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Lesedauer: 8 Minuten

Priester der Kraft des Möglichen

Gedämpftes Licht, Dutzende aufgeklappte Laptops, sogar entlang der Theke. “You are not lost, you are here”, steht über dem Getränkeangebot auf einer grossen schwarzen Wandtafel. Das Selfservice-Angebot erstreckt sich von Schaumwein über Ipanema bis Sankt Virgin: ein Mix aus Limette, Holunderblütensirup, Apfelsaft und Ginger Ale. Ausserdem bietet das St. Oberholz laufend Events zu Themen wie “Successfull with Crowdfunding” oder “Worldchangers in Tech: How drones can help us to create a more sustainable future”.

Die Szenekneipe am Rosenthalerplatz ist wie das Berghain oder die East Side Gallery eine feste Berliner Institution. Es ist das Stammlokal der digitalen Bohème. Hier haben prominente Startups ihren Ausgang genommen. Auch der Gründer Ansgar Oberholz ist Startup-Pionier. Mittlerweile sind Büro- und Konferenzräume angeschlossen, zwischendurch gibt es Yogaangebote. In der Selbstcharakterisierung des St. Oberholz heisst es:

„Wir verstehen uns als Priester der Kraft des Möglichen. Die Heterotopie von Orten ist unser Gebet.“

An einem Montagabend sammeln sich Christen an der Bar. “Come and connect with us over a relaxed drink”, hieß es in der Facebook-Einladung. Eine nähere Charakterisierung in Twitterlänge lautet: “Let’s meet up for a drink, get to know us and other fellow Christians in the tech and startup scene. Bring a friend and a project idea if you want.” Absender ist die ökumenische Plattform “Gemeinsam für Berlin e. V.” (GfB) Ich stosse ohne Anmeldungsformalitäten dazu.

Am Tresen steht ein sensibler Kumpeltyp in hellbrauner Kunstlederjacke neben einem Studienabbrecher der evangelischen Theologie mit Vollbart und T-Shirt. Zwei Freundinnen, Anfang 20, kommen zur Tür herein: intellektuelles Aussehen, modeaffin. Die eine mit Tigerleggins und gebleachtem Haar, die andere asiatische Züge, schwarzes Outfit. Beide haben ein kirchliches Praktikum in Nordirland hinter sich. Tobias, der Initiator des Startup Life Drink, kann an dem Abend nicht kommen. Es wird kurz per Smartphone getextet. Egal, es ist ein Stammtisch, man findet sich auch ohne ihn zurecht.

An dem langgezogenen Tisch im Obergeschoss des Cafés begegnen sich in den kommenden zwei Stunden unterschiedliche Kompetenzen, Nationalitäten und Denominationen. Eine Frau aus Jakarta hat australische Staatsbürgerschaft, ein junger Luxemburger rumänische Wurzeln, eine Amerikanerin britisch-ungarische Vorfahren. Die Exotin in der Runde der “New Normals” ist eine junge Studienabsolventin der Social Entrepreneurship aus Schwaben. Hm, Schwaben? Für einige Neuberliner ein Fremdwort. Die Verständigung klappt am besten auf Englisch.

Ein ermutigendes Klima

“Web Development”, “App-Gestaltung”, “Motion Designer in Freelance” sind Attribute, mit denen man sich einander vorstellt. Die Digital Natives sind in der Überzahl. Der Motion Designer wird aufgefordert, ein Beispiel seiner Künste zu zeigen. Er zückt das Smartphone. Man sieht Holzkügelchen, die aufklappen und sich mit rosa Schleim füllen. “I love it, Mister Motion!”, ruft eine Praktikantin aus den USA, die seit kurzem für ein Berliner Startup arbeitet. Es herrscht ein freundliches, unterstützendes, ermutigendes Klima.

Eine Expat aus den USA, Ende 40, hat Erfahrung gesammelt, wie man in der Fin Tech Branche (Finance Technology) Produkte marktreif machen kann. In der Saddleback Church ist sie in Kontakt mit einer Multimedia Designerin gekommen, die eine Kinder-App für spielerisches Lernen christlicher Inhalte plant und bereits einen Developerpreis gewonnen hat. Am Stammtisch bekommen die beiden warmherzige Anerkennung für ihre Gründer-Credibility.

Ohne die Kirche hätten die beiden Frauen nicht zusammengefunden. Als  Unternehmensgründerinnen wollen sie die Maxime des Saddleback-Pastors und Bestsellerautors Rick Warren leben. Nach ihm sind Aktivitäten stets “purpose driven” auszurichten. “Purpose driven life, purpuse driven app, purpose driven everything”, erklären die beiden und lächeln zerbrechlich.

Die junge Schwäbin sucht Spielräume zwischen Wirtschaftsunternehmen auf dem einen Ende der Skala und gemeinnützigen Projekten am anderen Ende. Ihr Ideal sind “soziale Unternehmen, die unabhängig von öffentlicher Förderung” sind. Zunächst einmal möchte sie sich aber einfach christlich vernetzten, “vernetzen ist immer gut”.

Der Startup-Stammtisch könnte kaum bunter gemixt sein. Es sind fast so viele Kirchen wie Anwesende vertreten. Teilnehmer gehen in die evangelische und katholische Kirche, in die von Zürich ausgegangene überkonfessionelle International Community Church, in die Creative Church (die Frau in Tigerleggins), ins Berlinprojekt in Kreuzberg und im Babylon-Kino in Mitte, in den kleinen Christus-Treff in Alt Treptow oder in die Mosaik Church am Checkpoint Charlie, eine von vielen Neugründungen in Berlin.

Inspiration versus temptation

An dem Abend fallen Do-gooder-Sätze wie: “Ich habe viele Haustiere und die helfen mir natürlich, und ich möchte Kindern helfen.” Auch über Inspiration wird gesprochen: “Wenn es nur von mir kommt, ist es nichts wert. Es kann allerdings auch vom Bösen kommen, das ist dann Versuchung. Oder es ist Inspiration von Gott.” “Wow, wow, ‘inspiration versus temptation’, es werden hier Worte gesagt, die man mitschreiben kann”, ruft die amerikanische Praktikantin und tippt begeistert ins Smartphone.

Zum guten Ton beim Startup Life Drink gehört es, mit ein, zwei Startup-Ideen anzukommen. Natürlich werden die Geschäftsideen nur vage angedeutet, alles noch “Top Secret”. Der ehemalige Theologiestudent lässt sich gerade zum Web Developer umschulen. Er ist seit Beginn der christlichen Startup-Initiative vor eineinhalb Jahren dabei, obwohl ihm die Ausrichtung “eigentlich zu evangelikal-charismatisch” ist.

Das Business direkt etwas mit Jesus zu tun haben solle, sei seine Sache nicht, erklärt er auf Nachfrage. Er möchte seinen Glauben “nicht instrumentalisieren”. Geht es ihm stattdessen stärker um eine christliche Haltung, möchte ich wissen. “Haltung ist mir zu wenig”, sagt er in entschiedenem Ton, aber begleitet von einem suchenden Blick:

„Es geht nicht nur um Haltung, sondern um den Glauben als Grundlage von allem, jeden Tag, jede Minute.“

Nach rund zwei Stunden werden Kontakte auf Instagram und Facebook ausgetauscht. Es war ein netter, informativer Abend und man hat Lust sich wiederzusehen, entweder beim nächsten Startup Life Event oder in einer der diversen Kirchen. Die christlichen Entrepreneure vergessen auch nicht, die Hängelampen auszuknipsen.

Ausgeprägte Antihaltung

Einige Zeit später treffe ich im ehemaligen Sony-Center am Potsdamer Platz Tobias Treppmann. Der User Experience Designer, Software-Entwickler und Vater von drei Kindern  hat den überkonfessionellen Startup-Stammtisch und die Reihe Startup Life Think, wo es Vorträge und Diskussionen gibt, ehrenamtlich ins Leben gerufen. Er arbeitet als Software-Entwickler für die Big-Data-Firma Datameer. Die Büroräume befinden sich in einem Coworking-Areal. Der Blick fällt durch gläserne Fassaden auf den Tiergarten, die Philharmonie und das Reichstagsgebäude.

“In kaum einer Branche herrscht eine derart grosse Offenheit für Spiritualität wie in der Techbranche. Gleichzeitig sind einzelne dermassen ablehnend gegenüber institutionalisierter Religion, insbesondere der christlichen, wie in kaum einem anderen Arbeitsmilieu”, sagt Treppmann, der sich als 1982 Geborener zu den Millennials zählt und fügt hinzu:

„Die Reaktionen kommen, bevor das Denken einsetzt. Es sind gewissermassen psychosomatische Reaktionen, sehr aggressiv und enorm verinnerlicht. Den Hintergrund bilden oft Negativerfahrungen mit Kirchen, die Macht ausgeübt haben.“

Am Anfang stand die Hypothese, dass es in der Szene noch andere Christen geben müsse. “Dann haben wir herausgefunden, dass Gläubige in unserer Branche unheimlich einsam sind. Sie fühlen sich mit dem christlichen Glauben total allein, kennen häufig keine anderen Christen”. Mittlerweile engagieren sich ungefähr zehn Mitstreiter aus der Tech-Community ehrenamtlich bei Startup Life, ein paar Dutzend Besucher werden bei Veranstaltungen im Durchschnitt gezählt. Beim Stammtisch, der an wechselnden Orten abgehalten wird, sind es um die zwölf.

Demut als Methode

Die Auftaktveranstaltung vor eineinhalb Jahren war in der Digital Eatery, dem Microsoft-Café Unter den Linden, mit rund 120 Teilnehmern. “Wir sind bewusst nicht in Kirchenorte gegangen.” Das Startup-Life-Projekt ist Teil des transkonfessionellen Netzwerks “Gemeinsam für Berlin”. Die Initiative mit Sitz in der Kastanienallee am Prenzlauer Berg vernetzt Christen über Kirchenmauern hinweg. Zum GfB-Team gehört Andrea Meyerhoff: “Wir möchten keine Parallelstrukturen aufbauen, aber wo wir Lücken sehen, springen wir ein. Das kann im Bereich der Familienarbeit sein, in der ehrenamtlichen Arbeit mit Gefangenen oder auch in der Tech-Szene wie im Fall von Startup Life.”

Um Missionierung gehe es ihm nicht, “sondern darum, Glaube, Technologie und Gründerszene zusammenzudenken”, betont Treppmann und rückt die transparent gerahmte Brille zurecht, die seine Augen grösser und weicher aussehen lässt. Er will vor allem Denkanstösse geben:

“Viele Kollegen haben sich nie die Frage gestellt, wie sie ihre beruflichen Fähigkeiten in die christliche Gemeinschaft einbringen können. Dabei ist es gerade in unserer Branche sehr spannend, Christ zu sein.”

Der Startup-Life-Initiator ist im nordrhein-westfälischen Hagen aufgewachsen und hat eine Weile in den USA gelebt und gearbeitet. Er versucht “demütig” an neue Projekte heranzugehen, ob beruflich oder ehrenamtlich. Gerade im Worship-Bereich herrsche oft grosser Enthusiasmus. Er hat begeisterte Initiativen auflodern und verglühen sehen, “ganz schlimm”. Seinen Ansatz als Developer beschreibt er mit Eric Ries als “Lean Startup”. Gemeint ist ein “schlanker” Prozess des Lernens und User-zentrierten Testens. Bei der Lean-Startup-Methode wird zuerst geschaut, ob eigene Hypothesen und tatsächliche Bedürfnisse einer Zielgruppe zusammenpassen. Hierfür wird ein sogenannter “Build-Measure-Learn Feedup Loop” angestossen. Der Erfolg misst sich daran, ob Unternehmen mit möglichst geringem Kapital Ziele verwirklichen können.

Realistische Ausgangserwartungen reduzieren das Risiko von Erfahrungen der Entmutigung und des Scheiterns. Kreatives Denken und fester Glaube an die Kraft des Möglichen versetzen Berge. Das haben Tech-Strategen, ob religiös oder säkular, tief verinnerlicht. Das strahlen sie aus. Das wirkt auch auf mich ansteckend. Meine Startup-Ideen sind freilich noch Top Secret!

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