Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 3 Minuten

Heiliger Charlie?

Bis zur Nachricht seines Todes kannte ich Charlie Kirk nicht. Der Name war mir nie begegnet – nicht als Meme, nicht als Randnotiz.

Dann plötzlich: Heiligsprechung.

In der rechten Szene der USA wird der Ermordete nun wie ein Märtyrer herumgereicht. 60.000 Menschen sassen bei seiner Memorialfeier im Stadion von Arizona. Also habe ich mich hingesetzt und nachgesehen, wer dieser Mann war.

Vom Prediger zum Märtyrer?

Ich erwartete Übles. Hassparolen, Gewaltfantasien, irgendetwas, das sofort schreit: «Hier ist das Böse.» Stattdessen wirkte das Erste, was ich fand: glatt. Sauber. Lächelnd. Ein bisschen wie ein polierter Fernsehprediger, nur mit politischem Vokabular. Für einen Moment fragte ich mich:

Stecke ich so sehr in meiner linken Bubble, dass ich hier schon das Monster sehen will?

Was ich mir stichprobenartig anschaute, zeigte einen jungen Mann, fromm, «purpose-driven» – und berauscht von der Resonanz. Millionen folgten ihm auf Instagram und anderen Kanälen. Er gab sich zugewandt, suchte den Schlagabtausch mit Andersdenkenden, besonders an Universitäten, die er als Hochburgen des «Wokismus» ins Visier nahm.

Die Fakten hinter der Fassade

Sein früher Tod, die Ermordung auf offener Bühne, taucht den Familienvater in ein tragisches Licht.

Doch je tiefer ich einstieg, desto klarer wurde: Das Monströse ist da, nur geht es im lauten Gechrei der Bewunderer und Gegner:innen fast unter.

Die Fakten sprechen nämlich für sich. Kirk rechtfertigte den Sturm aufs Kapitol. Er erkannte – wie Trump – den Wahlsieg Joe Bidens nicht an. Und er ging weiter: In seiner Show forderte er, Biden solle ins Gefängnis oder gar mit der Todesstrafe belegt werden.

«… who should honestly be put into prison or given the death penalty for his crimes against America.»*

Das sind keine konservativen Standpunkte. Das sind antidemokratische, rechtsextreme Positionen. Punkt.

Das Gift der Inszenierung

Die eigentliche Gefahr liegt aber nicht im Geschrei, sondern in der Inszenierung. Ausgerechnet dieser Mann wird nun von der politischen und religiösen Prominenz in den USA wie ein Heiliger gefeiert. Als hätte er etwas zu lehren über Mut und Opferbereitschaft. Wer ihn so hochhebt, verschiebt das Fenster dessen, was sagbar und denkbar ist – das Overton Window.

Extremistische Positionen werden nicht nur normalisiert, sondern glorifiziert.

Und die Schuldigen für Kirks Tod wurden schon ausgerufen, noch bevor der Täter gefasst war: die «radikalen Linken». Trump selbst gab die Richtung vor. Dass bislang ungeklärt ist, ob der Mörder allein handelte oder Teil einer Gruppe war, spielte dabei keine Rolle.

Das Muster ist bekannt. Trump erklärte jetzt die Antifa zur «Terrororganisation». Das ist absurd, weil es die Antifa als Organisation gar nicht gibt – sie ist eine Haltung, keine Struktur. Aber genau hier liegt das Gift: Sobald das Terrorlabel verteilt ist, lässt sich jeder verfolgen, der unbequem ist.

So funktionierte es schon bei den mittelalterlichen Kreuzzügen, etwa gegen die «Katharer». Ein Etikett, und schon war Verfolgung legitim, sowohl von Individuen als auch von Gruppen.

Gefährlicher Heiligenschein

Für Kritikerinnen und Kritiker liegt hier eine Lektion. Es braucht keine Schwarzmalerei, um die Gefahr zu erkennen. Die Fakten reichen: Kirk hat Gewalt gerechtfertigt, demokratische Prozesse geleugnet und sich als Antidemokrat positioniert.

Also: kein Vorbild. Nicht für Gewaltlosigkeit, nicht für Demokratie. Sondern ein Antidemokrat mit rechtsextremer Haltung, der nun posthum in die Rolle eines Heiligen gedrückt wird. Damit wird das Tor zur Verklärung des Autoritären geöffnet. Gefährlich an ihm ist nicht der Lärm, sondern der Heiligenschein.

* Quelle: Charlie Kirk Show, ab Minute 6:30

Ebenfalls erschienen auf RefLab: Manuel Schmid: «Trauern um Charlie Kirk»

Foto: Wikimedia Commons; Charlie Kirk speaking with attendees at the 2023 Turning Point Action Conference at the Palm Beach County Convention Center in West Palm Beach, Florida. 

8 Gedanken zu „Heiliger Charlie?“

  1. Völlig unprofessioneller Beitrag, politisch voreingenommen, faktisch inkorrekt und Quelle minimalistisch. Sie schreibt aus ihrer ‘linken bubble’ Hassrede ohne objektiv die Fakten zu betrachten.

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    • Wieso soll eine Videoquelle (offizielle Show des beschriebenen Influencers) eine dürftige – oder wie Sie schreiben – “minimalistische” Quelle sein? Wenn das nicht zählt, was ist dann in Ihren Augen überhaupt noch glaubwürdig?

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  2. Toller Artikel überhaupt liebe ich Reflab, gut, dass es euch gibt. Egal ob rechts oder links. Ich denke, wir sind alle nicht gefeit, auf charismatische Männer und Frauen “reinzufallen” oder uns beeinflussen zu lassen. Ich erinnere an den Bill Hybels Hype uvm.

    LG Elke

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  3. Liebe Johanna Di Blasi
    Danke für den Mut zu diesem Artikel. Er ist faktenbasiert und hält sich sehr zurück im Ton.
    Man hätte noch heftiger drein fahren können und aufzeigen, dass seine sogenannte Diskussionskultur alle demagogischen Tricks anwandte und es ihm nie darum ging, in einer Diskussion selber etwas zu lernen, sondern nur sein trumpistisch-unchristliches Weltbild nach der Agenda 2025 zu verbreiten.
    Ich brauche das Wort unchristlich sehr bedacht, denn wenn jemand Empathie als Schwäche und Fehler bezeichnet, widerspricht er Christus grundsätzlich (es gibt auf Youtube Videobeweise für diese grässliche Aussage).
    Ich bin entsetzt, dass das selbst aus der fernen Schweiz gesehen nicht allen klar ist und stelle fest, dass alle Kirchenvertreter und Gläubige verschiedener Couleur, die ihn unterstützen, im Herzen keine Christen sein können (ausser man bezeichnet Kreuzritter, Konquistadoren und die Inquisition als christlich – was ich nicht tue).

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  4. Vorweg zwei Anmerkungen: ich werde einige Querverweise (meist andere Podcasts) für meinen Beitrag verwenden. Trotzdem hoffe ich / wünsche ich mir das dieser Kommentar lesbar bleibt!
    Zudem hadere ich seit geraumer Zeit mit der Einteilung von “links” und “rechts”. Ich glaube es gibt im sogenannten Linken-Lager auch viele Menschen die ehrgeizig sind, die leidenschaftlich ihren Beruf ausüben und ein gutes Vermögen besitzen, sich aber darüber hinaus auch für Teilhabe, Solidarität und bessere Vermögensverteilung einsetzen. Und dann gibt es bestimmt Menschen, die eine Überfremdung wahrnehmen, gerne in klare Kategorien einordnen (z.B. “ich Deutsch und du nicht”) und sich gleichzeitig an Bürgerwindparks beteiligen, jährlich bei Müllräumaktionen in regionalen Wald beteiligen und Mitglieder bei LBV sind. Was ist also klar “Links” und was klar “Rechts” und machen diese Kategorien nicht einen ehrlichen, wertschätzenden Austausch schwer (zu all den anderen Hindernissen im Dialog zwischen den verschieden Weltsichten).
    Bisher habe ich keine sehr gute “Ersatzeinordnung” und bestimmt kann man jede Alternative als unfertig mit dem gleichen Einwand versehen, den ich auch gegen “Links/Woke” und “Rechts/ Konservativ” habe, nämlich das die Schublade in den man eine Person einordnet von außen ganz groß aussieht, aber im inneren doch nicht genug Platz bietet, um der Person samt ihrer Haltung wirklich gerecht zu werden.

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  5. Ich habe mir in der letzten Zeit einige Podcasts gegönnt, die nicht meiner Denkrichtung, meiner gesellschaftlichen Haltung entspricht. Auch um meine Weltsicht auf einen Prüfstand zu stellen und um vielleicht Fehler, Unwuchten und Klischees in meinem Denken zu erkennen. Und seien wir ehrlich, manchmal sprechen wir/ spreche ich aus einer bequemen “Sofa- oder Küchentischposition”. Manchmal sind Denkmuster auch so verquer das diese andere Menschen in ihrem Erleben, ihren Erfahrungen nicht mitnehmen und fremd bleiben.
    Doch wenn ich dann zum Beispiel in dem Podcast “Kaffee, extra schwarz” Folge vom 18. August den (umstrittenen) stellvertretenden Vorsitzenden der Bundespolizei, Manuel Ostermann mit den Host Oliver Mayer-Rüth und Ahmad Mansour eine halbe Stunde nur bei der erregten Aufzählung von Vorfällen aus dem Polizeialltag hören und in diesem Gespräch irgendwann einmal der Satz fällt: “wir müssen darüber ohne Schaum vor dem Mund reden”, dann habe ich bis dorthin nur “Schaum vor dem Mund”-Gedanken gehört und weiß nicht, ob es sich um einzelne, verurteilenswerte Vorkommnisse oder um eine systematische Fehlentwicklung handelt?
    Zwei weitere Beispiele: In dem Format “Schuler! Fragen was ist” des ehemaligen Leiter der Bild Parlamentsredaktion, Ralf Schuler, war am 15. August der Kabarettist Vince Ebert zu Gast. Abgesehen davon, dass irgendwelche Behauptungen ohne weiter Fakten (“die Energiewende ist gescheitert” u.ä.) in den Raum gestellt werden, ist der ganze Interviewstil eher ein Stichworte liefern und ständiges Bestätigen und Verstärken der Thesen des Gegenübers. Absurd wurde es aus meiner Sicht, als zum Ende hin der Begriff der Wahrheit angesprochen wurde. Da wird dann die These in den Raum geworfen, dass in den sogenannten Völkerkundemuseen nun eine andere Wahrheit eingeführt werden soll, die nach Meinung der Gesprächspartner nur dem “linken Weltbild” entsprechen sollen. Abgesehen, dass man dies auch als neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Vervollständigung eines begrenzten Weltbilds ansehen kann und dies ja eigentlich den Charakter eines Museums ausmachen, wandelt sich diese Ansicht auf einmal weg von der Frage, wie Ausstellungen in Museen überarbeitet werden, zu der Frage ob in den Romanen von Mark Twain “Die Abenteuer des Huckleberry Finn” und “Die Abenteuer des Tom Sawyer” das N-Wort und deren Abwandlungen verwendet werden sollte.
    (Das andeutete zweite Beispiel des Podcasts “Fragwürdiger Inhalt” vom 18. August mit dem Titel Deutschland am Abgrund lasse ich nun zugunsten der Lesbarkeit weg!)
    Grundsätzlich ist ja nun die Frage, was dies alles mit Charlie Kirk und seiner Weltsicht zu tun hat?
    Um es auf den Punkt zu bringen, nutze ich einen Satz aus der Besprechung von Deutschlandfunk Kultur über das Buch von Frederik Schindler: “Höcke. Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht”. Dort heißt es zur Motivation von Björn Höcke: “Und in der Höckes großes Ziel, die radikale Veränderung Deutschlands hin zu einer homogenen Gesellschaft, ihren festen Platz hat”.
    Diese Ziel scheint mir deckungsgleich mit den Bewegungen in vielen Ländern zu sein – und Turning Point USA” reiht sich darin sicherlich mit ein. Die Muster wirken auf mich ähnlich bis gleich: eine gesellschaftliche/ politische Entwicklung wird aufgegriffen, mit persönlichen Erlebnissen vermischt und meist hochstilisiert und als “bekämpfenswert” und “weitere Schritte in den Abgrund” kategorisiert und unreflektiert in den öffentlichen Diskurs geworfen.
    Wenn ich in meinem ersten Kommentar die Problematik der Begriffe “Links” und “Rechts” aufgeführt habe, so zeigt sich für mich hier die wichtigere Unterscheidung: strebe ich eine Freiheit zum Menschsein, zum Miteinander an oder eine Freiheit vom Menschsein, von Ringen um eine gutes Miteinander an?
    Danke an alle die diese langen Texte kritisch und konstruktiv mitgelesen haben!

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