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Lesedauer: 5 Minuten

Wozu Philosophie?

[Hier geht es zur Podcastfolge von «mindmaps», die zu diesem Beitrag passt…]

«Bloss nicht zu früh in die Quarantäne!»

Es ist unübersehbar, dass verschiedene Staaten und Regierungen ganz unterschiedlich mit der Bedrohung durch das Coronavirus umgegangen sind. In Großbritannien hat man im Frühjahr 2020 anfangs auf das möglichst schnelle Erreichen einer Herdenimmunität gesetzt. Das bedeutet: 

«Angenommen ein Kranker steckt mit seinem Virus beim Niesen im Schnitt etwa zwei andere Personen an, so ist der Ansteckungsfaktor zwei. Jeder Ansteckungsfaktor von größer als 1 führt zu einer massiven Ausbreitung der Krankheit. Die Ansteckungsquote des Coronavirus liegt bei Faktor 2,5 – also recht hoch.

Die Krankheit kann erst bezwungen werden, so die Theorie, wenn ein Großteil der Bevölkerung die Krankheit bekommt und danach immun ist, sodass sich die Ansteckung nicht mehr voll entfaltet. Wenn dann ein Kranker niest, in seinem Umfeld aber mindestens 60 Prozent der Personen bereits immun sind, reduziert sich der Ansteckungsfaktor zum Beispiel von 2,5 auf 1 und die Viruskrankheit flaut ab.

Auf Großbritannien übertragen würde dies aber bedeuten, dass etwa 40 Millionen Menschen zunächst an dem Virus erkranken und dann gesunden müssten, um Immunität in der Bevölkerung zu erreichen. Bei einer Todesrate von nur 1 Prozent (sie liegt in Wirklichkeit höher), wären dies 400.000 Todesfälle.» 

(Bettina Schulz: Bloß nicht zu früh in Quarantäne, Die Zeit, 13. März 2020).

Die Logik des größten Nutzens

Auf einer Pressekonferenz im März 2020 erweckte Johnson den Eindruck, dass die britische Regierung diese Theorie «akzeptierte und womöglich eine extrem hohe Zahl von Toten in Kauf nehmen würde, aus Angst, dass das Gesundheitssystem ansonsten von einer zweiten Epidemie im nächsten Jahr überwältigt würde» (ebd.).

Die Logik dahinter: Eine hohe Zahl von Toten ist dann vertretbar, wenn sie geeignet scheint, schnell wirtschaftliches Unheil und natürlich auch nachfolgende Verbreitung des Virus abzuwenden.

Johnson sah nur deshalb von einer weiteren Verfolgung dieses Ansatzes ab, weil er eine kurzfristige und nicht erwartete Überlastung des britischen Gesundheitssystems vermeiden wollte. 

Wichtig ist für diesen ethischen Ansatz, dass er auf Abwägung darüber beruht, ob der Tod von Menschen ggf. in Kauf zu nehmen ist, wenn andere dadurch vor Schaden bewahrt werden.

Das Leid einer Minderheit nimmt man in Kauf, weil der maximierte Nutzen für alle am höchsten ist. Das ist ein utilitaristischer Ansatz, den auch Boris Johnson – wiederum aus utilitaristischen Erwägungen: der Widerstand wurde zu groß – bald aufgeben musste, als die Opferzahlen zu hoch wurden.

Dieser Ansatz ist freilich nicht einfach unmoralisch. Johnson könnte ja darauf hinweisen, dass er durch sein Handeln ja gerade ein noch größeres Unheil, womöglich noch höhere Todeszahlen, vermeiden wollte. 

Der Mensch als etwas Absolutes

In Deutschland ist man von vornherein einen anderen, durch die abendländisch-christliche Tradition bestimmten Weg gegangen, der von Immanuel Kant auf einen allgemeinen ethischen Nenner gebracht worden ist: Hier wird der Einzelne nicht primär als Teil einer gesellschaftlichen Gesamtheit gesehen, deren Glück im Mittelpunkt steht. Hier ist der Einzelne etwas Absolutes, das keiner Zweck-Mittel-Relation zu unterwerfen ist.

Es muss alles getan werden, um diesen einzelnen Menschen, unabhängig auch von seinem Alter und den Kosten, die dies verursacht, zu helfen und zu retten.

Die Rettung von Menschen ist oberstes Gebot, auch dann wenn sie sehr alt, sehr schwach sind, wenig zum Bruttosozialprodukt beitragen. Ein Lockdown und die entsprechenden Hilfen des Staates mögen dreistellige Milliardensummen kosten. Sie sind gerechtfertigt, ja unumgänglich, weil der absolute Wert des Lebens verlangt, alles zu tun, was möglich ist.

Genau dies ist dann auch der Grund dafür gewesen, dass die deutsche Politik alles dafür getan hat, eine Situation in den Krankenhäusern zu vermeiden, die eine Triage unumgänglich werden läßt, also ein – an sich nicht mögliches, nicht zu rechtfertigendes – Abwägen, wer in einer Situation der Knappheit an medizinischen Mittel eher Hilfe bekommt und überleben kann und wer nicht.

Religiöse Voraussetzungen

Dieser absolute, nicht kalkulierbare und nicht zur Diskussion stehende Wert bedeutet übrigens auch, dass es im Zweifel fraglich wäre, ob ein deutscher Verteidigungsminister zwei Kampfjets aufsteigen und ein Passagierflugzeug abschießen lassen würde, um zu verhindern, dass es mit einer potentiellen Bombenlast auf ein Wohngebiet fällt und dort verheerenden, weit reichenden Schaden anrichtet.

Aus utilitaristischer Sicht ist das falsch, aus einer kantianischen Sicht kann es keine andere Haltung geben.

Ähnliche Alternativen liegen auch vor, wenn es um die Frage geht: Darf man einen Menschen, etwa den Entführer eines kleinen Mädchens, foltern, wenn nur so eine Information zu gewinnen ist, die für ihr Überleben notwendig ist – weil sie etwa zu dem Versteck führt, in dem sie gefangen gehalten wird?

Ein deutscher Kriminalkommissar, der sich moralisch berechtigt sah, Folter anzudrohen, wurde von einem deutschen Gericht verurteilt.

Die Würde des Menschen, auch eines Schurken, ist unantastbar.

Eine Ethik, die das vertritt, lebt letzten Endes von Voraussetzungen, die religiöser Natur sind. Die Unantastbarkeit gilt absolut und unbedingt, weil sie nicht im Menschen liegt, geschweige denn durch ihn und sein Handeln begründet ist, sondern allein extern begründet ist: christlich durch seine unverlierbare Gottesebenbildlichkeit, säkularisiert durch die Anerkennung als unverletztliches Subjekt.

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1 Kommentar zu „Wozu Philosophie?“

  1. Gut geschrieben, so dass wohl manche beim lesen dem Autor zustimmen. Im konkreten Fall sieht das dann aber wieder anders auch, wie das Theaterstück „Terror“ von Ferdinand von Schirach anschaulich illustriert. Da wird ja das Beispiel vom entführten Passagier-Jet aufgenommen: Die Terroristen drohen in diesem Szenario damit, das Flugzeug auf die Müncher Allianz Arena abstürzen zu lassen, in welchem gerade ein Fussballspiel stattfindet. Weil die meisten Zuschauer dann sterben würden entschliesst sich der Pilot das Flugzeug abzuschiessen – er glaubt, es ist besser wenn die ca. 150 Piloten und Passagiere sterben, als die über 70’000 im Stadion). Das Theaterstück besteht in der Gerichtsverhandlung des angeklagten Piloten, wobei die Zuschauer die Rolle der Geschworenen übernehmen. Fast überall wo das Stück aufgeführt wurde haben die Zuschauer den Piloten freigesprochen.
    Der Entscheid des Piloten (und die meisten Zuschauer geben ihm recht) ist eben dass was Hempelmann die Fragen „nach dem grössten Nutzen“ nannt. Vielleicht ist es angemessener mit Jeremy Bentham (dem Begründer des Utilitarismus von der Frage „nach dem grössten Glück der gössten Zahl“ zu sprechen. Wird der Utilitarismus weniger polemisch beschrieben (das besagte Theaterstück stellt dessen Vertreter sympatisch dar), kann er auch besser beurteilt werden.

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