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Mach’ mit meinem Körper, was du willst!

Die «Neue Zürcher Zeitung» hat kürzlich eindrucksvolle Statements von zwei Schweizerinnen veröffentlicht, die nach ihrem Tod in die «Körperwelten»-Show des deutschen Mediziners und Unternehmers Gunther von Hagens aufgenommen werden wollen. Sie liessen sich auf eine Liste setzen, auf der angeblich schon 19 000 Körperspendenwillige stehen, knapp hundert davon kommen aus der Schweiz.

Wer sich zu dem Schritt entschliesst, dessen Körper gelangt posthum in Labore, wo ein spezielles Konservierungsverfahren zur Anwendung kommt, das von Hagens in den 1970er-Jahren an der Universität Heidelberg entwickelt hat, die «Plastination». Es entstehen Ganzkörperpräparate, Scheibenschnitte wie auch plastinierte Organe oder Gefässteile.

Tournee der Toten

Die «Plastinate» werden in von Hagens’ internationaler Wanderausstellung gezeigt, die seit zwanzig Jahren tourt, oder in einem der permanenten «Körperwelten»-Museen ausgestellt, die in den letzten Jahren in Städten wie Berlin, Amsterdam oder San José eröffnet haben. Es handelt sich um eine Mischung aus Medizinmuseum und Kunstgalerie, die angeblich bereits 50 Millionen Menschen gesehen haben. Die Wanderausstellung macht gerade in Zürich Station.

Beide Körperspenderinnen streichen heraus, dass sie ausgesprochene Ästhetinnen sind. Sie legen Wert auf ein gepflegtes Äusseres, auch postmortal. Die eine hat Familie, die andere ist ohne Angehörige. Die Idee, ihre Körper in salami- und lachsfarbene Präparate verwandeln zu lassen, entstand beim Besuch der «Körperwelten»-Show.

Die Plastination ist für die Frauen keine Ideallösung, aber ein Weg, um mit der Zumutung des Sterbenmüssens und Totseins umzugehen.

«Ich wünsche mir, dass meine Kinder und Grosskinder in die Ausstellung gehen können und sagen können ‹Das ist das Herz von Oma.› Wie ich dargestellt werde, ist mir dagegen egal. Das bleibt den Kuratoren der Ausstellung überlassen», sagt die eine.

Und die andere: «Wie und wann ich sterbe, weiss niemand. Mein Körper wird nach Heidelberg gebracht werden. Dann sehen sie, was daraus gemacht werden kann. Vielleicht zerquetscht mich ein Auto, und sie können nur noch meine Daumen plastinieren.» (Die kompletten Statements kann man hier nachlesen.)

Im Museumshimmel

Als Objekt und Ausstellungsstück in ein Museum einzugehen, ist offensichtlich eine zeitgenössische Variante des Wunsches, in den Himmel zu kommen. Das ist kein Wunder. Kaum ein Ort in unserer Gegenwart ist aufgeladener und gesellschaftlich privilegierter als das Museum. In Museen befinden sich Schätze von überzeitlicher Bedeutung und Kunstwerke von schier unermesslichem Wert.

Die Voraussetzung dafür, als Exponat in den «Museumshimmel» einzugehen, ist es, dass Objekte im Leben ausgedient haben. Die moderne Institution Museum, bzw. das «Prinzip Louvre», ist aus der Französischen Revolution hervorgegangen. Der Louvre hat das «Ancien Régime» als überwundene und unwirksam gewordene Epoche musealisiert. Vom Museum zum Mausoleum ist tatsächlich nur ein kleiner Schritt.

Die in einem internationalen Regelwerk festgeschriebenen Aufgaben und Tugenden von Museen liegen im Sammeln, Bewahren, Konservieren und Ausstellen (ICOMOS-Standards). Genau dies macht die Musealisierung heute offenbar auch für Menschen attraktiv, die das Thema Tod nicht verdrängen wollen und die sich für alternative und kreative Formen posthumer Selbstsorge interessieren.

Das museale Sammeln körperlicher Überreste ist keineswegs neu. Man denke an berühmte Moorleichen in Volkskundemuseen, Pharaonenmumien in Kolonialmuseen oder das vor hundert Jahren an der Spanischen Grippe gestorbene Kleinkind in der Kapuzinergruft in Palermo, das aussieht, als würde es schlummern. Zu sogenannten «Human Remains», also menschlichen Überresten, zählen Exponate mit Anteilen menschlicher Haare, Haut oder Knochen, etwa Schrumpfköpfe. Auch der Nachlass der Rassenforscher befindet sich heute teilweise in Museumsdepots.

Während verschiedene aussereuropäische Staaten und Communitys heute vehement die «Repatriierung» menschlicher Überreste fordern und das Recht auf Bestattung geltend machen, beobachten wir in westlichen Gesellschaften die umgekehrte Tendenz: das Begehren einer Minderheit, die sich als Avantgarde versteht, gerade nicht begraben oder eingeäschert zu werden, sondern als Teil eines Displays mit Scheinwerfern angeleuchtet und als Rarität in Museumsvitrinen bestaunt zu werden.

Kreative Formen posthumer Selbstsorge

Anders als die antike Dramenfigur Antigone, die alles in Bewegung setzt, um ihren Bruder in Würde bestatten zu können, erscheint zeitgenössischem Empfinden offenbar gerade die an sich umweltfreundliche Kompostierung oder Einäscherung als unwürdig und grauenvoll. Und der Totenruhe wird die Totenunruhe vorgezogen.

Mit seinem Angebot der Plastifizierung und publikumswirksamen Ausstellung von Körpern und Körperteilen kommt von Hagens offenbar einem herrschenden Bedürfnis entgegen.

Die Methode der Plastination stellt einerseits einen Bruch mit jahrtausendealter Sepulkralkultur dar, gleichzeitig aber schliesst sie an eine alte Kulturtechnik an: die Herstellung von Reliquien. Vom 2. bis zum 15. Jahrhundert blühte der christliche Reliquienkult, der eine merkwürdige Aufhebung des schon in der Antike geltenden Berührungsverbots von Leichnamen zur Voraussetzung hatte.

Die sogenannten «Juwelen des Himmels», also Körperreste der heiligen drei Könige in Köln, das heilige Blut in Heiligenblut usf., wurden mit Edelmetallen gefasst und in edelsteinbesetzten Schmuckkästchen aufbewahrt. Reliquien stellten eine transportable und überaus kostbare Form des Heiligen dar.

Der Habitus des Sammelns ging nahtlos über von Praktiken des fürstlichen Reliquiensammelns – Kaiser Karl IV. interessierte sich für Reliquien, Reichsodien und Urkunden – in fürstliche und später bürgerliche Kunstsammlungen. Die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann strich in einem Vortrag mit dem Titel «Zeichenwelten – vernetzt» 2016 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften diese bemerkenswerte Erblinie des Sammelns heraus. Eine atheistische Variante des Reliquienkults hat sich um mumifizierte kommunistische Herrscherfiguren etabliert: Lenin und Mao.

Entkleidung von der Seele

Während sich der mittelalterliche Reliquienkult auf Überreste Heiliger bezog, zeichnet sich gegenwärtig eine Demokratisierung des Prinzips ab. Mit dem Unterschied allerdings, dass plastinierte Körperreste nicht als bevorzugte Medien des Geistigen und Seelischen dienen, sondern gerade die Entkleidung von allem Spezifischen, Biografischen und Sentimentalen als Gewinn angesehen wird.

Die «Körperwelten»-Werbung betont, dass die Ausstellung «unter die Haut geht». Das ist wörtlich gemeint. Die Exponate sind alle gehäutet. Die Displays stehen für die Dissoziierung des Körperlichen vom als Belastung angesehenen Psychischen, Seelischen und auch von dem Empfindungsorgan schlechthin, der Haut.

«Wenn ich vor den Exponaten stehe, spüre ich keine Verbindung zu diesen Menschen. Sie haben verloren, was wir mit dem Menschlichen verbinden, ihre Haut, Haare. Ich werde zur Forscherin… Ich geniesse, dass die Exponate keine bestimmte Person sind. So würde man sich auf das einzelne Schicksal konzentrieren», sagt eine der oben zitierten Anwärterinnen des Plastinierungsprogramms.

Der Wunsch, als Schaustück in einen cleanen, sterilen und depersonalisierten «Museumshimmel» einzugehen, sagt viel aus über die visuelle Massenkultur, in der das Sein mit dem Sichtbarsein gleichgesetzt wird und kaum etwas unpersönlicher, wertloser und nervender erscheint als von Algorithmen steuerbare «Personalisierung».

Der Philosoph Walter Benjamin hat bereits in den 1930er-Jahren in seinem berühmten Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» die wachsende Bedeutung des «Ausstellungswerts» beschrieben. Wenn bei Kunstwerken oder historischen Gebäuden der Ausstellungswert «absolutes Gewicht» bekomme, werde alles andere, selbst das Künstlerische, zur Nebensache.

Die Lust, ein Objekt zu sein

In der «Körperwelten»-Show blendet die grell ausgeleuchtete Realität von Muskelfasern, Sehnen und Knochenmasse alles andere aus. Dieser Naturalismus steht im krassen Kontrast zu romantischen und existenzialistischen Zugangsweisen. In der Ära der Romantik war es zwar Mode, Locken als physische Andenken geliebter Menschen aufzubewahren. Gleichzeitig aber wurde in Briefen, Tagebüchern und Gedichten seelischer Empfindungsreichtum als Ausweis des Besonderen und Subjektiven kultiviert und bewahrt.

Zu von Hagens erklärtermassen atheistischer «Mission» gehört, sein Publikum mit der physischen als einzig greifbarer Realität so direkt wie möglich zu konfrontieren. Der Mediziner schlüpft hier in die Rolle des Aufklärers und Religionskritikers alter Schule. Gleichzeitig inszeniert er sich im Sinne der Romantik als genialischer Künstlertyp und beansprucht das moderne Prinzip der Kunstfreiheit.

Körperspendenwillige überlassen die Gestaltung und Inszenierung ihres Körpermaterials denn auch bereitwillig dem Genius des Meisters und der Fantasie seiner Mitarbeiter.

Im Berliner «Körperwelten»-Museum sprach ich mit einem Schlosser, der stolzer Körperspender ist und sich eine «schraubende Haltung» vorstellen kann, die tatsächliche Gestaltung aber «natürlich» dem Künstler überlassen wird. Vertrauensverlust in herkömmliche Bestattungsformen wie auch in religiöse Einbettung geht hier mit einem verblüffenden Vertrauensvorschuss in die Plastinationskunst und -vermarktung einher.

In der Bereitschaft, sich als Objekt zu überlassen, mit dem alles gemacht werden kann, klingt gleichzeitig mit dem permissiven ein sexuell konnotiertes Moment an.

Aus der traditionellen Muse des Künstlers wird hier ein buchstäblicher «Stoff». Das mag so weit gehen, dass die Hingabe des eigenen Körpers zum Material der Formung durch Künstlerhände imaginär genossen wird. Das Gleiche mag für die exhibitionistische Fantasie gelten, radikal zum Objekt gemacht zu werden, ständig nackt, ja hypernackt, den Blicken von Zuschauenden ausgesetzt zu sein. Wobei die hautlose Hypernacktheit der Nacktheit jede persönlich-biographische Dimension nimmt und damit weniger intim erscheint.

Auferstehung in Plastik

Gunter von Hagens und sein Studio haben kaum eine Stellung ausgelassen: Es gibt gehäutete Figuren auf Fitnessfahrrädern, Balletttänzerinnen beim Spagat und schwarz verklebte Raucherlungen, die ihre abschreckende Wirkung nicht verfehlen.

Eine Corona-Lunge fehlt bislang, die Veranstaltungsmanager meinen, das Publikum sei des Themas überdrüssig, aber Querschnitte durch Wanderschuhe mit Fuss, Tantra-Liebesakte und sogar Jesus am Kreuz hat Gunther von Hagens bereits plastiniert.

Vor knapp zehn Jahren liess der Plastinator in seinem Studio im brandenburgischen Guben dicht an der polnischen Grenze eine Collage aus Leichenteilen in Jesusform an ein Kreuz nageln, um, wie er sagte, «Religion sichtbar» zu machen. «Es soll so real sein wie nur möglich. Dieser Jesus wird lange nach meinem Tod verbleiben. Das ist der Jesus, den hat der von Hagens gebaut», sollen die Leute nach von Hagens Ableben sagen. Er selbst möchte nach seinem Tod als Begrüssungsfigur des «Körperwelten»-Museums im Sockelgeschoss des Berliner Fernsehturms enden.

«Körperwelten»-Gegner:innen haben immer wieder versucht, für Bestattungsfragen zuständige Gesundheitsämter zu Verboten zu bewegen. Grundsätzlich müssen nämlich Tote bestattet werden. Ausnahmen gibt es für medizinhistorische Ausstellungen. Die Entrüstungsstürme sind mit den Jahren deutlich schwächer geworden. Es ist wohl ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten.

Den Sprung in renommierte Galerien und Kunstmuseen hat der schwer an Parkinson erkrankte Mediziner («Es ist, als ob eine fremde Macht meinen Körper catcht.») nicht geschafft. Dem anatomischen Wanderzirkus fällt es offenbar schwer, aus der Schmuddelecke herauszukommen. Wer sich ihm als Plastinat anschliesst, riskiert im ungünstigen Fall statt in den Museumshimmel zu kommen als Kitsch, Konkursmasse oder irgendwann als Plastikmüll zu enden.

In Zürich findet die «Körperwelten»-Show bis 15. August in der Event- und Konzertlocation Halle 622 statt. Der Titel lautet «Am Puls der Zeit».

Kunst oder Kitsch? «X-Lady», Copyright: Gunther von Hagens’ «Körperwelten».

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