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Death is easy

«Death is peaceful. Easy. Life is harder.» (Bella Swan in «Twighlight»)

Ein Reh flüchtet durch den Wald, ein erschreckter Blick, ein tödlicher Raubtierbiss in den Hals. Sterben geht blitzschnell. Death is easy! Das Leben hingegen ist schwierig: wenn man Teenager ist, frühreif, zart und traurig. So inszeniert es Hollywood in der Vampirsaga «Twilight» und trifft einen Nerv. Die Protagonistin findet die Toten – einen Vampir-Clan – spannender als die Lebenden.

Die Jagdszene, auf die Bilder von Bella Swan an Intensivmedizinschläuchen folgen, hat sich mir eingeprägt. Die Geschichte aber ist älter. Im Kern geht es um Liebe, Tod und deren Verschränkung im (ersehnten) Liebestod. Und zwar in der Popkultur wie in Wagner-Opern, in säkularen wie in mystisch-religiösen Varianten.

Hymnen an die Nacht

In den «Hymnen an die Nacht» des jung gestorbenen (28-jährig) todessehnsüchtigen Romantikers Novalis, der mystisches und pietistisches Gedankengut aufgriff, klingt das so:

Gelobt sey uns die ewge Nacht,

Gelobt der ewge Schlummer.

Wohl hat der Tag uns warm gemacht,

Und welk der lange Kummer.

Die Lust der Fremde ging uns aus,

Zum Vater wollen wir nach Haus.

 

Was hält noch unsre Rückkehr auf,

Die Liebsten ruhn schon lange.

Ihr Grab schließt unsern Lebenslauf,

Nun wird uns weh und bange.

Zu suchen haben wir nichts mehr –

Das Herz ist satt – die Welt ist leer.

 

Unendlich und geheimnisvoll

Durchströmt uns süßer Schauer –

Mir däucht, aus tiefen Fernen scholl

Ein Echo unsrer Trauer.

Die Lieben sehnen sich wohl auch

Und sandten uns der Sehnsucht Hauch.

 

Hinunter zu der süßen Braut,

Zu Jesus, dem Geliebten –

Getrost, die Abenddämmrung graut

Den Liebenden, Betrübten.

Ein Traum bricht unsre Banden los

Und senkt uns in des Vaters Schoss …

Als Teenager flirten wir mit dem Todesgedanken. Wir stellen uns unser Begräbnis vor und wie die anderen uns beweinen. Wir bewundern am meisten die Angstlosen unter den Gleichaltrigen; diejenigen, die, obwohl jung, scheinbar nichts mehr zu verlieren haben, die an nichts hängen, die freier sind als wir.

Von einem jugendlichen Flirt unterscheidet sich ein ernsthaftes Date. Was, wenn auf einmal ein entsetzlicher schwarzer Abgrund aufklafft? Ich vor Schreck ohnmächtig vom Arztstuhl kippe? Mit zerbrochenen Flügeln zerschmettert am Boden liege?

Der Frühling bleibt Frühling

Ein Freund, Psychiater und Psychoanalytiker nannte den Zustand der Todesnaherwartung «Leben im Zwischenreich», «eine Art Golgota» oder auch die Konfrontation mit «einer Art Niedertracht des Lebens». Der Krebskranke beschrieb es mir so: «Es fühlt sich wie eine Todeszelle an. Du gehörst weder zu den Lebenden noch zu den Toten, sondern befindest dich dazwischen. Du wartest auf die Vollstreckung des Todesurteils. Es tut sehr weh.»

Niemand sei schuld und doch gehe es sehr tief und sei nicht in Ordnung. Gleichzeitig aber eröffne das «Leben im Zwischenreich» enorme Freiräume, «die glücklich machen können».

Unmittelbare Todesnähe ist nicht romantisch. Das Kinderlachen im Park tritt wie hinter eine Panzerglasscheibe. Angst rinnt kalt durch deine Adern. Du ziehst dich in dich zurück. Gleichzeitig treibt dir Wehmut Tränen in die Augen: beim süss-erdigen Geruch frischer Erdbeeren, die nach Kindheit schmecken, beim zart-besorgten Kuss des geliebten Menschen oder wenn ein Kätzchen zutraulich um deine Beine streift.

Und voll Wehmut sind auch Erinnerungen an die Liebe, wenn diese stirbt. Vom romantischen Liebestod unterscheidet sich der Tod der Liebe als grauer Bruder, und es schmerzt fast noch mehr als der physische Tod, ja, letzterer wird geradezu zur Erlösung.

Der Tod intensiviert das Leben. Eine Binsenweisheit – und trotzdem wahr. Der Frühling bleibt Frühling, selbst wenn ich todtraurig bin. Ich glaube, die Schönheit des Daseins drängt so mächtig ans todesängstliche Herz, um uns vor dem schlimmeren Tod zu bewahren, dem «seelischen Tod», wie Søren Kierkegaard es nannte.

«Den seelischen Tod gilt es vor allem zu vermeiden.» Davon war auch mein Freund überzeugt, der wenige Monate nach unserer Korrespondenz über die «Krankheit zum Tode» starb. Ich glaube, es ist ihm gelungen.

Foto von Darya Sannikova von Pexels

Das aktuelle Heft von «Kunst und Kirche» ist dem Thema Totentanz gewidmet. Darin findet sich ein Interview, dass ich mit Janna Nandzik von der School of Death geführt habe.

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