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Knochenmühlen

Bei einer Landpartie in die Lausitz, das Naherholungsgebiet südöstlich von Berlin, bin ich kürzlich in einem winzigen Städtchen auf einen langgestreckten Marktplatz auf zwei evangelische Kirchen dicht hintereinander gestossen. Hinter dieser merkwürdigen Doppelung steckte eine ethnisch-religiöse Trennung zwischen deutsch und slawisch, beziehungsweise ›sorbisch‹. Das Sorbische oder Wendische, eine Variante des Westslawischen, ist in der Ortschaft Lieberose und anderen Dörfern und Städten der Lausitz (ebenfalls eine slawische Bezeichnung) noch vor 200 Jahren die vorherrschende Sprache gewesen. Deutsch sprach der Feudaladel.

Eine Openair-Ausstellung im postkolonialen Geist klärt direkt vor den beiden Kirchen von Lieberose – die ältere ist seit 1945 Kriegsruine – über eine mehr als 1000-jährige Zweisprachigkeit der Gegend auf. Hand in Hand mit der Unterwerfung slawischer Stämme Ende des 10. Jahrhunderts gingen deren Christianisierung und die Etablierung eines Feudalsystems. Weltliche und kirchliche Gutsherren nahmen slawischen Einheimische in ihre Dienste.

Ethnisch-religiöse Repression

Es folgte eine lang anhaltende Zeit der Kolonisierung und wirtschaftlichen Ausbeutung der slawischen Mehrheitsbevölkerung, teilweise kulturelle Zugeständnisse (im Geiste der Reformation durch die Favorisierung der ›Muttersprachen‹) wechselten mit Phasen erneuter Repression inklusive Abschaffung sorbischer Predigten; interessanterweise nicht durch die Lehensherren, sondern durch die Kirchenleitung. Dies beförderte schliesslich die Assimilierung.

Die Parallelkirchen auf dem Marktplatz – zeitweise wurde Sorben der Zutritt zur deutschen Kirche untersagt – sind als Symbol dafür stehengeblieben, dass Slawen und Deutsche lange Zeit in zwei verschiedene Welten lebten. Auffallend ist, dass just zu einem Zeitpunkt, in dem die letzten Sorbisch sprechenden Mütterchen sterben, verstärkt Symbolpolitik betrieben wird. In der Lausitz werden zunehmend zweisprachige Ortsschilder angebracht und Lausitzer Städte und Dörfer ›bekennen‹ sich heute offen zu ihrer slawischen Vergangenheit.

Derartige Massnahmen scheinen in direktem Zusammenhang zu stehen mit dem Abklingen tatsächlicher Spannungen zwischen Volksgruppen. Solange Problemlagen bestehen, werden Unterdrückungsverhältnisse häufig verschleiert. Wenn Machtverhältnisse gesichert sind, schlägt die Stunde der Symbolpolitik.

#BlackLivesMatter-Bewegung

Die 2013 mit einem Hashtag in den USA gestartete #BlackLivesMatter-Bewegung (BLM) hat dieses Jahr in Städten rund um den Globus zu Massenprotesten geführt. Auch in Berlin, Wien und Zürich gingen Zehntausende überwiegend junge Menschen auf die Strassen und machten sich gegen Rassismus und Polizeigewalt stark. So beeindruckend und unterstützenswert diese weltweite Bewegung auch ist – gerade ihr weltweiter Charakter ist auch ein Problem.

Kulturspezifische Probleme werden durch Rekontextualisierungen auf Situationen übertragen, auf die sie weniger gut passen. Dann demonstriert man gegen Missstände, die anderswo gravierender sind, und übersieht das dringlichere Unrecht vor Ort.

Denn auch Mitten in Mitteleuropa gibt es eine bis heute währende lange Geschichte der systematischen Unterdrückung und Ausbeutung, nämlich von Männern und Frauen mit osteuropäischer, insbesondere slawischer Herkunft. Schon in der Terminologie ist die niedrigere Rangstufe slawischer Arbeitskräfte mit Händen zu greifen: ›Sclavi‹ war nach einigen Quellen in der Antike die Bezeichnung von als Leibeigenen verkauften slawischen Kriegsgefangenen. Wegen der grossen Zahl slawischer Sklaven hat das Wort in mehreren europäischen Sprachen die Bedeutung ›Sklave‹ angenommen.

Nicht erst in der Zeit des Nationalsozialismus wurden neben Slawen auch Balten als quasi geborene ›Arbeitsvölker‹ angesehen und behandelt. Der im polnischen Morąg geborenen Mitbegründer der deutschen Romantik und protestantische Theologe Johann Gottfried Herder, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Weile in der Domschule der lettischen Hauptstadt Riga gewirkt hat, hat eine direkte Parallele zum Kolonialismus ausserhalb Europas gezogen:

»Der Neger malt den Teufel weiss, und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. ›Warum giessest du mir Wasser auf den Kopf?‹, sagte jener sterbende Sklave zum Missionar. – ›Dass du in den Himmel kommest.‹ – ›Ich mag in keinen Himmel, wo Weisse sind‹, sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit!« [1]

Niedriglohnarbeiter*innen

Nun hätte man bis vor kurzem den Eindruck haben können, dass auch die Unterdrückung von Osteuropäern ein vergangenes Problem darstellt. Bis das Corona-Virus kam. Das hat durch Massenansteckungen unter Niedriglohnarbeitern in greller Weise ans Licht gebracht, in welchem Ausmass Ausbeutungsstrukturen in Europa weiter andauern. In deutschen Billigfleischfabriken hacken in unterkühlten Hallen überwiegend Osteuropäer Knochen und die Ernte würde in Österreich, Deutschland oder der Schweiz auf den Feldern liegenbleiben, gäbe es nicht unterbezahlte ›Helfer‹ aus Polen, Tschechien oder Bulgarien.

Der im April in Deutschland an Corona verstorbene rumänische ›Erntehelfer‹, die polnische Pflegekraft, die Oma rund um die Uhr betreut und ihre eigene Familie wochenlang nicht sieht, und die ukrainische Haushaltshilfe haben ausser der osteuropäischen Herkunft gemeinsam, dass für sie ein Niedrigstlohnsystem vorgesehen ist. Offiziell wird von ›Saisonarbeitskräften‹ und ›Zeitarbeitsverträgen‹ gesprochen. Das Abzock-Spiel trägt den Mantel der Legalität, der Graubereich zur Illegalität wird in Kauf genommen.

Es ist inzwischen nicht mehr zu leugnen, dass der Sozialstaat, der uns heilig ist, schon seit Langem von unsichtbaren ›Helfern‹ aufrechterhalten wird, die häufig keine andere Wahl haben, als miserablen Konditionen zuzustimmen. Am Beispiel osteuropäischer Niedriglohnarbeiter lässt sich, ähnlich wie bei der afroamerikanischen Bevölkerung der USA, strukturelle Ausbeutung beobachten.

Menschenopfer in Kauf nehmen

Im sorbischen Sagen- und Märchenschatz findet sich eine Geschichte, die von chronischen Unrechtssystemen erzählt: »Krabat«. Der Name leitet sich von ›Hrvat‹ her, ›Kroate‹. Bekannt gemacht hat die lokale Sage der Kinderbuchautor Otfried Preussler. In der ›Schwarzen Mühle‹ geht nicht nur der Teufel ein und aus, sondern es werden dort Menschenknochen gemahlen und jedes Jahr wird einer der Gesellen geopfert.

In dem Märchen geht es um die Herabsetzung der Schwelle der Akzeptanz von Gewalt und die Bereitschaft, Menschenopfer in Kauf zu nehmen. Die Grundlage bildet die Etablierung von Unterschieden: Leute mit oder ohne Zauberkräfte, Eingeweihte und Aussenstehende, Meister und Gesellen, Herren und Sklaven etc. Im Märchen gelingt es Krabat, den knochenbrecherischen Teufelskreis zu durchbrechen und für sich und seine Mitgefangenen Freiheit zu erwirken. In der Realität muss der Bann erst noch gebrochen werden.

[1] Johann Gottfried Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, Herder’s Werke, Stuttgart und Tübingen 1844, S. 1195.

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