Less noise – more conversation.

 Lesedauer: 5 Minuten

We’re not really strangers

Das Spiel

Ein kleiner Gartentisch inmitten eines öffentlichen Parkgeländes. Zwei Stühle, die sich gegenüberstehen. Auf dem Tisch liegt ein Stapel mit Karten, daneben eine rote Box. Wir sehen Menschen, die an dem Tisch vorübergehen. Neben dem Tisch steht ein Aufsteller, der uns auffordert: «Talk to a stranger today.» Rede heute mit einer fremden Person.

Was denkst du, wie mein Name ist?

Wenn ich eine mir fremde Person zum ersten Mal treffe, ist die erste Frage meistens eher: Wie ist dein Name? Gedankenexperiment: Wie wäre es, wenn ich einfach fragen würde: Was denkst du, wie mein Name ist? Wie wäre es, wenn du mir einfach erzählen würdest, wie es dir geht, ohne zu denken, dass du mir damit zur Last fällst, ohne zu denken, dass du das einer fremden Person ja nicht einfach so erzählen kannst.

An dem kleinen Gartentisch sehen wir nun zwei Menschen, die sich gegenüber sitzen. Auf der einen Seite eine Dame, ihre weissen Haare wehen unter der Cap hervor, die sie verkehrt herum trägt. Ihr gegenüber sitzt ein Mann, sein hellblaues Jeanshemd ist halbgeöffnet. Sie kennen sich nicht.

Was an mir fasziniert dich?

Dein Stil. Antwortet der Mann der Dame an dem kleinen Gartentisch. Die Szene stammt aus einem Video für das Kartenspiel «We’re not really strangers». In dem Spiel bauen einander fremde Personen eine Verbindung auf, allein durch die Fragen, die sie sich gegenseitig stellen und beantworten.

Das Experiment

Beim letzten Co-Working kamen wir über das Spiel ins Gespräch. Wie spannend es wäre, das Spiel öffentlich zu spielen, als Experiment. Mit vielen Menschen aus möglichst unterschiedlichen Kontexten. Nicht mit Freunden oder Familie, wie sonst meist üblich.

Also haben wir einen Termin festgesetzt, Werbung gemacht, Menschen eingeladen und das Experiment gewagt. An Gartentischen und auf Parkbänken haben wir gespielt, um einander kennenzulernen, ehrlich und unkonventionell.

Wovor hast du mehr Angst, Erfolg oder Scheitern?

Ob dieses Experiment scheitern kann? Bestimmt. Die Unsicherheit, bevor sich die Paare zusammensetzen, ist gross. Lassen sich alle darauf ein? Funktionieren die Fragen? Entsteht eine Verbindung oder war es nach den 90 Minuten für einige nur verschwendete Zeit?

Das Gespräch

Noch viel grösser ist die persönliche Unsicherheit im Gespräch. Kann es ein Scheitern geben, wenn ich mich persönlich öffne, von meinen Ängsten und meinen Gefühlen erzähle. Wenn ich mit einer fremden Person darüber spreche, welche Beziehung ich zu meinem Vater habe und welche Träume ich habe ziehen lassen. Oder ist es nur die Angst davor, nicht verstanden zu werden?

So sitze ich mit meinem Gegenüber auf der Parkbank, nicht wissend, was auf mich zukommt in den nächsten 90 Minuten.

Belügst du dich in Bezug auf etwas selbst?

Jetzt geht es ans Eingemachte. Selbstreflexion ist das eine. Einem Fremden gegenüber zugeben, worüber ich mir falsche Hoffnungen mache, was ich mir schönrede, wo ich mir lieber die rosarote Brille aufsetze, anstatt die grelle Realität zu akzeptieren, ist eine Herausforderung. Und trotzdem beginne ich zu erzählen, von meinen Zweifeln und meiner Selbstsabotage.

Was versuchst du dir selbst noch zu beweisen?

Das Gefühl, einer Erwartungshaltung entsprechen zu müssen, ist bei Menschen, die mir nahestehen, sicherlich höher als bei einem Menschen, den ich seit 30 Minuten kenne. Das Spiel befreit mich zu einer neuen Ehrlichkeit mir selbst gegenüber. Meinem Gegenüber muss ich auf jeden Fall nichts beweisen.

Die Verbindung

Die Freundschaftsforscherin Niobe Way sagt in einem Interview mit Nadja Schlüter für das Magazin der Süddeutschen Zeitung:

«Als Erwachsene geraten wir mehr und mehr in einen dissoziativen Zustand. Wir fangen an, Gefühle zu fälschen. Wenn wir verletzlich oder traurig sind, aber auch, wenn wir extrem glücklich sind, weil wir finden, dass wir sonst albern rüberkommen. Wir halten alle starken Emotionen zurück und spalten uns so von unseren eigenen Bedürfnissen ab.»

Wir haben gelernt uns Masken aufzusetzen, unsere Gefühle zu schützen, Mauern aufzubauen. Nicht verletzlich sein zu dürfen, unsere Bedürfnisse zurückzustellen und unseren Wunsch nach Nähe zu domestizieren. Wir haben dieselben Schutzmechanismen gelernt. Wir sind also nicht wirklich Fremde.

Zu welchem Zeitpunkt hast du dich besonders verbunden mit mir gefühlt?

Die Mischung aus Selbstreflexion, gegenseitiger Einschätzung und dem Finden von Gemeinsamkeiten führt zu einem Moment in dem Gespräch, in dem es Klick macht. Plötzlich entstehen eine Intimität und Verbindung miteinander, die mehr Offenheit ermöglicht als in einigen langjährigen Freundschaften.

Was denkst du, worin sind wir uns ähnlich?

Wir sind uns nicht fremd, wir haben dieselben Hoffnungen und mit denselben Problemen zu kämpfen. Es ist alles ein Prozess, sage ich, und du stimmst mir zu. Während wir miteinander sprechen, lachen wir viel, wir teilen uns einen New York Cheesecake und wissen gar nicht mehr so genau, wie lange wir noch Zeit haben.

Zum Abschluss schreiben wir uns kleine Botschaften auf einen Zettel. Ich werde meinen auf der Heimfahrt lesen und unglaublich dankbar sein, für die Zeilen einer Person, die mir gestern noch fremd war.

Das Fazit

Nach 90 Minuten kommen wir von unseren Parkbänken und Gartentischen wieder zusammen. In dem Raum ist ein Gefühl von Verbundenheit und Offenheit spürbar. Die Luft ist warm. Die Menschen leuchten und lachen. Auf einem Zettel sammeln sich Emailadressen, für die Einladung zum nächsten Termin.

Das Gefühl nennt sich Warm Glow.

Ein wonniges Glücksgefühl, eine Zufriedenheit, ein inneres Leuchten, das sich einstellt, wenn ich andere Menschen beschenke. Heute Abend auch mich selbst, mit schönen Begegnungen und neuen Verbindungen.

Abende wie diese sind eine Möglichkeit einander wieder näherzukommen. Ganz ohne Zwang und Zweck, einfach aus Interesse an Menschen und ihren Geschichten. Weil uns mehr verbindet als uns trennt.

 

Foto von Nikola Johnny Mirkovic @unsplash

Der Text ist mit Fragen aus dem Kartenspiel «We’re not really strangers» strukturiert.

Interview mit Niobe Way zu Freundschaften im Süddeutsche Magazin 

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