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Lesedauer: 5 Minuten

Wieso ich den Tod zum Beruf machte

«Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod.»

Diese bedeutende Worte, die Sigmund Freud vor über hundert Jahren zu Papier brachte, behalten bis heute ihre Gültigkeit. Dieser Gedanke ist unvorstellbar und doch übersteigt er alles, was wir uns vorstellen können. Wir besitzen keine Erfahrungswerte, auf welche wir zurückgreifen können, so dass uns die Illusion umgibt, für immer zu leben. An dieser halten wir dann umso inniger fest.

Nachdem ich eine Person während ihres Sterbeprozesses begleitet habe, entschloss ich mich dazu, der Angst vor dem eigenen Tod in die Augen zu schauen. So wage ich inzwischen immer wieder mal einen kurzen, aber intensiven Blickkontakt und versuche mich mit ihm anzufreunden.

Ehrlich gesagt: Was hatte ich damals mitten in der Ohnmacht und der Trauer noch zu verlieren gehabt? Ich konnte doch bereits so nachts nicht mehr schlafen und tagsüber nicht mehr klar denken. Diese übermächtige Frage ergriff von mir Besitz:

«Was, wenn ich am Ende meiner Tage mein Leben nicht genutzt habe?»

Die Angst davor, und die Angst, meine verstorbenen Lieben eines Tages einfach zu vergessen, liess mich lange Zeit erstarren. Als zusätzlich die Befürchtung aufkam, dass sie vielleicht häufig ein fremdbestimmtes Leben geführt haben, anstatt ihre eigenen Wünsche und Träume auszuleben, kam plötzliche Bewegung in meinem Leben. Diese Vorstellung war für mich nämlich von solch immenser Tragweite, dass ich mich auf die Suche nach Antworten begab.

So machte ich mich schrittweise auf den Weg, um herauszufinden, wer ich sein will. Glücklicherweise haben wir täglich die Wahl, uns neu zu erfinden. Die Gegenwart ist das Ergebnis getroffener Entscheidungen aus unserer Vergangenheit. Die Zukunft kreieren wir jedoch mit unseren Gedanken im Hier und Jetzt.

Inzwischen glaube ich, dass wir durch bewusstes Denken viel mehr Einfluss auf unser Leben haben, als wir annehmen.

So habe ich immer wieder erlebt, wie Kontakte, die lange Zeit sehr oberflächlich waren, durch eigene Offenheit plötzlich eine unglaubliche Tiefe fanden. Herzen berühren sich und das Leben ist einfach. Pur und liebevoll, an gewissen Tagen heller, dann wieder dunkler.

Wenn sich alles verändert

Mein Leben vor und nach der Begegnung mit dem Tod war ein anderes. Danach kam eine neue Zeitrechnung. Diese Erfahrung nenne ich das grösste und wahrhaftigste Geschenk meines Lebens. Dadurch hat sich für mich alles verändert und mein Leben wurde nachhaltig bewegt.

Innert eines Jahres starben zwei Menschen aus meiner Familie unerwartet.

Der Schmerz war grösser als die Angst vor meinen Erkenntnissen.

Was ebenfalls mitschwang, waren Wut, Sprachlosigkeit und Überforderung. Bei mir selbst sowie bei meiner eigenen Familie und in unserem Umfeld. Meine Wut wandelte sich rasch in ungläubiges Staunen darüber, dass in einer aufgeklärten Gesellschaft wie unserer, das Sterben so tabuisiert wird und die Hinterbliebenen in diesem Prozess selten begleitet werden.

Doch wie kamen diese Gefühle zustande?

Beide Todesfälle kamen für mich aus dem Nichts. Einer davon unter Einsatz der Polizei, der andere in einem Krankenhaus. Wir erhielten weder Informationen darüber, was jetzt genau zu tun sei, wie wir uns zu verhalten haben, noch welche Rechte und Pflichten wir haben. Wir waren also komplett auf uns alleine gestellt. So war ich zum ersten Mal mit einem Todesfall sowie einem Sterbeprozess konfrontiert und absolut verunsichert. Dadurch nahm ich lange Zeit an, dass es vielleicht in dieser intimen Phase des Lebens keine passenden Angebote gibt.

Diese Tatsache liess mich am Sterbebett meines Angehörigen schwören, etwas dafür zu tun, um dies zu ändern. Kurz danach liess ich mich online als Trauerbegleiterin ausbilden und startete einen Blog, auf welchem ich meine Gedanken und Gefühle teilte. Bei meinen Recherchen realisierte ich nach und nach, welche unglaubliche Vielfalt an wertvollen Angeboten engagierter Menschen in diesem Bereich existieren. So begann ich immer mehr Kontakte zu knüpfen und diese Angebote sichtbar zu machen. Dadurch entstanden ganz viele Dialoge und ich spürte von vielen Seiten, wie gross der Wunsch nach einer Veränderung im Umgang mit diesem Thema ist.

Transparenz als Wegbereiter

Auf Missstände hinzuweisen, sehe ich inzwischen als meine persönliche Aufgabe. Ich will nicht klagen, sondern vielmehr Wissen transferieren, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen. Aktuell unterstütze ich redaktionell ein eMagazin und führe auf Social Media zusätzlich regelmässige Interviews rund um das Thema. Diese Antworten sollen als Inspiration und Unterstützung möglichst öffentlich zugänglich sein, weshalb gerade ein Buch entsteht.

Wege entstehen beim Gehen

Auf diese Art und Weise möchte ich neue Wege vorbereiten und ein offeneres Verhalten gegenüber dem Tod bewirken. Es wäre schön, wenn zukünftig nach einem Todesfall bei der Begegnung eines Angehörigen seltener die Strassenseite gewechselt wird. Und es wäre schön, wenn die Menschen wüssten, wo Hilfe zu finden ist.

Durch Aufklärung und durch die Beschäftigung mit dem Tod entdecken wir etwas Kostbares: Das Leben. Ich glaube fest daran:

Je mehr Menschen sich mit den Fragen rund um den Tod beschäftigen, umso mehr Platz entsteht für neue Möglichkeiten.

In diesen schwierigen Übergangsmomenten des Abschiednehmens und des Neubeginns ist es unendlich wertvoll, durch andere Menschen gestützt und getragen zu werden. Unser Herz braucht Liebe, Geborgenheit und Zuwendung. Natürlich nicht erst dann, wenn wir den Tod vor Augen haben. Aber besonders dann, wenn es soweit ist.

 

Photo by I.am_nah on Unsplash

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2 Kommentare zu „Wieso ich den Tod zum Beruf machte“

  1. Marlies Rüegg

    Wir haben unsere 98jährige Mutter im Frühling, zu Beginn des Lockdowns beerdigt. Mit nur 5 Personen am Grab..mit Abstand… ohne Umarmungen, da mein Bruder zur Hochrisikogruppe gehört… ohne ihre Enkel und Urenkelkinder…
    ohne grosse Anteilnahme der Umgebung , da ja meine Mutter so alt wurde, ohne Nachfragen des Pfarrers wie es uns geht, nach dieser schwierigen Beerdigung.
    Einziger Trost, dass meine Mutter diese schwierige Zeit nicht mehr erleben muss.

    1. Liebe Frau Rüegg, herzlichen Dank für Ihren Kommentar und das Teilen Ihrer Erlebnisse. Es ist schwer, einen geliebten Menschen loszulassen. Völlig ungeachtet des Alters. Die aktuell so herausfordernden Zeiten mit fehlendem körperlichem Trost, erschweren es zusätzlich, Abschied nehmen zu können. Ich wünsche Ihnen viel Trost in gemeinsamen Erinnerungen mit Ihrer Mutter. Alles Gute. Sabrina Steiner

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