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Lesedauer: 5 Minuten

«Hat Dir das Menschsein etwa gefallen, Gott?»

Gottheit und Menschheit an der Un-Denk-Bar

Frohe Weihnachten! Wer mag, gönnt sich zum Fest ein paar theologische Drinks und staunt genüsslich über das Undenkbare: Gott wurde Mensch! Aber so ein richtig gebanntes Staunen will es dann doch nicht werden. Zu skandalös erscheint der Realismus von Bethlehem einem aufgeklärten Denken. Jean-Paul Sartre hat seinen Hauptdarsteller Bariona im gleichnamigen Theaterstück von 1940 die passenden Worte sprechen lassen:

«Ein Gott Mensch werden! Welch Ammenmärchen! Ich weiß nicht, was ihn zum Menschsein locken könnte. Die Götter bleiben im Himmel; ganz beschäftigt sich selber zu genießen. Und wenn sie einmal dazu kommen sollten zu uns herabzusteigen, geschähe es wohl in glänzender und flüchtiger Gestalt. Wie eine purpurne Wolke oder ein Blitz.

Ein Gott sich in einen Menschen verwandeln? Der Allmächtige, mitten in seiner Herrlichkeit, würde dieses lausige Gewimmel auf dieser alten Kruste namens Erde, die es mit seinem Kot verschmutzt, betrachten und sagen: Ich will eines dieser Ungeziefer werden?

Daß ich nicht lache! Ein Gott sich zum Geborenwerden zwingen, neun Monate lang in einem Mutterschoß verweilen wie eine blutige Beere.»

Wer glaubt denn sowas?

In Sätzen wie diesen äussert sich ein altbekannter Dualismus: Entweder Gott oder der Mensch. Die christliche Dogmatik musste sich schon früh an dieser Vorgabe abarbeiteten. Leidenschaftlich war sie bemüht, das Göttliche und das Menschliche in Jesus als Einheit zu denken, aber immer so, dass sich das eine nicht in das andere auflöst. Weltberühmt formuliert hat die Kirche das im Glaubensbekenntnis von Chalcedon (451):

Eine Person, Jesus Christus, geoffenbart in zwei Naturen, der göttlichen und menschlichen, beide «unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert». Solche Bekenntnisformeln versetzen die allermeisten von uns kaum noch ins Staunen und Glauben.

Vor allem aber haben sie das dualistische Hin und Her nicht beruhigen können: Bis heute betonen manche den göttlichen auf Kosten des menschlichen Jesus – warum sollte man auch sonst an ihn glauben? Die anderen machen es umgekehrt, um in Jesus wenigstens noch ein menschliches Glaubensvorbild haben zu können. Kein Wunder, wenn das «wahrer Gott und wahrer Mensch» vielen Gläubigen einfach zu kompliziert ist. Sollten wir die religiöse Erfahrung, dass das Göttliche in dieser Welt zugegen ist und uns persönlich berührt, nicht vor dem starren Dogma schützen? Nur schon, um die Geheimnishaftigkeit zu bewahren, die jeweils zart mitschwingt, wenn Gott bei uns ankommt.

Eine weihnachtliche Anleitung zum erstaunten Um-Denken

Häufig sind es die schlichten Beobachtungen und vorwitzigen Fragen, die aus einer festgefahrenen Dogmatik eine Einladung zur Verwunderung machen.

Wer sagt denn eigentlich, dass Gott und Mensch in einem prinzipiellen Konkurrenzverhältnis zueinander stehen und wir die Menschwerdung Gottes passend in dieses Modell zu denken haben? Was, wenn das auch um-denkbar wäre?

Möglichen Anstoss dazu gibt eine Beobachtung vom Ende des Lebens Jesu her: Er wollte nicht sterben. Er hat sich nicht gefreut, sein Menschsein wie eine lästige, dreckige Hülle endlich abstreifen zu können. So wie das Neue Testament uns seine Geschichte erzählt, hat dem Sohn Gottes das Menschsein gefallen. Und weil er es geliebt hat, hat er sich auch vor dessen unmenschlichen und lebenszerstörenden Dimensionen nicht gescheut.

Das religiöse Staunen beginnt also tatsächlich dort, wo wir behaupten, dass Gott sich nicht zu schade war, in das «lausige Gewimmel» zu kommen und «eines dieser Ungeziefer» zu werden. Diese heilsame, mindestens tröstende Gegenwart des Immanuel – Gott mit uns – darf die Christenheit gerade in diesen düsteren Tagen zwischen dritter und vierter Infektionswelle glauben und feiern.

Dabei sollten wir Gott jedoch nicht unterstellen, dass er sich grundsätzlich vor dem Menschsein ekelt, sich in einem herablassenden Akt widerwillig dazu zwingen muss, zu uns zu kommen.

Als wäre seine Menschwerdung ein göttlicher Betriebsunfall, bei dem er für eine Zeit aufhören müsste, Gott zu sein. Die biblischen Weihnachtsgeschichten erzählen von einem jubelnden Gott, der sich unter himmlischen Klängen in die Welt musiziert. Karl Barth hat es im vierten Band seiner Kirchlichen Dogmatik vortrefflich formuliert:

«Es geschieht nicht auf Kosten, sondern in Betätigung seiner Gottheit, dass sein Wort allem Fleisch zugute selbst Fleisch wird.»

Sich das Gefallen Gottes am Menschen gefallen lassen

Jetzt haben wir begonnen, das Konkurrenzmodell von göttlicher Transzendenz und menschlicher Immanenz hinter uns zu lassen. Und das nicht, in dem wir Abstriche auf Seiten Gottes machen, im Gegenteil. Wir denken ihn grösser und ahnen: Gott definiert sich gar nicht aus einem Gegensatz zum Menschlichen heraus. Deshalb kann er sich in freier Liebe unter die Menschen mischen, ohne dass ihm das einen Zacken aus seiner Krone bricht. Er entspricht sich selbst, wenn er die Menschen wenig niedriger als Gott macht und mit Ehre und Herrlichkeit krönt (so Psalm 8).

Er übertrifft sich selbst, wenn er in Bethlehem beweist, wie gut das Menschsein immer noch zu ihm passt. An Weihnachten findet Gott endgültig Gefallen am Menschsein.

Diese höchste aller Krönungen muss man sich gefallen lassen. König Herodes war das nicht vergönnt. Er folgte der alten Lüge, nach der man meint, Königin und König nur in kompetitiver Selbstbehauptung gegeneinander und gegen Gott sein zu können. Die Geburt Jesu lockt uns in das Um-Denkbare, in das Geheimnis seines Lebens, an dem wir erfahrbar partizipieren:

Je mehr Gott, desto mehr Mensch.

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9 Kommentare zu „«Hat Dir das Menschsein etwa gefallen, Gott?»“

  1. Jürgen Friedrich

    Der ‚casus bellus‘ ICH MACHE ALLES NEU (Offb. 21,5) erfüllte sich für mich durch eine neue Sicht auf die Wirklichkeit. Sie „findet statt“ in der Gegenwart, die ihrerseits „eingebettet ist“ zwischen noch nicht existierender Zukunft und der schon hinter uns liegenden Vergangenheit. Sie geht in ihrer zeitlichen Ausdehnung gegen Null.
    Das gilt es zu begreifenen durch einen dritten Satz, nämlich „die Menschwerdung Gottes findet statt in der Transzendenz zwischen Zukunft und Vergangenheit“, immer wieder.

  2. Jürgen Friedrich

    Lebenswahrheit

    Den Kern von Wahrheit überhaupt
    erkennt, der weiß, w a r u m er glaubt,
    dass er selbst lebendig ist
    – eine unmöglich kurze Frist!

    Sogenanntes EWIGES LEBEN
    wird total falsch wiedergegeben,
    wenn übersetzt zu NIEMALS STERBEN;
    das will hier berichtigt werden.

    Zukunft plus Vergangenheit
    addiert sich nicht zu Ewigkeit,
    denn nur in ihrem Zwischenraum
    gedeiht unser aller Lebensbaum.

    An ihm wachsen Raum und Zeit
    und damit jene Wirklichkeit,
    in welcher ganz allein Gedanken
    öffnen Träume Visionen + Schranken.

    Blüten und Früchte an seinen Zweigen
    außerdem auch noch anzeigen,
    wie alleine Wort-Wahrheiten
    neu-gestalten Wirklichkeiten.

    Darum geht ewiges Leben
    für denjenigen total daneben,
    der noch immer nicht erkennt:
    Lebendiges Leben ist transzendent.

    Transzendenz! Theologisches Niemandsland
    – wissenschaftlich nicht anerkannt –
    hier reicht Gott dem Mensch die Hand,
    vorausgesetzt, dass der sie fand.

    Das funktioniert allein per Glaube,
    wer das nicht weiß, dem fehlt ’ne Schraube,
    will er trotzdem einmal lachen,
    kann er seine Seele selig machen.

    Er muss in die Transzendenz eintreten,
    um zu lernen, richtig zu beten.
    Mit Hilfe der höheren Weisheiten
    enden dann Gehirn-Eiszeiten.

    Das ist allein dem Herrn gedankt.
    Und was PRIMA-KLIMA anbelangt,
    so reicht schon in der Gegenwart,
    was GOTT dazu hat offenbart.

    LEBEN fing nicht mit Menschen an,
    wie man in der Bibel nachlesen kann,
    doch hört es wohl mit ihnen auf,
    lässt man Betonköpfen ihren Lauf.

    Mit anderen Worten: Lebt eure Träume,
    pflanzt von nun an Mammutbäume
    oder ganze Wälder, das ist noch besser,
    weil das bringt auf Trab weltweit Gewässer.

    Freeware, Jürgen Friedrich

    Jürgen Friedrich
    Koppelstr. 15
    D-25421 Pinneberg
    04101-72414
    jotfried@gmail.com

    Grundsätzlich ist die Welt zu bessern,
    indem wir r i c h t i g sie bewässern.
    Das tut der ganzen Schöpfung gut,
    macht über-flüssig Flüchtlingsflut.

  3. Wolfgang Bremges

    DANKE! Ich glaube jetzt verstehe ich so langsam die vieldeutigen Übersetzungen des V13 z.B.
    Ehre sei Gott in der Höhe
    und Friede auf Erden
    bei den Menschen seines Wohlgefallens.
    oder
    Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

  4. Und wenn Gott sich gerade im Lebendigsein realisiert? In Menschenform oder sonst einer. Oder noch besser in lebendiger Vielfalt, vielleicht auch im Ochsen, dem Esel und der Ameise im Stroh? Und in lebendiger Bezogenheit auf andere, also sich selbst angewiesen ist? Quasi Trinität hoch x…

  5. Wie kommt man auf die Idee, dass der Menschensohn aufgehört habe, auch Mensch zu sein? Das NT spricht von ihm doch als dem zweiten Adam als dem Begründer des neuen Menschengeschlechts der Neuschöpfung. Der Sohn hat nicht aufgehört auch Mensch zu sein. Und die ihm angehören haben umgekehrt jetzt Anteil an seiner göttlichen Natur.

    1. Wenn ich die letzten Tage und Stunden von Jesus im Neuen Testament mitverfolge, dann beobachte ich, dass Jesus ganz und gar nicht souverän in den Tod gegangen ist, sondern mit Angst und Entsetzen. Noch nicht mal mit jener Gelassenheit, die wir von Sokrates kennen, stirbt er. Entscheidend ist da für mich die Szene im Garten Gethsemane, z.B. Markusevangelium 14,36: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen!“

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