«Weisst du, ich glaube überhaupt nicht an Gott. Wir kamen aus einem Elternhaus, in dem all das irrelevant war. Wir wurden nicht getauft. (…) Dann hatte ich diese Art von Krise. Ich war wieder allein zu Hause, lag im Bett und weinte. Ich weiss, dass jeder irgendwann einmal im Bett liegt und weint, aber (…)
Jemand sagte, Beten sei nicht wirklich ein Gespräch mit Gott. Es ist das Eingestehen der Verzweiflung. Sich auf den Boden zu werfen, weil das alles ist, was man tun kann. Ähnlich wie bei einem gebrochenen Herzen.
Und dann, zum ersten Mal, setzte ich mich hin und betete. Es ist schwer zu erklären. Ich weiss nicht, zu wem ich gebetet habe, aber ich habe es laut gesagt. ‹Hilf mir.› ‹Ich schaffe das nicht.› ‹Ich schaffe das nicht allein.› ‹Ich möchte ein Zuhause.› ‹Ich möchte ein Zuhause.›»
Dieses Gebet wird zwei Mal vorgetragen in Joachim Triers «Sentimental Value», der gefeierten europäischen Koproduktion, die schon in Cannes ausgezeichnet wurde und gerade auch den wichtigsten europäischen Filmpreis gewonnen hat. Der Titel «Sentimental Value» ist mehrdeutig: Es geht um die Bedeutung gespielter Gefühle im Film und Theater, aber auch um das Gewicht, das Gefühle haben, manchmal über Jahre, ja über Generationen hinweg.
Das Gewicht der Gefühle
Der erste Hauptdarsteller des Films ist ein Haus, es erzählt von Vergangenem, das nach oben drängt, von intergenerationellen Traumata. Von der Last der Grosseltern, von Partys in den 70ern, von Geburten und Toden, von der Solidarität der Kinder, als intimer Schutzschirm gegen die wütenden Schreie der streitenden Eltern. Der Film erzählt das so, dass auch das Schwere leicht bleibt.
Vor allem geht es um eine belastete Vater-Tochter-Beziehung.
Der Vater ist ein berühmter Regisseur, die Tochter Schauspielerin. Im letzten Film des alternden Regisseurs geht es um seine eigene Geschichte. Im Zentrum steht seine Mutter – eine Frau, die Suizid beging. Doch eigentlich hat er seiner Tochter die Rolle auf den Leib geschrieben – er will, dass sie die Rolle spielt, aber sie will nicht.
A Prayer
Und dann ist da das zweimal vorgetragene Gebet. Zunächst spricht es die amerikanische Schauspielerin, die die Rolle statt der Tochter übernehmen möchte: Sie trägt es in einer Probe vor, emotional, berührend, intensiv – und etwas hollywoodesk. Aber das denkt man erst später. Wenn es noch einmal vorgetragen wird. Von der Tochter, die in eine Depression geraten ist.
Ihre Schwester hatte sie innig darum gebeten. Lies das!
Sie nimmt das Skript ihres Vaters in die Hand und liest. Ohne besondere Betonung. Ohne grosse Gefühle. Die Gefühle, die wir hier empfinden, sind unsere Gefühle, die wir in die Situation hineinlegen. Plötzlich entsteht Tiefe.
Nicht, weil sie «besser» spielt, sondern weil wir denken: Es ist für sie geschrieben.
Der Text trifft ihre Wunde, er trifft ihre Beziehung. Ein Gebet, leise, nach innen tastend. Keine Erlösungsgeste, sondern eher ein Versuch, Verbindung herzustellen, wo man sich ein Leben lang verfehlt hat.
(Hier ein Link zum Filmskript.)
Leise, brüchig, wahr
Gerade vor dem Hintergrund der bedrohten Lage Europas scheint mir dieses Gebet irgendwie europäisch. Nicht dick aufgetragen. Nicht national aufgeladen. Nicht als Beschwörung, die sich ihrer Sache sicher ist. Sondern persönlich, brüchig, fast verlegen – und gerade deshalb wahr.
Europa ist durch Glaubenskriege gegangen, durch ideologische Verwüstungen, durch Imperialismus und Kolonialismus, durch eine Geschichte, in der grosse Gewissheiten oft in Grausamkeit mündeten. Dann kam der Abstieg – und vielleicht haben wir alle Europa nie so schwach erlebt wie in dieser letzten Zeit.
Gibt es so etwas wie ein «europäisches Beten»?
Wäre das ein Beten, das ein wenig schüchtern, vorsichtig ist; als hätte man in Europa gelernt, dass jede Wahrheit, die zu laut wird, gefährlich werden kann?
«Europäisch»
Es gibt noch eine weitere Dimension. Sie betrifft das Filmmetier selbst. Seit Jahren wird der europäische Film von aussen unter Druck gesetzt. US-Studios und Branchenverbände attackieren nationale Fördermodelle als «Wettbewerbsverzerrung» und «Handelshemmnis».
Europas Kulturpolitiker halten dagegen: Kultur ist keine normale Ware.
Kultur ist keine Massenware, die sich im globalen Preisspiel der Plattformen und gegen Hollywood «einfach so» behaupten kann. Kreative Milieus brauchen Schutzräume – gerade dort, wo der Markt sonst alles glattbügelt.
Die juristische Zerschlagung dieser europäischen Sonderlogik ist bislang nicht gelungen.
Und nun kommt ein Film, der – prämiert in mehreren Kategorien, darunter bestes Schauspiel und beste Regie – wie ein Gegenbeweis wirkt: Europa ist noch oder vielleicht wieder da. Und zwar nicht nur als Koproduktionsmaschine, sondern ästhetisch und existenziell.
Norwegen, sagte der Regisseur Joachim Trier am Tag der Ehrung, fühle sich wie der «Vorort» Europas an. Er habe aber immer davon geträumt, dass Europa vereint fühle. Am Siegerabend habe er diese Empfindung gehabt.
Filmstill: Renate Reinsve in «Sentimental Value» (2025) © Kasper Tuxen Andersen, Neon via AP








2 Gedanken zu „Ein Gebet – für Europa“
Ja, ich fand das Gebet auch berührend. Aber sehr viel mehr berührt hat mich die Szene, in der die ältere Schwester die jüngere fragt: “Warum bist Du so normal und gut geworden und ich so verkorkst?” (so ähnlich, den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr). Und die Schwester antwortet: “Aber ich hatte doch Dich! Du warst immer für mich da ….”
Ja, so ist es: Jeder braucht den EINEN Menschen, der für einen da ist und an einen glaubt. Wenn da niemand ist, wird es auch mit dem Glauben an die Liebe und Fürsorge Gottes schwer ….
Ja, danke. Das ist eine sehr berührende Szene. Die ältere Schwester hat der Jüngeren Stabilität gegeben, als sie ein kleines Kind und hilflos war; dann ist es die Jüngere, die die ältere rührend umsorgt.