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Lesedauer: 7 Minuten

Hilfe, ich werde wieder fromm!

Kürzlich erschrak ich über mich selber: Ich werde allmählich wieder richtig fromm! Ich lese fast jeden Tag in der Bibel (ok, teilweise fürs Theologiestudium, aber sehr fasziniert von diesem Buch). Manchmal bete ich in Gedanken für jemanden, der mir gerade einfällt, der krank ist oder in einer Ehekrise steckt. Und als ich neulich kurze Radioandachten aufnehmen durfte, hörte ich mir für einen Moment lang wie von aussen zu und dachte: «Krass, Evelyne – dass du solche Sätze sagst!»

Gut, «erschrecken» mag das falsche Wort sein, denn ein tiefes Gottvertrauen und ein gewisses Repertoire an spirituellen Praktiken sind ja nun keine schlimmen Dinge. Aber es ist eine andere Art von Glauben, als ich sie noch vor ein paar Jahren kannte. Nach dem Aufwachsen in einer Freikirche, dem Verlust meines Glaubens und einem spirituellen Neuanfang einige Jahre später befand ich mich noch lange in einer Phase der Dekonstruktion. Das heisst, ich verarbeitete immer noch die Zweifel und destruktiven Glaubenssätze der Zeit, die ich als Krise empfunden hatte.

Glaube in den Flow gekommen

Heute fühlt es sich ganz anders an. Frei, natürlich, stärkend. Ich fühle mich spirituell im Flow. Theologisch sehe ich vieles anders als es in dem Umfeld gepredigt wurde, in dem ich aufgewachsen bin. Der Druck, auf die vermeintlich richtige Art glauben zu müssen, ist weg. Wenn ich für eine Freundin bete, deren Partner schwer erkrankt ist, dann tue ich das, weil es aus dem Herzen kommt. In mein Theologiestudium und das Lesen der Bibel investiere ich Zeit, weil es mich fasziniert.

Ich bin im Glauben mit Menschen unterwegs, bei denen ich ehrlich sein kann, die kritische Fragen und neue Ideen aushalten, und die ihrerseits Fragen stellen und auf ihrem Weg in Bewegung bleiben wollen. Auch die starken Zweifel sind weg. Ich fühle mich mit Gott verbunden, im Alltag durch kurze Gebete und durch ein neu erstarktes Vertrauen.

Aber muss man den Glauben erst verlieren, um ihn wiederzugewinnen?

Eine Bewegung von Post-Evangelikalen

In meinen Zwanzigern fühlte ich mich in dieser Situation noch sehr alleine. Mittlerweile gibt es Social Media und sehr viele Podcasts, Blogs und Instagram-Accounts von Post- und Ex-Evangelikalen. Es sind so viele, dass sich innerhalb der evangelikalen Welt Gegenbewegungen formieren: Diese christlichen «Glaubenswächter» versuchen, den kritischen Fragen mit intellektuellen, aber konservativen Antworten zu begegnen. Glaube soll sich zwar entwickeln, aber die Säulen der evangelikal-christlichen Weltsicht nicht ins Wanken bringen.

Tatsächlich hängt es massgeblich damit zusammen, wie das Umfeld auf die Fragen, Zweifel und Kritik reagiert, ob die Dekonstruktion einen zur «Post-» oder zur «Ex-Evangelikalen» macht. Ob man also nach der Krise eine neue Art von Glauben findet, oder sich ganz vom Christentum verabschiedet. Häufig führt die Glaubenskrise zumindest zum Bruch mit der Gemeinde. Sei es, weil Menschen patriarchale Strukturen nicht mehr ertragen, weil ihre intellektuellen Fragen mit biblizistischen Totschlag-Argumenten erstickt werden, oder weil Zweifel an Gott nicht laut geäussert werden dürfen.

Dabei zeigt die Forschung, dass dieser Weg eigentlich ein ganz typischer ist.

Es ist völlig normal, dass man die Art von Glauben, mit der man aufgewachsen ist, irgendwann hinterfragt und vielleicht sogar damit bricht.

Modelle der Glaubensentwicklung – und ihre Probleme

Sogenannte «Stufenmodelle religiöser Entwicklung» (James Fowler, Fritz Oser, Paul Gmünder u. v. m.) zeichnen diese Entwicklung nach: Von einem kindlichen, einfachen Glauben, z.B. mit klaren Gut-Böse-Zuordnungen, hin zu einem reflektierten Glauben, der auf eigene Erfahrungen und selbst gewonnene Wertvorstellungen abstützt.

Oder, anders ausgedrückt, von «belief» (Glaube im Sinne von Fürwahrhalten von bestimmten Inhalten) zu «faith» (Glaube als Vertrauen in und Beziehung zur Transzendenz).

Die Stufenmodelle kommen insofern an ihre Grenzen, als dass sie häufig nur die Entwicklung bis ins Erwachsenenalter nachzeichnen. Dass sich Glaube auch danach noch weiterentwickelt, abhängig davon, womit man im Leben konfrontiert wird und welche Richtung man einschlägt, bleibt unbeachtet.

In der Realität gibt es auch umgekehrte Entwicklungen, etwa hin zu einer Simplifizierung und Fundamentalisierung.

Neuere Modelle (u. a. Heinz Streib) arbeiten deshalb nicht mehr mit Stufen, sondern mit Stilen, zwischen den man sich spirituell hin- und herbewegt. Damit fällt auch die Wertung weg, denn das Stufenmodell suggeriert einen «Weg zur Erleuchtung».

Dennoch hat jetzt auch der amerikanische post-evangelikale Theologe Brian McLaren ein Buch mit einem Stufenmodell der Glaubensentwicklung veröffentlicht. McLaren ist seit «A New Kind of Christian» (2001) Wegbegleiter vieler Evangelikaler, die einen Prozess der Glaubens-Dekonstruktion durchlaufen. Er versucht, die Problematik der Stufenmodelle zu unterlaufen, indem er betont, dass es ein Hin- und Herspringen zwischen den Phasen gibt, dass die Entwicklung immer wieder von vorne beginnen kann und dass er die verschiedenen Phasen nicht werten will (was er natürlich dennoch tut). Sein Buch «Faith After Doubt» ist aber auch keine wissenschaftliche Publikation, sondern ein Ratgeber für ein klares Zielpublikum: die Post-Evangelikalen.

In welcher Phase befinde ich mich?

Das Buch lebt von den darin erzählten Geschichten dieser Menschen, und als Post-Evangelikale finde ich mich darin wieder. Und so versuche ich trotz der Skepsis gegenüber solchen Modellen, mich in McLarens Schema zu verorten – mit meiner neuen Frömmigkeit, über die ich mich manchmal wundere.

Die vier Phasen in «Faith After Doubt» sind:

  1. Simplicity – Einfachheit: kindlicher Glaube, Vertrauen, klare Kategorien, Gott als klare Autorität.
  2. Complexity – Komplexität: Entwicklung einer eigenen Identität, Streben nach Anerkennung, Teil sein einer grösseren Bewegung mit vielen Aktivitäten.
  3. Perplexity – Verwirrung: Zweifel führen tiefer, Suche nach Ehrlichkeit, führt oft zu Enttäuschungen in der Gemeinde. Damit verbunden auch Unsicherheit, Auseinandersetzungen, Verlust von Beziehungen und das, was Mystiker*innen die «dunkle Nacht der Seele» nennen.
  4. Harmony – Harmonie: Liebe als Ziel und Ausdruck des Glaubens, Gott als allumfassende Kraft, Ricoeurs «Zweite Naivität».

Für meinen persönlichen Weg kann ich die Phasen 1-3 «abhaken» – aber Phase 4 klingt erst mal so sehr nach «Erleuchtung», dass sie mir genauso fremd ist wie der simplifizierende Glaube der Phase 1.

«Faith that expresses itself in love» ist das Mantra des Buches. Und obwohl ich das inhaltlich absolut unterschreiben kann, klingt es vage.

Eine internationale, interreligiöse spirituelle Bewegung

McLaren skizziert den Glauben in der «Phase 4» gekennzeichnet von Offenheit, Freiheit, Nondualität und einer tiefen inneren Verbundenheit: mit anderen Menschen, mit Gott, mit der Natur und mit sich selbst. Wer Richard Rohr kennt, dem ist die Richtung vertraut. McLaren gerät in Fahrt, wenn er eine internationale, interreligiöse spirituelle Bewegung beschreibt, zitiert den islamischen Mystiker Rumi, Greta Thunberg, Martin Luther King, Jesus und Paulus. Er rekurriert dabei immer wieder auf das Neue Testament und auf theologische Begriffe wie Gnade oder den Heiligen Geist, der die Schöpfung durchdringt, und legt dar, dass Glaube, der sich in Liebe zeigt, auch genau das ist, was Jesus Christus gepredigt hat.

Für mich erden die Bibelbezüge die universalistische Rhetorik zumindest ein wenig. Denn immer noch suche ich für meine Spiritualität die Anbindung an den christlichen Glauben, an das Gottesbild, das mir vertraut und lieb ist. Jedoch ist die Rede von der Liebe nichts Neues. Und auch Menschen aus konservativ-christlichen Settings predigen sie («Liebe den Sünder, hasse die Sünde»). Insofern kann ich auch McLarens Stufenmodell für die Deutung meiner «neuen Frömmigkeit» und die zukünftige Entwicklung meines eigenen Glaubensprozesses wenig abgewinnen.

Eine Serie von Momentaufnahmen

Was bleibt von diesem Innehalten? Das Bewusstsein, dass auch dieser Augenblick nur eine Momentaufnahme ist. Es gibt keine «finale Stufe», bei der ich irgendwann ankomme und zurücklehnen kann.

Ein Durchatmen vielleicht, bevor mich das Leben mit neuen Herausforderungen konfrontiert und wieder aus dem Flow hinauskickt.

In ein paar Monaten oder Jahren werde ich an einem anderen Ort stehen – abhängig davon, was um mich herum und mit mir passiert, welchen Menschen ich begegne und was mich spirituell inspiriert und theologisch prägt.

Doch während ich früher versucht hätte, diesen Moment festzuhalten, sehe ich das heute entspannter. Gott bleibt da, und mein Glaubensprozess geht weiter.

Brian D. McLaren: «Faith After Doubt. Why Your Beliefs Stopped Working and What to Do About It» (2021)

Photo by Ben White on Unsplash.

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6 Kommentare zu „Hilfe, ich werde wieder fromm!“

  1. Liebe Evelyne,
    deine Artikel sprechen mir so oft aus der Seele! Ich kenne Reflab erst seit kurzem und bin jetzt dabei, nach und nach auch ältere Artikel von dir zu lesen 🙂
    Mir geht es ähnlich wie dir, dass ich nach einigen Jahren des „Dekonstruierens“ jetzt an einem Punkt bin, an dem ich mich mit meinem Glauben und meiner Gottesbeziehung überwiegend wohl fühle. Wahrscheinlich werde ich immer dazu neigen, mit einem inneren „Ja, aber…!“ zu reagieren, wo andere fröhlich „Amen!“ rufen – einfach weil Gott und die Welt und das Leben nun mal ziemlich komplex sind und ich dieser Komplexität nicht aus dem Weg gehen kann oder will. Das ist anstrengend, aber mittlerweile für mich auch völlig in Ordnung.

    1. Evelyne Baumberger

      Liebe Eowyn, danke für deinen ermutigenden Kommentar! Und danke fürs Erzählen, das kommt mir sehr bekannt vor. Und das „Ja, aber…!“ ist mir sympathisch 🙂 Alles Gute dir!

  2. Nicole Schultz

    Das Buch „Gott 9.0“ fand ich zu dieser Thematik sehr interessant. Es beschäftigt sich ebenfalls mit verschiedenen „Stufen“ des Denkens, der Werte und des Glaubens.

    1. Evelyne Baumberger

      Liebe Nicole, danke für den Input! Ich habe mir dieses Konzept auch schon angeschaut. Besteht hier aber nicht auch die Problematik, dass die verschiedenen Stufen gegeneinander abgewogen werden?

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