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Lesedauer: 5 Minuten

Die mit den Kuhglocken

Vor ein paar Wochen blieb meine Aufmerksamkeit bei einer Zeile der NZZ hängen: «Die Treichler liefern den Soundtrack für die Massnahmengegner der Schweiz.» Die Überschrift des Artikels lautete «Volle Dröhnung». Erst seit kurzem in der Schweiz lebend, waren mir die Schweizer Schellen- und Treichlergruppen kein Begriff. Der Beitrag weckte meine Neugier.

Die Illustration des Artikels zeigt jüngere Menschen beiderlei Geschlechts in weisser Bekleidung, die riesige Kuhschellen durch die Strassen schleppen. Auf den Schultern tragen die Demonstrierenden schwere Jochs, wie Ochsen bei der Feldarbeit vor hundert Jahren. Das Ganze wirkt ziemlich Annodazumal, wären da nicht Schilder mit Aufschriften wie «Stoppt die Zertifikat-Diktatur», die anzeigen, dass wir uns in der Coronagegenwart befinden.

Der Zeitungsartikel klärt darüber auf, dass nationalistische Treichler in zwei Vereinen organisiert sind: Freiheits- und Helvetiatreichler; unterscheidbar an der Bestickung ihrer weissen Hirtenhemden, mal mit Enzian, Edelweiss und Schweizerkreuz, mal mit Namensaufschrift. Zusammen haben die Vereine über 3000 Mitglieder, ein Teil davon hat sich seit dem Ausbruch der globalen Pandemie radikalisiert.

Klein, aber laut!

Ein kleines, aber lautstark schellendes Grüppchen aus dem rechtsliberalen und konservativen Spektrum, das durch die pandemiebedingte Ausnahmesituation und staatliche Massnahmen bürgerliche Freiheitsrechte insgesamt in Gefahr sieht und – das ist ihr demokratisches Recht – der angestauten Wut auf der Strasse Ausdruck verleiht. Ich überlegte kurz, ob mich das Thema weiter interessieren sollte und kam schnell zu dem Schluss: Nein!

Seither verfolgen mich die Treichler oder in Retroschreibung «Trychler»!

Es ist Samstag Nachmittag. Ein glänzender Herbsttag. Unmöglich zu sagen, wie viele Kuhglocken sich in der Berner Innenstadt zu einem Lärm im Hörsturzbereich vereinen. Es vibriert und pocht gewaltig. Dazu werden rotweisse Schweizerfahnen geschwungen. Manche Frauen tragen Blumenkränze. Ich bin von der Performance beeindruckt, nicht von den Slogans. «Corona abschaffen!», wird etwa von der «korrupten Regierung» gefordert.

Durch meine Social-Media-Feeds geistert die Kuhglockenfraktion mit ihrem brachialen Sound ebenfalls. Auch in den Abendnachrichten werde ich über Treichleraufmärsche auf dem Laufenden gehalten und Zeitungskommentare warnen davor, dass Krawallmacher zunehmend die Schweizer Politik bestimmen oder gar eine «Diktatur der Minderheiten» drohe.

Ich kann das nicht beurteilen. Zwar bewege ich mich in der Nähe der Schweizer Regierung, aber nur, um auf dem Bundesplatz in Bern an Samstagen Gemüse, Obst und Blumen für den Privatbedarf einzukaufen.

Mit Geistern im Bund

Was ich am Treichlerphänomen interessant finde, ist zum einen die Frage, wie es einer Mikrogruppe gelingen kann, maximale Lautstärke, Sichtbarkeit und mediale Durchschlagskraft zu entfalten. Und zweitens: Wie es kommt, dass ein Folkloreverein, der bis vor Kurzem nicht politischer erschien als eine Jodel- oder Alphornbläsertruppe, ideologisch scharf gemacht werden kann.

Treichler ziehen mit ihren Glocken traditionell in der Altjahrswoche durch Dörfer. Ich habe mir sagen lassen, sie täten es im Glauben, böse Geister zu vertreiben. Das Attribut «heidnisch» vermeide ich persönlich lieber, weil da immer schon eine Wertung – Abwertung – mitschwingt. Besonders verbreitet ist der Brauch im Kanton Schwyz, wo es in fast jeder Gemeinde einen traditionellen Treichlerverein gibt. Im ganzen Land sind es mehr als dreihundert Vereine.

Treicheln, erklären Brauchtumskundler, sei vorchristlichen Ursprungs. Rein optisch erinnern mich die Umzüge aber auch an Fronleichnamsprozessionen, wo ebenfalls Rotweiss dominiert. Demonstratives Jochtragen kennen wir auch aus der Bibel, von Jeremia, der so etwas wie ein früher Performancekünstler war. Der Prophet geht mit einem Joch durch die Stadt. Das Joch ist ein Zeichen für Fremdherrschaft.

Die Treichler bedienen sich starker traditioneller Zeichen mit religiöser und prophetischer Aufladung. Um sich zu koordinieren, nutzen sie aber moderne Kommunikationsmedien wie WhatsApp. Wenn sich Menschen in Prozessionen formieren, hat das immer etwas Wuchtiges. Durch den schallenden Lärm der Glocken wird dieser Eindruck zusätzlich verstärkt.

Die demonstrierenden Treichler geben aber nicht nur ein Bild von Stärke ab, sondern gleichzeitig von Schwäche.

Sie sehen sich als Opfer von Regierungsmassnahmen. Die Verbindung von aggressivem Auftreten und gleichzeitiger Beanspruchung des Opferstatus kennen wir auch von anderen rechten Protestgruppierungen, etwa der deutschen AfD.

Chor der Simplifizierer!

Die Treichler der Schweiz sind traditionell alle drei Jahre am eidgenössischen Scheller- und Treichlertreffen zusammengekommen. In jüngerer Zeit aber haben sie die Taktung ihrer Zusammenkünfte enorm erhöht. Und statt böse Geister zu vertreiben, werden solche beschworen.

Im Unterschied zu Spiritualität, die wir mit Gebet, gemütlicher Meditation und Räucherstäbchen assoziieren, ist Spiritismus eine Kulturpraxis der Geisterbeschwörung, bei der Einzelne oder Gruppen eine besondere Begabung der Unterscheidung der Geister von Gut und Böse für sich beanspruchen und sich für Eingeweihte halten.

Aus der Reklamierung einer besonderen Nähe zu und eines exklusiven Wissens um Geister ziehen traditionelle Kulte Autorität.

Ungemütlich oder gefährlich wird es, wenn Mitmenschen verdächtigt werden, unter dem Einfluss böser Geister zu stehen und es zu Verteufelungen oder sogar Verfolgung kommt.

Die Treichler haben das aktuelle Regierungshandeln in der Schweiz als «korrupt »ausgemacht. Sie versuchen, mit Aktivismus die vorzeitige Aufhebung aller Corona-Massnahmen zu erzwingen. Sie sind gegen Impfungen und gegen die Zertifikatspflicht, oder in ihren eigenen Worten: für die Rückeroberung der Bürgerrechte. Sie bedienen sich bei ihrem Protest archaischer Formen, die Halt nach innen bieten und nach aussen hin abgrenzen und Andersdenkende ausschliessen.

Die folkloristisch-spiritistischen Treichler sehen sich selbst in der Rolle der Aufklärer und der Opfer von Regierungsmassnahmen, die in Wirklichkeit dazu da sind, (Corona-)Opfer zu vermeiden.

Der Komplexität der gegenwärtigen Lage, in der ein unvorhersehbar mutierendes Virus die Gesellschaft, Politik und Ökonomie weiter in Atem hält, begegnen Treichlereingeweihte mit schlichtem Schwarzweissdenken. Es handelt sich um ein marginales Phänomen, das aber ein Muster erkennen lässt: Wenn sich in Gesellschaften Polarisierungen verschärfen, drohen ausgewogene und gemässigte Stimmen im dröhnenden Chor der Simplifizierer unterzugehen.

Foto (bearbeitet): Pierre Schwaller, www.lyoba.ch. This file is licensed under the Creative Commons Attribution 2.0 Generic license. 

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2 Kommentare zu „Die mit den Kuhglocken“

  1. Und wenn die Treichler ein Stück weit recht haben? Klüngelei und Druck von oben gibt es ja tatsächlich, nicht nur im Bundeshaus und nicht nur im Zusammenhang mit der Pandemie. Ein aufklärender Rundumblick und vertrauensbildende Massnahmen von Grund auf wären angesagt. Statt dessen wird viel Nebel gemacht.
    Ich hätte sehr gerne ausschliesslich aufrichtige Personen in Parlament und Verwaltung. An echtem Interesse der Demonstrierenden an Transparenz, auch bei den „Eigenen“ zweifle ich leider bisher.

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