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Lesedauer: 5 Minuten

Neue Ratlosigkeit

Von ihm berichteten die ersten Schreckensmeldungen, die ich als Kind wirklich aktiv gehört und soweit möglich verstanden habe. Jitzchak Rabin, Schimon Peres oder Jassir Arafat sind Namen, die ich als Zwölfjähriger kannte. Ich wusste, was das Wort Intifada bedeutet und irgendwie standen die Namen dieser Männer für die Hoffnung, dass alles, was ich mit diesem Wort verband – Steine werfende junge Menschen, brennende Barrikaden, heulende Mütter und explodierende Schulbusse – ein Ende haben würde. Im Radio erfuhr ich dann, dass Rabin ermordet worden ist. Meine Eltern und – mindestens in meiner Erinnerung meine Tante, ganz sicher weiss ich es nicht mehr – waren bestürzt, als wir das im Radio hörten. Sie sorgten sich, dass durch diese tödlichen Schüsse nicht ein Ende des Kriegs der Steine, sondern des möglichen Friedens bevorstand.

Entweder, oder?

Das war eine Zeit vor YouTube und Sozialen Medien. Aber ich hatte das Gefühl, dass wirklich jeder Erwachsene eine feste Meinung zu dem Thema hat. Entweder waren die Juden (!) die feindlichen Besetzer eines Gebietes, das zuvor friedlich war und das sie sich nur mit der Unterstützung Grossbritanniens unter den Nagel reissen konnten und seitdem die ehemalige Bevölkerung schikanieren und zurückdrängen. Oder die Araber (!) waren eine offene Bedrohung dieses kleinen – nicht selten auch biblischen, von Gott erwählten – Volkes, welches nach dem Schrecken des 20. Jahrhunderts Frieden verdient hätte.

Das Ganze schien ein Konflikt zwischen Arabern und Juden, zwischen Judentum und Islam zu sein.

Es ist (zu) kompliziert

In der Sekundarstufe lernte ich, dass alles viel komplizierter ist: In Israel gibt es nicht nur Jüdinnen und Juden, im Gazastreifen nicht nur Muslime. Und es gibt innerhalb der politischen Kräfte auf beiden Seiten ein breites Spektrum, was deren Absichten und Einstellung zum Frieden betrifft. Je nachdem, wem man das Land als Nation zubilligen will, datiert man seine Geschichte anders. Den Sechstagekrieg, die Rolle Ägyptens und manches mehr, gilt es zu bedenken. Aber wirklich verstanden habe ich es nicht. Und andere Konflikte und Kriege rückten in den Vordergrund.

Was aber blieb, war diese Polarisierung: Niemand sagte, dass er nicht sicher sei, wie man mit Saddam Hussein zu verfahren habe und welche Rolle die USA geopolitisch einnehmen solle.

Man war entweder pro USA – weil sie die freie Welt repräsentieren und Deutschland vor sich selbst und die Welt vor Deutschland gerettet hatten – oder pro Irak – weil der zum wirtschafts- und machtpolitischen Spielball kapitalistisch durchdrehender Supermächte geworden sei, was er ist. Das geht bis heute weiter: Afghanistan, Nordkorea, China, oder Russland.

Starke «Aber»

Über jede Krise und kriegerische Auseinandersetzung habe ich abendfüllende Debatten miterlebt. Immer beginnen sie mit einem Statement, das erklärt, dass zwar alles wahnsinnig kompliziert sei. Und dann kommt ein «Aber»: Aber einen Diktator, der seine eigene Bevölkerung angreift, kann man nicht an der Macht lassen. Aber wer die eigenen Familienmitglieder umbringt, ist definitiv verrückt. Aber diese antiindividualistische Haltung ist unmenschlich. Aber dieses Oligarchensystem ist furchtbar.

Auch jetzt gibt es sie wieder, die starken Positionen, die Meinungsstarken, die den Nahen Osten in Gut und Böse und Sehr Böse einteilen.

Es gibt sie auch in den Sozialen Medien, die Menschen, die in Windeseile von Covid- zu Nahost-Expert:innen geworden sind. Aber insgesamt scheint mir, dass die Posts und Artikel etwas bescheidener, kleinräumiger und ratloser geworden sind.

Man kann die ungleichen militärischen Machtverhältnisse wahrnehmen, ohne deswegen den Terror der Raketen für die Zivilbevölkerung kleinreden zu müssen. Und man kann den Terror der Raketen erwähnen, ohne damit – implizit oder explizit – eine masslose Vergeltungsaktion ideologisch zu rechtfertigen.

Sowohl als auch

Besonders beeindruckt hat mich der sorgfältige, abwägende Artikel Hasnain Kazims. Er tritt in aller Deutlichkeit dafür ein, dass jeglicher Antisemitismus im Zuge der Kritik an der israelischen Politik nicht zu dulden ist. Er benennt die Doppelmoral des türkischen Präsidenten und seiner Anhänger:innen. Er hält fest, dass die Menschen in den durch Israel besetzten Palästinensergebieten durch die israelische Regierung als «Menschen zweiter Klasse» behandelt werden und die USA und Europa ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben.

Trotzdem sei dies keine Rechtfertigung für Raketenangriffe. Auch nicht angesichts eines ungleichen Kräfteverhältnisses. Denn: Könnten die Hamas mehr Israelis töten, würden sie es gewiss tun. Kazim hat keine simple Lösung. Er weiss nicht, wer schuld ist: Israels Angst und sein militärischer Einsatz seien angesichts der Feindseligkeit der umliegenden Staaten zu verstehen. Nicht aber die Siedlungspolitik. Beide – Israel und die Palästinenser, Ägypten, der Irak, Jordanien, Libanon, Syrien und Saudi-Arabien – seien zu kritisieren. Symbole, wie gehisste israelische Flaggen und rechtspopulistische Hinweise auf den «islamischen Antisemitismus» helfen nicht weiter und wütende Proteste mit brennenden Davidstern-Flaggen sind kein gerechter Zorn, sondern vertiefen den Graben. Was bleibe, sei die Solidarität mit der Zivilbevölkerung, die unschuldig leide.

Nur eine Sonntagsrede?

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Sonntagsrede. Klar: Niemand will, dass Unschuldige leiden.

In Wahrheit hat es aber eine eigene Kraft, sich nicht zu positionieren, die Verantwortung nicht einer Seite zuzuschreiben, sondern sich die eigene Ratlosigkeit und Wut einzugestehen und darauf zu beharren, dass nicht Demokrat:innen und Terrorist:innen, nicht Juden und Muslime oder Freunde des Westens und Terroristen gegeneinander kämpfen, sondern auf beiden Seiten Machthaber agieren, die grosse zivile Opfer und viel Leid in Kauf zu nehmen bereit sind.

Besonders jetzt, wo beide Seiten verlangen, dass wir unser Schweigen brechen, uns positionieren, entweder «I stand with Israel» oder «Solidarity with Palestine» brüllen, ist es ein politischer Akt, sich dessen zu enthalten. Vielleicht ist es die einzige Möglichkeit und die angemessene Rolle für den Teil des Westens, der in dieser Sache nicht mächtig ist, über das Leid derer zu klagen und mit jenen mitzuleiden, die in diesem geostrategischen Spiel immer die Verlierer:innen sind. Wer nämlich auf eine Seite kippt, macht das Spiel von mindestens einem Machthaber mit, dem das nicht so wichtig ist, wie es sein sollte.

Foto von Idan Canfi von Pexels

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1 Kommentar zu „Neue Ratlosigkeit“

  1. Johann Hinrich Claussen

    Vielen Dank für diesen klärenden, notwendigen Beitrag! Beim Lesen ging mit der Gedanke durch den Kopf, ob in der alten Tugend der Ergebung nicht ein neu zu entdeckender Sinn liegt: Einsicht in die Grenzen des eigenen Verstehens und Handels, Selbstbeschränkung im Urteilen, Konzentration auf das, was man wirklich leisten könnte und sollte, Gottvertrauen gegen jede Vernunft.

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