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Lesedauer: 5 Minuten

Abschaltlicht

Es ist also wieder grosser Shutdown. In Deutschland haben die Geschäfte dicht gemacht. Eine Woche vor Heiligabend! Restaurants, Cafés und Bars hatten ohnedies längst zwangsgeschlossen. Mit minimalem Vorlauf ist die Regierungsankündigung in die Tat umgesetzt worden. Weil sich die Coronazahlen nicht ›erholt‹ haben. Berlin ist wieder Geisterstadt. London ebenfalls. In der Schweiz sind die Ansteckungsraten zwar schlimmer, aber im deutschen Fernsehen werden Bilder von Menschen übertragen, die durch Städte flanieren und shoppen. Liberalismus à la Suisse. Man will Bürger nicht paternalisieren. Sogar die Schweizer Skigebiete haben geöffnet.

In der deutschen Hauptstadt gibt es nicht einmal Schnee. Für gefühlt fünf Minuten tanzen so etwas wie Flocken in der Luft. Vielleicht ist es auch nur Eisstaub. »Schnee! Vielleicht schneit es«, sagt der deutschtürkische Taxifahrer hinter der durchsichtigen Kunststoffwand erwartungsvoll. Im letzten Jahr habe es keinen Schnee gegeben, aber immerhin Weihnachtsmärkte. Er vermisse Schnee und gemütliches Glühweintrinken am Weihnachtsmarkt. Nur auf Weihnachtsmärkten schmecke ihm Glühwein. Es ist fast Mittag und ich bin sein zweiter Fahrgast: an einem Arbeitstag, der um fünf Uhr früh begonnen hat.

Das Geschäft ist tot

»Das Geschäft ist tot«, erklärt der Taxifahrer und der Satz bleibt auf der transparenten Sicherheitsscheibe kleben, die den Fahrer- vom Gastbereich abschirmen soll, aber so wenig passgenau sitzt wie unser Mund-Nasen-Schutz. Seine potenziellen Fahrgäste sitzen im Homeoffice, in Quarantäne, in Altersheimen, einige sind tot. Ausserdem fehlen City-Touristen. Knapp 14 Millionen Berlin-Besucher und Besucherinnen sind im Jahr 2019 gezählt worden. Seit Corona sind es praktisch Null.

Ich drücke die Metallspange über meiner Nase zusammen, damit die blauweisse OP-Maske enger sitzt. Augenblickliche Atemnot lässt mich die Nasenflügel gleich wieder aufblasen. Nasen verschaffen sich Raum, ob es einem passt oder nicht. Viele Eltern müssen ihre Kinder wieder zu Hause ›betreuen‹ – oder umgekehrt? Eine wahrscheinlich alleinstehende alte Frau führt ihren Hund an der Leine spazieren – oder umgekehrt? Immerhin wird das Spazierengehen bislang nicht eingeschränkt. Sport, Spaziergänge und Gassigehen gelten als »triftige Gründe« für ausnahmsweise gestattetes Verlassen der Wohnung.

Unsere Wohnungsnachbarin stammt aus der DDR. (Bzw., sie war immer an dem Ort, wohin wir erst viel später gezogen sind.) Sie ist Betriebsärztin bei der Post und kann sich derzeit vor Arbeit nicht retten. »Wir testen unsere Paketzusteller rund um die Uhr auf Corona, 24 Stunden lang«, sagt sie im Treppenhaus und wackelt mit dem Kopf. »Na ja, da müssen wir jetzt durch, bleibt nichts anderes übrig.« Totaler Ausnahmezustand. Die sonst fast überschwänglich optimistische Dame wirkt ungewöhnlich matt. »Alles, was Freude bereitet, fällt weg. Wenn man wenigstens schwimmen gehen könnte oder in die Sauna«, seufzt sie – und ich mit ihr.

Nicht. Rumgurken. Maske Vor. Die Rübe.

Corona in der City ist …

… eine Frau die nachts vor einem Restaurant bei Graden um den Gefrierpunkt allein im Schein einer Strassenlampe Pizza aus dem Karton isst.

… surreal saubere Luft.

… Plakate mit der Aufschrift: #BERLINGEGENCORONA. NICHT. RUMGURKEN. MASKE VOR. DIE RÜBE.

… Menschen, die auf der Suche nach Punsch-Verkaufsstellen durch die Stadt irren

… nach Draussen verlegte Fitnessstudios

… Eltern, die Kita-Kinder auf der Strasse übergeben müssen, weil Kindergärten mit gelben Flatterbändern gesicherte Sperrzonen sind

… Ein Modeshooting auf der Strasse für Sachen, die wahrscheinlich nie gekauft, nie getragen werden.

… ein Bettler am Strassenrand, der leer ausgeht, weil momentan alle den Eindruck haben, es gehe ihnen nicht so gut.

… eine XXXL- Schlange im grossen Warenhaus am letzten offenen Verkaufstag ausgerechnet in der Papierabteilung. Benötigen alle noch schnell Geschenkpapier für Dinge, die sie über Internetmonopolisten bestellt haben und dann Leuten übergeben, die sie nicht treffen dürfen?

Ich ertappe mich, wie ich traumwandlerisch gewohnte Trampelpfade in der City abschreiten möchte. Raus aus dem Bau und dann wie ein Nagetier im Wald vorbei am Wacholderbusch und der harzig riechenden Kiefer zur Haselstaude. Vielleicht sind da ein paar schöne Nüsse für meine Vorratskammer? Ein neues Irgendwas. Aber nichts da. Konsumpfade führen ins Leere. Und Spaziergänge münden ohne auswärtigen Boxenstopp in den eigenen vier – oder doch etwas mehr – Wänden. Die Zimmerdecke, scheint mir, senkt sich peu à peu.

Das Alkoholverbot in der Öffentlichkeit und das Verkaufsverbot für Silvesterfeuerwerk (›Böllerverbot›) trifft mich persönlich weniger hart. Selbst mit dem verschärften Kontaktverbot kann ich mich arrangieren. Man kann ja Teetrinken&Zoomen. Ausgeprägt introvertierte Charaktere wie ich fragen sich ausserdem selbst nach Monaten des Social Distancing, wann endlich die ersehnte Ruhe eintritt und Zeit für entspannte Lektüre.

Stille Nacht

Immerhin sind Berliner Buchhandlungen vom Shutdown ausgenommen. Es ist also ein ›harter Shutdown‹, aber kein knallharter. Buchhandlungen seien ›geistige Tankstellen‹, erklärte Klaus Lederer, Berlins Senator für Kultur und Europa. Dann kann ich mein bestelltes Buch mit literarischen Glossen beim Book Seller in unserer Strasse also doch noch vor dem St. Nimmerleinstag abholen.

Walter Benjamin hat 1921 die These aufgestellt, dass der Kapitalismus nicht nur aus dem Christentum entstanden (Max Weber), sondern selbst zur Religion geworden sei. Kurz vor der Jahreswende 2021 ist das offensichtlich geworden: Aus Sorge um das Weihnachtsgeschäft wurde nur ein sogenannter ›Shutdown light‹ verhängt, und weil dieser naturgemäss nicht viel brachte, wurde ein harter Lockdown nötig, der nun Weihnachtstreffen auf ein Minimum reduziert und Weihnachtsgottesdienste einschränkt.

Gibt man ›Shutdown Light‹ bei einem bekannten Online-Übersetzungsdienst ein, spuckt dieser den Neologismus ›Abschaltlicht‹ aus. Ein Licht, das abschaltet. Klingt absurd, und ergibt doch Sinn. Das Fest des Lichts wurde Opfer des Abschaltlichts. Immerhin ›dürfen‹ Christ*innen an Weihnachten 2020 in deutschen Kirchen zusammenkommen und gemeinsam feiern. Allerdings nur mit vorab gebuchten Timeslots. Und ohne Gesang. Statt ›Stille Nacht‹ – stille Nacht. Ergibt auch Sinn.

 

Photo by Stefan Widua on Unsplash

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3 Kommentare zu „Abschaltlicht“

    1. Sehr gerne gelesen, danke!
      Seit der Krise lese ich (fast) jeden Morgen
      und überwiegend gerne RefLab-Texte.
      Dank an alle Autor*innen!
      Und trotz aller Widrigkeiten wünsche ich Allen einen zuversichtlich Blick auf die nächsten Tage und das Jahr 2021!

      1. Johanna Di Blasi

        Oh, das freut mich – uns – sehr. Danke für den/die freundlichen Kommentar(e). Und auch Ihnen schöne Feiertage und Zuversicht im Neuen Jahr 2021!

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