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Lesedauer: 6 Minuten

Lieber dumm als böse

Überreste eines Menschenauflaufs

Sonntagsspaziergang mit meiner Tochter. Wir umschreiten unser Wohnquartier, während wir uns in aberwitzige Wortspiele verwickeln, Lieder singen und die Aufmerksamkeit anderer Passanten auf uns ziehen.

Immer wieder aber stoßen wir auf unserem Rundgang auf Überreste der Corona-Demonstration vom vergangenen Samstag, deren Schlusskundgebung in unserer unmittelbaren Nachbarschaft über die Bühne ging. Laminierte Schilder, an Zäune und Parkuhren gehängt, welche die «Corona-Diktatur» anprangern und die Bundesräte mit Schimpf und Schande eindecken. Flugblätter auf dem Boden, welche uns über «die schmutzige Wahrheit» zur Pandemie aufklären wollen. Und eine Menge Bierdosen.

Unsere Kinder haben dem Umzug der rund 8’000 Menschen am Vortag als Zaungäste beigewohnt und sich über die kreativen Kostüme und die einfallsreichen Auftritte amüsiert, freilich ohne so wirklich zu wissen, worum es hier ging.

Spinner… und Nachbarn

Aber weiß ich es eigentlich?

Während die Überwachsungshelikopter über dem beschaulichen Baselbieter Städtchen kreisen und die Polizei mit ihren Einsatzwagen den Reigen abschließen, frage ich mich, was all diese Menschen dazu bewegt, den Samstagnachmittag mit einer Demonstration auf den Straßen Liestals zu verbringen.

Es ist einfach, sich auf die lautstärksten und bizarrsten Exponenten zu konzentrieren – auf die Vertreter einer «flachen Erde» und ihre unsäglichen Transparente, auf die G5-Protestanten und diejenigen mit den Anti-Bill-Gates-Shirts – und die Menge als stupiden Mob von Verschwörungstheoretikern anzutun.

Dabei würde man aber das Offensichtliche übersehen: Dass es eben nicht nur verhaltensauffällige Außenseiter und Systemaussteiger sind, die sich hier Luft verschafften. Das wurde mir spätestens dann klar, als sich eine mir als durchaus vernünftig bekannte Nachbarsfamilie mit einer gehissten Schweizerfahne halb verstohlen unter die demonstrierende Menge mischte. Auch andere Demonstrant*innen kannte ich persönlich.

Das Theater muss aufhören!

Was bringt sie zusammen? Mehrheitlich wohl Motive, die mir selbst durchaus vertraut sind. Ein schwelender Unmut über eine pandemiebedingte Ausnahmesituation, die zum neuen Normalzustand zu werden droht. Ein Ärger über alle möglichen Inkonsequenzen und Unstimmigkeiten in der Handhabung von Maskenpflicht und anderen Maßnahmen.

Und eine Müdigkeit. Trotz mancher bunter Selbstinszenierung und einem für diese Tageszeit beträchtlichen Alkoholkonsum macht die Parade auf mich insgesamt einen matten, erschöpften Eindruck.

Die mich in Großbuchstaben anschreienden Schilder und einzelne gutgelaunte Stimmungsmacher können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier allem Anschein nach Menschen zusammenkommen, die nicht mehr mögen, die irgendwie genug haben. Das ganze Theater muss langsam, aber sicher aufhören!

Wie oft habe ich das in den vergangenen Monaten selbst gedacht.

Sich selber kneifen

Wie oft habe ich mich (zumindest innerlich) gekniffen – erschrocken über die Selbstverständlichkeit, mit der ich meine engsten Freunde nicht mehr umarme. Über die Souveränität, mit der ich in der Öffentlichkeit die Maske aufsetze und meine Brille mit den Antibeschlags-Tüchern poliere. Über die Gewohnheit, die Abende Zuhause mit Netflix oder Onlineshopping zu verbringen und keinen Gedanken an Kinoabende oder Restaurantbesuche zu verschwenden.

Dabei ist mir klar, dass ich noch immer zum privilegierten Teil der Bevölkerung gehöre, der von den Folgen der Pandemie nicht existenziell bedroht ist und auch keinen akuten Grund zur Sorge um meine eigene Gesundheit oder die meiner Liebsten hat.

Für einen guten Freund von mir, dessen Frau unheilbar an Krebs erkrankt ist und die als Hochrisikopatientin seit Wochen vergeblich auf ihre Impfung wartet, sieht die Sache schon ganz anders aus.

Das Berset-Teufelchen

Es ist einfach und naheliegend, in solcher Lage nach Schuldigen Ausschau zu halten. Mir hat sich von der Liestaler Demonstration das Bild eines von Kopf bis Fuß rot eingekleideten Teufelchens eingeprägt, das eine Maske mit dem Konterfei von Alain Berset trug: Der schweizerische Gesundheitsminister als gehörnte Inkarnation des Bösen, der Menschen versklavt und in die Hölle des wirtschaftlichen Ruins treibt.

Das war dann auch unseren Kindern irgendwie zu dick aufgetragen. Sie zeigten sich schockiert darüber, dass hier einzelne Personen namentlich und buchstäblich «verteufelt» werden.

Und tatsächlich liegt hier doch der Hund begraben. Nicht, dass man unter Maßnahmen und Auflagen der Regierung leidet und beobachtete Missstände anprangert, sondern dass man anderen so leichtfertig niederträchtige und böswillige Motive zuzuschreiben bereit ist.

Schuldige identifizieren

Sicher: Es ist nicht schwer, zweifelhafte Urteile und Fehlentscheidungen in der Corona-Politik der letzten Monate auszumachen und in der Bevölkerung Schuldige zu identifizieren.

Eine Regierung, die zwei Jahre vor Corona die für Pandemiezwecke angelegten Ethanolreserven auflöste und damit die anfängliche Desinfektionsmittel-Knappheit verantwortete. Jugendliche, die sich während der ersten Welle das Partymachen nicht abgewöhnen wollten. Kantonsärzte, welche zu Beginn der Krise die Wirkung von Atemschutzmasken herunterspielten – weil sie es, wie später klar wurde, versäumt hatten, ausreichende Vorräte für die Bevölkerung anzulegen. Altersheimleitungen, die ihre Bewohner*innen nicht genügend geschützt und damit Todesfälle riskiert haben. Bundesräte, die für manche undurchsichtige Entscheidungen treffen.

Und ja, auch Teilnehmer*innen einer Demonstration, die in ihrem trotzigen Frust mitten in der Menschenmenge auf das Tragen von Masken verzichten – und damit provozieren, was sie gerade verhindern wollen: Eine weitere Verschärfung der Maßnahmen aufgrund steigender Infektionszahlen.

Wer ist hier böse?

Es ist aber eine Sache, Fehlverhalten beim Namen zu nennen, Entscheidungen von Verantwortungsträger*innen zu hinterfragen und ihren Einschätzungen lautstark zu widersprechen. Oder auch im Protest dagegen auf die Straße zu gehen. All das gehört zu einem funktionierenden Rechtsstaat. Und es führt hoffentlich zu einem Austausch von Gründen und Argumenten, zu einer klärenden Auseinandersetzung und schlussendlich zur demokratischen Entscheidungsfindung.

Es ist dagegen eine ganz andere Sache, Menschen handfeste Bosheit zu unterstellen und ihnen nur noch das Schlechteste zuzutrauen. Damit maßt man sich eine überlegene moralische Urteilskompetenz an und verunmöglicht jede gemeinsame Zukunft – denn böse Menschen kann man nicht aufklären, für Kompromisse gewinnen, ins Vertrauen ziehen. Man muss sie bekämpfen, zum Schweigen bringen, loswerden.

Funktionierender Rechtsstaat

Gewiss gibt es historische Präzedenzfälle, in denen eine solche Haltung gerechtfertigt und sogar geboten ist. Aber davon sind wir in der gegenwärtigen Krisenlage meilenweit entfernt.

Gerade dass eine Demonstration wie diejenige in Liestal angekündigt, bewilligt und durchgeführt werden konnte – auch dass die Ordnungshüter in Sachen Maskenpflicht ein Auge zuzudrücken bereit waren, um nicht zusätzlichen Widerstand zu schüren –, spricht für die Funktionstüchtigkeit unseres Rechtsstaates.

Dieser lebt nämlich von der Zuversicht, durch öffentliches Ringen und im demokratischen Diskurs einen gangbaren gemeinsamen Weg zu finden. Und jene Zuversicht speist sich wiederum aus dem Vertrauen, dass «die anderen» eben nicht einfach nur böse sind;

dass man ihnen zutrauen kann, in Diskussionen einzutreten, für Argumente empfänglich zu sein, doch letztlich auch das Gute zu wollen.

Dummheit ist heilbar

Von daher wäre es wohl schon ein Fortschritt, dem Gegenüber keine Bosheit, sondern höchstens Dummheit zu unterstellen. Denn ganz entgegen dem verbreiteten Slogan «There’s no cure for stupid» bin ich überzeugt, dass Dummheit, zumal im politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang, gerade kein unabänderliches Schicksal sein muss. Mit dem jeweiligen Intelligenzquotienten (welcher sich tatsächlich als ziemlich unnachgiebig erweist) hat sie ohnehin nur wenig zu tun.

Als «dumm» erweist sich, wer aus einer enggeführten Perspektive urteilt, wer wichtige Aspekte vernachlässigt, und ganz oft auch, wer impulsiv und aus der Angst heraus handelt.

In diesem Sinne sind wir alle immer mal wieder dumm.

Das ist bedauerlich, aber eben nicht unüberwindbar. Und es sind gerade jene Menschen, welche die Welt so anders wahrnehmen als wir, die uns helfen können, unsere eigene «Dummheit» zu überwinden. In diesem Sinne ist uns allen zu wünschen, dass wir den anderen nicht als böse verabschieden, sondern uns gegenseitig schlauer machen.

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6 Kommentare zu „Lieber dumm als böse“

  1. Verena Thalmann

    Zum Glück wird hier etwas darüber gesagt, dass die rund 8000 Menschen auch “legale Gründe” haben zu demonstrieren.
    Ein Verständnis für diese Wahrnehmung der Krise kam mir entgegen.
    Doch plötzlich geht es nur noch um einen Einzigen, der nun wirklich “zu weit gegangen ist” ! Dies wird ja schon im Bild angedeutet….
    Die eigentliche Aussage dieser “Teufelsmaskierung” war aber in Liestal so, dass dann später “Herr Berset” die Maske runtergerissen hat, sich entschuldigt hat und den Rücktritt erklärt hat!
    Leider zeigt sich einmal mehr – was in den allgemeinen Medien täglich stattfindet: Es reicht eine leicht verzerrte Berichterstattung oder eine Fokussierung auf einen Punkt und schon haben wieder Tausende die Bestätigung: Diesen Corona-Kritiker kann man nicht trauen!
    Ich bin mir bewusst, dass der Schreiber dieses Artikels das nicht beabsichtigt hat – doch leider hat es trotzdem oft genau diese Auswirkung.
    Das finde ich wirklich schade.

    1. Manuel Schmid

      Danke Verena für die Rückmeldung! Mein Beitrag ist ja vor allem ein Statement gegen die Verteufelung anderer Menschen, welche jeden Dialog und jede gemeinsame Zukunft verunmöglicht. Ich habe das bewusst offen genug formuliert, dass sich sowohl Teilnehmer der Demonstration als auch jene, welche die Demonstranten kollektiv als Vollidioten abtun, angesprochen fühlen konnten. Das Berset-Teufelchen hat mir als Aufhänger gedient, weil hier die Verteufelung halt wirklich wortwörtlich vorgenommen wurde. Dass sich unter den Teilnehmern der Demonstration viele Menschen befanden, die sich in ihrem Denken und ihrer Weltsicht so weit radikalisiert haben, dass sie die Schweizer Regierung (oder auch Pharma-Konzerne, Superreiche usw.) als Inkarnation des Bösen wahrnehmen, ist m.E. aber schwer zu bestreiten. Nicht nur die zahlreichen Plakate sprechen diese Sprache – auch Unterhaltungen mit Sympathisanten solcher Demonstrationen vermitteln mir oft diesen Eindruck.

      1. Verena Thalmann

        Lieber Manuel
        Genau das meinte ich – (und hoffte du meintest es nicht so)
        Man nimmt halt mal da was raus von “diesen Leuten” um dann ein Thema zu bearbeiten.
        Warum ausgerechnet von uns? (ja… ich gehöre dazu)
        Ich finde wir leben in einer komischen Welt.
        Man/frau darf eigentlich im Grundsatz nicht eine andere Wahrnehmung haben, was da so alles abläuft in dieser weltweiten Krise ohne irgendeinen Stempel zu bekommen.
        Warum nimmst du nicht ein Beispiel aus den allgemeinen Medien um über den Unsinn der Verteufelung von Menschen zu schreiben?
        Die Corona-Skeptiker und Corona-Massnahmen-Gegner …… wurden ja sicherlich genug – insbesondere in den social media verteufelt, dass man es auch von dieser umgekehrten Seite her hätte beleuchten können (?)

        1. Manuel Schmid

          Ich HABE es ja »von beiden Seiten beleuchtet« bzw. mich grundsätzlich gegen die Verteufelung von Menschen ausgesprochen. Wenn überhaupt, dann könnte mir mein Beitrag als zu freimütiges Entgegenkommen im Blick auf Corona-Massnahmen-Gegner gedeutet werden. Ich habe nach einem Jahr Pandemie auf Facebook und anderen Kanälen aber zu viel Aggressives, Menschenverachtendes und, pardon, Hirnverbranntes von einigen (!) Coronaskeptikern mitbekommen, um noch so tun zu können, als wäre unter ihnen die Verteufelung von Menschen nicht auch vertreten.

          1. Verena Thalmann

            ….ja, das gibt es leider – aber es gibt noch viel mehr andere Menschen, die n i c h t so reden, schreiben oder denken.
            Es gibt Internetseiten, die sachlich berichten und bei denen die Quellen (woher die Infos sind) immer abrufbar sind.
            Dich so zu äussern, wie du es wahrnimmst oder siehst, ist dein gutes Recht.
            Das gleiche gilt für andere Sichtweisen auch.
            lieben Gruss Verena

  2. Gute Punkte und Schlussfolgerungen!
    Zum Punkt “Verhalten der Ordnungshüter”, und dies unter dem Titel Rechtsstaat: Ja, man darf protestieren, aber dadurch wird es zu keinem rechtsfreien Raum. Sie stellen die Situation als “Eskalation” vs. “Auge zudrücken” dar, aber dazwischen gibt es noch einige weitere Optionen, die die Polizei in meinen Augen hätten ziehen müssen.
    Dieses Verteufeln ist ja leider ein Mittel unserer und anderer Rechten. Dadurch kann man die Anhänger leichter radikalisieren und eine differenzierte Diskussion verunmöglichen. In meinen Augen fing es mit dem Ausdruck “Lügenpresse” an und wird von der SVP, die von einer Diktatur spricht, weiter geführt.
    Und trotzdem gebe ich Ihnen recht: Auch wenn es unheimlich mühsam, anstrengend und frustrierend ist, ist der Dialog unabdingbar.

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