregt hat, dass praktisch alle Universitäten der westlichen Welt ihre Wurzeln im christlichen Bildungsgedanken haben, dass die neuzeitliche Geistesgeschichte (einschliesslich vieler aufklärerischer und kirchenkritischer Impulse!) völlig undenkbar wäre ohne prägende Figuren wie Descartes, Pascal, Leibniz, Rousseau, Kant u.v.m., deren Gottesglaube ein integraler Bestandteil ihres Denkens war, und dass Kirchen verschiedener Konfessionen bis in unsere Zeit mehr zur weltweiten Alphabetisierung und Schulbildung beitragen als alle Freidenkervereinigungen zusammengenommen – all das findet bei Dawkins keine Beachtung oder aber wird auf Faktoren zurückgeführt, die mit dem Glauben an Gott nichts zu tun haben sollen.

Wenn gefeierte Wissenschaftlerinnen und Nobelpreisträger sich als gottesgläubige Menschen outen, wird ihnen von Dawkins kurzerhand der Glaube abgesprochen oder unterstellt, sie würden nicht merken, dass sie von religiöser Seite für Propagandazwecke missbraucht werden (136).

Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein.

Immoralitätskritik: Religion ist böse

Ähnliches lässt sich zur zweiten Argumentationslinie festhalten, die sich durch Dawkins «Gotteswahn» zieht.

Religion ist (oder macht) seiner Überzeugung nach nämlich nicht nur dumm, sondern auch gefährlich und böse.

Zum Nachweis werden erneut alle Register gezogen. Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Religionskriege, Homophobie, Sexualfeindlichkeit und Frauenverachtung: Kein Schandfleck der Kirchengeschichte und kein Defizit des gegenwärtigen Christentums oder Islams (andere Religionen treten bei Dawkins in den Hintergrund) wird ausgelassen, um die These zu untermauern, dass Religion unausweichlich das Schlechteste aus dem Menschen herausholt.

Neu ist das alles freilich nicht. Der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner hat von 1983 bis 2013 unter dem programmatischen Titel «Kriminalgeschichte des Christentums» in nicht weniger als zehn (!) Bänden die Verfehlungen der verbreitetsten Weltreligion in schmerzhafter Ausführlichkeit nachgezeichnet. Bei Dawkins fällt höchstens die Schlussfolgerung noch fundamentaler und apodiktischer aus:

So gewiss wie der Gottesglaube wesenhaft irrational und wissenschaftsfeindlich ist, so sicher sind dessen Anhänger moralisch vergiftet. Religion ist nach Dawkins die grosse Anstifterin zur Unmenschlichkeit.

Zumal im Blick auf das Judentum und Christentum sollte dieses Urteil kaum mehr überraschen – folgen dessen Vertreter bekanntlich einem «ungerechten, blutrünstigen, frauenfeindlichen, homophoben, rassistischen Tyrannen» (53f; vgl. das Zitat zu Beginn des Beitrages).

Monochromes Weltbild

Auch in seiner moralischen Kritik gibt sich der Verfasser alle Mühe, die Wirklichkeit in sein monochromes Weltbild einzupassen.

Entscheidend sind dafür nicht einfach die genannten Tiefpunkte etwa der Christentumsgeschichte – diese sind auch in den Kirchen weitgehend unbestritten –, sondern vielmehr deren Deutung und Einordnung:

Für Dawkins sind all diese Episoden der Gewalt und Diskriminierung keine Auswüchse oder Verdrehungen des christlichen Glaubens, sondern deren eigentlicher und natürlicher Ausdruck. Die zahlreichen sozialdiakonischen und humanitären Errungenschaften des Christentums dagegen werden (wenn sie überhaupt Erwähnung finden) auf allgemein-menschliche Regungen von Empathie und Altruismus zurückgeführt, die dem Gottesglauben fremd sind – oder sich sogar trotz vorhandenem Gottesglauben noch Ausdruck verschaffen konnten.

Nicht einmal Mutter Teresa bleibt von diesem missgünstigen Blick verschont. Weil sie die Praxis der Abtreibung öffentlich kritisiert hat, kann Dawkins diese «scheinheilig-heuchlerische» Frau in überhaupt keiner Frage mehr ernst nehmen (483).

Ihre lebenslange und aufopferungsvolle Fürsorge für die Sterbenden in Kalkutta vermag offenbar das Verdikt nicht mehr umzustossen, dass der Glaube auch diese katholische Lichtgestalt moralisch korrumpiert hat. Genauswenig trägt die bis in die Frühzeit der Kirche zurückgehende Fürsorge der Christ*innen für Witwen und Waisen, ihre unermüdliche Hingabe für Kranke und Ausgestossene, die Gründung von Hilfsorganisationen, Spitälern, Kinderheimen, karitativen und medizinischen Einrichtungen u.v.m. nach Dawkins Einschätzung zur moralischen Glaubwürdigkeit des Christentums bei.

Das Wesen der Religion(en)

Argumentationslogisch geben beide Linien der Kritik nicht her, was Dawkins ihnen abringen möchte – die Erkenntnis nämlich, dass Gott «mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht existiert» (vgl. 78 u.ö.).

Dawkins Beweisführung rechtfertigt höchstens die Aussage, dass auch der Kreis der Gottesgläubigen eine Vielzahl an Absurditäten, Grausamkeiten und Fanatismen hervorbringt. Das hat aber von Anfang an niemand bestritten, ist es doch auch für jedes andere Kollektiv von signifikanter Grösse wahr:

Auch unter Vegetariern, Autofahrern und Postbeamten sind genügend dumme und böswillige Individuen zu finden.

Der Nachweis aber, dass die Dummheiten und Bosheiten natürlich und notwendig aus dem Gottesglauben hervorgehen (und dass dieser Gottesglaube auch metaphysisch ins Leere zielt), dürfte widersprechende Indizien nicht ausblenden – und müsste auch dann noch beanspruchen, in ganz privilegierter Weise zu wissen, was den Glauben eigentlich und wirklich ausmacht.

Während fast alle respektablen Theologinnen und Religionsphilosophen unserer Zeit von essentialistischen Aussagen mit guten Gründen Abstand nehmen, traut sich Dawkins problemlos zu, das Wesen des Christentums, des Judentums, des Islams und der Religion überhaupt zu identifizieren.

Keine Neugierde

Mit seinem Manifest des «neuen Atheismus» offenbart Dawkins damit eine eigenartige und durchaus bezeichnende Motivlage:

Er reklamiert einen einzigartig luziden religionsphilosophischen Durchblick, zeigt aber zugleich keinerlei Neugierde gegenüber dem Gegenstand seiner Untersuchung.

Dawkins ist von der Lächerlichkeit und Verabscheuenswürdigkeit des Gottesglaubens derart überzeugt, dass er keine der Religionen einer eingehenderen Betrachtung für würdig hält. Nirgendwo gewinnt man den Eindruck, der Autor hätte sich ernsthafte Mühe gegeben, etwa die Entstehungsgeschichte, Glaubensinhalte und Frömmigkeitsformen des Christentums zu verstehen oder seinen Selbstanspruch nachzuvollziehen.

Seine rudimentären religionsphilosophischen und theologischen Kenntnisse hält er für ausreichend, um sämtliche Religionen in die Pfanne zu hauen – augenscheinlich ohne zu merken, wie sehr er sich dabei blamiert und wie weit sich der Schuster hier von seinen Leisten entfernt. Solche Kritik wird aber ihr Ziel notwendigerweise verfehlen und allenfalls einer dankbaren Fangemeinde in die Hände spielen, die ebenfalls schon lange wusste, dass der Gottesglaube die Wurzel allen Übels ist.

Damit aber verletzt Dawkins den wohl fundamentalsten Grundsatz wissenschaftlicher Forschung: Die Einsicht nämlich, dass man gedanklich nur durchdringen kann, wofür man auch Faszination, Neugierde oder wenigstens ein gewisses Interesse aufbringt.

Das Christentum braucht starke Gegner

Die treffendste, zielsicherste und schmerzhafteste Christentumskritik ist darum auch immer von Menschen ausgegangen, welche diese Religion von innen heraus kennengelernt und zu verstehen versucht haben.

Wieviel grundlegender hat ein Friedrich Nietzsche oder sogar noch ein Ludwig Feuerbach an den Festen des Christentums gerüttelt, wieviel eindringlicher und schwerverdaulicher ist ihre Kritik an dieser Religion ausgefallen – eben weil sie diese (wenigstens teilweise) für das angriffen, was sie in ihrem Anspruch und ihrer Eigenlogik nach tatsächlich ist.

Auch sie haben mit Polemik nicht gespart, und auch sie haben Grundsatzurteile zu fällen gewagt. Sie trafen das Christentum immer wieder ins Herz, während Dawkins vor allem Strohmänner abschiesst.

Was uns zur anfänglichen Bemerkung zurückführt, dass es durchaus kein Anlass zur Freude ist, wenn Religionskritik derart hemdsärmelig und argumentativ schwach daherkommt, wie es bei Dawkins (und den anderen führenden Vertreter des «neuen Atheismus») der Fall ist.

Es sollte uns vielmehr zu denken geben.

Ist das Christentum ein so schwacher und unattraktiver Gegner geworden, dass ein schlecht informierter Evolutionsbiologe genügt, um den durchschlagendsten intellektuellen Angriff unseres Jahrhunderts auf diese Religion zu lancieren? Ist das Christentum in der öffentlichen Wahrnehmung derart diskreditiert, dass es ausreicht, den Finger auf einige seiner bizarrsten Erscheinungsformen zu legen, um Millionen von Menschen in ihren Vorurteilen zu bekräftigen?

Hoffnung auf Widerstand

Dabei gibt es allen Grund, das, was in den vergangenen zwei Jahrtausenden «Christentum» oder «Kirche» genannt wurde, einer gründlichen und schonungslosen Evaluation zu unterziehen.

Die moralischen Verfehlungen der Kirche (einschliesslich der aktuellen Missbrauch-Skandale) sollten dabei ebenso wenig übergangen werden wie der von Dawkins gesetzte Impuls, das biblische Gotteszeugnis und die christliche Lehrbildung kritisch zu hinterfragen. Wirklich produktiv wird eine solche Kritik aber erst, wenn sie genau genug hinschaut und tief genug ins Eigenleben der Religion eindringt, um auch zu treffen.

Es sollte uns z.B. durchaus umtreiben, wie ausgerechnet eine als Jesusbewegung aufgebrochene und dem Gedanken hingegebener Liebe verpflichtete Religion eine zuweilen erschreckende Gewaltbereitschaft und Unterdrückungsdynamik entwickeln konnte.

Auch kann es keine Christin kalt lassen, dass just aus einer ausgesprochen geerdeten, schöpfungsbejahenden biblisch-hebräischen Weltsicht eine Institution hervorgehen konnte, welche auf weiten Strecken die Seele und das Jenseits auf Kosten des Leibes und des Diesseits betont hat und bis heute an einem gebrochenen Verhältnis zur Körperlichkeit zu leiden scheint.

Darüber hinaus lässt sich fragen, inwiefern die längst als «klassisch» verbürgte Vorstellung eines allmächtigen Gottes, der die Geschicke der Welt lenkt und seinen Willen durchsetzt, zur Machtförmigkeit des Christentums beigetragen hat – und inwiefern dieses Gottesbild durch die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus überhaupt abgedeckt ist.

Und natürlich bietet auch die von Dawkins immer wieder aufgeworfene Frage nach der Verhältnisbestimmung von Glaube und Wissenschaft genügend Grund zur kritischen Rückfrage. Indem er sich auf Kreationisten und Vertreter des Intelligent Designs einschiesst, macht er es den Christ:innen viel zu leicht. Die in der westlichen Welt verbreitete schiedlich-friedliche Trennung der Zuständigkeitsbereiche – Naturwissenschaften sind für die Erforschung und Beschreibung der Welt zuständig, Theologie (und Philosophie) für deren Erklärung und Sinndeutung – ist nämlich angesichts der empirisch-historischen Dimensionen des christlichen Bekenntnisses (Jesus Christus!) keineswegs selbstverständlich, und sie droht das Christentum zur letztlich beliebigen und belanglosen Interpretation der Wirklichkeit werden zu lassen.

In diese und viele weitere Richtungen könnte eine qualifizierte Christentumskritik gehen. Von Dawkins wird sie nicht kommen.

Aber vielleicht – hoffentlich! – finden sich andere Zeitgenossen, die den christlichen Glauben ernst genug nehmen, um ihn nicht mit einigen leicht widerlegbaren Pauschalurteilen davonkommen zu lassen.

Weiterführende Literatur

 

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23 Kommentare zu „Hoffnung auf Widerstand (oder: Warum das Christentum gute Kritiker braucht)“

  1. Hallo Manuel,
    Vielen Dank, volle Zustimmung!
    Ich fand Dawkins in Auseinandersetzungen mit Kreationisten immer recht amüsant, in dem Sinne, wie auch Fail-Videos amüsant sein können. Darüber hinaus ist allerdings wirklich wenig zu erwarten. Es erfüllt einen fast schon mit Fremdscham, wie uninformiert er im Grunde über den Gegenstand seiner Kritik ist und dies auch noch so laut heraus posaunt.
    Zu deiner Liste der immer noch lesenswerten großen Religionskritiker würde ich noch gerne Karl Barth hinzufügen. Der ist doch auch immer wieder aktuell.

    LG

  2. Ich fand diesen Beitrag total informativ und spannend zu lesen. Zum letzten Ansatz hätte ich gerne mehr erfahren: Warum soll diese „Arbeitsteilung“ zwischen Theologie und Naturwissenschaft nicht funktionieren? Man kann ja bedauern, dass Theologie nicht mehr als Deuteangebote liefern kann. Aber was denn sonst?

    1. Danke Dieter für dein Feedback und die Rückfrage! Das ist ein grosses Thema. Ich würde es mal so sagen:
      Diese schiedlich-friedliche Lösung ist ein Produkt aufklärerischer Philosophie, und sie hat sicher vieles zur Konfliktbereinigung zwischen Religion und Wissenschaft beigetragen.
      Zumindest für die grossen monotheistischen Religionen geht sie aber am fundamentalen Selbstverständnis dieser Religionen vorbei. Das Gottesverständnis der Zeitgenossen des alten und neuen Testaments begnügt sich gewiss nicht damit, stimmige Deutungsangebote für unsere Wirklichkeit zu liefern, sondern hält an der Überzeugung fest, dass Gott als Schöpfer und Erhalter dieser Welt auch in dieser Welt wirkt, mit der Geschichte der Menschen mitgeht und in ihr einen Unterschied macht. Im Christentum wird das in der Person von Jesus Christus verdichtet. Da geht Gott in Raum und Zeit dieser Welt ein, läuft durch den Staub Galiläs, berührt Menschen, segnet und heilt sie, wird an ein Stück Holz geschlagen, begraben – und er steht zu neuem Leben auf. Diese Ereignisse bilden den Kern aller christlichen Bekenntnisse, und sie zeigen bis in die Nennung von Pontius Pilatus, einer (Rand)Figur im römischen Reich des ersten Jahrhunderts hinein, dass der Glaube sich nicht nur als (letztlich beliebige?) Deutung der Wirklichkeit, sondern als Einbruch einer anderen Wirklichkeit in die unsere versteht. Grossartig dazu finde ich übrigens den Aufsatz von Heinzpeter Hempelmann zur Wunderfrage – er liefert die wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Überlegungen dazu: https://www.iguw.de/site/assets/files/2507/hempelmann_heinzpeter_wunder-als-zeichen_iguw.pdf

      1. Beschreiben denn wissenschaftliche Erkenntnisse keine Wunder? Hat Hempelmanns vierfacher Wunderbegriff mit fünf apriorischen Entscheidungen nicht einen grossen blinden Fleck, nämlich Wunder, die sich vor Augen wissenschaftlich Forschender entrollen? Wunder, die menschliches Staunen hervorrufen und einen faszinieren und schaudern lassen?

  3. Lieber Manuel
    Super gemacht und sehr informativ! Danke!
    Ich teile deine Ansicht, dass wir Gott als Schöpfer nicht einfach aufgeben können und dürfen, aber eben ohne uns auf das Tanzparkett der Naturwissenschaft zu begeben: Ruach ist ja zum Beispiel keine messbare Energie etc. und wir müssen Physikern und Biologen nicht ihr Fach erklären- sie aber uns unseres auch nicht!
    Dawkins macht hier eine Kritik der Religionsgeschichte, wie du ebenfalls ja auch geschrieben hast, und das eben platt; für mich hackt er das Thema Gott phänomenologisch zu platt ab; da wäre mehr drin gewesen und dann wär’s interessant geworden… Da bin ich auf euren Beitrag zu Dworkin gespannt!
    Zu den Memes sagst du nichts?

    Liebe Grüsse und wie immer: weiter so!

  4. Herzlichen Dank für den Podcast und diese zusätzlichen Gedanken. Ihr habt mit Euren Beiträgen schön gezeigt, wie man respektvoll mit Andersdenkenden umgehen kann.
    Ich habe Herrn Dawkins‘ Buch nicht gelesen. Mir scheint jedoch, dass er einen Gott kritisiert, an den ich und wohl viele ernsthafte Christen auch nicht glauben. Etwas zwiespältiger bin ich bei seiner Kritik an der Kirche, da ich auch heutzutage bisweilen überrascht bin, welche Positionen etwa viele Christen in den USA mit der Nachfolge Jesu vereinbaren können.
    Übrigens habe ich bei manchen Atheisten das Gefühl, dass sie einen naiven Naturalismus vertreten, weil sie sich schlicht noch nicht ernsthaft mit metaphysischen Grundfragen auseinander gesetzt haben. Es bleibt eine wichtige Aufgabe jeder Generation, Gedanken der natürlichen Theologie wieder neu aufzugreifen.

  5. Manfred Reichelt

    „Ist das Christentum ein so schwacher und unattraktiver Gegner geworden, dass ein schlecht informierter Evolutionsbiologe genügt, um den durchschlagendsten intellektuellen Angriff unseres Jahrhunderts auf diese Religion zu lancieren?“ – Wie man sieht, leider ja! Christlicher Glaube war seit dem Mittelalter vor allem Traditionspflege und nicht mehr, wie in der Anfangszeit, innovativ. Und so muss man sich nicht wundern, dass immer mehr die Naturwissenschaft mit ihren Erkenntnissen zum Sinngeber wurde: Es gibt keinen anderen Sinn als dieses eine Leben…
    Aber das muss nicht so bleiben. Man kann die Naturwissenschaft argumentativ in die Schranken weisen: https://www.academia.edu/47776276/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weitergeht_

    1. Ihre spannende Schrift habe ich in der Eile nur quer gelesen. Vieles scheint mir sehr einleuchtend. Erinnert mich an Sätze, die ich bei Ken Wilber oder Teilhard de Chardin gelesen habe.
      Aber warum wollen Sie die Naturwissenschaft argumentativ in die Schranken weisen? Profitieren wir nicht alle, wenn die Grenzen fallen und ein echter Dialog zustande kommt?

      1. Manfred Reichelt

        Danke für Ihr feedback. Ich denke, Ihre Frage würde zufriedenstellend beantwortet, wenn Sie sich genügend Zeit für die Lektüre nähmen. Nur so viel sei gesagt: Im öffentlichen Bewusstsein scheint die Naturwissenschaft die Deutungshoheit zu haben. Naturwissenschaftliche Aussagen können aber nicht für die ganze Natur gültig sein, sondern nur für den Teil der Natur, der mess- und wägbar, kurz mit naturwissenschaftlichen Methoden erfassbar ist. Ein naturwissenschaftliches Weltbild muss also per se falsch sein.

  6. Sebastian Münkel

    Hallo Manuel,

    Ich kann mich den durchgehend positiven Kommentaren leider nicht anschliessen. Für mich war Eure Kritik des Buches und der Inhalt Deines Textes hier überhaupt nichtzutreffend und Deine Argumente hier schwanken zwischen uniformiert, fehl leitend und schlicht falsch. Ich werde einmal versuchen, dies hier im Folgenden etwas zu sezieren:
    Bereits die These zu Beginn das es keine Repliken zum Buch von religiöser Seite gegeben hätte und dass dies wohl darauf zurückzuführen sei dass die Argumente von Dawkins so «schlecht» zu lesen oder gar völlig oberflächlich wären lässt sich durch eine Minute Googlen widerlegen. Natürlich gab es massiven Widerstand und Replik auf Dwakins Buch, von Mord über Höllendrohungen mal ganz abgesehen. Ebenso sollte erwähnt werden, dass das Buch von über 100 anerkannten Wissenschaftlern, Nobelpreisträgern und Prominenten unterstützt wurde, als es erschien.
    Dass Du die Argumente nicht sehen möchtest da sie wohl Deinem Weltbild entgegenstehen mag verständlich sein, es ist aber keine Entschuldigung für die Herabwürdigung des Autors.

    Auch Deine Anmerkungen, dass die Wissenschaft menschlichen Erfahrungen nichts entgegenhält ist schlicht Blödsinn. Die Realität sieht wohl eher so aus, dass die wissenschaftlichen Erklärungen Dir bzw. den Theolog:innen nicht gefallen. Und auf den implizierten Zusammenhang von Dingen wie Moral, Liebe etc. zu einer metaphysischen Wirklichkeit oder etwas Göttlichem würde ich entgegnen:
    Die Tatsache das ich als Individuum Liebe empfinde, oder Musik schön finde ist kein Gottesbeweis. Und wenn das doch so wäre: Toll das Gott Metallica, Slayer und Rolo Tomassi genau so cool findet wie ich, aber warum musste Jesus denn auch für die Existenz von den Flippers und den Amigos sterben, hat der Mann nicht am Kreuz genug gelitten oder sind das doch moderne Manifestationen Satans heute auf Erden?

    Was gläubige Wissenschaftler angeht, die glauben, wie Ihr im Podcast bereits streift ja eben meist nicht an den theistischen Gott aus der Bibel und wenn dann findet dies keinen Einfluss in Ihre Forschung, wenn es das täte, würden sie der wissenschaftlichen Arbeit widersprechen. Dass die heutige Wissenschaft die Privilegien so frei arbeiten zu können, wie sie es tut, eben nicht mit, sondern eben gerade gegen die Kirchen erkämpfen mussten (Giordano Bruno weiss, wovon ich rede) lasst ihr natürlich ebenso weg wie ihr umgekehrt Dawkins unterstellt, die vermeintlich guten Seiten der Kirche zu unterschlagen. Das Du dabei ausgerechnet Mutter Theresa ansprichst, grenzt dabei schon an Beleidigung, hatte die gute Dame doch Ihre guten Taten eben nicht wie oft dargestellt selbstlos in christlicher Tradition, sondern immer verbunden mit militantem Missionsgeist ausgeführt. Einen guten Artikel zu den «guten Taten» der Dame findet man hier:
    https://www.welt.de/vermischtes/article114200253/Die-dunkle-Seite-von-Mutter-Teresa.html

    Das Dawkins nicht zwischen all den theistischen Religionen differenziert (wer hat bei den über 250 schon die Zeit?) ist für mich verständlich und die Tatsache das, dass Christentum durch Reformbewegungen mittlerweile zu einer Wischiwaschi-Version verkommen ist und eventuell minimal weniger aversiv als andere Religionen mag stimmen, ändert aber nichts an den heute nicht mehr zeitgemässen Lehren dieser primitiven Hirtenkultur. Aber ich gebe Dir in Teilen doch recht, zur «Chruch of Cannabis» hätte Dawkins schon noch etwas schreiben sollen, das wäre dann wohl doch ein positives Kapitel geworden.

    Ich muss gestehen, dass ich als im besten Fall Agnostiker, im Fall des schreibens dieses Kommentars eher als kämpferischer Atheist natürlich ebenso wie Du, Manuel, nicht unvoreingenommen bin. Vermutlich kann man auch von einer durch die Landeskirche finanzierten Seite nichts völlig differenziertes erwarten, aber eine etwas balanciertere Rezension wäre schon angebracht gewesen.

    LG
    Sebastian

    1. Danke Sebastian für die engagierte Rückmeldung! Das war mir schon klar, dass dir diese Beurteilung von Dawkins nicht gefallen wird…;-)
      Ich bleibe aber dabei: Dawkins wurde und wird zwar als Evolutionsbiologe durchaus ernst genommen (wenn er auch selbst in diesem Feld langsam zum alten Eisen gehört…), aber in seiner Religionskritik ist er höchstens insofern «ernst» zu nehmen, als er mit seiner Polemik erstaunlich viele Menschen radikalisieren konnte, die vorher schon überzeugt waren, dass man mit Religion nichts anfangen kann und dass religiöse Menschen weder intelligent noch wirklich wohlmeinend sein können.
      Dawkins hat von Philosophie und Theologie derart wenig Ahnung, dass selbst atheistische Kollegen von ihm zugestanden haben, dass es sich mit dem «Gotteswahn» viel zu weit zum Fenster herausgelehnt und episch blamiert hat. Er versteht einfach nicht einmal im Ansatz, wie Religionsgemeinschaften über die Jahrhunderte mit ihren Texten umgegangen sind, nach welchen hermeneutischen Prinzipien etwa die Bibel interpretiert wurde und was es überhaupt bedeutet, heute mit Texten umzugehen, die mehrere Jahrtausende alt sind.
      Dass Wissenschaftler, die sich zum Gottesglauben bekennen, meist nicht an den christlichen (oder einen anderen monotheistischen) Gott glauben, ist natürlich falsch. Die Vergangenheit und Gegenwart ist voll mit Beispielen von ausgewiesenen Experten auf allen möglichen Gebieten der Wissenschaft, die ihren christlichen (oder auch islamischen, jüdischen…) Glauben problemlos mit ihrer Tätigkeit in Einklang bringen und deren wissenschaftliche Ergebnisse auch nicht unter ihrer Frömmigkeit leiden. Der methodische Atheismus wissenschaftlicher Forschung ist eben ein methodischer, kein religiöser Atheismus.
      Ich kann dir wirklich empfehlen, mal in das Buch von Allister McGrath reinzuschauen, das ich am Ende meines Blogs empfehle – er ist immerhin ein Oxforder Kollege von Dawkins…

      1. Hallo Manuel,
         
        ich widerspreche Dir. Dawkins mag kein Experte in Theologie und Geisteswissenschaften sein aber das erscheint mir für seine Kritikpunkte auch unerheblich.
        Er argumentiert ja hauptsächlich auf einer sozialpolitischen und naturalistischen Grundlage.
        Umgekehrt würde dies Deiner Argumentation folgend heissen ein «anerkanntes» oder in theologischen Kreisen relevantes atheistisches Buch müsste schon von einem Torsten Dietz oder direkt vom Papst geschrieben werden, was ja eher unwahrscheinlich ist.
        Dass angeblich selbst anerkannte Atheisten Dawkins kritisiert haben, er sich gar «blamiert» habe höre ich zum ersten Mal, da würde mich in der Tat interessieren, wer da was in welchem Zusammenhang gesagt hat (Sam Harris, Christopher Hitchens oder Stephen Fry können es nicht gewesen sein).
        Wo ich Dir absolut recht gebe, ist Dein «preaching to the choir» Argument, natürlich spricht die Dialektik von Dawkins eher Religionsskeptiker an, von einer Radikalisierung würde ich da aber nicht sprechen (das wären sie ja vorher schon gewesen). Dafür das Dawkins aber nur für ohnehin schon atheistisch überzeugte geschrieben hat spricht für mich aber die Anzahl der verkauften Bücher (ich würde mich freuen, wenn es so viele überzeugte Atheisten gäbe wie Dawkins Bücher verkauft hat).
         
        Auch bei den gläubigen Wissenschaftler*innen hast Du recht, die gibt es, der überwiegende Teil der aktuell führenden naturwissenschaftlich forschenden ist aber Atheistisch oder Agnostisch.
        Natürlich schliesst sich Wissenschaft und Glaube nicht aus, Glaube der sich über Wissenschaft erhebt aber schon.
         
        Danke für den Buchtipp, wobei ich da nicht zu viel erwarten werde. McGrath ist an der theologischen Fakultät beheimatet, seine Schlussfolgerungen werden ähnlich überraschend sein wie die Ergebnisse einer von Phillip Morris beauftragten Lungenkrebsstudie. Ich würde Euch wiederum das «Mannifest des Evolutionären Humanismus» als Lektüretipp mit auf den Weg geben, wäre eventuell auch was für Eure Buchbesprechungsreihe 😉

        1. Hallo Sebastian,
          Eine ernstzunehmende Religionskritik – müsste einfach nur wirkliche Kenntnis von Religion haben; und das ist bei Dawkins einfach nicht zu erkennen.
          Ein wirklich religionskundiger wie religionskritischer Zeitgenosse ist Joachim Kahl. Er hatte einst in Theologie promoviert und sich dabei vom Glauben abgewandt. Seine Religionskritik ist sehr ernst zunehmen, weil er sich an die starken Traditionen von Feuerbach u.a. anlehnt. Er fasst in diesem Text unten schön zusammen, warum das für Dawkins Buch nicht gilt:
          http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Dawkinskritik.pdf

          1. Danke Thorsten für den Hinweis auf Joachim Kahl – ich hab ihn an einer Tagung mal kennen gelernt (und du hast ja kurz darauf eine Podiumsdiskussion mit ihm gehabt): ein wunderbarer, intelligenter Mensch, der einem anständigen und vernünftigen Atheismus alle Ehre macht.
            (Dir ist schon aufgefallen, gell, dass du in Sebastians Rückmeldung auf Augenhöhe mit dem Papst stehst…;-)

          2. Man könnte auch Kurt Flasch noch nennen: «Warum ich kein Christ bin». So sieht Christentumskritik aus von jemandem, der die Religion ernst genug nimmt, um sich auch reinzudenken.

          3. Hallo Ihr beiden,

            ich fühle mich fast schon geehrt, eine Replik von Thorsten Dietz persönlich zu erhalten. Ich habe auch als Freidenker gern Deinen Podcast Wort und Fleisch gehört, er bestärkte mich in meiner agnostischen Haltung sehr.

            Der Vergleich mit dem Papst war trotzdem falsch von mir, Thorsten mit dem Leiter eines weltweiten pädophilen Rings zu vergleichen ist nicht ok und ich entschuldige mich (bei Thorsten Dietz, nicht beim Papst!). Aber auch aus einem anderen Grund war der Vergleich falsch, wenn ich so evangelikale Publikationen und Blogs lese waren ohnehin schon alle von Thorstens bisherigen Büchern häretischen Inhalts, daher wäre das Schreiben eines komplett atheistischen nur eine logische Folge.
             
            Bezüglich Eurer Ansichten was jetzt eine theologisch fundierte Religionskritik angeht kommen wir vermutlich nicht zusammen. Ich verstehe langsam Euren Anspruch, denke mir aber:
            Man muss kein promovierter Pharmakologe sein, um zu erkennen, dass die sozialpolitischen Auswirkungen von Oxycodon furchtbar und schlecht sind. Ebenso mag es sein, dass Dawkins strukturelle Fehler in hermeneutischen Deutungen hat, dies schmälert meiner Ansicht nach jedoch nicht seine fundamentale Kritik an religiösen Strukturen.
             
            Joachim kahl habe ich tatsächlich gelesen, sein Buch über Humanismus hat gute Ansätze, ich finde seine Alternative zu Religionen aber zu spirituell, der Ersatz von einer unwissenschaftlichen Märchenerzählung sollte nicht ein ebenso unwissenschaftlicher spiritueller Ansatz nur ohne Gott sein. Ebenso habe ich in Erinnerung, dass Kahls Ansichten zu Beziehungen und besonders Elternschaft von nicht heteronormativen Beziehungen mehr als fraglich waren (so in Richtung homosexuelle können schon zusammen sein, aber Kinder sollten besser nur in heterosexuellen Partnerschaften erzogen werden). Die Lektüre von Kahl ist bei mir aber zu lange her und ich möchte hiermit Kahl nichts unterstellen. Seine Replik auf Dawkins, die Thorsten verlinkt hat, fand ich sehr schwach. Zum einen klingt das für mich ziemlich nach: «Atheismus ist schon was gutes, aber Dawkins Begründung ist schlecht und überhaupt habe ich selbst die Argumente viel fundierter und schon vorher gebracht». Zum anderen interpretiert Kahl, Dawkins bewusst sehr binär oder unterstellt Dinge, die Dawkins so vermutlich gar nicht unterschreiben würde. Erhellend und gut als Ergänzung finde ich die Diskussion, die Dawkins mit Alister Mcgrath geführt hat (zu finden auf Youtube in schlechter Qualität, zum Anhören aber ok) bei der er die Argumente von McGrath widerlegt (die sich teils auch bei Kehl wiederfinden).
             
            Abschliessend möchte ich Euch das Buch «The Rise and Fall…» von Drew Bekius empfehlen, ebenfalls einem Theologen, der rein nur durch kritisches Bibellesen seinen Weg zum Unglauben fand, eventuell liegt dieses ja eher auf Eurer Linie.
             
            LG
            Sebastian

        2. Hallo Sebastian,
          wenn dir McGrath nicht zusagt und du lieber eine polemische Kritik aus dem eigenen säkularen Lager lesen möchtest, empfehle ich dir „The Devil’s Delusion: Atheism and its Scientific Pretensions“ von David Berlinski. Berlinski bietet meiner Ansicht nach nicht weniger „Scharfzüngigkeit“ als Dawkins, spielt bezüglich des Niveaus und Unterhaltungswertes aber in einer anderen Liga.

    2. Das finde ich sehr spannend. Danke für diese Lanze für Dawkins. Eine gute Kritik lotet zuerst das Potential der vorliegenden Schrift aus, um dann mit Negativpunkten, Totschlagargumenten oder Wortjudo den Gegner aufs Kreuz zu legen. Ebenso gibt es wohl bei dieser Plattform eine gewisse Erwartung, dass nicht gleich alles zu Boden gerissen wird, was an der Kirche noch „hält“. Alles verständlich.
      In gut evolutionär-nondualem Denken wäre es vielleicht auch eine Möglichkeit, harten Vorwürfe des Intellektuellen aus Oxford stehen zu lassen, sie aus seiner Perspektive zu würdigen und zu schauen, was auf der anderen Seite zum Vorschein kommt – quasi als bisher verborgener Teil oder Gegen-satz des von Dawkins beschworenen Horror-Gottes.
      Das geht aber nur, wenn man sich nicht hinreissen lässt, ebenfalls der Polemik zu verfallen, so verlockend das beim vorliegenden Buch auch sein mag.

  7. Gute Schreibe! Grund für diese „hemdsärmeligen Angriffe“ auf das Christentum ist wohlmöglich die Tatsache, dass es innerhalb der frommen Christenheit leider nur wenige „Intellektuelle“ gibt, die paroli bieten könnten. Anwesende natürlich ausgenommen. Deshalb bitte diesen Diskurs weiterführen! Die „Kirche“ hat lang genug auf „Gemeinschaft“ und „Gschpüüris“ gemacht. Es braucht gebildete und engagierte Denker, um in unserer verwirrten und verlorenen Generation überhaupt noch wahrgenommen zu werden…

    1. Warum bitte sollte „das Christentum“ Angriffen Paroli bieten? Muss eine Christenheit fromm sein? Fromm wozu?
      Was ist an Gemeinschaft und Gspüris falsch? Herrliche intellektuelle Ergüsse in Ehren, aber heute brauchen wir gerade Menschen, die sich nicht nur auf Kopfebene bewegen und von Vergangenheiten in Zukunftsform träumen, sondern Menschen hier und JETZT, mit Haut und Haar und Körpersäften, die sich mit Herz und handfest auf Kooperationen mit allen möglichen Partner:innen einlassen, nicht nur mit menschlichen und schon gar nicht nur mit sogenannt christlichen.

      1. Richtig! Eben nicht nur fromm und brav. Gemeinschaft und Wohlfühl-Programme funktionieren genau bis zur Kirchentüre. Spätestens draussen dann in der Welt wäre es gut, darüber Bescheid zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen, den Anfang der Welt („Tohuwabohu“!) und das mögliche Ende und die Ewigkeit zu kennen. Sonntagsschulwissen reicht da bei weitem nicht mehr. Die Werke von Francis Schaeffer und C. S. Lewis haben heute noch ihre Aktualität. Die stillen Denker fehlen heute schmerzlich in der öffentlichen Wahrnehmung. Derweil geben die Grossschnurris den Ton an.

  8. Ich liebe pointierte Artikel, die ebenso pointierte und nicht allzu kurze Kommentare hervorrufen. Toll!
    Den Dawkins werde ich nun auch noch lesen müssen, obwohl ich meine atheistische Phase bereits mehrheitlich integriert habe. Ich werde vom Gotteswahn nicht allzu viel erwarten, damit ich dann nicht enttäuscht bin, weil ich dieselben Extrempositionen wie er mit ähnlicher Verve ablehne.

    Wir müssen dringend aufhören, so zu tun als gebe es eine:n Gott – und wenn es denn eine:n Gott gäbe könnten wir uns kaum mit Worten darüber verständigen, geschweige denn Fachreferate darüber halten. Also sind wir Theolog:innen und Kirchenleute gut beraten, wo es nur geht in Kontakt zu treten mit aussertheologischen Diskursen: in den anderen Wissenschaften, in der Kunst, in Politik und Wirtschaft – auch mit Spöttern wie Dawkins.

    Es steht eine subjektorientierte, evolutionär-integrale Wende an, wie sie sich in verschiedenen Bereichen immer deutlicher abzeichnet: Menschen organisieren sich in ganzheitlicher Perspektive ohne von oben vorgegebene Masterpläne (als dagegen gerichtet verstehe ich Dawkins‘ Kritik von ferne). Menschen, die ihre eigenen Ideen gemeinschaftlich umsetzen. Was für ein Tohuwabohu das geben wird, wenn sie Theologie so zu re-organisieren beginnen!

    Ich freue mich darauf. Oder schon nur im RefLab die Diskussion zur Frage: Was zum Teufel ist DAS Christentum?

  9. Hallo zusammen. Habe auch diesen Buch von Richard Dawkins gelesen den Gotteswahn. Muss ehrlich sein, er ist mir zu Radikal, mit seinen Ansichten. Wollte es am besten gleich auf Seite legen, dachte komm lese es weiter. Seine anderen Bücher sind auch fast so ähnlich. Dann verstehe ich nicht, das soll eine Pflichtlektüre sein? Oder ein wissenschaftliches Buch? Habe kein wissenschaftliches dort gefunden in seine Bücher. Das einzigste was er heute noch schmückt ist Das egoistische Gen. Auch das wurde, von einigen andern Wissenschaftlern seine These widerlegt.

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