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Lesedauer: 3 Minuten

Er starb für meine Sünden

19. Februar 1994, Eishockeystadion, Neuenburg: Mit grosser Vorfreude stand ich dicht gedrängt nicht unweit der Bühne in dieser unfreundlichen Betonschüssel und wartete auf mein Nirvana: mein erstes Konzert der gleichnamigen Band und ihres Frontmannes Kurt Cobain. Ihre Musik hatte mich seit Jahren begleitet, weil mein Jahrgänger Kurt (*1967) eine unter uns jungen Menschen schwelende Schwingung von Wut, Verzweiflung, Melancholie und Sehnsucht im Grunge-Modus gequält, befreiend wie lustvoll aus sich herausschrie.

Er sitzt!

Und dann kam er … , um mit seiner Gitarre auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Ich hatte die grosse Geste oder irgendeine Mischung aus Arroganz und ironischer Interesselosigkeit erwartet, nicht aber dieses Sitzen:

Er sass unbewegt da, die Haare verdeckten sein Gesicht, er nuschelte ohne ins Publikum zu blicken irgendeine kurze Begrüssung ins Mikrofon und begann zu spielen.

Wir schauten uns gegenseitig leicht ratlos an, aber Kurt’s Stimme war vom ersten Ton an so eindringlich und seine gebückte Haltung wirkte ebenso ernst wie zerbrechlich, dass es zuerst einmal ganz still wurde. Geht es ihm nicht gut? Ist er wieder einmal ziemlich unter Drogen? Wird das Konzert wohl noch abgebrochen?

Was macht er mit uns?

Irgendeinmal nahm Kurt mit dem Publikum Augenkontakt auf, was von uns wie als Erlaubnis gedeutet wurde, mit dem Tanzen, Singen und Gröhlen zu beginnen. Und nun entwickelte sich eine Dynamik, die mich bis heute irritiert:

Mit jedem neuen Song fühlte ich mich besser, leichter, lebendiger, während es Kurt immer schlechter zu gehen schien und er auf seinem Stuhl in sich zusammenzusacken drohte, so als würde ihn das ganze Elend der Welt niederdrücken.

Und ja: Kurt spielte ohne erkennbare Gestik und Mimik jeden neuen Song noch intensiver, dringender, fluchender, flehender. Aber er schien uns zu sagen: «Geniesst den Abend, gebt mir euren ganzen Scheiss, ich regle das für euch!» Das beste Konzert meines Lebens endete nach 21 Songs mit der vierten Zugabe: Rape me. Haben wir ihn …?

Eine Mythos-Empfindung

Nach dem Konzert blieb ich noch eine Weile am Neuenburgersee euphorisiert sitzen und ich erkannte – nein – ich empfand: «Er ist für meine Sünden gestorben.» Was ich als Lehre theologisch-systematisch verorten konnte, ohne dass es mich je emotional erreicht hatte, schien mir nun offensichtlich: ich habe den Mythos des «pro nobis» (für uns) mit Haut, Herz, Haaren und Bier erlebt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Kurt ist natürlich nicht Jesus und er wollte auch nicht für uns sterben, genauso wenig wie Jesus für uns sterben wollte. Aber es sind eben die grossen (Lebens-)Künstler*innen, die mit ihren religiösen, politischen wie künstlerischen Visionen kreativ in gefährliche Zonen vordringen und dabei zu Grunde gehen oder zur Strecke gebracht werden. Wir aber zehren von ihrem Mut, ihrer Rücksichtslosigkeit, ihrem Genie und ihrem Wahnsinn.

Sie starben für uns, für unsere abgesicherte Lebenslüge, damit wir ein bisschen lebendiger werden.

Am 5. April 1994, keine zwei Monate nach dem Konzert in Neuenburg, liegt Kurt Cobain tot in seinem Haus. Als ich davon hörte, war ich traurig und fühlte mich leicht schuldig. Aber Kurt war einfach konsequent, sein Abschiedsbrief soll mit einem Zitat von Neil Young geendet haben:

«It’s better to burn out than to fade away.»

 

Bild: Christian Wolf aus https://www.facebook.com/groups/nirvananeuchatel/

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