Less noise – more conversation.
Less noise – more conversation.
Lesedauer: 6 Minuten

Zoom Dysmorphia

Seit einiger Zeit werde ich in Social Media mit aggressiver Werbung geflutet. Mit Vorher-Nachher-Bildern wird mir eine Veränderung meiner Gesichtsoptik nahegelegt. Die Werbungen nutzen das kurze Zeitfenster des Scrollens geschickt, um Special Effects wie einen Spiegel hinzuhalten. Gesichter, die aussehen, wie Gesichter halt aussehen, erfahren binnen von Sekundenbruchteilen ein spektakuläres Pimp-up und nähern sich Starporträts an. Sommersprossen verduften, Augen werden grösser und ausdrucksvoller, der Teint frisch wie aus der Kosmetikwerbung. Die Tools gibt es für Fotos wie auch für Videos.

Wäre es datenrechtlich möglich, würden die Effekte-Anbieter wahrscheinlich unsere Bilder fischen und uns direkt mit gefilterten Versionen unsere selbst konfrontieren. Aber das ist gar nicht nötig: Unwillkürlich pausen wir nämlich unser eigenes Gesicht in Vorlagen hinein und stellen uns vor, wie wir uns durch das Tool verändern würden.

Mach dich schöner!

Die Werbungen evozieren nicht nur den Wunsch nach Optimierung von Bildern, sie transportieren unterschwellig auch einen Imperativ: «Mach dich schöner!» Man bekommt beinahe ein schlechtes Gewissen, sich weiterhin so zu zeigen, wie man ist.

Was spielerisch daherkommt, baut in Wirklichkeit psychologischen Druck auf und schürt Unsicherheit. Besonders junge Menschen mit ungefestigter Identität oder Menschen mit labiler Verfassung können in Unruhe und Bedrängnis geraten.

Dass es ein durchaus ernst zu nehmendes Problem ist, belegen anhaltende Diskussionen über die Zulässigkeit digitaler Filter. Vor zwei Jahren reagierte etwa Instagram mit dem Verbot von Filtern wie «Bad Botox» und «Fix Me» auf Kritik. Tools, die angeblich als Ironie auf Auswüchse der Schönheitsindustrie gedacht waren, erwiesen sich als fatale Vorlagen für Selbstideale von User:innen und Auslöser unmöglicher Wünsche wie die Veränderung von Schädelformen oder die Augenvergrösserung.

In der Filter-Falle

Durch die Dauerpräsenz in Social Media ist das Leiden am eigenen Bild virulenter geworden und in der Corona-Krise hat es sich offenbar zusätzlich zugespitzt.

In der Paniklogik sich aufschaukelnder Selbstzweifel liegt es, dass sich Betroffene bald nicht mehr mit der Optimierung von Bildern zufriedengeben, sondern der Wunsch reift, sich unter das Messer zu legen.

Zu den Gewinnern der Corona-Krise gehört tatsächlich eine Branche, von der man es nicht unbedingt erwartet hätte: die Schönheitschirurgie. Jüngste Umfragen unter Hautärzt:innen und plastischen Chirurg:innen in den USA und GB zeigen, dass es in der Corona-Krise einen signifikanten Anstieg an Operationswilligen zu verzeichnen gibt. Auch kommen vermehrt Menschen zu Ärztinnen und Ärzten, die in digitalen Meetings den Beschluss gefasst haben, ihr Aussehen «korrigieren» zu lassen (Video-Conferencing Concern).

Während früher Menschen mit Fotos von Stars in Beauty-Kliniken kamen, haben sie heute oft Bilder von sich dabei, auf die sie digitale Facelift-Filter angewendet haben. Sie wollen nicht länger sie selbst sein, sondern sich in Deepfake Avatare werwandeln. Vorbildfunktion haben u.a. Internet-Influencer. Besonders der Typus des mainstreamförmigen Facelift-Gesichts erfreut sich grosser Follower-Gemeinden.

Body Dysmorphic Disorder

Nach der Snapchat Dysmorphia haben wir nun also auch die Zoom Dysmorphia. Beides sind Störungen des Selbstbildes. Eine übertriebene Sorge um körperliche Makel. Bei digitalen Konferenzen werden durch den engen Fokus der Kamera tatsächlich disproportionierte Bilder übermittelt. Viele vergessen das aber und fühlen sich gekränkt durch das Bild, das sie auf dem Bildschirm sehen.

Ein Nebeneffekt der Corona-Krise ist es, dass wir sehr viel mehr Zeit als üblich haben, um uns mit uns selbst zu beschäftigen. Durch die Reduktion sozialer Kontakte und die Homeoffice-Situation ist der lebendige und dynamische Austausch auf ein Minimum geschrumpft. Freundliche, anerkennende und herzliche Blicke haben sich im Quasi-Quarantäne-Modus ebenso reduziert wie Komplimente. Das kratzt am Selbstbild- und Selbstwertgefühl. Und dann sitzen viele von uns auch noch stundenlang in Videokonferenzen und müssen sich vielleicht eingestehen: Mein Idealbild sieht definitiv anders aus.

Alles kann zum Anlass für Scham und tiefes Unglücklichsein werden, wenn die Psyche geschwächt ist: Kopfform, Hautfältchen, Nase, die Schatten, die die Nase wirft und natürlich Altersspuren.

Selbstzweifel, wie man sie mit der Pubertät verbindet, beschränken sich nicht auf die jugendliche Lebensphase. In verschiedener Intensität können Menschen in unterschiedlichen Lebensabschnitten betroffen sein. Männer leiden kaum weniger als Frauen. In extremen Fällen sprechen Psycholog:innen von Body Dysmorphic Disorder, Dysmorphophobie oder auch Entstellungssyndrom.

Wie kann ich Freundschaft mit mir selbst schliessen?

Sowohl disproportionierte Bilder durch mangelhafte Technik als auch technisch geschönte und gefilterte Bilder können uns unglücklich machen. Im Fall optimierter Bildästhetik wird das Aushalten des tatsächlichen Aussehens und Gesichts zur Herausforderung, die Schere zwischen Ist- und Idealzustand. Das kann so weit führen, dass grelles Tageslicht gemieden wird, Sonnenbrillen zum Gesichtsschutz werden und sogar Corona-Masken als dankbare Mittel erscheinen, um sich dahinter zu verstecken.

Wir haben es in der bildfixierten Gegenwart offenbar mit einer Art von umgekehrten Narzissmus zu tun. Von der antiken Mythengestalt heisst es, sie habe sich in ihr Selbstbild «verliebt». Was wir heute sehen, ist das Gegenteil: ein entsetztes Starren auf uns selbst.

Damit werden Fragen nach den Gründen drängender wie auch danach, was uns von der Fixiertheit auf uns selbst und der Erstarrung erlösen kann. Ein Grund liegt sicherlich in Geborgenheitsdefiziten.

Der Psychiater, Psychoanalytiker und Philosoph Hinderk Emrich (1943-2018) sagte mir in einem Gespräch vor einigen Jahren: «Man hat an gesunden, nicht kranken, amerikanischen Studenten in den siebziger Jahren festgestellt, dass etwa zwanzig bis dreissig Prozent der Menschen das Gefühl der Derealisation und der Depersonalisation hatten. Also das Gefühl: Ich bin nicht richtig Ich, ich weiß nicht genau, wer oder was ich bin. Und die Welt kommt mir auch unheimlich vor.»

Das Selbstverhältnis ist untrennbar an das Weltverhältnis geknüpft. Wenn ich den Eindruck habe, dass ich kein natürliches Weltverhältnis habe, dass da ein Abgrund, eine Bodenlosigkeit ist, so finde ich auch zu keinem natürlichen Selbstverhältnis.

Erlösende Schwerpunktverlagerung

Manchmal wirkt vielleicht schon ein wenig Selbstdistanz befreiend, oder ein Witz:

Ein Mann blickt in den Badezimmerspiegel und kommt zu dem Schluss: «Kenne ich nicht, rasiere ich nicht.»

Eine Hilfe im Fall krankhaft gestörter Selbstwahrnehmung kann die Exposure Therapy bieten. Das ist eine Technik in der Verhaltenstherapie zur Behandlung von Angststörungen. Bei der Exposure Therapy werden Patienten in einem gesicherten Rahmen ihrer Angstquelle ausgesetzt. Dies kann helfen, die Angst oder Not zu überwinden.

Religiös gesprochen liegt «Erlösung» in einer Schwerpunktverlagerung hin zum mitmenschlichen wie auch göttlichen Du. Nicht ich bin das Zentrum, Du bist es … Überwundenes Leiden kann sogar zur Quelle tiefer Freiheit werden.

 

Photo by Teslariu Mihai on Unsplash

What do you think of this post?
  • OMG! (0)
  • Karma-Boost (4)
  • Deep (6)
  • Boring (0)
  • Fake-News (0)

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.