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Lesedauer: 3 Minuten

Ein Ebenbild Gottes?

Ein Ebenbild Gottes?

In der ersten biblischen Schöpfungsgeschichte wird erzählt, wie Gott das Chaos ordnet und dadurch Lebensraum schafft. Er trennt Finsternis und Licht, Land und Meer, Himmel und Erde. Er hängt Lichter auf (Sterne), schafft Pflanzen, Tiere im Meer, in der Luft und an Land. Und den Menschen. Über ihn sagt er: «Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich. Und sie sollen herrschen über die Fische des Meers und über die Vögel des Himmels, über das Vieh und über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde regen.»

Diese Gottebenbildlichkeit zielt in ihrem Ursprung also gerade nicht auf eine unbedingte Würde des Menschen, sondern bezeichnet dessen Aufgabe im Rahmen der Schöpfung. Wie ein König an einem entfernten Ort seine Statue aufstellen lassen konnte, die quasi für ihn geherrscht hat und der man huldigte, setzt Gott Statuen seiner selbst in die Welt, die ihn vertreten.

Ein realistisches Bild?

Angesichts der Ökologiekrise oder vor der Tatsache all dessen, was Menschen nicht nur ihrer Mitwelt, sondern sich selbst anzutun pflegen, erscheint diese Aufgabe etwas zu gross. Vielleicht ist sie sogar ein Beispiel menschlicher Selbstüberschätzung, ein ideengeschichtlicher Ursprung eines sich ökologisch katastrophal auswirkenden Spezizismus. Wer an die Klimaerwärmung, das Bienensterben oder die Verschwendung fossiler Brennstoffe denkt, versteht sich und seine Art wohl eher als Zauberlehrling und weniger als Statue des Schöpfers:

«Und sie laufen! Nass und nässer
wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör mich rufen!»

In uns die Sintflut

Tatsächlich führt uns diese Assoziation an einen realistischeren Ort, für die Suche nach der Würde des Menschen: Die Sintflutgeschichte.

Denn schon bald bereut Gott seine Schöpfung: «Der Herr aber sah, dass die Bosheit des Menschen gross war auf Erden und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens allezeit nur böse war.» Er beschliesst, den Menschen mitsamt der Tiere vom Erdboden zu vertilgen. Ganz konsequent geht er dabei nicht vor. Noah – der einzig fromme Mensch – und seine Familie, aber auch je ein Tierpaar jeder Art sollen gerettet werden.

Übrig bleibt trotzdem ein grosses Elend: «Da kam alles Fleisch um, das sich auf der Erde regte, Vögel, Vieh, Wildtiere und alles, was auf der Erde wimmelte, auch alle Menschen.»

Nachdem dieses Massaker vorbei ist, besinnt sich Gott. Und er tut dies nicht, weil Noah fromm ist oder die Tiere süss aussehen. Er entscheidet sich, die Schöpfung mit diesen schwierigen Menschen weiter zu treiben: «Nie werde ich wieder die Erde verachten um des Menschen willen. Denn das Trachten des Menschenherzens ist böse von Jugend an. Und nie werde ich wieder schlagen, was da lebt, wie ich getan habe.»

Die Würde des Menschen

Die Würde des Menschen liegt biblisch gesprochen nicht in seinem besonderen Wesen, seinem Verstand oder seiner intellektuellen Überlegenheit, sondern schlicht darin, dass Gott, obwohl der Mensch böse ist, seine Schöpfung – sogar mit ihm zusammen! – erhalten und fortführen will. Der Mensch als Statthalter Gottes ist eher ein unfähiger und dazu korrupter Beamter, als ein stolzes Abbild. Trotzdem wiederholt Gott seinen Auftrag an ihn:

«Furcht und Schrecken vor euch komme über alle Tiere der Erde und über alle Vögel des Himmels. Mit allem, was auf dem Erdboden kriecht, und mit allen Fischen des Meeres sind sie in eure Hand gegeben.»

Würde hat der Mensch, weil Gott ihn trotzdem für würdig empfunden hat. Verstehen kann man das nicht. Und auch kaum glauben. Aber man kann versuchen, so zu leben, als ob.

 

In der 5. Staffel von «Ausgeglaubt» gehen Manuel und Stephan den grossen biblischen Erzählungen nach und fragen sich, was sie ihnen heute bedeuten können.

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3 Kommentare zu „Ein Ebenbild Gottes?“

  1. Salü Stephan,
    gespannt habe ich deinen Post gelesen und bin dann gestolpert über die Aussage, dass die Würde des Menschen, „obwohl der Mensch böse ist“ im Erhaltungshandeln Gottes begründet liegt. Nun bin ich grad nicht ganz sicher, ob du mit dem „bösen Menschen“ die Bibel sprechen lässt oder ob es sich um deine theologische Meinung handelt. Letzteres würde mich aus deiner Feder doch sehr erstaunen. 🙂 Das würde ja einen Determinismus implizieren, der anthropologisch-psychologisch kaum haltbar ist. Ich gehe davon aus, dass du hier eher konstruktivistisch denkst im Sinne unterschiedlicher (sozialer) Prägungen, die Böses und Gutes im Menschen hervorbringen können? So würde ich es jedenfalls sehen. Eben heute bin ich beim Systematiker Jörg Lauster auf eine bedenkenswerte Überlegung gestossen zur Gottebenbildlichkeit des Menschen und seiner daraus folgenden Würde. Er schlägt vor, die Gottebenbildlichkeit nicht statisch, sondern als Prozess zu denken, weil der Mensch als Ebenbild Gottes eingebunden ist in den „Auf- und Abstieg des göttlichen Geistes“. In diesem Prozess würde ich dann auch die dauernde Spannung zwischen dem Guten und dem Bösen im Menschen verorten.
    Jedenfalls danke für alle eure Beiträge. War höchste Zeit, dass es bei „Ausgeblaubt“ weitergeht, meiner intellektuellen Beschäftigung während dem Kochen am Mittag. Grüsse! Dave.

    1. Stephan Juette

      Hey Dave, schön von dir zu lesen! Anders als Lauster habe ich dabei nicht an einen Prozess gedacht, in dem der Weltgeist zu sich selbst kommt 😉 Ich meinte es eher so, dass auch das Böse nocheinmal vor dem Handeln Gottes relativiert wird, im Sinne einer Gnade die gerade auch das einschliessen kann…
      Herzlicher Gruss!

  2. Jürgen Friedrich

    Von wegen „Ausgeglaubt“ . . . Jetzt tritt mit Reimen der HEILIGE GEIST 👻 an gegen die Sintflut weltweiter Ungereimtheiten !

    DAS GUTE AN SICH

    Der Leben einst ins Leben rief,
    hielt Leben selbst für positiv,
    und folglich steckt das Gute
    dem Leben selbst im Blute.

    Es steckt so tief darinnen,
    dass ohne zu besinnen
    kein Mensch konkret angeben kann,
    wo Gutes für ihn selbst begann.

    Trotzdem lenkt beim Planen
    uns alle tiefes Ahnen,
    dass wir Gott lieben sollen,
    wenn wir gut sein wollen.

    Doch womit fängt das Leben an?
    So, wie Gut-sein selbst begann:
    einzellig und höchst primitiv
    und durch und durch vegetativ.

    Jetzt aber, durch angewandtes Denken,
    kann Menschheit Leben lenken,
    und besser als Geld zu raffen
    ist Kompost anzuschaffen.

    Damit wird dem Lieben
    richtig Schwung gegeben,
    und durch all das Gute
    wird DIR ganz froh zumute.

    …und im übertragenen Sinn bedeutet KOMPOST für die Kleinst-Lebewesen in ihm dasselbe, was PRIMA-KLIMA, was für die Welt-Bevölkerung bedeutet, wenn diese nicht nur verstanden wird als MENSCHHEIT, sondern als Summe der Lebewesen insgesamt. Schließlich waren Pflanzen und Tiere weitaus eher da als homo beklopticus.

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