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Lesedauer: 5 Minuten

Weil wir beten können

Jetzt haben es alle verstanden: Das ist keine medial gehypte saisonale Grippe zur Unzeit. Es ist eine Pandemie, die unseren Alltag in den kommenden Monaten auf den Kopf stellen wird. Die Schweiz – sonst Insel des Wohlstands, Wohlergehens und der Unversehrtheit – ist ein Risikogebiet. Kinder haben keinen Unterricht, Eltern arbeiten von zuhause aus, weite Teile des kulturellen Lebens liegen Brach, Unternehmer*innen fürchten um ihre wirtschaftliche Existenz und besonders ältere und kranke Menschen um ihr Leben.

Nachdenklichkeit

Viele Freunde organisieren die Kinderbetreuung für die nächsten Tage. Ohne Grosseltern. Routinierte Unternehmensabläufe werden zu Projekten. Alles steht unter einem vorbehaltlichen “…wenn wir das dann noch machen können”. Gleichzeitig entstehen aber auch Freiräume: Meetings werden abgesagt oder in kurze Videokonferenzen verwandelt. Arbeitszeiten werden für viele flexibler. Wir nehmen Tag für Tag, ohne zu wissen, wieviele Tage das so weitergeht.

All dies fördert  eine Nachdenklichkeit über das eigene Leben, die Arbeit, die Familie und unsere Ziele und Prioritäten. Das beginnt im Kleinen: Welche Arbeitsprozesse halten wir aufrecht? Welche unserer Dienstleistungen sind wirklich wichtig und was kann zeitweise wegfallen? Und führt zu den grossen Fragen: Was ist mir wichtig? Wofür setze ich meine Zeit ein? Welche Beziehungen will ich pflegen? Wie geht es mir in diesem Leben, das ich mir teilweise eingerichtet habe und in das ich hineingerutscht bin?

Innerlichkeit

Wann hatte ich Zeit in den letzten Monaten, um über diese grossen Fragen nachzudenken? Meistens beantworte ich sie, indem ich die kleinen Aufgaben löse. Und oft ist mir das, was mich dabei leitet, gar nicht bewusst. Aber die Summe meiner Entscheidungen ist mein Leben. Wo ich wohne. Mit wem ich lebe. Wieviel ich arbeite. An welchen Wohlstand ich mich gewöhnt habe. Welchen Wohlstand ich bewahren will. Und was ich dafür zu tun bereit bin. Und wer und was daneben keinen Platz hat.

Das Leben, das einfach so passiert, wird jetzt an vielen Stellen unterbrochen. Das Selbstverständliche wird fragwürdig.

Wenn das eigene Leben aus der Routine fällt, ist das ein Anlass, den Beziehungen zu Menschen, zu sich selbst und zu Gott nachzuspüren. Das passiert allen Menschen irgendwann: Wenn man die Arbeitsstelle verliert, ein Kind geboren wird, man eine Krankheitsdiagnose erhält, pensioniert wird oder einen Angehörigen verliert. Aber meistens erleben wir das als einzelne in einer Gesellschaft, die abgelenkt ist, die sich in Routinen fortsetzt und uns – manchmal auch nur sanft – zwingt, dass wir uns wieder einreihen.

In dieser Gesellschaft versichern wir uns vor Unfall, Krankheit, Sachschaden und Tod. Und eine gigantische Industrie verschafft uns “Unterhaltung”, die im Wesentlichen eine Ablenkung von der eigenen Existenz ist. Da ist kein Moment, der “leer” bleiben muss: Immer hat eine App auf meinem Iphone etwas bereit, um die Stille, in der ich mir selbst ausgesetzt wäre, zu überbrücken, meine Zeit auszufüllen.

Freiheit

Aber unsere Alltagsstrukturen ändern sich jetzt. Es wird nicht einfach alles komplizierter und stressiger. Es wird auch weniger koordiniert und getaktet. Die Anschlüsse zwischen unseren Lebensbereichen sind nicht mehr lückenlos. Es wird Leerstellen geben. Und vielleicht fallen wir in der einen oder anderen Leerstelle auf uns selbst zurück. Wie werde ich darauf reagieren? Mehr Facebook, mehr Instagram, mehr Youtube und Netflix? Oder werde ich innehalten? Mich selbst aushalten?

Es könnte eine neue Freiheit entstehen. Eine Freiheit, die nicht vom äusseren Rahmen, von der Bewegungsfreiheit, der Wahlfreiheit oder der Konsumentscheidung abhängt. Ich meine eine Freiheit, die in diesen nicht gefüllten Momenten entsteht und wächst. Es geht um das Gefühl, nicht vor sich wegzulaufen. Sich ertragen zu können. Damit leben zu können, dass man in gar nicht all zu langer Zukunft alt ist, auf Hilfe angewiesen sein und schliesslich sterben wird. Ohne dieses Gefühl auf Zalando oder ebookers wegdrücken zu müssen.

Was ist unser Leben? Eine Zeitspanne von siebzig Jahren und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre. Echte Freiheit besteht darin, dies nicht wegzuklicken, sondern zu bejahen und mit diesem “Ja” zu verwandeln. Vor über 2000 Jahren wussten das Menschen schon. Und sie haben gebetet: “Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.”

Bitten

Eigene Grenzen zu anerkennen, hat diese Menschen nicht dazu geführt, sich klein zu machen und sich aufzugeben. Das Gebet endet mit der eindringlichen Bitte: “Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!”

Diese Bitte ist weise. Weder erwartet sie frömmlerisch einen Papa-Gott, irgendwelche rettenden Wunder oder leugnet die Realität, noch verfällt sie in den “Ich kann die Welt retten”- Superman-Modus. Diese Bitte kommt von der Einsicht her, nicht alles zu können. Darum muss Gott uns freundlich sein. Und von der Bereitschaft, seinen Teil zu tun. Nicht alleine, sondern gemeinsam: Das Werk unserer Hände.

In der Schweizernationalhymne – dem Schweizerpsalm – singen wir: Betet freie Schweizer, betet! Das ist nicht falsch. Aber jetzt gerade lernen wir, dass wir nicht frei sind, weil wir Schweizer*innen sind. Sondern weil wir beten können.

(Photo by Robin Schreiner from Pexels)

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4 Kommentare zu „Weil wir beten können“

  1. Heidi Minder Jost

    Vielen Dank, Stephan, für den schönen Beitrag. Ja, lasst uns gerade jetzt innehalten, immer wieder. Schicken wir auch ein Zeichen des Danks und der Würde für diejenigen Menschen in Italien, die in überfüllten Sälen am Sterben sind, alleine.
    Heidi Minder Jost
    Fachbeauftragte Alter refbejuso

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