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Es wird kein Europa geben

Während unzählige Liveticker uns Europäer*innen wegen des Corona-Virus in Atem halten, der für die Allermeisten nicht mehr als die Gefahr einer üblichen Grippe bedeutet, ereignet sich an den europäischen Grenzen eine humanitäre Katastrophe. Sie bedroht zwar nicht unsere Menschenleben. Es sind andere, die sterben. Frieren. Hungern. Aber es sind nicht weniger als die Ideen europäischer Werte, westlichen Humanismus, alteuropäischer kultureller Überlegenheit, die wir in dieser menschenverbrochenen Katastrophe aufgeben. Oder besser: Von denen wir jetzt sehen, dass wir nicht an sie geglaubt haben.

Die fürchterlichste Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts

In den letzten gut zwei Monaten haben Assads Bomben mit Unterstützung russischer Feuerkraft eine Million Menschen in die Flucht geschlagen. Sie haben sich in dürftiger Kleidung durchgeschlagen, haben irgendwie überlebt und hoffen jetzt, das gelobte Land zu erreichen. Bulgarien oder Griechenland. Einfach Europa. Nicht mehr die Bomben. Nicht mehr die Assadtruppen. Uns im Westen hat all das kalt gelassen.

Es war folgenlos, dass Mark Lowcock, der UNO-Nothilfekoordinator vor der “fürchterlichsten Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts” gewarnt hatte.

Es war folgenlos, dass Mark Lowcock, der UNO-Nothilfekoordinator vor der “fürchterlichsten Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts” gewarnt hatte. Es war uns egal, dass während Wochen Zivilisten systematisch ausgebombt worden sind. Wir hätten sie alle verrecken lassen: Nur keinen Konflikt mit Russland.

Unser Mann in Ankara

Es ist ausgerechnet der Autokrat Erdogan, der unseren westlichen Ansprüchen nicht genügt, den wir tapfer als Diktator beschimpfen, der sich nicht an Menschenrechte hält und schon gar kein Humanist ist, der den Luftraum über Idlib gesichert hat. Uns Europäern war das zu heikel. Zu kriegerisch. Zu weit weg. Zweifelsohne: Zu mehr als weiteren diplomatischen Appellen hätten wir uns nie hinreissen lassen. Das haben wir ja auch nicht getan, als Erdogan vor Monaten selbst zehntausende Kurden in die Flucht geschlagen hatte.

Erst als er die Grenzen für tausende Flüchtlinge öffnete – nur für solche übrigens, die schon in der Türkei waren – geriet Europa in helle Aufregung.

Erst als er die Grenzen für tausende Flüchtlinge öffnete – nur für solche übrigens, die schon in der Türkei waren – geriet Europa in helle Aufregung. Das Asylrecht in Griechenland wurde ausser Kraft gesetzt, wütende Mobs drängten die auf Gummibooten ankommenden Flüchtlinge mit gebastelten Lanzen zurück. Journalist*innen und Helfer*innen wurden tätlich angegriffen.

Jetzt, wo ein Bruchteil des Kollateralschadens inexistenter europäischer Aussenpolitik europäisches Festland erreicht, können wir nicht länger wegschauen. Unser Mann in Ankara – Schurke aber Wächter der Mauer, die uns vom Chaos trennt – macht Politik. Wir haben ihn gewähren lassen. Wir haben Pressefreiheit, die Menschenrechte der Kurden und etwas Geld eingetauscht gegen die europäische Grenzsicherung.

Europa ist erledigt

Europa, das über Trumps Mauer, Chinas Kontrollitis und die Genozidleugnung der Türkei gepflegt die Nase rümpft (politisch), mit allen aber gute Beziehungen pflegt (ökonomisch), ist moralisch erledigt. Nicht weil dessen Doppelmoral sichtbar wird. Sondern weil klar wird, dass Europa keine Moral, sondern nur ein ökonomisches Kalkül verbindet.

Aber es könnte der Kairos sein. Es wäre jetzt der Moment, indem die deutsche Kanzlerin Hand in Hand mit dem Präsidenten Frankreichs – und wer weiss: unterstützt von einer Bundesrätin, die sich im Hintergrund hält – verkündet: “Europa, ist mehr als eine Wirtschaftsunion. Europa ist eine Idee, an die wir glauben. Wir holen die Menschen aus der Türkei zu uns, und wir bieten denen an der türkischen Grenze Schutz. Europa wird nicht an ein paar Millionen Menschen zu Grunde gehen. Was die Türkei schafft, können wir besser. Mit oder ohne Ungarn. Bulgarien und Griechenland: Wir lassen euch nicht alleine. L’Europe, c’est nous!”

Aber wir wissen: Es wird kein Europa geben. Es gibt nur Erdogan, Putin und Assad. Europa spricht nicht mehr. Europa verhandelt nur.

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9 Kommentare zu „Es wird kein Europa geben“

      1. Stephan Juette

        Yep! Die JUSO fordert grad 10’000 geflüchtete Menschen aufzunehmen. Ich freue mich über alle weiteren Ideen!

  1. Christoph Furrer

    Lieber Stephan

    Herzlichen Dank für eure tolle Arbeit! Ich habe viel Freude daran. Und danke für den Artikel! Deine Analyse teile ich in weiten Teilen. Ein paar Ideen, wie mir der Artikel noch besser gefallen hätte :-): Ihr seid ja, wenn ich es richtig verstehe, ein Labor – reflab. Ein reformiertes Labor. Was ich mich bei deinem Artikel darum gefragt habe: Wäre es nicht interessanter, anstatt eines ethiko-politischen Kommentars, wie ich ihn genau so gut in der ZEIT, der FAZ oder der NZZ lesen kann, “laboratorisch” und experimentierfreudig danach zu fragen, wie reformiert-theologische Politik oder reformiert-politische Theologie aussehen und wie ihr Beitrag sowohl zur Flüchtlingskrise als auch zu ihrem Rollenverständnis Staat – Kirche gedacht werden könnte. Herzliche Grüsse

  2. Europa, das sich weitgehend “christlich” zu nennen pflegt, wird – oder ist schon – “Mittäter” bei dem “Völkermord” rund ums Mittelmeer inklusive Anrainerstaaten. Nehmen wir “Trumpistan” und weitere “christliche” Länder und deren Regierungen (z. B. in Südamerika) hinzu, ist der “christliche Anteil am Völkermord nahezu weltumspannend. Jesu Auftrag an seine Jünger in der Episode “wundersame Brotvermehrung” lautete: “Gebt i h r ihnen zu essen.” Weitergeführt: “Und zu trinken und Kleidung und Unterkunft – und Menschenwürde.” Und ich ergänze (als Jesuaner): “Oder werft das “christlich” samt euren Kirchen, Bekenntnissen und Ritualen in den Mülleimer, wenn es euch so wenig wert ist!”

  3. Georg Vischer

    Lieber Stefan Jütte
    Damle für diese präzise Darstellung des gegenwärtigen Zustands des Projekts “Europa”, nach dem 2. Weltkrieg einst ein hoffnungsvoller Aufbruch, um der unfassbaren Zerstörung, die dieser Krieg hinterlassen hatte, zu begegnen und Versöhnung und Neuaufbau anzustossen. Die Krise, in der sich dieses Projekt jetzt befindet, haben Sie genau und eindrücklich beschrieben. Die Frage ist damit gestellt, wo und wie wir einsetzen könnten, um am Projekt Europa als Ort des Friedens und der Solidarität festzuhalten. Ob die Europäische Kommission so etwas überhaupt im Sinn behalten kann, wenn sie in Helikoptern über den griechischen Inseln kreist und darüber nachdenkt, wie die griechische Gernzpolizei besser bewaffnet werden sollte?
    Dass Damaskus einst die Stadt war, vor deren Toren Paulus seine Gottesbegegnung erlebte, scheint niemanden zu kümmern. Was aber wäre aus Europa und seiner Kultur geworden ohne Damaskus?

    1. Stephan Juette

      Ja… es ist eine unserer kulturellen Wiegen. Aber wenn ich Kurz und Von der Leyen heute habe reden hören, frage ich mich wirklich, ob wir diese Kultur noch teilen. Was passiert, wenn sich Politik nur noch nach einem vorgestellten Wählerwillen ausrichtet? Ist das jene Öffentlichkeit, die Panajotis Kondylis als Massendemokratie bezeichnet hatte? Noch sehe ich keine neue Antwort. Die viel beschworenen Bewegungen sind es wohl kaum…

      1. Georg Vischer

        Kondylis’ Begriff der Massendemokratie kenne ich nicht. Aber Demokratie entartet sicher, wo die gewählten Repräsentanten nicht nach ihrer Einsicht und Überzeugung handeln, sondern ständig auf die Umfragen bezüglich Meinungen, Wähleranteile und Zustimmungsraten schielen.
        Daniel Binswanger hat übrigens in der heutigen Republik einen ausgezeichneten Kommentar zur Thematik veröffentlicht.
        Gibt es eine neue Antwort ausser: Farbe bekennen?

  4. Simon Pfeiffer

    “Europa” zerbröselt am Verhandlungstisch, “christlich” wurde von Mauerbauern gekapert, Geld regiert alles, und Mitmenschlichkeit wurde den Kirchen mit ihren Freiwilligen, darunter viele gratis arbeitende Frauen, überlassen und an den Rand gedrängt.
    Das ist doch die Gelegenheit für uns Kirchen, vom Rand zurück in die Mitte zu kommen! Keine Finanztransaktion wird den Durst nach Mitmenschlichkeit je löschen können. Kirchen können unbeirrt und unverhandelbar Flagge zeigen. Vielleicht sollten wir uns etwas weniger ins “Christliche” einmauern und dafür etwas mehr jeglichen Menschen offenen Herzens zuwenden. Und da weiter machen, wo Jesus angefangen hat: mit Ausgegrenzten, verzweifelt Hoffnungsvollen und realitätsfremden Narren.

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