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„She is dead! Where are you?”

8. September 2022, 8:30 Uhr, London, Crouch End, Pfarrhaus der Schweizer Kirche in London. Es ist ein äusserst aufregender Tag für meine kleine Familie. Unser Bueb steht in seiner Schuluniform vor dem Haus und lacht in die Kamera. Erster Schultag für den kleinen Briten. Die Eltern sind mindestens genauso gespannt wie der Neuschüler. Auch Prinz Louis, der jüngste Sohn von Thronfolger William und der royalen Hoffnungsträgerin Catherine, hat heute seinen ersten Schultag. Fotos der fünfköpfigen royalen Familie auf dem Weg zur Schule kursieren in den News. Der Duke von Cambridge weiss vielleicht schon, dass der heutige Tag noch einiges mehr im Köcher hat. Doch für uns ist es einfach nur der erste Schultag unseres Sohnes, ein unvergessliches Datum.

Ein neuer Boiler für das Pfarrhaus

Nachmittag um 15 Uhr im Pfarrhaus. Ein neuer Boiler wird installiert. Beim Einzug vor 9 Jahren wurden wir gewarnt, dass der alte Boiler irgendwann versagen wird. Vielen Schweizer Pfarrer:innen hat er über die Jahrzehnte eingeheizt. Im Hitzesommer 2022 hat er den Geist aufgegeben. Nun, rechtzeitig zum Energiekrisenwinter, kriegen wir einen vielfach effizienteren Mix-Boiler, den man sogar per WLAN extern steuern kann. Das Haushaltsbudget wird’s besonders freuen. Und meine Nachfolger:innen hoffentlich auch.

BBC News vermeldet, dass die Queen, unsere geliebte Königin, Bettruhe braucht und sich alle ihre Kinder um ihr Bett versammelt haben. Ein schlechtes Omen. Man bereitet sich auf ihr Ableben vor, was ja auch eine ziemliche Unterbrechung des öffentlichen Lebens bedeutet, zum Beispiel die Lahmlegung der brandneuen Truss-Regierung für mehrere Tage, die sich doch jetzt nach der Regierungsvakanz unbedingt um die Energiekrise kümmern sollte, da mehrere Millionen Brit:innen in die Armut zu stürzen drohen. Die Spannung steigt. Die Queen ist zu diesem Zeitpunkt schon tot.

Murphy’s Law und die Badewanne

18:30 Uhr, unser Bueb reibt sich müde die Augen. Wir haben ausnahmsweise nach dem Znacht noch zusammen Fernsehen geschaut. Die Berichterstattung läuft seit einer Stunde harzig. Kameras stehen ausserhalb der verschiedenen Residenzen. Den Journalist:innen gehen die Ideen aus. Alle warten auf DIE Nachricht. Das kann noch dauern, denke ich mir, ich fülle mal die Badewanne, sage ich zu Mann und Sohn (lauter Protest!).

Ich steige die Treppe hoch, drehe den Hahn auf. „Dead!“ ruft mein Mann plötzlich laut, „where are you?“ Murphy’s Law. Ich renne nach unten zum Fernsehen, dann nochmals hoch, Wasserhahn zudrehen, wieder runter. Da sitzt er im Fernsehstudio, der BBC News Sprecher in seinem schwarzen Anzug, mit rotumlaufenen Augen, und sagt düster, wahnsinnig düster: „The news have reached us from Buckingham Palace that Her Majesty the Queen Elizabeth II. has died peacefully at Balmoral this afternoon.“ Dann Bilder der Queen mit nachdenklicher Musik.

Und ich? Ich werde emotional. Weine ein bisschen. Unser 4-jähriger wird plötzlich ganz still. Wir erklären ihm den historischen Moment, vielleicht der erste, an den er sich erinnern wird. Er will mehr über den Tod wissen.

Eine feministische Ikone

Warum die Tränen? Ich bin ja keine Royalistin, aber… (sorry für den Cliché-Satz) die Queen ist (war!) auch für mich eine Ikone, Übermutter, die Figur, die uns allen einen Hauch von Gottvertrauen im Chaos britischer Politik eingehaucht hat. Wenn sie gesagt hat, es wird schon gut, dann hat man das geglaubt.

Sie war das einzig Stabile in dieser zerfallenden Nation.

Persönlich habe ich die Königin nie angetroffen, aber ich kannte sie natürlich. Sie war auch ein Vorbild für mich als Frau und Feministin. Sie hat über 70 Jahre lang ihre Frau gestanden in einem überaus machoiden Umfeld und zumindest gegen aussen nie die Geduld verloren. Sie hat ihre Meinung zwar nie offen gesagt, aber auf ihre Art subtil gezeigt. So hat sie sich ihren Machtraum und Respekt verschafft. Was für eine Frau!

Als ich letztes Jahr den Prozess um die Staatsbürgerschaft begonnen habe, wegen Brexit in erster Linie, war die Queen meine grosse Motivation. Ich wollte den Schwur unbedingt noch auf sie ablegen. Das habe ich im März dann auch getan. Zwar war ihr Bild lediglich auf die Wand projiziert, aber es hat es mir trotzdem einfacher gemacht, als Neubürgerin zum Subjekt der Monarchin zu werden. Nichts gegen den neuen König, aber Lizzie ist einfach eine andere Nummer. Mein britischer Pass trägt das Counterfeit der Queen. Gerade noch geschafft! Charles III. muss noch zehn Jahre warten.

Und mein Zahnarzttermin?

9. September, 20.00 Uhr. Mein Telefon pingt ununterbrochen. WhatsApp läuft auf Hochtouren. Freunde aus der Schweiz kontaktieren mich. Bekannte aus England diskutieren, was jetzt zu erwarten sei. Ich mutiere zur royalen Auslandskorrespondentin für Schweizer Medien und fühle mich ein bisschen wie eine Insiderin. Vielleicht macht uns Auslandschweizer:innen die Tatsache, dass wir in Grossbritannien leben, ja tatsächlich ein bisschen zu Insidern. Auf jeden Fall werden wir die zwölf Tage Staatstrauer im eigenen Alltag erleben. Wir erfahren, dass die Schulen geöffnet bleiben. Uff! Montag, 19. September, ist Staatsbeerdigung. Feiertag. Ich habe an dem Tag einen Zahnarzt- und einen Impftermin. Muss ich die verschieben? Es war doch so mühsam, überhaupt einen Termin zu finden! Millionen von Pfund werden drauf gehen für die neuen Banknoten, Briefmarken und Monumente. Macht nichts, das zahlen wir dann mit den Steuern nach, grad noch auf die Steuer für die Energie-Preisdeckelung obendrauf. (Die neue Premierministerin will das natürlich nicht den Energiefirmen anlasten.)

Die Queen ist tot. Lang lebe der König! God save the United Kingdom. Wir brauchen das jetzt.

 

Photo by Mark de Jong on Unsplash

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