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Exzess und Läuterung

Auf der Nordautobahn von Wien aus Richtung Brünn, dann Abfahrt Mistelbach und über Bullendorf nach Prinzendorf, wo ein Feldweg zum barocken Schloss Prinzendorf führt: der langjährigen Wirkungsstätte des international bekannten Aktionskünstlers Hermann Nitsch im österreichischen Weinviertel. Ich wäre gern hingefahren, als ich noch in Wien lebte, und auch später.

Etwas hat mich hingezogen, etwas aber auch abgestossen. Mysterienspiele in Prinzendorf real mitzuerleben, schien verlockend. Aber da war auch die wahrscheinlich nicht unbegründete Sorge, stundenlang im Blutmatsch zu stehen, komischen Gerüchen ausgesetzt zu sein und eigentlich lieber nach Hause zu wollen.

Dreimal bin ich dem Künstler begegnet. Einmal habe ich ihn in Wien mit einem Plastiksackerl herumlaufen sehen. Er sah nicht aus wie der berühmte Skandalkünstler, eher wie ein Sandler. Einmal erlebte ich ihn im Wiener Zwanzgerhaus, dem Museum des 20. Jahrhunderts.

Trauben, Tomaten und gekreuzigte Kadaver

Nitsch verteidigte damals gegenüber besorgten Tierschützern leidenschaftlich und beeindruckend eloquent seine rituellen Schlachtungen und das Hantieren mit körperwarmem Tierblut und Eingeweiden bei Ritualen. Es sei doch ein weitaus bewussterer Umgang mit Tieropferung als in anonymen Schlachthäusern. Zudem seien die Tiere ohnehin zur Schlachtung bestimmt gewesen. Es war deutlich vor der Zeit des Veganismustrends.

Schliesslich erlebte ich ihn bei der Pressekonferenz seiner grossen Retrospektive in 18 Sälen des Martin-Gropius-Baus in Berlin kurz vor seinem 70. Geburtstag. Das reale Spektakel in Prinzendorf sei «wie ein Porsche», sagte er damals, die Museumsausstellung nur wie ein Moped. Tatsächlich verpuffte im Museum ein Grossteil der Wucht seines O.M.-(Orgien-Mysterien)-Theaters.

Mitwirkende an dem sechstägigen Drama sind Trauben, Tomaten, nackte Menschen, geschlachtete und sogar ans Kreuz genagelte Tiere. Das viele Stunden dauernde Gesamtkunstwerk weckt ambivalente Gefühle von Faszination und Ekel.

«Beim o.m. theater handelt es sich um eine wirklich neue form von gesamtkunstwerk, welches sich aus der happening- und aktionskunst entwickelt hat. kein schauspieler spielt eine rolle,»

stellte Nitsch fest. Seine Prägung beschrieb der Künstler so:

«1938 bin ich in Wien geboren und im 2. Weltkrieg aufgewachsen. Von 1943-1945 musste ich als Kind täglich Bombenangriffe erleben. Mein Vater fiel in Russland. Der Krieg machte mich schon als Schüler zum Kosmopoliten und Gegner aller Nationalitäten und aller Politik.»

Auf Gewaltelemente in seinem Weihespiel angesprochen, u.a. gibt es Lammzerreissungen, gab der Künstler zur Antwort, so sei die Welt nun einmal. Nichts anderes wolle er in seinem Theater zeigen. Zum Menschen gehörten nun mal auch tierische und triebhafte Anteile, die bis zum Tötungstrieb reichten und von der Zivilisierung nur notdürftig befriedet seien.

Die Herausforderung seines dionysischen «Urdramas» speziell für Christ:innen: Wir werden mit archaischen Energien und Dynamiken konfrontiert, die gerade im und durch das Christentum als überwunden gelten; und mit paganen Formen, deren Ablehnung für das frühe Christentum identitätsstiftend war.

Schütten und Verschüttetes freilegen

Sigmund Freuds «Totemmahlzeit», Antonin Artauds «Theater der Grausamkeit», Nietzsches Philosophie, Richard Wagner und Mythen, die von kannibalistischen Urexzessen berichten, haben Nitsch zu seinem kunstherapeutischen Ansatz inspiriert, seiner eigenwilligen Version von Happening, Fluxus und körperzentrierter Performancekunst.

«Perverses Dreckstück», «Vollidiot», «Satanist» oder «skandalgeiler Kasperl», waren Invektive, die sich Nitsch über Jahrzehnte angehört hat. Gleichzeitig zog er mit seinen Aktionen Menschen in den Bann, die wissen wollten, was es mit einem macht, wenn man in Opferrituale antiken Zuschnitts hineingezogen wird. Ich habe Berufsskeptiker erlebt, darunter ein gestandener Museumsmann, die bekehrt und geläutert vom 6-Tage-Spiel in Prinzendorf zurückgekehrt sind.

Seine Kunst hat Nitsch Gefängnisstrafen wegen Beleidigung, Blasphemie und Erregung öffentlichen Ärgernisses eingebracht. Mit der Kombination von Priestergewändern und benutzten Tampons hat er die katholische Kirchen gegen sich aufgebracht. Schliesslich aber fand er mit seinen Werken, darunter riesige abstrakte Schüttbilder aus Blut, auch in christliche Museen Eingang.

Nitsch‘ Fackel nahmen jüngere Künstler wie John Bock, Jonathan Meese und Christoph Schlingensief auf. Ausserdem „nitschelt“ es seit Jahrzehnten heftig auf dem Theater, wo immer wieder gespuckt oder gekotzt wird. Oft allerdings ohne profunde anthropologische Tiefenbohrungen, wie bei Hermann Nitsch.

Inniger und tiefer empfinden

Bei seiner 122. Aktion verwandelte Nitsch mit seinem Orgien-Mysterien-Theater das Wiener Burgtheater in eine Kultstätte. Auch an den Wagner-Festspielen in Bayreuth wirkte er mit. Kennzeichen seines Weihedramas ist eine vom Künstler festgelegte Choreografie. Die von ihm komponierte Musik erinnert ein wenig an ein endloses Instrumente stimmen und befördert wahrscheinlich auch wegen ihrer Monotonie Tranceerfahrungen.

Bei Nitsch lagen immer auch sorgfältig gestapelte frische Taschentücher bereit. Auf kollektive Exzesse folgt die Reinigung mit rituellen Waschungen, auf das Ausagieren die Katharsis. Die Mitspielerinnen und Mitspieler legen wie in Taufritualen frische Gewänder an und begeben sich blumenbekränzt auf Prozessionen durch die Landschaft, vorbei an Getreideäckern und Sonnenblumenfeldern. Der Künstler wollte,

«dass die Leute nach den Tagen extremen Erlebens einfach in die Natur hinausgehen und alles inniger und tiefer empfinden.»

Am 18. April ist Hermann Nitsch im Alter von 83 Jahren gestorben. Das Kunstritual, das er gestiftet hat, aber geht wahrscheinlich weiter.

Hier geht es zur Nitsch Foundation. Hier zum Nitsch-Museum. Hier finden sich Details zum 6-Tage-Spiel. Die 160. Aktion ist für 27. Juli 2022 in Prinzendorf geplant.

Foto: 128. Aktion, 22.10.2009 anlässlich der Gründung der Nitsch Foundation, Wikimedia Commons.

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