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Lesedauer: 4 Minuten

Cancel-Culture? Fundamentalistische Wehleidigkeit.

Laut Artikel macht Räsänen geltend, ihren Glauben zu «verteidigen» und zu «bekennen» und damit für das Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit einzutreten. «Je mehr Christen zu kontroversen Themen schweigen, desto enger wird der Raum für die Meinungsfreiheit.» Aber Räsänen taugt nicht als Märtyrerin für die Meinungsfreiheit. Ja nicht einmal als Vertreterin christlichen Glaubens in der politischen Öffentlichkeit.

34’000 Kirchenaustritte

Die ehemalige Innenministerin der Christdemokraten – einer rechten Partei, die den christlichen Glauben als Grundlage der politischen Arbeit und die Familie als Kernzelle der Gesellschaft proklamiert – hat ihrer Kirche schon vor gut 10 Jahren einen Bärendienst erwiesen: In einer Talkshow hat sie gleichgeschlechtliche Paare als «schlechte Eltern» und Homosexualität als Sünde bezeichnet. Daraufhin haben über 34’000 Kirchenmitglieder ihren Austritt gegeben.

Man könnte einfach darüber schmunzeln. Denn die Innenministerin ist ausgerechnet mit einem Pastor der evangelisch-lutherischen Kirche verheiratet.

Hat er sich damals etwas mehr «christliche Unterordnung» seiner Ehefrau gewünscht oder war er stolz auf ihre zeugnishafte Demonstration «christlicher Wahrheit», die die Spreu vom Weizen trennt?

Für keine dieser Äusserungen wurde sie belangt. Weshalb auch? Das ist ihre Meinung und eine liberale Gesellschaft duldet auch seltsame Meinungen, Weltbilder und Ansichten. Mitglieder der Kirche, die sie zu repräsentieren beansprucht, stimmen mit den Füssen ab.

Eugenik und Dysgenik

Ihre nun zur Debatte stehenden Äusserungen haben aber einen anderen Charakter. Im Radio hatte sie nämlich behauptet, dass Homosexualität – wenn sie denn wirklich angeboren sein sollte – eine «genetische Degeneration» darstelle. Damit behauptet sie, dass alle homosexuell liebenden und lebenden Menschen – sollte Homosexualität genetisch bedingt sein – eine pathologisch entartete Form darstellen. Ideengeschichtlich ist diese These nun wirklich schwer an religiöse und biblische Motive anschliessbar.

Viel eher erinnert es an die Debatten um Eugenik und Dysgenik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Freilich, viele Christ*innen waren glühende Hitlerverehrer*innen  und haben einen gewissen Zeitgeist mit dem Heiligen Geist und die Gesundheit des Volkskörpers mit der Erwählung Israels verwechselt. Aber die eugenische Idee einer «Rassenhygiene» konnte schlimmstenfalls christlich adoptiert, aber nicht christlich begründet werden. Und heute ist jede Mittäterschaft mahnende Warnung und sicherlich nicht nostalgisch vermisstes Beispiel.

Getrennter als verbunden

Mit Sorge erfüllt mich, dass Livenet.ch eine solche Meldung aufnimmt und sie als Beispiel einer kulturellen, antichristlichen Zensur reframed. Livenet.ch ist ein Verein, der mehrheitlich über Spenden finanziert wird und von Mitarbeiter*innen aus Freikirchen und Landeskirchen getragen wird. Klar: Das ist aus meiner Perspektive eher die «Fromme Ecke». Aber fromm sein muss nicht bedeuten reaktionär zu sein.

Nachdem sich die Querelen des 20. Jh. um Historizität, leibliche Auferstehung, positive oder liberale Christenheit gelegt haben, wird uns anhand solcher Tendenzen schmerzhaft bewusst, dass die Christentümer unserer Gegenwart zerteilter sind in ihrer Weltanschauung, ihren Werten oder schon nur der Wahrnehmung von Gegenwart und Gesellschaft, als sie verbunden wären in einem Glauben, einer Hoffnung und einem Geist.

Sollte es christlichen Glaubensgemeinschaften nicht gelingen hier einsinniger zu werden, wird der Eigensinn gewisser Exponent*innen nicht nur die Kooperationen zwischen Frei- und Landeskirchen gefährden, sondern auch den Zusammenhalt der Gesellschaft insgesamt. Wozu die Lust am Zeuseln und Zündeln führen kann, sehen wir in den USA. Wozu die wehleidige Selbstgerechtigkeit fundamentalistischer Christ*innen führt, in der Kirchengeschichte der letzten Jahrzehnte. Und gestern auf Livenet.ch.

Verfolgte Hetzer

Ich glaube, darin zeigt sich eine Tendenz, die sich nicht nur auf Religion, Christentum und Fundamentalismus beschränkt, sondern ein Zug unserer Zeit ist: Die Lust an der Selbstdarstellung als Benachteiligte*r. Very unfair, hatte der letzte US-Präsident auf Kritik gebetsmühlenartig geantwortet. Cancel Culture sagen die Künstlerinnen und Darsteller, denen nicht einmal der Mund verboten wird, sondern deren gigantischer medialer Reichweite ein lautes, negatives Echo entgegen hallt. Weil sie sich durch wirkliche Opfer, nämlich Menschen und Gruppen, denen sie Unrecht getan haben, bedroht fühlen, erlebt haben, dass diese Macht entwickeln können, wollen sie den Spiess umdrehen. Der Hetzer wird ein Verfolgter. Die Täterin ein Opfer. Die Hassrede zu einer Meinung.

Im Kern geht es um das Begehren recht zu haben.

Und jeder Mensch, der länger als drei Tage in einer Beziehung lebt, weiss, dass dieses Begehren auf die Couch eines Psychiaters gehört und nicht an den Esstisch. Und schon gar nicht in die Medien.

 

Foto von Juliana Stein von Pexels

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12 Kommentare zu „Cancel-Culture? Fundamentalistische Wehleidigkeit.“

  1. Je länger ich mich mit dem Phänomen der Zustimmung von bestimmten evangelikalen Gläubigen zu neurechtem Gedankengut beschäftige, desto deutlicher werden mir die Gründe dafür. Dazu gehört wesentlich, dass es in dieser Ausprägung evangelikalen Glaubens zentral ist, mit dem eigenen Gottesbild recht zu haben, DIE Wahrheit zu haben und “am Ende” (also im Weltgericht) einmal zu der Gruppe Menschen zu gehören, die in den Himmel kommen, weil sie mit ihrem Glauben “richtig lagen”. Kritik am eigenen Gottesbild und den theologischen Dogmen wird als Bedrohung zeitgeistlich irregeleiteter, falscher Christen definiert und kann somit abprallen. Eine Selbstreflexion ist nicht erwünscht. Der Begriff der Cancel-Culture fällt hier auf fruchtbaren Boden.

    1. Stephan Juette

      Danke, liebe Katja! Thorsten Dietz hat das Phänomen in einem Blogbeitrag erörtert und ist dabei zum Ergebnis gekommen, dass der Wunsch nach starken Autoritäten einer bestimmten, sehr auffälligen Gestalt evangelikaler Frömmigkeit inhärent ist.
      Ich finde das alles nachvollziehbar. Aber es ist erschreckend, mitanzusehen, dass diese Menschen durch ihren Glauben die gesellschaftliche Solidarität und den Zusammenhalt strapazieren…
      Herzlicher Gruss!

      1. Ja, das ist erschreckend. Meiner Meinung nach hängt das damit zusammen, dass sie sich zwar als Christen bezeichnen, aber die Kernbotschaften Jesu für sie keine Rolle spielen: Nächstenliebe, Feindesliebe, Dienen, Bereitschaft zum Umdenken (metanoia, das was Luther mit “Buße” übersetzte), im “geringsten Bruder” Gott sehen…
        Fundamentalismus ist eben überall gleich. Da ist es egal, ob er offiziell die Bezeichnung “Muslime” oder “Christen” oder “Atheisten” hat. Wo das Ego an erster Stelle steht, ist nicht damit zu rechnen, dass gesellschaftliche Solidarität von großer Bedeutung ist.

  2. Samuel Kienast

    Lieber Stephan Juette,
    Ich teile deine Sorge um Äusserungen, welche die Kirchen auseinandertreiben und auch über wohl allzu sorgloses Solidarisieren mit gewissen radikalen Aussagen.
    Ich finde aber gerade in diesem Zusammenhang die Wahl von Ausdrücken wie „biologistische Hassrede“ und der direkte Vergleich mit dem dritten Reich nicht hilfreich. Das kann wohl mit einem gewissen Recht auch als „Zäuseln“ in die andere Richtung gedeutet werden.
    Nichtsdestotrotz: ich schätze eure kritischen Beiträge znd Anregungen. LG Samuel

    1. Stephan Juette

      Lieber Samuel,
      danke für deine Rückmeldung. Ich habe diese Begriffe nicht leichten Herzens oder in polemischer Absicht hingeschrieben. Tatsächlich setzt sich das Weltbild dieser Exponentin aus einem Biblizismus und einem kruden Biologismus zusammen. Menschen qua Geschöpflichkeit in Arten zu unterteilen, ist ein typischer Zug eugenischen Denkens. Dabei vergleiche ich weder christlichen Fundamentalismus noch eine Evangelikale Strömung mit dem Dritten Reich, sondern ihre Argumentation mit der Eugenik im Umfeld des Nationalsozialismus.
      Schrecklich finde ich ja v.a., dass livenet hier Stimmungsmache betreibt. Dieser Artikel unterschreitet jede journalistische Sorgfalt und soll nur denjenigen Futter geben, die sich in ihrem Weltbild eh schon unterdrückt und verfolgt fühlen. Das ist schlicht verantwortungslos und mehr als Zeuseln.
      Oder wie stehst du dazu?
      Lieber Gruss!
      Stephan

  3. Samuel Kienast

    Lieber Stephan,
    Ich habe leider trotz längerer Recherche im Internet den Kontext der Aussagen von Pävi Räsänen nicht eruieren können. Darum kann ich nur auf das Bezug nehmen, was du schreibst. Und da finde ich den Schluss von der Aussage über Homosexualität als „entartete Form“ zur Massenvernichtung im dritten Reich schon sehr gewagt. Wenn jemand etwas als „biologisch entartet“ sieht, heisst das ja noch lange nicht, dass er/sie es auch vernichtet sehen will – wie es im Dritten Reich praktiziert wurde. Wenn jemand einen genetischen Defekt hat, ist er/sie deswegen doch nicht in „Arten“ eingeteilt? Oder siehst du diesen Schluss als zwingende Konsequenz? Hat sie sich denn in dieser Richtung geäussert? Ich teile ihre Haltung bezüglich Homosexualität ganz sicher nicht, aber ich habe Verständnis dafür, dass man die Bibel auf eine solche Art lesen kann und würde mich davor hüten, sie deswegen mit Hitler in einer Reihe zu sehen…

    1. Stephan Juette

      Lieber Samuel,
      ich habe sie ja gar nicht mit Hitler gleichgesetzt, sondern ihr biologistisches Argument ideengeschichtlich an die dysgenischen Bestrebungen der 30er-Jahre und nicht an die Bibel angebunden.
      Im Netz habe ich nur ihr Radiointerview gefunden, in dem sie das sagt, was ich hier wiedergegeben habe. queer.de hat dies ebenfalls zitiert.
      Wegen des “Defekts”: Wenn sich jemand verletzt, ist er oder sie gewiss nicht anderer Art. Aber Räsänen behauptete ja, dass sie “anders geschaffen” worden seien. Und damit sind sie dann gemäss ihrer Aussage doch folgerichtig anderer Art, oder?
      Wie man die Bibel so lesen kann, dass Gott zwei verschiedene Menschenarten geschaffen habe, kann ich beim besten Willen nicht sehen…

      1. Wo Sie in der Bibel gesehen haben, dass Gott Mensch*innen geschaffen hat, wird mir auch ein Rätsel bleiben. Das alte Testament ist jedoch klar in seinen Aussagen zur Homosexualität und Jesus hat die Aussagen nicht explizit widerrufen. Toleranz ist für Christen sicher möglich, Akzeptanz als „sehe ich als Gleichwertig“ nicht.

        1. Das alte Testament sagt über Homosexualität überhaupt nichts, weil es das Konzept Homosexualität (also das, was WIR heute darunter verstehen) erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Das AT spricht über Tempelprostitution, sexuelle kultische Handlungen anderer Völker und Vergewaltigung und verurteilt das alles zu Recht, aber nicht darüber, dass sich zwei Menschen gleichen Geschlechts verlieben und eine ernsthafte Beziehung führen wollen.
          Gott erschuf, laut dem hebräischen Text, den Menschen als “männlich und weiblich” (und das bezieht sich nicht nur auf das biologische Geschlecht und schließt sich auch nicht aus – in dem Sinne, dass eine dieser beiden Gestalten NUR männlich und eine NUR weiblich ist), von einer bestimmten sexuellen Orientierung, die Menschen haben sollen, ist bei der Beschreibung der Erschaffung der Menschen nirgends die Rede.

        2. Noch eine Ergänzung: Gerade Nachfolger Jesu sollten doch andere Menschen als gleichwertig akzeptieren – so wie er gerade diejenigen akzeptiert hat, die von der frommen Gesellschaft als “Sünder” ausgegrenzt und abgewertet wurden. Ich finde es erschreckend, dass Christen so selbstverständlich über andere Menschen richten, sie einteilen in “gut” und “schlecht” “Sünder” und “über ihre Sünde erhabende Fromme”, in “richtig Liebende” und “falsch Liebende”, wo Jesus doch klar gesagt hat: Richtet NICHT!

  4. Peter Bruderer

    Salut Stephan.
    ich könnte viel schreiben :-), bleibe aber bei einer Rückfrage:
    Siehst du einen bestimmten Zusammenhang zwischen Fundamentalismus und Eugenik? Denn ich nehme an, deine Einschätzung von Räsänen ist die einer konservativen Fundamentalistin.
    Ich persönlich habe das Selbstverständnis der eugenischen Bewegung immer als eine Progressive gesehen…

    Gruss
    Peti

    1. Stephan Juette

      Lieber Peter,
      Nein, darin sehe ich wirklich gar keinen Zusammenhang sondern bin schockiert, dass diese Verbindung von Räsänen hergestellt worden ist. Ich sehe den Zusammenhang eher zwischen einer pseudogermanischen Esoterik und der Eugenik.
      Herzlicher Gruss!

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