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Die Kraft von Ritualen

Religiöse Rituale wie das Abendmahl, vertraute Lieder, das gemeinsame Vaterunser tun gut, wenn der Glaube zu rational, zu kognitiv geworden sind. Ob ich sie theologisch immer zu 100 % nachvollziehen kann, ist egal – manche Dinge müssen körperlich geschehen.

So ist vielleicht beim Abendmahl nicht der Sinn darin, dass ich verstehe, was Jesus mit «mein Leib» und «mein Blut» gemeint hat, oder wie das aufgeladen wurde. Sondern dass mir die bekannten Worte dieses Rituals «in Fleisch und Blut» übergegangen sind, und dass ich Brot und Wein körperlich verinnerliche.

Wenn mein spiritueller Boden ausgetrocknet ist, sind Rituale ein wohltuender Regen. Und vielleicht wächst und blüht dann aus diesem Boden sogar wieder mal was.

4 Kommentare zu „Die Kraft von Ritualen“

  1. Liebe Evelyne
    Spannende Gedanken: ich hab‘ beim letzten Abendmahl, das ich (an)geleitet habe, die Leute beim Eingang anschreiben lassen: Vorname auf einem Klebeschildchen; beim Abendmahl haben die „Austeilenden“ dann die Menschen jeweils direkt mit dem Namen angesprochen (ich ziehe mich beim Abendmahl immer mehr zurück und lass das die „Laien“ machen: Einsetzung, Austeilen etc. machen alles Gemeindemitglieder); direkt angesprochen zu werden, persönlich gemeint zu sein hat eine riesige Wirkung.
    Und ja: unsere „alten“ Rituale wie Abendmahl, Taufe aber auch Segen bzw. Segnen und Beten können tragen- sie werden intuitiv „verstanden“.

    1. burkhard schmalstieg

      Lieber Roland

      Danke für Deinen Anschluss an Evelyns Vorgabe.
      Ich bin bei Deiner Schreibweise hängen geblieben:
      „Segnen und Beten können tragen- sie werden intuitiv „verstanden“.“ – Mich wundern die Anführungszeichen bei dem Wort „verstanden“, und ich glaube, dass sie Ausdruck sind für ein Dilemma mit der Formulierung etwas ‚intuitiv verstehen‘.

      Meine Idee: wenn wir etwas verstehen, können wir mit unseren Worten sagen, was wir verstehen. Wenn wir für etwas keine Worte haben, wird es schwierig aus zu drücken, was wir verstanden haben.

      Meine zweite Idee: wir können ‚intuitiv handeln‘ in dem Sinne, dass wir dafür nicht nachgedacht haben; unvermittelt.

      Meine Auflösung: wir können in einem gegebenen Falle ‚empfinden‘, was zu tun sei. Empfinden erfordert nicht, etwas zu verstehen.
      Also: „Segnen und Beten können tragen“ – weil wir sie empfinden können – auch ohne Verständnis.

      Danke.

  2. Liebe Evelyne
    Dein Beitrag zum Thema Rituale gefällt mir gut, speziell das Bild „Wenn mein spiritueller Boden ausgetrocknet ist, sind Rituale ein wohltuender Regen.“
    Ich möchte meinen Glauben leben. In den Ritualen fliessen Ideen, Wahrheiten, etc. in eine Handlung: Sie gelangen vom Kopf in den Körper. Sie werden lebendig.
    Ich gestehe, dass das Abendmahl bei mir zurzeit eher dem ausgetrockneten Boden gleicht. Ich besuche den Gottesdienst nicht regelmässig und feiere daher das Abendmahl selten. Es gab auch andere Zeiten: Während des Studiums hatte ich mehr Zeit und Gelegenheit, in die Kirche und an andere religiöse Veranstaltungen zu gehen. Damals feierte ich zwei-, dreimal im Monat das Abendmahl. Es gehörte sozusagen zu meinem Alltag. So war auch mein Lebensgefühl: beschwingt und immer wieder neu von der leiblich eingenommenen Erinnerung an Jesus angetrieben. Irgendwann hatte ich dann genug, es war mir zu viel, es war mir nicht mehr heilig, es wurde banal. – Aktuell vermisse ich das Abendmahl wieder, ich fühle mich ausgetrocknet, ich möchte meine Seele wieder beregnen lassen.

    Ein neueres Ritual, das ich seit einigen Jahren pflege, sind die Exerzitien im Alltag. Jedes Jahr vor Ostern, während drei Wochen praktiziere ich sie bei den Katholiken. Dabei nimmt sich jede und jeder zu Hause täglich eine halbe Stunde Zeit und meditiert nach einem gleichbleibenden Ablauf einen Text. An den wöchentlichen Treffen tauschen wir in kleinen Gruppen unsere Erfahrungen aus.
    Dabei gefällt mir besonders, dass ich mir im Alltag eine Auszeit nehmen kann und tagsüber freue ich mich jeweils richtig auf diese stille Begegnung mit Gott. Auch der Austausch mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern empfinde ich als Bereicherung.

    1. Evelyne Baumberger

      Hey David, danke für den Kommentar und dein Erzählen. Exerzitien im Alltag habe ich noch nie ausprobiert, schön, dass dir das so gut tut!

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